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Wiener Morgenzeitung · 1922-03-25 · Heft 1133 (25.3.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1133 (25.3.1922)
Date
1922-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einielnummer K SV Wien: Zum Abholen in der Expedition, I!„,Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1400. Mit Postversand förWien und Oesterreich monatlich K1400. Tschecho-SlowakeirMon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar 20. Polen: Monatl. Mark 700. Deutschland: Monatlich Mark 35. Frankreich: Monatl. Pres. 6. rrnrr tsch. K 1 Italien: Monatlich Lire Rumänien: Monatl. Lei 4Ä Schweiz und das übrigd Ausland monatlich Francs 3Ö •- Redaktion u. Administration' Wien II., Taborstrasse 1— Telephone: 44-0-38, 43-3-lfrj ab o Uhr abends 17-9-33J Telegrammadresse: »Morgen- , zeitung“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.0981 9 Nr. 1133 Wien, Samstag, 45. März 1922 4. Jahrgang l| -..." — ■ IM. ———————.—.,1 Die nächste Nummer der „Wiener Morgenzeitung“ erscheint Montag den 27. d. M. zur Mittagsstunde. Amerika und Mitteleuropa. -y. Wien, 25. März. Die Lösung aller Weltprobleme liegt heute bei Amerika. Die aktive Teilnahme, dieses Staates an ihrer Klärung hat aber eine gewisse seelische Vorbereitung in den Siegersiaaten zur Voraussetzung. Die Wirtschaftskraft Amerikas ist nach dem Kriege ins Un- , gemessene gewachsen. Ein Drittel des gesamten Weltgoldvorrates befindet sich im Besitz der Vereinigten Staaten. Amerika hat den Waffenkonflikt Europas entschieden uncl sich dann, angeekelt. von der Unvernunft der um den Siegespreis streitenden Bundesgenossen zurückgezogen. Aber dies bedeutet nicht ein Desinteressement für alle Zukunft, Sondern im Gegenteil ein Zuwarten auf den Zeitpunkt, der die Entente j&um Eingeständnis ihrer Fehler bewegen wird. Unterdessen bleibt Amerika nicht untätig. Es sammelt Erfahrungen und trifft seine Vorbereitungen. Der Plan des Senators Owen auf Errichtung europäischer Filialen der Federal Reserve Bank, die Rückforderung der Okkupationskosten, die Suspendierung der Generalhypothek für Oesterreich, die Anmeldung der Ansprüche auf die Petroleumfelder Vorderasiens, diese Schritte beweisen,, daß Amerika sich immer mehr der Rolle bewußt wird, die ihm der fortschreitende Kräfteverfall Europas automatisch zuweist. Der Augenblick der Sichtbarwerdung dieser Rolle rückt immer näher. Er wird durch die Politik Frankreichs beschleunigt, die sich offen im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten befindet. Die Genueser Konferenz, ursprünglich eine in Washington als Konzession an Amerika verabredete Prüfling aller Wirtschaftsfragen6 der Nachkriegszeit, ist zu einer Fassade - gemacht larid stillen will) Man sieht WiM. politisch genau doch wo man nach Versailles stand..freilich, ist die Zwei-; schneidigkeit der Siegerpojitik auch in Frankreich kein Geheimnis geblieben.. Die wirtschaftlichen Tatsachen führen eine ganz klare Sprache. Die Polemik dps Deputierten Noblemaire gegen den Saint-Germainer Vertrag hat ihre Bedeutung darin, daß sie in Paris unternommen Wurde. Es7 gibt keine schärfere Verurteilung für dieses Werk unfähiger Bureaukraten und . Generäle, als sie der Referent des Finanzausschusses aussprach* der die Zerstückelung der österreichisch-ungarischen Monarchie i als eines der Motive für die Balkanisierung Mitteleuropas beklagte. Die Monarchie, war reif für den, Fall. Aber die Ach in der ihre Teilung vollzogen, wurde, war das VVerk blindwütiger Säbelhelden, für die Menschen1 nur als Kanonenfutter gelten. Ohne jedwede Maßregel zur Ordnung der politischen und ökonomischen Uebergänge wurden jahrhundertealte, organisch gewachsene Verbindungen zerstört und es ist nicht Oesterreich allein das Opfer dieser Metzgerstrategie geworden. Auch in den Hauptstädten der Sukzessionsstaaten kennt man die Schäden und wenn Wien in eine Krise gerät, so zeigt sie sich vierundzwanzig Stunden später in Prag und in Warschau. Herr Noblemaire erkennt dies sehr genau, er schildert die Revisionsbedürftigkeit des Friedensvertrages, aber er scheut sich, bei den Ursachen länger zu verweilen. Es dürfe kein Präjudiz geschaffen werden. Aber dieses Präjudiz liegt bereits fertig da. ln Venedig ist der Saint-Germainer Pakt angerissen worden und der Vertrag von Sfcvres ist schon seit langem ein Museumsstück geworden, nachdem Frankreich, selbst die, Hand an ihn gelegt hatte. Die . Puscht vor dem Präjudiz scheint also nur bezüglich Oesterreichs zu bestehen, das freilich allein zu schwach ist, eine Revision, sei es auch nur auf dem Wege der Tatsachen, herbeizu führen. Aber in Gemeinschaft mit seinen Nachbarn kann Oesterreich die Uebel seiner Vereinsamung aufheben upd.die Mittel hiezu sind bereits vorhanden. Der Kanzler Schober hat in, seiner Rede zur Erläuterung des Prager Vertrages dieses Abkommen als die Einleitung einer Aktion ziir Aufrichtung > Mitteleuropas bezeichnet Diese Bestrebungen dienen der. in Oesterreich unter Renner »begonnenen und von Schober erfolgreich fortgeführten Aufbaupölitik und fänden zuerst in Präg ihr Echo. Die Entente, insbesondere aber der gewesene Italienische Außenminister Torretta,, sahen diese Tendenz sehr ungern, weil sie das magyarische Konzept störte. Die Einigung der Nachfolgestaaten aul einen Wirtschaftsplan ist heute bereits ziemlich weit, vorgeschritten und es hat sich bei den letzten Besprechungen in Rom deutlich gezeigt, daß die Vereinheitlichung des Transportwesens durchaus keine Phantasterei mehr ist Nunmehr wird aus dlolomatischen Deutschland vor neuen Schwierigkeiten. Beratungen der Regierung. — Eine deutsche Anfrage in Paris. Berlin, 24. März. (Tel.-Komp.) Das Reichskabinett trat heute vormittags zu einer Sitzung zusammen, ‘um zu der Note der Reparationskommission Stellung zu nehmen. Nach Darlegung der Auffassungen der Referenten ergriff Außenminister Dr, Rathc n a u das Wort. In der sich anschließenden allgemeinen Debatte, wurde festgestellt, daß die Note vor allen .Dingen in den zwei Hauptpunkten eine schwere Enttäuschung bringe. Einmal in der Frage der 60 Milliarden neuer Steuern und zweitens in der Frage der F i n a n z k o n t r olle. Sämtliche Stellen der Reichsregierung sind nach wie vor darüber einig, daß sich eine parlamentarische M eh-rheit für die Bewilligung von 60 Milliarden neuer Steuern nicht finden werde . und Deutschland eine derartige Last unmöglich tragen könne. Die Finanzkontrolle widerspricht nach Auffassung der R^chsregierung den von deutscher Seite bereits in Versailles gemachten juristischen Vorbehalten, als die Abgrenzung der Zuständigkeit der Reparationskommission geregelt wurde., Berlin, 24. März. (Tel.-Komp.) In der heutigen, um Va6 Uhr unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten E b © r t h zusammengetretenen neuerlichen Sitzung des Reichskabinetts wurde über die innerpolititsche Lage beraten, soweit sie für die Beantwortung der Note der Reparationskommission in Frage kommt. In der Dienstag-Sitzung des Reichskabinetts wird Reichskanzler Dr. Wirt h darauf verweisen, daß die Reichsregierung den Wünschen der Reparationskommission nach Möglichkeit Nachkommen und eine Verminderung der Ausgaben durchführen werde. Zu den neuen 'Steuerforderungen wird Dr. W i r t h erklären, daß die Reparationskommission bei ihrem Beschlüsse noch keine genaue Kenntnis von der ZwangsÄnleihe Hätte; die tris zünt; De.zeinh.ei' Reichs 40, Miiiiarden^Papiermark, erbringet) sollte. Dieser’ veranschlagte Betrag wird! siqhräiier Voraussicht nach bei der inzwischen eingetreteneh-ungeheuren Verschlechterung des Standes der Mark aüf etwa 60 Milliarden Papiermark erhöhen. Der Reichskanzler wird ferner Kreisen berichtet, daß sich Amerika für diese Frage außerordentlich stark interessiert und den in Prag und Wien .in Ausarbeitung begriffenen Plan noch vor seiner Vorlage in Genua kennen zu lernen wünscht. Die Unterstützung der Vereinigten Staaten würde; einen kräftigen Schritt nach vorne bedeutenuuä die .handelspolitische Befreiung Oesterreichs reifen lassen. Sie liegt genau im Zuge der amerikanischen Politik, die sich, für den Augenblick ihres aktiven Eingreifens vorbereitet Dieser Zeitpunkt wird nach der Konferenz von Genua kommen und er wird sehr bald kommen müssen, wenn der einigermaßen heitere Gedanke der Reparationskommission feste Formen annehmen sollte, von Oesterreich zwei Milliarden Goldmark zu verlangen. . . Aus dem jüdischen Leben in Söwjetrußland, Der IbevtolÖTnächitigie Vertreter dos Jüd/frdhen Nationalrats für Litauen, M ako wski, der in Angelegenheit dar Heimkehrertransporte längere Zeit in Sowjetutßland weilte, gibt im einem dem Rigaer jüdischen Blatt »Volk« gewährtem Interview das nachstehende Bild über das jüdische Lebern in Söwjetrußland: Dank der neuen Wirtschaftspolitik in Rußland wurden den dortigen Juden neue Erwerbsniögliohkeiten geboten. Dadurch, daß eine Beschäftigung im Handel und Gewerbe möglich geworden ist, bessert sich die wirtschaftliche Lage der Juden in verschiedenen Ortschaften vom Tag zu Tag. Schwer ist nur die Lage dar jüdischen Im t eilig e m z, welche die Teuerung infolge der niedrigen Monatsgehälter, die sie in den Regierumgsamstaltenbezieht, zugrunde richttct. Im kultureller Hinsicht sind keine;wesentlich«m . Aemderumgon zu bemerken. Der Kämipf. gegen die »Chcdarim« und religiösem Ansteltcn dauert mach wie vor. Auf dem Gebiet der jüdischen Hilfsarbeit wird ziemlich vieles geleistet. Diesbezüglich irfachem die Regierungsbehörden keine Schwierigkeiten und die jüdischen Hilfsorganisationen werden teils legalisiert,7 teils geduldet. ' 4 Auch auf dem Gebiet der. Zensurreihältnisse ist manche Aendecung zu bemerken. So hat beispielsweise die; zionistische Studemtenorganisation H « c h a w e r die Erlaubnis erhalten, eia eigenes Organ hereusaugeboet. Eine« bedeutendes Aktiv« { pbsten in der. jüdischen Kulturarbeit bildet die betonen, daß durch die Forderungen der Reparation^ kommi5sion der »k a t a s t r 0 p h a 1 e Sturz der Mark herbeigeführt wurde. Die Reichsregierung wird die Aufnahme dieser Erklärung in der Welt abwarten und hofft, daß sich daraus eine internationale Diskussion entwickeln werde. Berlin, 24. März. Das »Tageblatt“ teilt mit, daß diÄ deutsche Regierung durch den deutschen Botschafter in Paris Dr. Mayer bei der Reparationskommission habe anfragen lassen, ob in den 60 Milliarden neuen Steuern, die in der Note der Reparationskommission gefordert werden, der Ertrag der Zwangsanleihe mit eingerechnet worden ist» Die Furcht vor einem politischen Chaos« London, 24. März. Die Meldungen über einen bevorstehenden Rücktritt der deutschen Regierung anläßlich der neuen Reparationsfordernngen finden in der Abendpresse starken Widerhall. Es wird Hervorgehoben, daß die Bedingungen der Reparationskommission in Berlin für vollkommen unannehmbar angesehen werden und daß die deutschen politischen Führer der Befürchtung Ausdruck verleihen, daß die Reparationsfrage zum politischen Chaos führen werde. Paris, 24. März. (Wolff.) Der Londoner Korrespondent. der »Chicago Tribüne“ schreibt: Englischen Geschäftsleuten und Politikern bereiten die Forderungen der Reparationskommission an Deutschland viele Sorgen. Ein hervorragender Beamter der Finanzverwaltung habe* dem Korrespondenten gestern erklärt, er fürchte, diese Forderungen würden Deutschlands Bankrott b.e deuten, mit dem Ergebnis, daß keiner der Gläubiger Deutschlands etwas erhalten-werde. 7 ' .Berlin.*’ Berlin, 24. März. (Wolff.) Die Ministerpräsident^ der Länder , sind für Montag zu einer ‘ Besprechung der Lage von der Reichsregierung nach Berlin eingeladen worden* Habimah (hebräische Bühne), die in letzter Zeitf mit großem Erfölg An—Skis »D yb.uk« hebräisch’ auf führt. Im letzter Zeit sind auch einige private; jüdische Buchhandlungen geöffnet worden, die füK die Verbreitung judäistiischeir Werke sehr tätig sind. Im allgemeinen muß zugegeben werden, daß des neue Kurs der SowjetipolLtlk auch das äußerlich^ Lebern im Rußland zu beeinfbüßen beginnt. Die New Yorker »Zeit« veröffentlicht effl„ vom Rektorat der jüdischen Universität iir Peters* bürg an Dr. Josef K r i m « k i in Brooklyn gar ich* tetes Schreiben, au« welchem der ganze Jammer er* sichtlich' ist, in dem sich die jüdische Intelligenz itf Petersburg gegenwärtig befindet. Der Brief, de* auch als historisches Dokument werbvollrst, lautet; Der Mangel an Lebensmitel in Petrograd ist im allgemeinen sehr drückend für sämtliche: Bewohnen»* aber besonders stank leidet darunter der gebildete und intelligente Teil der jüdischen Bevölkerung. Deshalb wendeten sich' viele gelehrte Gesellschaften» 2>n ihre Freunde im Ausland, um von ihnen Stütze und Hilfe für diese Gelehrten zu erlangen. Es wurde» uns auch bekannt, daß das Hoover-Hilfsikomi'tee^ welches in Petrograd eine Abteilung hat, für die Arbeiter und Gewerbetreibenden Hilfe geschickt hat. Die jüdische Universität in Petrograd, welche int Jahre 1917 gegründet wurde, eine Reihe hervor* ragender Gelehrter und Professoren in sich faßt, und in welcher einige Taarsend Studenten ihre höhere Erziehung und Bildung genießen, hat bisher von! keiner Seite die geringste Unterstützung bekomme« und befindet sich daher in großer Notlage. Win wenden uns deshalb an Sie, der. in der jüdische« Gesellschaft von Amerika eine angesehene Stellung bekleidet, mit der .Bitte, auf die judiäcM Intelligenz! und die Handwerker und Gewerbetreibenden iri Amerika einzuwirken, damit eine ständige Aktion zur Rettung und Erhaltung der einzigen jüdischen Universität in Petrograd, die futz die jüdische Studentenschaft in Rußland von sq großer kultureller Bedeutung ist, eingeleitet werde. Wir bitten Sie, zu trachten," daß uns durch da« Hoover-Relief Committee Lebensmitte.I tmt«| der Adresse: jüdische Universität, Petrograd,. Travicko) 14, Rußland, gesendet werden. Mit dem besten Dntnik im voraus namens der jüdischen Uni* versität Rektor Professor S. L a sc h i<n sk y. Ffoa* fessor Samuel D u b a 0 W, Sekretär L b e r 3, ' __

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