Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1111 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Zionistische Exekutive veranstaltet gegenwärtig eine Anzahl von Versammlungen und Besprechungen mit politischen Persönlichkeiten, die der Geltendmachung der jüdischen Anrechte auf Palästina dienen,. Letzten Samstag fand eine Versammlung in Oxford statt, in weicher Dr. W e i t z m a n n und der englische Gesundlieitsminister Alfred Mond über die gegenwärtige Lage in Palästina sprachen,» Minister Mond drückte sein Erstaunen darüber aus, daß manche Personen die Balfour-Deklaration als einen „Fetzen Papier“ behandelt sehen möchten. Er glaube nicht, daß die britische Regierung auch nur die leiseste Absicht habe, diese Deklaration zu verleugnen oder irgendein übernommenes Mandat abzulehnen. ' In den nächsten Tagen soll bei dem englischen Parlamentsmitglied Lady Astq;||eine Aussprache über den Zionismus st|f|finden, für welche die angesehensten politischen Persönlichkeiten Englands ihr Erscheinen 0 in Aussicht gestellt haben. Die Exekutive . stellt in steter Fühlung mit B a 1 f o u r und dem englischen Kolonialministerium. London, 1. März. (J. C. B.) Die arabische Delegation überreichte der englischen Regierung ein Memorandum zum Verfassungsprojekt für Palästina, in welchem sie sich bereit erklärt, den Entwurf als Verhandlun g s b a s i s zu akzeptieren. Einigung der Parteien in der Frage der Verwendung der Auslandskredite. Wie wir erfahren, haben sieh die politischen Parteien in der gestern abends im Parlament stattgefundenen Beratung über den Regierungsentwurf, betreffend die Verwendung der Auslandskredite, geeinigt. Die;Regierung wird dem Nationalrat einen diesbezüglichen Gesetzentwurf vorlegen. . : Ueber die Konferenz wird folgende amtliche Mitausgegeben: - -; Gestern ürn 5 Ohr nachmittags traten die Vertreterder Parteien neuerlich mit dem Bundeskanzler und dem Finanzminister zu einer Beratung über die zweckmäßige Verwendung der Auslandskredite zusammen. Die Mitglieder der Regierung entwickelten ihren Plan, der im wesentlichen auf Maßnahmen zur R egulierung des Marktes in ausländischen Valuten und D e v i s e n und auf die notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung des Staatshaushaltes abzielt. An die Darlegungen der Regierung schloß sich eine länget e Debatte, die bis spät abends währte. Der Bundeskanzler wird in der heutigen Sitzung der Plan der Regierung dem Nationalrate unterbreiten. Die innerpolitische Krise in England. Rücktrittsabsichten Lloyd Georges? Paris, 2. März. (Havas.) Die Blätter melden aus London: Der Brief Lloyd Georges an Chamberlain, worin er erklärt, er könne sein Amt nicht behalten, wenn George Youngeir der Wortführer der Konservativen bleibe, wird als tatsächliches Ultimatum angesehen. Die „Times* schreiben, die Konservativen und mehrere andere Parteien halten die Regierungskoalition für erledigt. London, 2. März. (Wolff.) Bis gestern abends hat sich in der politischen Krise nichts geändert Indessen deuten Anzeichen darauf hin, daß die Anhänger der gemäßigten Richtung alles tun, um die Koalition zu retten. „Daily Chronicle“ erfährt, Balfour unterstütze Lloyd George gegen die Unversöhnlichen in der konservativen Partei und beabsichtige, sie demnächst öffentlich zu fragen, welches ihre Politik sein würde, wenn sie die Koalition niedergeworfen hätten. „Westminster Gazette“ sagt, die Koalition sei zerbrochen, weil sie ein unnatürliches Bündnis darstelle und zu Kompromissen und Ausflüchten gezwungen gewesen sei. „Daily Telegraph“ schreibt, in wohl unterrichteten Kreisen herrsche die Hoffnung vor, daß die Schwierigkeiten überwunden und die Koalition vor einem Bruche werde bewahrt werden. Nach den „Times“ bestehen in der unionistischen Partei scharfe Gegensätze hinsichtlich der Frage', ob man Lloyd George folgen solle. Das Blatt meint, die große Mehrheit werde der Führung Chamberlains folgen. In einigen Kreisen werde vorgeschlagen, Balfour aufzufordern, ein Verlegenheitskabinett zu bilden, und zwar mit Unterstützung der Unionisten, die eine ausreichende Mehrheit gegenüber allen übrigen Parteien Im Unterhause besitzen. Indessen würde eine solche Regierung mit der Zelt auf Schwierigkeiten stoßen. Die Konferenz BenescK-Nindc. PreSburg, 2. März. (Tschecho.-slow. Preßbur.) Ueber ' die Beratungen des Ministerpräsidenten Doktor Benesch mit dem jugoslawischen Minister des Aeußern Nincic wurde folgendes amtliche Communiquö verlautbart: Die . beiden Minister informierten einander in der heutigen Konferenz über ihre politischen Unternehmungen in Buk a r e s t, Paris und L o n do n. Die Minister erörterten alle Frage der i h:t-ern a Hott alen Situ ati on der beiden Länder und des Verhältnissen zwischen den beiden Staaten. Insbesondere befaßten sie sich mit der Konferenz von Genua, der Organisierung der vorbereitenden Arbeiten und der Zusamtnenkunft der Sachverständigen der kleinenEntente und Polens, die in Belgrad am 5. März beginnen wird. Die Minister haben in allen besprochenen politischen und wirtschaftlichen Fragen volles Ein v e r nehmen festgestellt > Preßburg, 2. März. (Tschecho-slow. Preßbur.) Heute nachmittags fanden die Beratungen des tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Dr. Benesch mit dem jugoslawischen Minister des Aeußern Doktor Nincic gleichzeitig mit den Beratungen des jugoslawischen Gesandten in . Prag Dr. Vosnjak mit dem tschechoslowakischen Gesandten in Belgrad Kalina statt. Hiebei wurden die mit der Belgrader Sachverständigenkonferenz zusammenhängenden technischen Fragen durchberaten. Um 17 Uhr 30 Minuten reiste Minister des Aeußern Dr. Nincic mit dem Chef des Protokolls ab, um sich über Wien nach Belgrad zu begeben. Ministerpräsident Dr. Benesch kehrte mit dem Nachtschnellzuge in Begleitung der Konferenzteilnehmer nach Prag zurück. Mexiko und die jüdische Einwanderung. Chicago, 1. März. (J. C. B.) Der hiesige jüdische Advokat Mr. Paul Rothenberg, der vor einiger Zeit der Einladung des mexikanischen Präsidenten, nach Mexiko zu kommen, um die Frage der jüdischen Einwanderung zu besprechen, folgte, kehrte dieser Tage zurück und erklärte, daß der mexikanische Präsident bereit ist, eine Proklamation an die Juden Osteuropas zu erlassen, in welcher sie eingeladen werden, nach Mexiko einzuwandern. Die Proklamation soll sofort nach erfolgter Genehmigung ihres Inhalts durch prominente jüdische Führer erlassen werden. Die mexikanische Regierung soll ihre Bereitwilligkeit erklärt haben, den jüdischen Immigranten aus Osteuropa wichtige Konzessionen zu gewähren. Es sollen gewisse große .Bodenflächen der jüdischen Ansiedlung zur Verfügung gestellt werden und die Regierung ihrerseits soll bereit sein, in Unterhandlungen über sofortige Zuerkennung der mexikanischen Staatsbürgerschaft an die Emigranten gleich nach deren Eintreffen zu treten, und zwar auf Grund einer Erklärung, daß sie bereit sind, in Mexiko ständigen Wohnsitz zu nehmen. Ferner sei die Regierung bereit, jedem Einwanderer ein Jahr hindurch eine Unterstützung von einem Dollar täglich zu gewähren,und für eine Reihe von Jahren volle Steuerfreiheit in Aussicht zu stellen. (Die Nachricht ist vorläufig mit größter Reserve aufzunehmen, zumal da vor der Einwanderung nach Mexiko wiederholt gewarnt worden ist.) Ausgleich mit Aegypten. —y. Wien, 3. März. Die Erklärungen Lloyd Georges im englischen Unterhaus über die Aufhebung des Protektorats über Aegypten tragen, wie der Ministerpräsident1, selbst hervorhob, einen einseitigen Charakter. Der englischen Regierung stand in der letzten Zeit kein legitimer Verhandlungspartner gegenüber und die Klärung der ägyptischen Frage im Sinne einer billigen Anpassungan die Unabhängigkeitsforderungen kann erst jetzt in Angriff genommen werden. Die Rede Lloyd Georges zieht für die Wahrung der Interessen Englands einen Rahmen, innerhalb dessen ein Ausgleich mit Aegypten vollzogen werdenkann, und das Verhältnis Englands zu . dem Gebiet, durch das die Verbindlungslihjen nach Indien und dem Sudan laufen, wird jetzt eine rechtliche Form finden, die seit der Okkupation vom Jahre 1882 gefehlt hat und erst im Jahre 1914 nach "Ausbruch des Weltkrieges durch die Erklärung des Protektorats einen kümmerlichen Ersatz erhalten'hatte. Die Zusage Sir Greys, das Protektorat werde hach dem Kriege beseitigt werden, soll jetzt eingelöst werden., ' Nach der Beendigung des'Weltkrieges hatten sich die nationalistischen Gruppen Aegyptens fusioniert und ein . gemeinsames Programm aufgestellt, das Zagluk Pascha England gegenüber vertrat Lord Milner, der in Südafrika die Versöhnung mit den Buren erzielt hatte, fungierte jetzt als Unterhändler mit Zagfül und erzielte auch tatsächlich eine Einigung, bei welcher unter Anerkennung der Unabhängigkeit Aepyptens alle für England notwendigen strategischen. Sicherungen zugestanden wurden. Aber die englischen Konservativen» die Militärpartei und die „Morning Post“-Grup'pe, die immer gerne die gepanzerte Faust zeigt, verhinderten . den Ausgleich. Zaglul Pascha trat von seiner Mission zurück. Sein Nachfolger Adly Pascha1 reiste im Sommer des Vorjahres nach London. Ah.ch er konnte das Minimalprogramm der Nationalisten, nicht durchsetzen und kehrte nach einem halben Jahrs fruchtloser Besprechungen nach Aegypten zurück. Am 5. Dezember 1921 gab er seine Demission Und seither war Aegypten ohne Ministerium. Im Lande kam es nunzu schweren Zusammenstößen zwischen dem Militärgouvernement, und den Nationalisten. Blutige Unruhen in Kairo führten zur Proklamierung des Belagerungszustandes und zur Verhaftung Zagluls, der schließlich außer Landes gebracht und auf den Seychelieninseln interniert wurde. Da aber Militärverwaltung das ungeeignetste Mittel zur Lösung politischer Fragen ist, hat der englische General AUenby nunmehr selbst die Formel vorschlagen müssen, die die Grundlage für Lloyd Georges einseitige Ausgleichserklärung bildet Sie hat bereits die gute Wirkung gezeitigt, daß der, Khedive wieder eine Regierung gebildet hat Sarwat Pascha, einer der Führer der Unabhängigskeitspartet steht an der Spitze des neuen Ministeriums, dem die große Aufgabe zufällt, die Vereinbarungen mit England zu.einem gedeihlichen Abschluß zu bringen. Für Eftgland tritt damit eines seiner wichtigsten Staatsprobleme in den Vordergrund. Durch den irische« Ausgleich hat Lloyd George einen bedeutungsvolle« Erfolg erzielt, der nun durch die Schaffung eines neuen harmonischen Verhältnisses zu Aegypten ausgebaut werden soll. Die Widerstände der Anbeter der starken Hand, die sich in der irischen Frage zeigten, hatten: in Aegypten die Dinge auf die Spitze getrieben und einen für die Autorität Englands in den Kolonien bedrohlichen Zustand geschaffen. Der Zusammenhang zwischen dpt antienglischen Bewegung in Aegypten, in Palästina und in Indien liegt klar zutage und an allen diesen empfindlichen Punkten des britischen Imperiums fällt schwere Schuld auf die von den Konservativen beschützte Militärherrschaft Die Unvernunft, die in Kairo das Flintenrezept gegen Volksmassen anwendete und die ägyptische Freiheitsbewegung mit dem Belagerungszustand zügeln wollte, zeigte sich in anderer Form in Palästina, nur mit dem Unterschied, daß die gleiche Behörde hier die Araber unterschätzte, dort überschätzte. Für das rein englische Interesse wendeten die Militärs die Gewalt an, für das vom Panarabismus bedrohte Judentum gingen sie — gegen die Juden vor. Und die Art, in der General Storrs die Einlösung der Balfour-Deklaration im grellsten Widerspruch zu ihrem Sinn und Ziel sabotierte, steht noch zu frisch im Gedächtnis. In Irland hat Lloyd George . seine Methode des geduldigen, zähen Verhandelns zum Siege geführt; er will jetzt auch in Aegypten den Einklang zwischen Staats- und Landesinteresse durch friedliche Besprechung erzielen. Die gleiche Methode wird über kurz oder lang in Palästina angewendet werden müssen, um das vom Völkerbund im Friedensvertrag von Sfcvres übernommene Mandat zum Zwecke der Errichtung und Sicherung eines jüdischen Heims in Harmonie mit allen das Land bewohnenden Nicht- Juden zu erfüllen. Wir sind Zeugen, daß England die;;v4'