Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1137 (30.3.1922)
- Date
- 1922-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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insQinumirier k SO Wien: Zürn Abhoien ln der Expedition, ff.,Taborstr. I —3, oder 'n einer Verschlelßstelle (Trafik) monatlich > K 1400. Mit Rbstversan d fürWien und Oesterreich monatlich K1400. Tscheeho-Slowakei: Mon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120.; (u g o s I a w i e n: Monatl. Dinar 20. Polen: Monatl. Mark 700. Deutsch- 1 a n d: Monatlich' Mark 35. Frankreich: Monatl. Pres. 6. tsch. K 1 Italien: Monatlich Lire M Rumänien: Monatl. Lei 4$ Sc h weiz und das iibrigfe Ausland monatlich Francs 8g Redaktion u. Administratio»' Wien ll., Taborstrasse 1—3| Telephone: 44-0-38, 43-3-1L^ ab o Uhr abends 17-S-3L Telegrammadresse:wMörgea-. zeitung“, Wien. Oesterrelchlsches Postaparkassenkonto 150.6987 Nr. 1137 ' Wien, Donnerstag, 30. MSr* 1922 4. Jahrgang ■’fctyUSU Emigranten. —y. Wien, 30. März. In einer russischen Versammlung iri Berlin haben fwei russische Monarchisten den Revolver reden lassen. Sie wollten an Miljukow, dem Führer des demokratischen Bügertums, das Schicksal des Zarismus rächen, statt seiner aber Nabokow, einen der rechtsgerichteten bürgerlichen Konstitutionellen, zu Tode getroffen. Das Attentat ist das Werk der zielbewußten Verschwörung einer großen Gruppe russischer Emigranten und die Ermittlungen der Behörden weisen auf 'München als den Entstehungsort des Mordplanes hin. Diese Stadt ist der geeignete, Ort für derlei Projekte. In München haben die* Qegenrevolutionären alldeutscher Richtung Kurt Eisner, Landauer, Gareis und noch eine Menge; anderer Radikaler mit dem Revolver beseitigt, von/München ist der Plan der Ermordung Erzbergers ausgegangen. In solcher Umgebung konnten auch russische Flüchtlinge dtem Mittel, das bei ihnen daheim so oft in der politischen Auseinandersetzung das letzte Wort gesprochen hatte, Geschmack abgewinnen. Es sind Offiziere, russische Offiziere, für die auch in den vergangenen Jahren des Friedens das Leben des Bürgers im Zivilanzug wenig Wert besaß. Kein Wunder, daß sie. in der Trostlosigkeit des Emigrantendaseins auf den Gedanken verfielen, ihrer Erziehung und Weltanschauung gemäß sich an der Debatte über Rußland und sein Schicksal zu beteiligen und dies in der Art zu tun, die ihnen ihr Lebensgang vorzuschreiben schien. Das Attentat war gegen Miljukow gerichtet, der ln der letzten Zeit des monarchistischen Rußland vielfach bestimmend und zielgebend in der politischen Entwicklung des unglücklichen Reiches' gestanden hatte. Er war Führer der konstitutionellen Demokraten, Dumapräsident, Minister. Schon in den Wirren des russisch-japanischen Krieges und in der darauffolgenden Revolution war er als Redner und konsequenter Liberaler hervorgetreten, der sich an den Vorbildern des englischen Verfassungslebens geschult hatte.. Sein politisches Glaubensbekenntnis unterschied sich in nichts voirden Prinzipien des bürgerlichen Liberalismus, der sich mit der Proklamierung der allgemeinen Gleichberechtigung und der Erringung der Konstitution für befriedigt hält und die tiefen sozialen Konflikte zwischen Kapital und Arbeit für Dinge zweiten Ranges ansieht Immerhin hat Miljukow dem russischen politischen Leben ungeheure Dienste geleistet und sich den Exzessen des Zarismus und der Adelskamarilla mutig entgegengestellt Er hat auch heiße Worte der Empörung über die Pogrome von Kischinew und Hornel gesprochen und nach der Sprengung der ersten Duma in dem bekannten Wiborger Manifest der Autokratie den Kampf angesagt. Aber er blieb stets auf dem Boden der Monarchie und im Weltkrieg hat er wie die meisten bürgerlichen Politiker, wie Scheidemann und Kerenski sich zum bedrohten Vaterland bekannt Erst nach dem Falle Warschaus änderte er seine Haltung und wendete sich gegen die Verlängerung des Krieges, dessen Folgen für Rußland seinem Blick kein Rätsel sein konnten. Mit Kerenski fiel auch er dem Strudel der dritten Revolution zum Opfer und irrt seither ruhelos in der Welt herum. Bald in Paris, bald in London, in New York, in Berlin — im Vorjahr auch in Wien, taucht er inmitten seiner Parteifreunde auf, deren politische Arbeitsfreudigkeit sich in der Fremde erschöpfen muß. Alles was Rußland an schöpferischer Intelligenz, an Idealismus . und politischer Initiative besaß, ist entwurzelt und sucht verzweifelt nach Hilfe und Rettung. Es ist auch dem Talent Miljukows nicht gelungen, die Bestrebungen der vielen Emigrantenpari eien in einem positiven Einheitsprogramm zusammenzufassen. Diese Parteien sind vielfach zu widerstandslosen Schachfiguren des Intrigenspiels der Kabinette geworden: Auch sie sind Opfer der Politik, die die russische Frage mit den Elementen ä la Wrangel, Koltschak und Denikin zu lösen versucht, statt sie den Russen selbst zu überlassen. Aus dieser Politik, die den Krieg auch nach dem Frieden fortsetzt, die mit Interventionen und Sanktionen arbeitet, ziehen dann die Mordbanden der Orgesch und der Brüder vom Stein ihre Werbekraft und aus dieser Stimmung greifen dann entgleiste Gardeoffiziere, die nie etwas Ernstes gelernt haben, nach dem Revolver. Berlin, 29. März. (Intel.) Die beiden Attentäter wurden noch in der Nacht auf d§r Polizei einem Verhör unterzogen. Schabelski, der als'wilder Fanatiker geschildert wird, sagte aus, daß er den Plan der Ermord,! Miljukows schon seit längerer Zeit verfolge. Es sei sein Lebensziel gewesen, den Mord an dem Zarenpaar zu rächen. Die beiden Attentäter waren, als sie von dem beabsichtigten Vortrag Miljukows hörten, von ihrem ständigen Wohnsitz, München, nach Berlin abgereift. Man hält es auch für möglich, daß die Attentäter in München mit deutschen monarchistischen Kreisen in Verbindung gestanden sind und einer Jener Organisationen Bayerns angehörten, denen schon verschiedene oolitiache Morde zur Last fallen. Die deutschen Berlin, 29. März. (Wolff.) Der Reichstag setzte heute die Besprechung der Erklärung der Reichsregierung fort. Nachdem Präsident L o e b e das Mißtrauensvotum der Deutschnationalen bekanntgegeben hatte, führte Abgeordneter Marx (Zentrum) aus: Eine Kontrolle unseres Haushaltes können wir der Entente n icht zugestehen. Gerade die Entente treibt mit den deutschen Geldern unsinnige Verschwendung. Abgeordneter Stre Bemann (deutsche Volkspartei) erklärte: Die Note der Reparationskommission kann nicht erfüllt werden.. Das Steuerkompromiß einschließlich der Zwangsanleihe stellt das Höchstmaß dessen dar, was Deutschland leisten kann. Wir haben aus den Ausführungen des Reichskanzlers das Nein herausgehört. Mögen alle Parteien, die sich hinter dieses Nein stellen, auch bei diesem Nein bleiben. Rathenau Ober die finanziellen Schwierigkeiten. Minister des Aeußern Dr. Rathen s.u:. Ich habe 'bei der Konferenz in Cannes darauf hingewiesen, daß die Dekadenzahiungen nur kurze Zeit würden geleistet werden können, weil sonst eine Zerrüttung der Valuta eintreten würde. Ich fordere jeden Kenner des Wirtschaftslebens auf, mir einen Weg zu nennen, auf dem es für ein Land mit passiver Zahlungsbilanz möglich Ist, dauernd Goldwährungen zu leisten ohne die Hilfe fremder Anlehen und dabei seine Wirtschaft intakt zu erhalten. Ein weiterer Irrtum in der Auffassung des Auslandes betrifft die Frage unserer Steuerlasten. Wir haben der Reparationskommission in Cannes das Material übergeben, das beweist, daß Deutschland mit Steuern schwerer belastet ist als alle anderen Länder. Der dritte Irrtum ist der, daß man uns vorhält, unsere Wirtschaft sei voll beschäftigt, wir hätten keine Arbeitslosen. Die Antwort darauf habe ich in Cannes gegeben und ich wiederhole: Die von uns bezahlten Reparationen belaufen sich auf über l1/» Milliarden Goldmark. Dies bedeutet im Jahr die Arbeit von einen Million deutscher Arbeiter. Durch den Niedergang unserer Landwirtschafthaben. Mr eine ftrhebliche,E(ijjfuhr von Lebensmitteln nötig; diese belief sich im letzten fahre auf 2 M i 11 i a r den Goldmark und das bedeutet wieder die Arbeitskraft von einer Million Deutschen im Jahr. Unser Auslandsbesitz ist uns verloren gegangen. Die Einnahmen aus ihm betrugen eine Milliarde Goldmark; er lieferte uns Rohstoffe und Waren, die wir jetzt mit Arbeit bezahlen müssen. Dazu brauchen wir wieder eine Arbeit von einer Million Deutscher. Das bedeutet zwar einen Zustand starker Beschäftigung, aber nicht produktiver Beschäftigung. (Lebhafte Zustimmung.) Ein vierter Irrtum hält uns vor, unsere Industrie sei blühend, die Gesellschaften zahlen hohe Dividenden. Dieser Schluß Ist falsch. Es bleibt unberücksichtigt, daß die Gesellschaften, mindestens um ihren Stand an Maschinen und Einrichtungen aufrechtzuerhalten, eine jährliche Rücklage ln Gold machen müssen, die, in Papier umgerechnet, ein Vielfaches' des Aktienkapitals ausmacht. Was Deutschland gezahlt hat. Noch gefährlicher sind die Irrtümer auf politischem Gebiet, von denen ich zwei.nennen will: Deutschland hat nicht gezahlt und will nicht zahlen und Deutschland hat ***——^—M—B—BWIWOTl—BMW———B—WW——HgWBOM Die Denunzianten an der Arbeit. Trennungsorthodoxe Wühlereien in der Slowakei. Wir haben wiederfvoilit von d'en Uebergtrtiffes, dietr jüdliseh-crthod'oxen Zeu«:raUkain<ztei im Bnaititsfeva 'berichtet, daran »Ober Hirt«, Raibbiiraar Weber, ein eifrigen- Agudiis*. jode. Gelte ge-nheitt banütizt. tum die Anbei! detr politischem Zuisa.mrmienif'asisuttvg der Jtudtenheit auf der Grundlage ©inner bewußt jüd.i seihen E:geN'po>litilk» wie sie dbr Vo'lksivörtenid dar Juden für die Slowakei und die avus ihm hemvorgegangemen Veraimigten jüdischen Parteien mit Erfolg betreiben, zu stören. Da es eine nicht w-egzmtleuigneindie Tatsache ist, daß die Mehrheit anudh der artihodioxen Juden hinter dom Vo>l,ki$<mibta»nd steht, wie die Ergebnisse d>Sr VdRrstznhliujnig und der letzten Pad-amemtiswäfvl'em bewiesen halben, vonsuidhit es die Leibung der •nllhod'oxem ZanKffiaiUkantzlci aiuif kmuimmon Wegen, dfcr jüdisch-politischem Adbeit Prügel vor die Füße zu werfen. Gelegen heit biezu bet, wie neulich berichtet wund«, ein« im Preßburg afbgehalten« Tagung der jüdi» ehern Mandatare, wr> unter anderem in einer Resolution festgelegt wurde, daß die jüdisch« Partei »1,3 Mimideriteitsipiairteii für die gerechtem Forderungen aller Minoritäten eim'rotem müsse. Die Ltitnimg dar orthodoxem ZemitrsÄlfcamdoi ergriff raiscih di« Gelegenheit,, um in ihrem jüngsten Leibotgan, der »Bmaitisteivar Z. am Albernd'«, die Loyalität der jüdischen Partei an z weif ein ziu lassen und so« aflis geheimen Stfaatsfeimd hirumsteilen, dd* gegen der Bestand dtv RepuibWk teomatpirtwe! WeMueit Zweck diese» Mamovasr ihaitt«. wind au» nicht entwaffnet und will nicht entwaffnen. Eine ungefähre Schätzung, wenn sie auch nicht bis auf die letzte Dezimal* stelle genau ist, gibt ein unwiderlegliches Bild von detr Gesamtheit der bisherigen deutschen Leistungen. Zusammen machen diese Leistungen seit dem Kriegsende 45 7 M! Iliarden Qoldm ä r k aus. (Lebhafte Hört!- Hörtl- Rufe. Bewegung.) Und dazu kommt der Verlust des westpreußischen und des oberschleslschen Gebietes, wodurch sich die. Summe auf weit über 100 Milliarden Goldmark: erhöht. Von Deutschland sind Zahlungen ge«, leistet worden, die kaum jemals von einem Volk der Erde seit Beginn der Weltgeschichte an andere Völker geleistet worden sind. Auch die Abrüstung ist eine Leistung von an* geheurer Größe. (Rufe rechts: Sehr, sehr 1) Wenn noch hie und da Waffenfunde gemacht werden, so beweist das nicht das Gegenteil, ln der waffenstarrenden Welt kann man nicht von einem kriegsbereiten Deutschland sprechen^ wenn man die Dinge ehrlich betrachtet s Das russische Problem. Zweifellos wii;d Genua für Rußland manchf Entscheidung bringen. Wir werden an dem Wiederaufbau- Rußlands Mitarbeiten. Deutschland hat nicht die Absicht Rußland gegenüber die Rolle des kapitallüsternen Koloniste» zu spielen. Deutschland bedarf, um seine Aufgabe des Wiederaufbaues erfüllen zu könne», einer Atempause, die nur durch eine äußere Anleihe beschafft werden kann. Alle Hoffnungen auf Amerika zu setzen, wäre verfehlt. 1» Amerika herrscht eine starke Europa-Müdigkeit und es will nicht sein Geld Europa zur Verfügung stellen, das ©* nur .zu Rüstungen verwendet Der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen sehen wir mit Hoffnung entgegen. Der Osten Europas ist niedergebrochen. Das unglückliche Land Oesterreich, dem wir herzlichste Teilnahme entgegenbringen (Beifall), ist zusammengebrochen. Deutschland kämpf t , u an ''seirfe“'1'' F x Ts f« h 'Z-; nr t t '-a seinem Willen und seiner Arbeit Es kämpft gegen seinen eigenen Niederbruch an. Der Nied erb ruck Deutschlands wäre auch der N i e derbruc'l Frankreichs. Deutschland verlangt von den Nationen der Welt die Möglichkeit der Aufstellung eines gemein* samen Arbeitsplanes und einer Mitwirkung an dem gemeinsamen Wiederaufbau. Das Ziel: »Existenz des Volkes» Unversehrtheit und Einheit des Reiches und Kampf für Frieden und Aufbau“ ist uns allen gemeinsam.- Lassen §is uns dieses Ziel in Einigkeit verfolgen. (Beifall.) Ein Mißtrauensvotum der Deutschnationalen. Berlin, 29. März. Die deutschnationale Fraktion Reichstages hat zu der Debatte über die Reparationsnote» •in Mißtrauensvotum beantragt, worin es heißt: Angesichts der jetzt vor aller Welt als verfehlt und verhängnisvoll erwiesenen Politik des Reichskanzlers hat der Reichstag nicht die Zuversicht, daß es einer von dem jetzige« Reichskanzler geleiteten Reichsregierung gelingen, werde» das Reich aus der schweren Lage herauszuführen, und aus diesem Grunde versagt der Reichstag der Reichsregierung das Vertrauen. dem itünigstien Bericht über eine am zi. <L M. a!& gehalltem« Laodie:,vemsiaimimiliupnig dietr orühioibxeri Ktatnaliei erstebtsUdhi, -dti« nattürinelh uimter Ausschluß' d«T OeffeintRc'h'keit sitettfamd. Der Präsident Henri Weibern, benutzte d'ie Gelegen,heult, tum der Veusaimtnbuirtig ziu »erwägen« ziu gaben», o(b -dii-e Grthtodtoxte di« Imtia-tiive zu einer jüdlischon BartieigirüaidUtng er«* greilfein solle, utmd d'a aWos enteipmaclhemd vorbäreitdl wair, fand srich eine Mcfhrlheiit für dten Antrag-, eirt-s »jüdisch - ikonisctr'vta'tiitv« Partei« m ibegründanu Es| unterliegt natürlich Ikeimem Zweifel, daß es sidh bei dieser Grund'ung ladiiiglirfi uim den Miainidlatbshiumgag-, eitniigetr Laute bandelt, worauf «sdhion dlite Palbemsdhafti-: dies Qbetrhintern W eher tunid jenes U rng-air aarf. Prag deontet, dem sein« ehe/tmliiige Miittgiliadlsdliiaft tim Jüdii-sdhem Nationailna/t von Prag, aruis dem er iwzwischen (hteiaiutsgcMimit wunde, zu Kqpfe gesittegan, fct und . diar es seither im eifriger ZuötBnB^enanbeÜ mit dien Agutiisten in dier Slowakei, denen (keiimie Mithilfe zu schlecht ist. vensuebt, jede Organist«** ruug. der Juden-schaft auf gemeinsamer Pliadtfotnr» mit den fragwürdii-gsfoen Mitteln m vedhiindemn«. Dieser neueste Uebergiriff der orthodoxe* Kanzlei, deren Statut jede politische Betätigung ausschließt, hat auch auf orthodox-jüdischer Seit« keinerlei Aussicht auf Gefolgschaft und man wird den jüdischen Massen, die bereits zum übenviegeai-r den Teil« diäs Programm der bewußt jüdfiischem Politik akzeptiert haben, unschwer begreiflich machet^ daß es sich hier um den handelt, de» -ho* datwrlicben Riß der jüdisch«, Einheit auf religiösem Gebiet durch einen solchem autf naüonabnolitischeni