Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1136 (29.3.1922)
- Date
- 1922-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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KMNMMmiMrKSO Wien: Zum Abholen in der Expedition, ll.,Taborstr. t— 3, oder in einer Verscbleißstelie {Trafik) . monatlich K 1400. Mit Postversand flirWien und Oesterreich monatlich K1400. Tschechoslowakei: Mon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Mtfnatl. Dinar 20. Polen: Monatl. Mark 700. Deutschland: Monatlich Mark 35. Er a nkreich: Monatl. Frcs. 6. Kr. 1136 m A9 Wien, Mittwoch, 29. März 1922 Yscftectio-Slowakel «SCH. K 1 Italien: Monatlich Lire <5* Rumänien: Monatl. Lei 40a Schweiz und das übrige, Ausland monatlich Francs 3$ Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse 1—3, Telephone: 44-0-38» 43-3-19^ ab v Uhr abends 17-9-33, Telegrammadresse: „Morgen» zeitung“, Wien. Oesterrelchisches Postsparkassenkonto 150.093t 4. Jahrgang Die Messe. —y. Wien, 29. März. Das Mißlingen, der Wiener Frühjahrsmesse fn der österreichischen Oelfentlicltyeit nicht achtung, die diese so ernste Angelegenheit Man zeigt sich im allgemeinen bemüht, findet die Beverdient Über diese peinliche Erscheinung hinwegzuhuschen, und will jedes Aufsehen vermeiden. Das ist ein falscher Standpunkt. Es handelt sich nicht darum, ob die Aussteller Geschäfte abgeschlossen haben oder nicht Das ist eine. Frage, die weniger von der Qualität der Ware, ajs vielmehr von Reklame und. Propaganda abhängt. Die Wiener Messe soll dem Ausland ein Bild des Schaffens und Zusammenwirkens von Industrie und Arbeiterschaft geben, sie soll den zweifellos hohen Grad von Schönheits- und Formensinn der arbeitenden Bevölkerung dem Ausland vor Augen führen. Zu diesem Z^eck ist es notwendig, daß das Ausland hier vertreten ist, daß sich Kaufleute aus aller WM einfinden und sich durch den Augenschein ihr Urteil bilden. Aber das Ausland ist ferngeblieben und damit war die ganze Veranstaltung, auch wenn sie noch so gut organisiert worden, wäre, mißlungen. Die Gründe, die man dafür anführt, gehen um den Kern der Sache herum. Es wird auf den Tiefstand der Valuta verwiesen und auf die Abnahme der industriellen Konkurrenzfähigkeit Oesterreichs. Das sind nur Teilerscheinungen des Problems, die die Sache nicht zur Gänze erklären. Wenn der Kaufmann aus Warschau, aus London oder aus New York in Wien etwas Gutes und Brauchbares sieht, so bestellt er es. Aber er muß nach Wien kommen und um ihn zu dieser Reise zu bewegen, bedarf es wohl einer guten Vorbereitung, vor allem aber des Vertrauens in die öffentlichen Zustände Oesterreichs. Dieses Vertrauen ist eben nicht vorhanden. Das zeigt sich in dem Rückgang des Fremdenverkehrs ebenso wie in der Kreditfrage. Die Wertung eines Staates ist' eine Summe von Urteilen über seine allgemeine -Situation, über seine wirtschaftlich-industrielle Entwicklung und über die —politischen, Kräfte., Man kann nun heute sagen, daß das österreichische werktätige Volk seit der Revolution durchaus nicht . eines Sinnes ist über die Methoden des Aufbaues. Während die industriellen Arbeiter .in Werkstätte, Fabrik und öffentlichem. Betrieb den Klassenstandpunkt betonen, dabei aber doch ihre materiellen Verpflichtungen fpr den Staat, anerkennen, hat sich die agrarische Schichte ganz auf die Klasse gestellt und läßt den Staat nur als Ueberweisungsstelle gelten. Die Bauern zählen nichts, wuchern aber mit ihren Produkten. Die städtische Bürgerschaft schwankt zwischen Schärftnachertura und politischer Apathie. Die bürgerlichdemokratische Republik, so wie sie im Jahre 1918 errichtet wurde, kann sich nicht auf eine einzige Partei stützen. Sie ist unpopulär, da sie als Kind des Krieges und der Revolution nicht die ererbten Uebel abstellen konnte. Alle ihre Fragen, an denen sie laboriert, führen Im Grunde immer wieder darauf zurück, daß sie im eigenen Hause keinen Freund hat. Die Sozialdemokraten streben nach der proletarischen Republik, die Christlichsozialen nach der Habsburgermonarchie, die Großdeutschen nach der Wittelsbacher- oder Hohenzollern- Restauration. Alle hassen den Ring des 12. November. Wie überhaupt der Haß im öffentlichen Leben des Staates die lauteste Geige spielt Die Parteien hassen einander, die Bauern hassen die Stadt, die Länder hassen Wien. Alle zusammen hassen die Fremden und das, was sie darunter verstehen. Irgendjemand hat den Haß der Bodenständigen gegen die sogenannten Zugewanderten proklamiert und seither wird gehaßt In Kder alten Monarchie war für diesen Temperamentsüberschuß reichlich Arbeit vorhanden. Man konnte auf die Tschechen, die Katzelmacher, die Juden schimpfen und da eben drei Objekte vorhanden waren, lief die Sache glimpflich ab. Nun haben die Tschechen und die Italiener ihren Staat. Es sind nur mehr die Juden übrig, die alle negativen Ausstrahlungen dieser Dynamik auf sich konzentrieren. Sie sind flir alles verantwortlich: Für den Krieg,, lür die Niederlage, für die Teuerung, für die Geldentwertung, immer für dasjenige, das im Augenblick den Staatsrettern als bestes Argument dünkt Nun sind aber die Juden nicht allein auf der Welt und das, was gegen sie gesagt und gelogen wird, kann jederzeit gegen jeden anderen gesagt und gelogen werden, der den Straßenschreiern nicht zu Gesichte steht. Die Optionsschikanen des Ministers Waber waren ursprünglich als antisemitischer Akt angelegt Sie blieben aber nicht bei den Juden stehen,, sondern wurden gegen zugereiste Deutsche, gegen Tschechen und Jugoslawen ebenso drakonisch gehandhabt Solche Dinge lassen sich nicht hinter einer Chinesischer. Mauer verschließen. Das Ausland, dem Wien ab ein wichtiges Handelszentrum besonderer Aufmerksamkeit wert erscheint prüft diese Vorgänge und es bst kein Wunder, daß sie zu leicht befunden ■Reichskanzler Wirth über die Reparationen. Berlin, 28. März. (Wolff. Reichstag.) Vor einem vollen Hause und vor dichtbesetzten Tribünen hielt in Gegenwart der Reichsminister und der Vertreter der Länder Reichskanzler Dr. Wirth eine IViStündige Rede über die Rfeparationsnote. „Die Neuregelung des Zahlungsplanes für 1922, sagte er, könnte als ziffernmäßige Erleichterung betrachtet werden, wenn nicht der p r o vi s o ri s c h e G ha rakter des. Abkommens betont und die ganze Geltung des Abkommens an die Frist des 31. Mai gebunden wäre. Die in dem Schreiben an die Reichsregierung aufgestellten Bedingungen, in denen wir eine neue Erschwerung’der Lage erblicken, haben mit Recht Deutschland auf das tiefste erregt. Die peinlichste ,Ueberraschung bildet die; Forderung, unverzüglich einen Plan für weitere 50 Milliarden Papier mark Steuern aufzustellen, wovon mindestens 40 Milliarden in diesem Jahre sichergestellt werden sollten. Das ist völlig unmöglich. , Selbst wenn», was wir bestreiten, die Wirtschaftskräfte Deutschlands ausreichten, diese Mehrbelastung zu tragen, so ist diese Forderung schon aus rein parlamentarischen, politischen und technischen Gründen rein unmöglich. Zudem zieht die K o n f e r e n z von Genua alle Aufmerksamkeit auf sich und die deutsche Regierung kann sich in derselben Zeit nicht einer neuen steuertechnischen Arbeit unterziehen und einen völligen Neubau aufrichten. Außerdem greifen die Forderungen der . Reparationskommission in die Hoheitsrechte d. e r deutschen Regierung und in die gesetzgeberischen Befugnisse des deutschen Parlaments ein. Gegen die Überwachung der Steuerveranlagung ist schärfste V e rw a h r .u n g einzulegen, denn dies ist unvereinbar mit dem Selbstbestimmungsrecht elnijrV Wir haben -aufdem'""'Üefeiif^der Kontrollkommissionen so trübe Erfahrungen, geriiacht, daß niemand von uns verstehen würde, daß dieses System auch auf die Zivil Verwaltung ausgedehnt werden soll. Der Etat für 1922 sieht .mehr als zwei Drittel der Ausgaben für die Entente und ein Drittel für das Reiph vor. Wir wollen bis zum Aeußersten sparen, das ist unsere Pflicht, aber Milliarden sind dauernd nicht zu gewinnen. Bezüglich der K a p i t a 1 s f 1 u c h t erklärt die deutsche Regierung ihr prinzipielles Einverständnis. Mit der Zwangsanleihe haben wir den Weg der inneren Anleihe überschritten. Zur gründlichen Lösung der Reparationsproblems aber bedarf es der äußeren Anleihe. Ein solches Projekt hat jedoch nur dann Aussicht, vom Weltkapital günstig aiifgenommen zu werden, wenn dem Deutschen Reiche für einen längeren Zeitraum Atemfreiheit gewährt wird. Wir werden den Inhalt; der Note auf das sorgfältigste prüfen, ehe wir der Reparationskommission unsere Antwort erteilen. Diese Prüfung wird aber an der hier aufgestellten allgemeinen Linie nichts siehr ändern. werden. Wenn neben den Afflchen der Messe auch noch in faustgroßen Buchstaben «Hinaus mit den Juden!“ prangt, so erfährt man das auch außerhalb der rot-weißen Pfähle. Wenn in den Tagen vor der Messe eine bürgerliche Partei wie die Großdeutschen die Kredite als lästige Auslandsware behandelt und dazu noch den Mieterschutz für die Juden aufheben wi|l,. so macht man sich außerhalb Oesterreichs den Reim darauf. Die Industrie, der Handel und das Gewerbe tragen dann die Folgen. Wie es leider die Wiener Frühjahrsmesse beweist. Die Opposition der Marmorek- Gruppe. Mr.Cowen, der Schatzmeister der Zionistischen Exekutive in Paris. A«uts Paris wird ums geschrieben: Vor einiger Zeit fand eine von mehreren zionistischen Gruppen ein berufene Versammlung aller tätigen Zionisten -von Paris statt, hei welcher der Schatzmeister der Londoner zionistischen Exekutive, Mister Joseph Co wem, über die Lage im Zionismus berichtete. Einleitend sprach Dr. F i 1 d e r m a n m namens der Eiraberufer über die Situation im französischen Zioraismu». Eine Gruppe von Unzufriedenen, habe sieh der Leitung der Föderation in Frankreich bemächtigt und führe eine schädliche Kampagne g«g«ut di« Leitung, den Korea Häsifcs&od die Emtsehei- Der Reichskanzler erklärt, der Gedanke einer i n t e r*> n a 11 o n a 1 e h R e p a r a t i o n s a n 1 e Lire gewinne immer mehr an Boden. Nur durch eine auf einen längeren Zeitraum zu gewährende Atempause könne der d e u t s c h e M,a r k kur s die Stütze finden, die Deutschland endlich1 erlaube, bei Einnahmen und Ausgaben mit Stabilem zu rechnen. Die Antwort; die wir der Reparationskommission ztt erteilen haben, sagte Redner, ist vielfach dahin ausgelegt worden, daß sie die Entscheidung über den Fortgang der auswärtigen Politik' bringen müsse. Wir haben Er* f ü 11 u n g s p o I i t i k nicht um ihrer selbst Willen getrieben, sondern um der Welt durch die Erfüllung im Rahmen des Möglichen den praktischen Nachweis zu erbringen, wo die Grenze des Erfüllbaren Hegt. Reichskanzler Dr. Wirth (fortfahrend): Wenn man das Reparationsproblem unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, so muß man zu dem Ergebnis < kommen, daß Deutschland für längere Zeit, mindestens aber für das ganze Jahre 1922, von . 1 . allen Reparationsleistungen in bar zu befreien ist, was die Regierung bereits in ihrer Note vom 28. Jänner betont hat. Seitdem hat sich aber unsere Lage erschreckend verschlechtert. Wir können somit aus eigenen und laufenden Mitteln die Verpflichtungen für das Jahr 1922 ohne Zuhilfenahme ausländischer Geldmittel nichL.erfÜllen. So trüb auch, die Stunde ist, in der ich zu Ihnen spreche, bin ich doch nicht ganz ohne Hoffnung. Das Kernproblem der. Konferenz von Genua ist der Wiederaufbau Mitteleuropas und Rußlands und ich kann mir nicht' denken, daß dort die erste und vornehmste Voraussetzung zum schnellsten und sichersten Aufbau beseitigt werden soll.’ Mitte l e u r o p'a s und R u ß 1 a n d s W i eder'a nf bau ist ohne ".Beütschlasids Gesundung unmöglich. Der Kontrast zwischen den Forderungen der RepS« rationsnoten und den Hoffnungen auf Genua ist freilich so offensichtlich, daß er den größten Pessimismus hervorrulen könnte. Aber die. Welt hat heute die Wahl zwischen dem . Prinzip von Genua und jenem der Noten der fteparationskommission. Entweder ist Genua zum Scheitern verurteilt oder aber die verbündeten Regierungen müssen die Absichten der Reparationskommission mit dem Ziel von Genua im Einklang bringen. Vor dieser Entscheidung stehen wir in der Welt. Die Rede des Reichskanzlers wurde von fort» dauernder lebhafter Zustimmung begleitet Lebhafte Bravorufe ertönten bei der Schilderung der Kosten der Besatzungen und der Kontrollkommissionen, ebenso bei der Erwähnung des dem Deutschen Reiche zugemutetea Eingriffes in die deutschen Hoheitsrechte. Lebhafte. Zustimmung wurde auch der Feststellung, daß es falsch ist, von dem Reichtum einiger Schieber in Berlin und anderen Großstädten auf die allgemeine Wirtschaftslage des Volkes zu schließen. Die Koalitionsparteien stimmten der . Ankündigung der Fortsetzung der Erfüllungspolitik zu, Am Schlüsse der Rede Dr. . Wirths ertönten lebhafte. , Bravorufe auf seiten der Koalitionsparteien. BWWWm—WSMMMmj<WSI«MUIIB.liKW^—Km—^winn ■■■nimw..—II r—f———^ düngen des Kongresses, während die Umstände nach langes- Zeit die Aufnahme einer; ausgedehnten Arbeit in Frankreich ermöglichen würden. Die Arbeitswillige^ seien zrrar vollen Tätigkeit bereit, sie fordern aber Disziplin und Einordnung im die Organisation. Mister C<o wen beschäftigte sich mit den haltlosen Angriffen jener Opposition. Er wies nach» daß die Behauptung, der Zicnistemikongireß sei eine Tagung bezahlter Funktionäre gewesen, völlig unzutreffend sei, am Kongreß waren verschiedene Gruppen vertreten und die Wahlen seien völlig unbeeinflußt erfolgt. Die oppositionelle. Minderheit: hätte besser getan; ihre Anschauungen auf dem Kongreß zu propagieren, statt sich in nichtigen Arawürfen. zu ergehen. Die Entscheidungen des Kongresses heraibsetzen und ihm als eine Versammlung von Söldlingen und verächtlichen Individuen hinzu-, stellen, heiße die Ehrendes; jüdischen Volkes beleidigen. Was die Vorwürfe der, Verschwendung von Geldern an lange, verwies det* Redner auf den dem Kongreß voirgelegteu gedruckten Rechenschaftsbericht, welcher ein Bild der Ausgaben in allen Details enthält. Die Opposition behaupte, daß der Großteil der eingehenden Gelder vom den Beamten verschlungen werde. In Währ- 1 heit hätten die Adminisbraitionsspesen im. ganzen» 27.000 Pfund Sterling gegenüber Gesamteingängeo; vos 400.000 Pfund Sterling betrage«. Die für da« Sehulwerk fiusgesebmen 107.000 Pfund Sterling