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Wiener Morgenzeitung · 1922-03-04 · Heft 1112 (4.3.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1112 (4.3.1922)
Date
1922-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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KMLGMWkNiEr K 45 Wien: Zum Abholen in der Expedition, H.,Taborstr. 1—3, oder »n einer Versclileißstelle (Trafik) monatlich K 1200. Mit Post versau d fürWi en und Oesterreich monatlich K12CKX rrnrr Ts c.h ech prSl owakei: Mon. Kronen20., Ungarn: Monatl, Krönen 120., lugosluwien: Monat!. Dinar 18. Polen: Monatl/Mark 600. Deuts chl a n d: , Monatlich Mark 30. Frankreich: Monatl. Frcs.6. Mp. 1112 Wien, Samstag, 4. März 1922 tsd&i. K'S Halfen: Monatlich Lire Rumänien: Monat!. Lei- 40« Sch weis und das. übrige; Ausland monatlich Francs L Redaktion , u. Administraüorß Wien U., Taborstrasse 1—3; Telephone: '44-0-38, 43-3-19^/ ab 6 . Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse:»,Morgen- - zeitung“, Wien. Oesterreichisches Pöstsparkassenkonto 150.693} Am INKkUTKg Die offene Tür. Faszisten-Revolution in Fiume Die Regierung gestürzt. — Der Gouverneur verhaftet. —y. Wien, 4. März. Der österreichische Bandeskanzler konnte gestern den Erfolg seiner Bemühungen und seiner entschlossenen Initiative feiern. Er hat den Weg zur politischen und wirtschaftlichen Selbsthilfe des Staates betreten und das Resultat ist die Stärkung der internationalen Position Oesterreichs. Er hat die Entente davon überzeugen können, daß es ihre moralische Pflicht sei, das uralte Kulturgebiet im Zentrum Europas nicht zugrunde gehen zu lassen. Er hat der TsChecho-Slowakei verständlich machen können, daß ihre mitteleuropäischen Aufbaupläne ohne eine Hebung Oesterreichs undurchführbar seien, und er hat die antiösterreichische Orientierung Torrettas überwunden. Es ist Herrn Schober gelungen, . Oesterreich in die große politische Diskussion der Welt wieder einzufügen, und er könnte gestern mit Fug und Recht als Sprecher des Staates seine Worte, an die Diplomatenloge richten, in der der eiiglische inanzvertreter Young den Arbeiten des Nationalrates folgte. Daß Herr Schober im Nänteii aller Parteien; sein Expose erstatten konnte, gibt seinen Darlegungen einen besonders schärf könturierten Stempel. Die Einmütigkeit der Oeffentlichkeit will einer Geltendmachung der auswärtigen Kontrolle zuvorkommen.und,es ist nach den wechselvollen Zwischenfällen der letzten Krise eine sehr bedeutsame Wendung, daß sich der Kanzler auf eine Abmachung sämtlicher Parteien stützen konnte. In der Politik entscheidet stets für die Gesamtbeurteilung das Resultat. Es rechtfertigt den Weg, auf dem es erreicht wurde, auch für den Fall, als es gegen den Willen der Mehrheit erzielt wurde. Herr Schober kan.fi sich aber darauf berufen, daß seine Politik es war, die die-Umklammerung Oesterreichs löste, und daß er auf dem Wege über Prag die Fühlung mit den Siegerstaaten herstellte. Diese Politik, die dem Kanzler die Entrüstung aller Staat&verneiner eintrug, ist von der überwiegenden Mehrheit, der Bevölkerung gutge? . |j'e1ße[iV3yordejLyJD''eFStaat^^^ ' Regierung, /der so : viel und so gerne mißverstanden wurde, war das erste Anzeichen des Willens Oesterreichs, kein Almosenempfänger bleiben zu wollen. Oesterreich hat Anrecht auf Sicherung seiner Existenz, nicht weil es angeblich von der Entente geschaffen wurde, sondern weil es lebt Es kann kein müßiges Dasein führen und auf irgendeinen reichen Wohltäter warten, es darf sich auch nicht auf das Meer der Wellanschauungskämpfe zwischen rechtem und linkem Radikalismus hinauswagen. Es muß sich mit seinen Mitteln einzurichten suchen und für sich Kredit, Vertrauen in seine Ehrlichkeit und seinen Fleiß werben. Es haben Parteien von der gänzlichen politischen Passivität, von dem Staatsbankrott als einem Mittel gesprochen, das die Entente zur raschesten Intervention zwingen würde. Andere Parteien haben die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, den geistigen Anschluß an das im Hunger stöhnende Rußland vorgeschlagen, man hat Oesterreich für eine lebensunfähige Mißgeburt verschrien. Allen diesen Zwangskuren hat die Bevölkerung ihre Ruhe, Geduld und ihre Arbeit entgegengesetzt und schließlich in Schober den Mann gefunden, der die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit Oesterreichs zu seinem Programm nahm. Der Weg ist nicht leicht geworden. Herr Schober gab gestern eine detaillierte Schilderung der Schwierigkeiten, die zu entfernen waren, ehe er mit Hilfe der von ihm beeinflußten Wohlmeinung der Prager Regierung das verrostete Schloß zu den Krediten öffnen konnte. . Der Betragender Oesterreich als Vorschuß auf den Völkerbundkredit erhält, scheint ziemlich gering. Es sind 4Vi Millionen Pfund Sterling, gleich etwa 127 Milliarden Kronen oder zwei Fünftel des österreichischen Defizits. Diese Summe kann aber weniger nach ihrem finanziellen, als vielmehr nach ihrem moralischen Wert beurteilt werden. Sie ist geliehen, also ein sichtbarer Ausdruck eines Vertrauens, das Oesterreich bereits besitzt. Es handelt sich um einen Vorschuß des Völkerbundes, der also die Gewißheit erhalten muß, daß Oesterreich kreditfähig ist und daß dieses Vertrauen nicht getäuscht werden wird. Es kommt also jetzt auf die Oeffentlichkeit an, das Sanierungsprogramm des Kanzlers durchzuführen, ihn im Sparen zu unterstützen und alle Extraforderungen einzelner Klassen an die Tasche der Gesamtheit abzuwehren. Es muß aber auch politisch Ruhe werden und die Demagogie auf bessere Zeiten verschoben werden. Die kleine Efttente ist verstimmt* Warschau, 2. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Dem hiesigen Außenministerium ist eine Information zugekommen, wonach die kleine Entente im Einvernehmen mit Polen beschlossen habe, den Vorschlag Lloyd Georges an den Vorbereitungskonferenzen in London teUzuaehme* ab- Mailand, 3. März. (Tel.-Komp.) Wie aus Fiume berichtet wird, haben die Faszisten heute vormittags das Post- und Telegraphengebäude besetzt und sich der Verwaltung bemächtigt. Später rückten bewaffnete Abteilungen gegen das Regierungsgebäude vor und eröffneten von den Dächern der umliegenden Häuser ein Gewehrfeuer auf den Regierungspalast. Die Polizei hatte sich im; Gebäude verbarrikadiert Da die telegraphische Verbindung mit Fiume unterbrochen Ist, fehlen noch nähere Einzelheiten. Zu den Unruhen meldet „Popolo d’Italia“, daß der Vertreter Fipmes, Kapitän Höst Venturi, in Rom eingetroffen sei, um dort Fühlung mit verschiedenen Karamergruppeu zu Warschau» 2. März. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Wie in hiesigen, maßgebenden politischen, Kreisen verlautet, soll in den nächsten Tagen eine gemeinsame Demarche der hiesigen Ententevertreter in der Wilnaer Frage erfolgen. Diese soll die politischen Faktoren zur Anerkennungein erAutonomie für das Wilnaer Gebiet veranlassen. Der französische Gesandte P a n-a f i e u soll bereits der Regierung den •freundschaftlichen Rat erteilt haben, die Wünsche der Ententemächte bezüglich Wilnas zu beherzigen, wofür dann Polen eine definitive Grenze im Osten mit Einschluß von O s t g a 1 i z i e n, dem ein ähnliches Autonomiestatut wie Wilna zu gewähren wäre, erhalten soll. London, 3. März. Das Reutersche Bureau veröffentlicht eine Mitteilung, wonach man. in alliierten Kreisen wegen, der Wilnaer Angelegenheit Be s orgni s hege, Weil Polen das Votum des Wilnaer Landtags /als-; mit? 4er Aufforderung gleichbedeutend zu betrachten scheine, das von Litauen beanspr u ch t e Ge bist z u a n n e k t i e re n. Der Nationalrat nahm gestern die dritte Lesung des Bundesfinanzgesetzes vor, das sodann auch vom Bundesrat ohne Einspruch verabschiedet wurde. Sodann erstattete Bundeskanzler Schober sein Expose über die Kredite und ihre Verwendung. Er schilderte die Vorgeschichte und den Verlauf der Aktion und gedachte der Unterstützung durch die tschechische Regierung. Ueber die Verwendung der Kredite schlage er dem Hause als Ergebnis der Beratungen aller Parteien folgendes vor: Der dem österreichischen Staate zur freien Verfügung stehende Teil der kreditierten Auslandsvaluten-im Betrage von rund 41/« Millionen Pfund wird durch ein besonderes Bundesgesetz ausschließlich der Regulierung des Marktes in ausländischen Zahlungsmitteln gewidmet, (Lebhafte Zustimmung.) Als hiefür geeignete Maßregeln werden in Aussicht genommen je nach der Lage des Marktes: Abgabe ausländischer Valuten gegen österreichische Noten, kurzfristige Lombardierung von Goldwerten oder Eskomptierung von nicht länger als 60 Tage laufenden «Golddevisen. Die einfließenden Noten sind nur-zum Erwerb ausländischer Valuten, zum Kaufe oder zur Eskomptierung von nicht länger als 60 Tage lautenden Golddeviseu und zur kurzfristigen Lombardierung von Goldwerten zu verwenden. Die gesetzmäßige Verwendung der Kredite Wird unter eine besondere Kontrolle gestellt. Wenn wir diesen Zweck durchführen, dann wird damit die Beendigung jeder Spekulation mit unserer Krone, die Beendigung derHaussederfremdenValuten und damit die Ermöglichung kaufmännischer Gebarung, vernünftiger Kalkulation in Handel und Wandel in Oesterreich wieder möglich sein. In diesem Sinne erkläre ich namens der gegenwärtigen Regierung, daß, solange wir auf unserem Platze bleiben, keinPenny und kein Centime und auch kein Centesimo für andere Zwecke als die in diesem einzubringenden Gesetze vorgezeichneten verwendet werden darf. (Lebhafter Beifall.) Weg mit der Katastrophenkonjunktur, die durch drei Jahr« unser Wirtschaftsleben eigentlich beherrscht hat! Die endgültige Stabilisierung .< - K-one ist eine Sorge späterer Zeit, nehmen. Er setzte die Lage Fiumes, die sich durch df« letzten Ereignisse bedeutend verschlimmert habe,,, auseinander und erklärte , eine sofortige Intervention der italienischen Regierung für unumgänglich notwendig. Host > Venturi wird auch dem Ministerpräsidenten über die Vorfälle Bericht erstatten. * Budapest, 3. März. (Ung. Tel.-Kdrr.-Bur.) Aus Agram wird gemeldet, daß der Gouverneur von Fiume Zarneil a sich nach einem sechsstündigen Kampfe heute nachmittags ergeben mußte und sich seither in .der Gefangenschaft der 1 Faszisten befinde. Die Vereinigung Wilnas mit Polen. Gemeinsame Demarche der Mächte bevorstehend. Die Verwendung der Kredite. Schobers Exposö. (Von unserem Parlamentsberichterstatter.) Wilna, 1. März. (Tel. der „Wiener Morgeiiz.eftung*.$ In hiesigen politischen Kreisen verlautet, daß der Sejm nach dem Vollzug des. Vereinigungsakts seine Aufgabe für erfüllt erklären und die Auflösung beschließen wird. Die Vertreter der Volksräte und der Nationaldemokraten haben in der letzten Sitzung der politischen Komission den, Antrag gestellt, daß die Delegation des Wilnaer, Sejm als Vertreter der Wilnaer Bevölkerung in den Warschauer Sejm auf genommen,werden soIL , . Des bisherige Regierungschef Meysztowi ca hat seine Demission mit der Begründung’ überreicht, daß gegenwärtig die Regierungsgewalt dem Vertreter det polnischen Regierung zu übergeben sei* (Tel% fer >#Wje^er .IWrgM . Warschau, 2, MStrz. zeitüng“.) Dör VsreiuiPihgAE an 4. März im Präsidium des Ministerrates in wart des Sejmmarschalls Tromczynski unterfertigt werden. Hand in Hand mit der Kredithilfe müssen Heye Maßnahmen gehen, welche geeignet sind, mit der größten Raschheit des Budget in Einnahmen und Ausgaben z« bilanzieren. Unser Ziel muß ein defizitloses Budget sein. Zu dem Zwecke wird Sparen, Sparen und wieder Sparen unsere Losung-sein müssen. Eines ist unbedingt notwendig Der Abbau der Lebensmittelzüschüssa muß nunmehr rasch und restlos erfolgen; der L u x u s* Konsum, insbesondere aber der A1 k o h o 1 v e rbrauch, muß durch ausgiebige Besteuerung und die Einfuhr solcher Artikel überdies durch hohe Zollzuschläge erschwert werden. Im Zusammenhang damit wird auch das bereits in Verhandlung stehende Gesetz über das Verbot der Alkoholabgabe an die Jugendlieben gewiß zu berücksichtigen sein. Die Erträgnisse der Tabakregle müssen wenigstens so yreit erhöht werden, daß dieses Monopol dem Staate wieder jenen Ertrag ab wirft, der dem Ertrag der Vorkriegszeit entspricht Was die Ausgaben des Staates aniangt, ist eine durchgreifende Reform, aufgebaut auf die allergrößte Sparsamkeit am Platze. Die staatlichen Betriebe müssen saniert werden durch Ausscheidung der Staatsbetriebe aus der bisherigen Hochmutsverwaltung und durch strenge kaufmännische Gebarung. Wenn dem Beamten wirklich wertstabiles Geld für seine Leistung geboten wird, daun wird auch die Unruhe und die Unstabilität in der Gestaltung der Bezüge, die leider die letzte Zeit charakterisiert haben, verschwinden und einem Zustand der Ordnung Platz machen. Mehransprüchen wird selbstverständlich von nun an in diesem Sinne entgegengetreten werden müssen. Bis zur Durchführung des bereits eingebrachten Beamtenabbaugesetzes wird die Regierung von den Bestimmungen der Dienstpragmatik Gebrauch machen und den Abbau entbehrlicher , Beamten mit Wohlwollen für die Beamten, aber mit allem Ernst und mit allem Nachdruck durchführen. Die Regierung rieht in Erwägung, Zur Deckung ihres aus Investitionen erwachsenden Geldbedarfes eins innere Anleihe zu begeben, um so die Mittel zu gewinnen, um durch rascheste Inangriffnahme der dem tatsächlichen Bedarf .dK.

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