Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1127 (19.3.1922)
- Date
- 1922-03-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Koalition hat bei einer Ergänzungswähl eine neue Niederlage erlitten und mußte einen Sitz an die unabhängigen Konservativen abgeben. Die Zahl der Gegner Lloyd Georges unter den Konservativen nimmt zu und die Erklärung Lord Derbys, er wolle ,nicht das Portefeuille des Ministers für Indien annehmen, spricht dafür, daß sich dieser als Freund Poincards geltende Politiker die Hände freihalten will. Die Entscheidung jedoch, ob die Koalition die Macht an die Tories abgeben wird, ist noch nicht reif. Die Regierung erklärt in der bestimmtesten Form, daß Lloyd George als Premierminister nach Genua gehen werde. Seine Autorität hat durch die Krise sehr stark gelitten. Die Opposition gegen ihn geht von der Boulogner Konferenz aus, bei deir sich Frankreichs Standpunkt als stärker erwies. Aus der Weltwirtschaftskonferenz in Genua, die nach Lloyd Georges Denkschrift einen politischen und wirtschaftlichen Burgfrieden zwischen den europäischen Staaten herstellen sollte, ist eine invalide Körperschaft geworden, deren Programm von den Interessen Frankreichs beherrscht wird. Die Fcrnhaitung Amerikas nimmt Ihr vollends das Gewicht. Allerdings wachsen die weltpolitischen Probleme derart ins Breite, daß sie heute von einem europäischen Kongreß kaum mehr gemeistert werden könnten. Die Frage der^ deutschen Reparationen tritt bereits aus dem Rahmen der englisch-fran(zösisch-deutschen Relation heraus und drückt auf die Öststaaten. Die unvernünftige Behandlung der deutschen Zahlungskraft lenkt Deutschland automatisch auf die russische Frage und die alten Fäden . werden wieder angesponnen. Die deutsche Industrie» strebt nach dem Osten, trifft aber auch hier auf den französischenWiderstand, der .sich in der .-eben beendeten baltischen Sfaatenkonfereriz ein neues lind .starkes Hilfsorgan gesichert hat Die Beschlüsse, die in Warschau gefaßt worden sind, stellen eines der wichtigsten politischen Ereignisse der letzten Zeit dar und ergänzen das in Preßburg von der kleinen Entente getroffene Abkommen in einer für Frankreich höchst vorteilhaften Weise. Die baltischen Staaten sowohl wie die kleine Entente garantieren einander die Gebietserrungenschaften der Friedensverträge und einigen sich auf ein geschlossenes Vorgehen in Genua, das sich insbesondere in der Frage des Aufbaues Rußlands! manifestieren soll. Die Führung Frankreichs in diesen beiden Staatengruppen ist heute unbestritten und es wird der französischen Depiomatie nicht schwer fallen, diesen Einfluß und ihre neuentstandene russische Freundschaft im Sinne einer Störung der deutschen Versuche zu benützen. Sie würde damit zwei Fliegen mit einem Schlage treffen, da Rußland für die ihm winkenden Vorteile der Anerkennung des Rigaer Friedens unschwer. für eine Fortsetzung seiner antienglischen Propaganda in Zentral- und Kleinasien zu gewinnen sein wird. Der als radikaler Sozialist rühmlichst bekannte Enver 'Pascha hat bereits in Buchara die Ueberredung zum Uebergang zum Sowjetstaat unter einem Emir durchgeführt und die tiefe Erregung der mohammedanischen Welt hat zu einer schweren Erschüttung der englischen Position in Indien geführt. Das Auftreten der indischen Regierung, die in dem bekannten Telegramm aus Delhi öffentlich gegen die türkische Politik des englischen Premierministers Stellung nahm, zeigt, wie weit die Dinge bereits gediehen sind. Unter diesen Umständen ist es klar, daß die englischen Vertreter in Genua eine durchaus veränderte Situation vorfinden, deren Schwierigkeiten eben mir durch die Abstinenz der Vereinigten Staaten erleichtert werden. Der politische Schwerpunkt schiebt sich, langsam, aber unaufhaltsam nach Washington vor und dort werden die Entscheidungen fallen. Amerika drängt auf die Abrüstung und da es in der angenehmen Lage ist, seine Wünsche als Gläubiger aussprechen zu können, kann man an dem schließlichen Ausgang nicht zweifeln. Aber es fragt sich, ob diese amerikanische Intervention nicht für Europa zu spät kommen kann. Es gibt keinen Staat, der nicht von Krisen durchtobt wäre. Die Konflikte aus den Friedensverträgen sind ebensoviel« brandige Wunden am Körper des Kontinents, der so stolz war auf seine Ordnung, auf seine Kultur und auf seine zivilisatorische Tätigkeit. Nicht die Besiegten, auch die Sieger verfallen dem Fluche, des vergossenen Blutes und mancher stolze Staatsmann mag-heute im . Innersten zittern vor den Folgen dieses Krieges, der in Amerika, in Asien und in Afrika Ideen und Massen entfesselte, die vor acht Jahren unter der Schwelle des Bewußtseins träumten. Facta Vorsitzender. — London, 18. März. Das Reutersche Bureau meldet aus amtlicher italienischer Quelle, daß trotz der Tendenz, von gewisser Seite kaltes Wasser über die Genueser Konferenz zu gießen, die italienische Regierung die Vorbereitung fUr diese internationale Zusammenkunft eifrig betreibe. Das Generalsekretariat ist jetzt von Rom nach Genua übörsiedelt und alles ' werde zur Eröffnung am . 10. April bereit sein. Es sei endgültig festgesetzt worden, daß der reue italienische Ministerpräsident Facta den Vorsitz führen und daß mit ihm der italienische Minister des Aeußern, der Finanzuyd der Handelsminister zur Konferenz gehen 'werden. Nach der formellen Eröffnung am 10. April werde eine Anzahl von Ausschüssen gebildet werden, die ihre Arbeiten unverzüglich aufnehmen und dann der Konferenz Bericht erstatten werden. Der Ausschuß zur Behandlung der politischen Fragen werde, wie man erwarte, aus den interalliierten Pr e m lermin i s t e r n bestehen; 1 Der Zeitpunkt für den Beginn der Vorkonferenz I der Sachverständigen in L o n d o n bleibt, ** Die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees in Berlin. j(Communiqu6.) Be r 1 i n, den 16. März 1922. Die Sitzung des A.-IC. wurde Mittwoch den 15. d. M., 4 Uhr 'nachmittags, eröffnet. Folgende Herren sind anwesend: Von der Exekutive die Herren W e it zmann, Lichtheim, Mo z k in, Solowejt s c h 1 k, Richter, Rosen bla 11; vom Finanz- und Wirtschaftsrat Herr N a i d i tsch und Dr, B a r 1 h; vom A.-K. C h a j e s, Dr. fr ä n t k e, Dir. ) a c o bs o n, Grlinbaum, Dr. Re i c h; R 6 s o w, Blumenfeld, Strffck, Lewin-Epstein, F a r b s t e i n, Rabbiner Rubin s t e i n, Kaplan, Dr. Abr. Katzeneisohn, Torsky, Mer.eminsky, Rubascho w. / Weitzmanns Referat. Nachdem der Präsident des Großen Aktionskomitees Dr. Chajes die Sitzung hebräisch eingeleitet hatte, wurde sofort in den ersten Punkt der Tagesordnung eingegangen, und zwar in den Bericht über die politische Lage. Das Referat Dr. Weitzmanns sowie die politischeDebatte wurden für v e rt r a u 11 c h erklärt Dr. Weitzmann berichtete über diei-Frage des Mandats und die Aussichten seiner b a 1 d i g e n Ratifizierung. Sodann erörterte er die Frage des Entwurfes einer Konstitution für Palästina und die Haltung, die die Exekutive dazu eingenommen hat. Er verbreitete sich hiebei auch über die Tätigkeit der arabischen Delegation in London und unsere Politik gegenüber den Arabern. Im weiteren Verlauf seines Berichtes ging Weitzmann auf die Vorfälle ein, die in der letzten Zeit die zionistische Oeffentlichkeit stark beschäftigt haben, insbesondere die Angriffe der N or t.h c ti f f e- Presse, den Fall Stuart Samuel und die orthodoxe Delegation zu Lord Northcliffe in Palästina. Außer diesen Angriffen von außen mußte sich Dr. Weitzmann auch mit den Angriffen von innen beschäftigen; er betonte, wie verderblich die zionistische Opposition, die von Paris und dem Haag ausging, auf die zionistische Atmosphäre wirkte. Statt die Leitung in ihrer schwierigen Position zu stützen, sei von dieser Seite der Versuch gemacht worden, sie gerade im entscheidenden Augenblick zu schwächen. Trotz aller dieser Hindernisse, erklärt Dr. Weitzmann, ist die politische Situation im allgemeinen als günstig zu bezeichnen, doch müßten Wege gefunden werden, um die Position des Zionismus zu stärken, gerade mit Rücksicht darauf, daß die Ratifizierung des Mandats bevorsteht und sich dann besonders große Aufgaben für das jüdische Volk ergeben werden. Nach Weitzmanns Referat hielt zunächst der Vorsitzende Dr. C h a j e s den kürzlich verstorbenen hervorragenden Persönlichkeiten der Bewegu g, dem Arbeiterführer und Schriftsteller A. D. G o r d o n, dem Rabbiner Dr. Nobel und dem Rabbiner Dr. M a rg u 1 i e s (Florenz), einen Nachruf, den das A.-K. stehend anhört. Sodahn wurde fn die politische Debatte eingetreten. /Als erste Redner sprachen die Herren: Dr. C h.a j e s, Dr. R e i c h, T w e r s k y, Dr. J a c o b- 8 o n und G r&nbaum. Ferner wurde ein Brief des Herrn Adolf Böhm verlesen. Die Debatte dauerte in ‘den Abendstunden noch fort. Vorkonferenz in London. wie das Reutersche Bureau weiters erfährt; ebenfalls be<« stehen. Alle - Sachversländigen von auswärts werde® Sonntag in London erwartet. Die erste Zusammenkunft ist für 11 Uhr 30 Min. im Handelsamte anberaumt. Auf dieser Konferenz werden die Finänzdelegierten über dis Ergebnisse ihrer früheren Zusammenkünfte berichten, di« Fragen zur Kenntnis nehmen, die in Genua zur Erörterung vorgeschlagen werden, und die Entschließungen Mitteilen» dis sie einbringen wollen. Auf britischer Seite werden alle Vorbereitungen getroffen, damit die britische Mission in der ersten Aprilwoche abreisen könne, um am Eröffnungstage in Genua einzutreffen. ♦ Rom, 18. März. (Tel.-Komp.) Nach Blättermeldungea umfaßt das Programm der Genueser Konferenz folgend« Hauptpunkte: 1. Untersuchung der Methoden, die zuf Durchführung der in Cannes vom Obersten Rat .angenommenen Beschlüsse dienen sollen. 2. Schaffung fester Grundlagen, auf denen der europäische Friede aulgebauf werden kann. Viscount Peel — Staatssekretär für Indien. . L o n d o ti, 18. März. (Reuter.) Viscount Peel ist zum Staatssekretär für Indien ernannt worden. Gandhi zu sechs Jahren verurteilt. Ahmedabad, 18. März. (Reuter.) Def Agitator Gandhi ist zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die amerikanischen Besetzungskqsten« Washington, l8. März. (Reuter.) Im S’e h a t' beschoi'lid'igten diie Senatoren Lodgc und Und1 er-, wood im Zmammmfaaing milt dar Frage dior Be* setizuingslkioLitiein cLLe Alliierten ,‘:sfie nähmen ekle Frag« teclmfedher Art zauim Vorwand, um dar FondemunH dev' yereimiign.en Staaten aiuisizmweichen- Senator B o r ß"h bewog sädh. auf dfie Poiineiarl ziugesdhiriebene Eirkilänung, wonach Amerika beircdhW tigt er weise von den Ailiientien-die Rezalhllung dJeij ameritoamiiistchen Bcsetizumgslkiotsten .«nicht vorlangAß konnte. Die ammlkanmsiahien Tmiptpom, eiMärtt« Boralh, seien rum Vorteil der Alliüorten in Europa gewesen. Jettzit seien isrie ansdheiiriontd dort miichit mdhtf nöt'fg.. Die Haltung der AllliLorten enscfhieiimte gana unbegründet und reahtfentige die -Rüdcbenufung der amerikiamisiaheni Truppen. Senator Poindexter sagte, er halte es fü< möglich, daß Amerika infolge seiner Vertretung ins dei Reparationskomn^ssion in die zum großen Teile politischen Wirren Europas verwickelt werdlenf könnte. Senator Lodge erwiderte, die Frage der Be« sertaumgi (kosten halbe mit der Rejptainatiion'SikioonmLssioni nichts zru tun. Die amerikanische Forderung beruhe auf dem Waffenstillstandsabkommcn. Senator N o r r i s erklärte, die Ablehnung der, atmerikamiisdhen Forderung «Wdlle eimiem Moingdl an Achtung gegenüber der amerikanischen Regierung dar. Falls sich die Vereinigten Staaten der Verfügung der Allierten unterwerfen sollten, kömnteö diese ebensogut beschließen, irgendwelche ander« Zahlungen abziulehnen. Senator Lodge entgegnete, die ameriikani« seihen Tiru,pipen würden so rasch aJs möglich in di< Heimat zurüakbcfordert werden. Die militärischen Parasiten. Berlin, 18, März. Der *Vorwärts“ veröffentlicht eine Protestkundgebung des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes und des Allgemeinen Freien Gewerkschäftsbundes gegen die Aussaugung Deutschlands. Die Kundgebung w$st auf die übermäßig hohen Bezüge der Mitglieder der interalliierten Kommissionen hin. Ein französischer General in Deutschland bezieht jetzt jährlich 1,886.200 Mark, ein englischer General sogar 3,619.500 Mark, und selbst ein einfacher englischer Soldat 362.620 Mark, also weit mehr als der höchste Beamte der deutschen Republik. Diese Riesenbeträge müssen, wie es weiler in der Kundgebung heißt, aus der deutschen Arbeit aufgebracht werden. Die deutsches Gewerkschaften erheben hierait öffentliche Klage übe? diese Vergeudung des Ertrages deutscher Kraft * und deutschen Arbeitsfleißes. m