Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1109 (1.3.1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lei 40J Schweiz und das übrigd Ausland monatlich Francs 33 Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse 1—L Telephone: 44-0-38, 43-3-19'* ab 6 Uhr abends 17-9-3Ä Telegrammadresse: „Morgen-” zeitung", Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.6931/ Nr. 1109 Wien, Mittwoch, 1. März 1922 l. Jahrgang Die Schützer der Erwachenden. —y. Wien, 1. März. Erzbergers Mörder, die gegenwärtig den Schutz der ungarischen Regierung genießen, können sich jetzt davon überzeugen, wie reich das Leben in Ungarn fließt. Jeden Tag gibfs eine Judenhatz, Demonstrationen mit Plünderungen und Revolverschüssen im jüdischen Viertel Budapests, Massenaufzüge mit Tafeln: „Hoch der Pogrom 1“ Und ihre Freunde sind nicht engherzig und tragen die Errungenschaften dieser magyarischen Kultur auch dem minder glücklichen Ausland zu. In München hat die Polizei sehr gegen ihren Willen einen Erwachenden stellig machen müssen, der an einem Bündnis der diversen Mörderklubs arbeitete; in Wien IÄ die Behörde mit der Aufdeckung eines mysteriösen Bombenattentats beschäftigt, das in Budapest" ausgeheckt und von Erwachenden vollstreckt werden sollte. Das sind die Sypmtome des christlichnationalen Kurses, die sich dem Außenstehenden am sinnfälligsten einprägen und die erkennen lassen, daß die soziale Entwicklung Europas Ungarn unberührt gelassen hat Die Friedehsverträge, die den Weltkrieg beendeten, waren von einem ungeschriebenen Uebereinkommen begleitet. Es sollte auch der Geist des Krieges, . die Verneinung der ehrlichen Arbeit des Bürgerfleißes und der Harmonie der Klassen zur Ruhe bestattet werden. So viele Fehler das Friedenswerk, auch hat, so viele offene Fragen es umfaßt — die Tatsache,, daß es zum Frieden überhaupt gekommen ist und daß der Weg zu einer anderen Beilegung von Streitigkeiten als mit den Waffen und der brutalen Gewalt wieder geöffnet wurde, schafft den bleibenden Wert der Vertragsinstruinente. Aber solange es ein Land . gibt, desse# Regierung das ungeschriebene Uebereinkommen blutig verhöhnt, kann men von »keinem Frieden sprechen. Ungarn ist nicht nur ein moralischer Pestherd, es ist auch ein politisches Infektionszentrum und seine Auszahlungen werden umso gefährlicher, je. offener, sie.geschehen. Die Entente;hat;ip dein kleinen Qratgffgjgh mjt allp.tt Mittel«dfr> Frftilliihgr der schweren Verpflichtungen deSjFrißden$vertfages gesorgt. Sie hat dies' in einem Maße getfäp,;das sich lange Zeit, hindurch von einer Blockade nicht; sehr weit unterschieden hat; sie hat das Land entwaffnet, alle militärischen oder zu militärischen Zwecken geeigneten Objekte zerstört und dadurch Milliardenwerte vernichtet und sie stellt jetzt das wirtschaftliche Leben Oesterreichs . unter ihre Aufsicht Die drakonische Strenge wäre gewiß nicht notwendig gewesen; denn niemals hätte Oesterreich eine Offensivabsicht verwirklichen können. Ungarn gegenüber fst die Entente ungleich liebenswürdiger zu Werke gegangen. Sie hat die Armee geduldet, die sich in den Besitz der Macht gesetzt. hat, sie hat es geduldet, daß sich ein Kriegsverbrecher aus eigenen Gnaden auf den Thron schwang und daß sich mitten in Europa zum Hohne auf alle Demokratie der frechste Absolutismus etablieren konnte. Welche Achtung kann Horthy. vor einem Mächtekonzern haben, der mit ihm verhandelt? Welchen Respekt kann eine ungarische Regierung vor den Enientekommissären hegen, die die Scheußlichkeiten in den Straßen der ungarischen Städte, das Galgensystein und die Internierungslager ansehen, ohne etwas dawider zu reden? Die Befehle der Entente zur Abrüstung und zur Herstellung der Rechtsordnung sind von Ungarn in den Papierkorb geworfen worden. Mit Recht, da die Entente nichts getan hat, um für die Sicherung ihrer Aufträge zu sorgen. Was sich nun in Ungarn abspielt, ist die Konsequenz des lächelnden Qewährenlassens, mit dem die Entente den Dingen, bisher gegenübergestanden ist. Die Nationalversammlung ist aufgelöst, Ungarn hat keine gesetzgebende Körperschaft und für die Neuwahlen, die nunmehr vorbereitet werden, besteht nicht einmal noph eine gesetzliche Basis. Die ungarische Regierung will das Volk um das Wahlrecht betrügen. Sie hat sich zu diesem Zweck eine Kommission von Professoren des Rechtes gebildet. Solche Männer haben noch nie in einem anderen Sinn entschieden, als es eine Regierung von ihnen erwartet hat Die deutschen Professoren haben bewiesen, daß der Krieg aus der Sittenlehre Kants abzuleiten ist Der österreichische Verwaltungsgerichtshof hat die Waberschen Rechtsbeugungen sanktioniert Die ungarische Kommission erklärt, daß Horthy die oberste urtd sakrosankte Rechtsquelle ist. Und so wird eine Wahlordnung oktroyiert werden, die sogar das preußische Dreiklassenwählrecht noch übertrifft und durch die Durcheinandermengung von geheimen und öffentlichen Wahlen einen Zustand totalen Verwirrung aller Begriffe schafft Die bürgerliche Opposition und die Arbeiterschaft trägt!sich bereits mit dem Gedanken der Wahlabstinenz. Das wäre falsch, weil ein Abwesender immer unrecht hat Aber es ist charakteristisch für die im Lande herrschende Stimmung, wenn so breite Volksschichten resigniert die Flinte ins Korn werfen und dem bewaffneten Gesindel zu der Macht auch, noch den Schein Rechtes überlassen wollen.! Die Beschlüsse der Frankfurter Sozialistenkonferenz. Bankrott der Politik des Zwanges und der Gewalt. — Die Forderungen der Internationale für Genua. Frankfurt a.M., 28. Februar. (Wolff.) In der gestrigen Sitzung der Fünfländerkonferenz wurde -eine Resolution angenommen, in der es unter anderem heißt: Am Vorabend der K 0 n f e r e n z von Genua konstatieren die Delegierten der sozialistische n A r beiterparteien Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens den offenbaren B a n k r 0 11 d er Politik des Zwanges und der G e w a 11. Die Frage der Leistungsfähigkeit Deutschlands steht. in.Unlösbarem Zusammenhänge mit der gesamten Weltwirtschaft, insbesondere mit dem Wiederaufbau Rußlands. Ihre; Erö rterjing in Genua ist daher unerläßlich.. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, haben die Delegierten folgende Beschlüsse gefaßt :; Die W i e d e r h e r s t e 11 u n g der z e r s t ö r t e n Gebiete muß von D eu.tsc h I an d in ,v ollem Umfange seiner Leistungsfähigkeit über nonnnen werden. Das Problem stellt sich folgendermaßen: Einerseits gilt es, Frankreich und Belgien von den Lasten zu befreien, die gegenwärtig auf ihnen liegen, andererseits soll und muß es Deutschland ermöglicht werden, die Reparationen durchzuführ.en, ohne es zu Maßnahmen zu zwingen, die zur Verelendung des deutschen Proletariats führen, Deutschlands Währung drücke« und die Ausfuhrprämien noch steigern, die zum größten Teil auf Kosten der Arbeitslöhne eingehoben werden. Die Lösung dieses Problems ist nur möglich durch internatio-i näle .Maßnahmen, die den doppelten Zweck verfolgen, die zerstörten Gebiete schnell wieder herzustellen und die finanzielle Gesundung Deutschlands zu erleichtern, indem ihm der notwendige Zahlungsaufschub ge* währt wird. ■ * . . Unter diesen Maßnahmen sind unter anderen hervor-! zuheben: Schaffung eines internationale« Wiederaufbauinstituts, Annullierung und internationale Uebernahme derjenigen Lasten, die Deutschland in bezug auf die Kriegspensionen aufgebürdef wurden im Widerspruch zu Wilsons 14 Punkten^ Streichung der internationale u, durch den Krieg entstandenen Schulden, Einsetzung eines internationalen Schied s4 gerichtes. für alle Streitigkeiten, die sich aus' der Ausführung des Wiederaufbauplanes ergeben können.' In Erwartung einer allgemeinen Konferenz sind die' sozialistischen Parteien entschlossen, alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um der Politik des Zwanges und der Gewalt eine Politik der gegenseitigen Hilfe und der Volks*! Souveränität entgegenzustellen. Kein Eintritt Polens in die kleine , Entente. Warschau, 27. Februar. (Tel M Morgeuzeitung“.) Bemerkenswert ist Äq. wiederholte entschiedene Erklärung des Außenministers;; $kirm u n t, daß von einem Eintritt Polens .^ In die kleine Entente keine Rede sein kann und daß alle diesbezüglichen Meldungen Uebertreibungen sind. Tatsache ist, daß Polen nicht daran denkt, in eine politische Bindung mit den Staaten der kleinen Entente einzugehen oder einem Vierbund beizutreten. Bei den Verhandlungen in Belgrad und Bukarest handelte es sich nur um wirtschaftliche Fragen, die Polen gemeinsam mit der kleinen Entente in Genua interessieren. Der Wilnaer Sejm. Wilna, 28. Februar. (Poln. Tel.-Ag,) Pie Mehrheit der Klubs des Wilnaer Landtages ist der Ansicht, daß die Session des Wilnaer Landtages geschlossen werden soll. Die politische Kommission hat folgenden Antrag angenommen: Der Wilnaer Landtag wählt eine aus 22 Mitgliedern bestehende Abordnung, die die staatsrechtliche Erklärung, betreffend den Anschluß, des Wilnaer Landes an Polen, dem polnischen Landtag und der polnischen Regierung vorlegen wird. Weitere von der Kommission angenommene Anträge setzen die. Modalitäten der Auflösung des Wilnaer Landtages fest. Alle Verordnungen und Beschlüsse des Generals Z i e 1 i g o w s k! und der provisorischen Regierungskommission wie auch alle im Landtage elngebrachten Anträge und Interpellationen werden dem polnischen Landtag überwiesen werden. Die nationale Autonomie der Juden. Köwqo, 27. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Der Generalsekretär des Komitees der jüdischen Delegation in Paris, Leon Mozkin, besuchte den Minister für Auswärtiges Jarguttis wie auch den Führer der VolksnationalistenS c hi e sewicz. In einer längeren Unterredung mit dem Außenminister hat Herr Mozkin auf die im Auslande verbreiteten Nachrichten, daß die litauische Regierung die jüdische Autonomie schmälern wolle, hingewiesen. Minister Jarguttis erklärte Herrn Mozkin, daß die litauische Regierung für jeden Fall die dem Komitee der jüdischen Delegationen in ihrer Deklaration vom 5. Juli 1919 gegebenen Versprechungen auf Sicherung der jüdischen nationalen Autonomie in Litauen einhalten und erfüllen werde. Es ist sicher, daß man nicht alles erfährt Hinter dem dichten Schleier der in Europa unbekannten magyarischen Sprache birgt sich ein Zustand der totalen Zerrüttung aller rechtlichen und wirtschaftlichen Grundbegriffe. Geschützt von dieser mongolischen Mauer rottet eine Kaste von Grafen, Pfaffen und Profithyänen die letzten Reste wirtschaftlichen Gedeihens aus und läßt sich gleichzeitig durch ein Heer hochbezahlter Agenten ln der ganzen Welt als Wall gegen den kulttirzerstöjcndcn Bolschewismus feiern. Ungarn ist das letzte Ueperbieiböd des mittcraUprüchca . Feudalismus, Verhandlungen mit Polen. Kowno, 27. Februar. (Tel. der „Wiener Morgen«! , zeitung“.) Wie in hiesigen msLgedenden,JtzWL«.A^^MAl^ "Sbir. ‘demnächst die Regierung bevollmächtigte Vertreten nach.Warschau entsenden, um das Programm einer eventuellen polnisch-litauischen Konferenz zu besprechen. WieJ Ihr Korrespondent aus zuverlässiger Quelle erfährt, soll die Entsendung eines Bevollmächtigten bereits Gegenstand der Beratung der nächsten Sitzung der auswärtigen Kom-f Mission sein. . Die Bedingungen für die Anerkennung von Sowjetrußland, .-y Prag, 28. Februar. (Tel.-Komp.) Wie aus absolut ver«; läßlicher Quelle verlautet, soll die Sowjetrepublik anläßlich der Beratungen in Genua von den an dieser Konferenz! teilnehmenden Staaten de jure anerkannt1 werden, falls sich die Sowjets zur Annahme der ihnen! vprgelegten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen verstehen werden. Diese Angelegenheit ist eine der von Lloyd George und Poincar6 in Boulogne getroffenen Ver* einbarungen. Was die wirtschaftlichen Bedingungen ahlaugt, sft soll unter anderem eine absolute Garantie des künftig in Sowjetrußland zu investierenden Kapitals gewährleistet/ werden. Die politischen Bedingungen, welche die interne; Politik Sowjetrußlands keineswegs tangieren, verlange« unter anderem volle Freiheit und Sicherheit für alle Aus-j - länder, die sich in Ausübung ihrer Geschäfte In Rußland* aufhalten. Irland. London, 28. Februar. (Wolff.) Minister C h u r c h ilt erklärte im Unterhaus, die Konferenz mit Griffith-i Duggan und dem bevollmächtigten Vertreter der provisorischen Regierung in London habe ein b e-> friedigend esErgebnis gezeitigt. Die irischen Minister hätten sich durchaus an den englisch-britischem Vertrag gehalten und seien entschlossen, die gesetzt liehen Bedingungen zur Ausführung zu bringen. Die irischen Wahlen werden voraussichtlich' anfangs Juni stattfinden. Die Räumung Irland« durch die britischen Truppen werde fortgesetzt und bei erster Gelegenheit die Debatte über den Gesetzentwurf, betreffend den englisch-irischen Vertrag, wieder aufgenommen werden. j und als solches die Hoffnung aller Feudalreaktionärs in Europa, Daß die Erwachenden gerade in München' Sympathie und Unterschlupf finden können, ist kein Zufall, sondern direkter kausaler Zusammenhang.; Ueberall in Europa ist die Demokratie in vollster Ent4 Wicklung und duldet kein Zurückschrauben der soziale» Maschine. Nur Bayern und Ungarn bilden eine Ausnahme und da ihre Politik gewissen Unterströmungeu in der Entente sehr woh! zu Gesichte steht, können sie sich ungestraft zum Bund der Mörder zusammen*, scUiieikiL