Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1104 (24.2.1922)
- Date
- 1922-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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eiflsfiinaminer K~45 Wien: Zum Abholen in def Exoedition, Il./faborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1200. Mit Postversand fiirWien und Oesterreich monatlich K1200, Ts c h e c If o- S1 ow a k e i: Mon. Kronen 20. Ungarn: Moriatt. Kronen 120. lügoslawien: Monatl, Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Pres. 6. Nr. 1104 rener TidiMhO-SIOWlK«! tsch. K 1 Italien: Monatlich Lire Ä Rumänien: Monatl. Lei 40J Schweiz und das übrige*! Ausland monatlich Francs 3j Redaktion u. Administration/ Wien II., Taborstrasse 1—3^ Telephone: 44-0-38, 43-3-lW ab 6 Uhr 'abends 17-9-33; Telegrammadresse: „Morgenzeitung“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 15Ö.693J Wien, Freitag, 24. Februar 1922 4. Jahrgang irtr Der Rechtsstaat. j —y. Wien, 24. Februar. In der Generalversammlung des Hauptverbandes der österreichischen Industriellen wurde eine Reihe, von Resolutionen beschlossen, in denen die Meinung dieser wichtigen Körperschaft über die Lage des Staates niedergelegt ist. Die scheren Verhältnisse .seien durch die Bestimmungen des Friedensvertrages durch; die fortschreitende wirtschaftliche Verschlechterung und durch die mangelnde Anpassung der öffentlichen Einrichtungen an die Produktion und , ihre Möglichkeiten hervorgerufen worden. Es sei Pflicht der Regierung, sich; den Schlagworten der Straße zu widersetzen, in den: öffentlichen Enrichtungen die strengste Sparsamkeit walten zu lassen und weitere Belastungen der Industrie zu unterlassen. Die Debatte, die zu diesen Beschlüssen führte, baute sich auf einer Anzahl eingehender Referate über den„. Stand der Produktion in Oesterreich auf, die auf die Hälfte der Friedenserzeugung zurückgegangen sei. Hiebei fiel in einer Rede das für unsere Verhältnisse bezeichnende Wort, Oesterreich müsse ein Rechtsstaat werden. Dieser Ausruf zu einer Zeit, in welcher die Aufmerksamkeit maßgebender Faktoren in den Siegerstaaten auf Oesterreich konzentriert ist, beleuchtet das entsetzliche Resultat der Parteiendemagogie, die Oesterreich verwüstet Wir sind eben jetzt wieder Zeugen dieses Treibens der Politiker, die in ihrem Größenwahn jede Rücksicht auf die Bedürfnisse des Volkes beiseite setzen. Es ist wieder ein Kesseltreiben derer im Gange, die Minister werden wollen, und die Erörterungen über die.Verwendung der vom Ausland geborgten Kredite .werden so geführt, als strotze der Staat von Gesundheit und könne sich den Luxus einer allgemeinen Verhetzung ungestraft leisten. Diese Tätigkeit der Parteien dauert seit dem Zusammenbruch der Monarchie unbeirrt an hnd hat den Zustand herbeigeführt, der von den. Industriellen so abfällig beurteilt wurde. Eine Reizung jagt die' andere.- Die Parteien sind ununterbrochen besieht, ■* Entweder einander die Schuld an der Auspowerung des Staates zuzuschieben oder irgend jemand Wehrj losen, meist die Juden, dafür .verantwortlich zu machen, daß es in Oesterreich keine großzügigen, über die Scheuklappen des Parteidogmas hinausdenkenden Männer gibt und daß man jede produktive, den Staat und die Allgemeinheit fördernde Arbeit durch ein raffiniertes System der Hetze nach innen und der falschen Berichterstattung nach außen verhindert Die politische Führung des Staates, die unter dem Kanzler Schober einen kräftigen Kontakt mit den Nachbarn jhergestellt hat, ist keinen Augenblick vor Meuchelmord sicher. Sie -glaubt an die Lebensfähigkeit Oesterreichs und an den Sieg der Geduld und Vernunft Das sichert ihr eben den blutigen Platz aller derer, die nicht wünschen, daß sich Oesterreich ferholt und in den vollen Genuß seiner Unabhängigkeit tritt Der Nationalrät dieser Zentralpunkt der Kontrolle, hat seine Funktion vergessen. Er soll die Volkswirtschaft fortbauen, die Gesetzgebung den Bedürfnissen der gesamten Bevölkerung entsprechend ausgestalten und in den Beziehungen’zu Siegern und Neutralen die ängstlichste Vorsicht walten lassen. Nichts von alledem geschieht Gestern ist das Hausiergesetz, das von den mittelalterlichen Zünftlern, ausgeheckt wurde, trotz aller Proteste in zweiter Lesung erledigt worden. Es ist . antisemitisch und das genügt In öffentlichen Versammlungen fallen die ärgsten Beleidigungen gegen den tschechischen Staat und in der Finanzgesetzgebung wird von den Abgeordneten Über alles geredet nur nicht über den Notenumlauf und die Teuerung. Das alles hat zu der Anarchie in der Verwaltung den Boden geliefert und die ärgerlichsten Komplikationen verursacht Auf der anderen Seife steht die Sozialdemokratie in vollster Passivität und, ist nur darauf bedacht, ihre Klasse. vor der Not der Kriegsfolgen zu bewahren, als ob die Verelendung sich an die Schranken der Parteiprogramme binden ließe. Der Staat muß ein Rechtsstaat werden. Es darf nicht durcheinandergewirtschaftet werden und die Staatskasse nur für die braven Kinder in Aktion gesetzt werden, die sich der Parteipeitsche fügen;- Es geht nicht länger an, daß einerseits Sozialdemokraten den Staat nur für sich gelten lassen und das Bürgertum verneinen, daß andererseits die Hauptmasse. der Bevölkerung, die staatserhaltende Bauernschaft fern von Gut und Böse auf ihrem Besitz steht und sich um den Staat überhaupt nicht kümmert Und es ist dümmster verbrecherischer Unsinn, die Juden an die Straße auszuliefern, weil der Janhagel das so will. Ohne die jüdische Mitarbeit wird Oesterreich sich nie erheben können. Das konnte man schon aus der bisherigen Gestaltung der Handelsbeziehungen Oesterreichs erkennen. Nur die jüdische Arbeit hat die Lebensverbindungen des Staates aufrechterhalten. Es ist nicht allein schnöder Undank, wenn heute in jedem Amt der jüdische Petent gekränkt wird, wenn die jüdischen Optionen abgelehnt werden, es ist auch politische und wirtschaftliche Blindheit» Das französisch - englische Uebereinkommen für die Konferenz in Genua. Frankreichs Wünsche. Paris, 23. Februr. Philippe M i l l e t schreibt im „Petit Parisien“ zu der bevorstehenden Unterredung Lloyd G.e o.rges und Polncares, zwischen den beiden Regierungen bestehe ein Einvernehmen .über folgende drei Punkte: Bei der Konferenz von Genua sqllen die Friedensverträge nicht in die; Debatte gezogen werden. Auch über die Reparationen sollnicht ver ha ndelt w,e r d e n. Der Völkerbund werde, beauftragt werden, jene Fragen, mit der die Konferenz sich nicht selbst beschäftige, zu lösen und später die Durchführung, der von der Konferenz gefaßten Beschlüsse zu überwachen. Außerdem hätten sich die beiden.Regierungen über folgende Punkte verständigt: Die Konferenz werde um einige Wochen hinausgeschoben. Die Teilnahme der russischen Delegiertem b e i n h a 11 e n I c h t d i e. o f f i z i e 11 e Anerkennung der S o w j e t r e g i e r u n g. Auch wenn die Anerkennung der Sowjetregierung nicht erfolge, werde ein Wirtschaf tsabk'O-m.raen mit Rußland getroffen werde, n, k önne n, um die Handelsbeziehungen wieder herzustellen. Die in Cannes beschlossene Bedingung,: daß die teilnehmenden Staaten sich jedes A n g r i t f s u n t e r e i n a n d e r enthalten, soll in Form einer Resolution gefaßt werden, nicht aber . Gegenstand einer kor m e 11 e n Konvent i o n bilden. Calais treffen. Er kehrt am Abend desselben Tages nach London zurück. Die kleine Entente und die Konferenz von Genua. Bukarest, 23. Februar. Die Blätter berichten, daß hief zwei Tage hindurch wichtige Beratungen abgehalten wurden, an denen für Rumänien Ministerpräsident B r at i a n u und Minister des Aeußern D u k a, für Jugoslawien P ä s i c und Minister des Aeußern N i n c i c, der hiesige tscheche-slowakische Gesandte Div.Veverka und der polnische Gesandte Graf Skrzy n s k i teilnahmen, ' Wie das halbamtliche liberale Blatt „Izbanda“ mit* teilt, wurde ein v o 11 ständiges E i n v e rnehmen der Vertreter der kleinen Entent e u n ck Polens über ein gemeinsames Vorgehen auf der Konferenz von Genua erzielt. Es sei beschlossen worden,' daß die Experten-Vorkonferenz Rumäniens, Jugoslawiens und der Tscheche-Slowake! am 5. März in Belgrad zusammentreten und daß! die kleine Entente in Genua als einheitlicher Block auf treten solle. ' , ' „Dimineatza“ fügt hinzu, daß nach Ansicht der kleine» Entente die Friedensverträge die Grundlage der Konferenz von Genua bilden sollen und daß sie während der Verhandlungen unantastbar bleiben: müssen. Zusammenkunft von Lloyd Georges und PoirccarG. London, 23. Februar. (Reuter.) Lloyd George wird am Samstag, früh abreisen und Pojncare in Boulogne oder - Paris, 23. Februar. (Funkspruch.) Nächsten Dienstag wird eine Begegnung zwischen den Ministerpräsidenten Dr. B.e.n esch und c|em Minister, des, Aeußern Jugoslawiens, N i n c i c, stattfinden. , , MWWWWWWWNSW ppa Russische Apokalypse. F. Die offiziellen Pfetsisemeldtutngeni,,<ler Bolschew ik ein üibenbie t en sich. ' -seilt geraumer Zeit in SohßiuermeildiuiiTgen über die wachsende.’ Hungersnot in Rußland. Es wird viotn ganizen atuisgediehnten Laudstoreidken u»nd Goutvernieme.nt& berichtet,-in denen dlie Bevölkerung äim Hiungentiuicßi. tragt, alles Eßbare Ist vemzelhtrlfc, eine Welle vom Flüchtigem -wälzt sich üibar die Straßen und stürmt die solldhem Arostuirm nicht gewachsenen Eiisenlbalhiman., wcmwärtsgepeiiltDdht von dem einen Wutnische, diem quälenden Hunger .zu entrinnen, Tausende und Abeittaiuisendie von Kim-» diemn faßten dem. Würgengel mm Opfer, und mnan meldet bereits Fälßie von Metnisebenifresiseirei. Der .rote Welllbeglüdkungstnawim droht itm-Kannnlbailismiius m enden.. Man itzt gewolhmit, Ikcmmuinjilsitiischen Prestsieberichten mit einem Mißtrauten zu begegnen, dats die Airt der Sowetprapogatnidia nicht unbegreiflich maidhlt, und autf mancher Seite mag man vermutet halben, daß es stich 'auch hier um Uebentneilbunigen handelt, dlie einer gewissen Tend'enizdienen. Alber Naiahiridhten und Augenutcheintaufntahmen von ver-, läßlichem Peusonem und niicfliltr .zuiletzt der erschütternde Apipeil dies von Westbeunopa eingesetzten d-ienewn oitsbenf Näugten aeutedti Htekoirimiifssäiits E T obersten Hilfalcomnuisisärs 'Nansen an die europäische Mensdhl'ldhlkeit lassen jedien Zweifel an der Wahrheit dieser Berichte verstummen. Es ist Tatsache, daß Im Osten Europas Millionen von Mentrichen vor denn Hutnjgartode stehian, und1 dlaß einer ganzen Generation dlie Vernichtung droht. Wenn man maioh den Ursachen' .dieser beispiellosen Katastrophe forscht, ©o wird man finden, daß an .ähr die Politik dos BolisdhewiisrauiV . ebenso die $ch>n,M trägt wie döis Verhaßten dier -Wesitinädite. Während der Taumel des plötzlichen Umsturzes in Rußland altes auf don Kopf stellte und die Diktatoren ein Tempo eimiichlkigen, diem dias durch fünf Kriegs ahrc zerrüttete Land nicht ’ m folgen vermochte, der plötzlich freige wordene und umischmei- ohelite Arbeiter .bald .d(e Arbeitslust verlHieren mußte und dlas angesichts dler russischen Entf errungen doppelt wichtige Verkehrswesen vollends verfiel, wußte sich der - Bauer bald von der terrori strichen Gewallt zu emanzipieren,, und' auch Tnotzfkys Armee n, die stark genug waren, die Ordnung aufreehittzuhaken, die Grenzen -zu schützen und mit der Gegenrevolution fertig zu werden, brachten das Wunder nicht zustande, den Bauer zur Ablieferung seiner Vorräte zu zwingen oder ihn zu veranlassen, mehr zu produzieren, ailis er zum eigenen Lebensunterhalt bedurfte. Während nun in Rußland die Verhältnisse diese Entwicklung nahmen, trug bei dien Mächten i. des Westens die Clememceausdie Theorie voia j Stadtetdiralli^zaiim dÄr Sieg''diaivon. Die Mäfhte des Westens, diemtift dler inneren Kipnsoliiidlieirunig.. genug zu tun hatten und die einem Staaitisikörpier.. Vorständen, dem der Krlegstaumel noch in aiflen Gliedern lag, zitterltien .vor jiedieim Windharuichi, dien die. rote Saat des Aufmulhmsi über Ihre' Grentzeni blatzien konnte und gniiffen in ihrer Angst zu demi eher bequem en aßis .Ätaiatsmänniiischsn'' Mittisl,; deni Bann über dfie Sovyjcibs'aiuisizuisipinedhien; und’-jede Be-< rührunig mliit ihnen wie. mit der Penb .zu meiden.'Diiei Folgen , dieser verikeillirtem Politilk halben' tsicn -baild: gezeigt: 'Die versteckte Propaganda der ' Bclisicßie-i wi-kem wußte sich nia'Gh dem Westen wie .naicih i'iten weiten Zonen d'es aisiaittecheni Ostenis ihren bahnen und die allgemeine Feihrne. gegen siife umgab sie .miit einer romantischen Gi'ctni'ole, der 'düis Pröiletairdat viiidfiacfn.' nicht widerstehen ikioinrnice. E)en Putschi'.'imius in DeutsciMiand, dlie komimuniiisitische' Bewegung in Irtailfiein und den anderen mitteluii4( westeuropäischien Ländern,, dler AiKfinuhr - 'in Asieiü Hind die allgemein sichtbaren' Folgen, nii'dhlt mindieflj fühlbar aber macht sich in der gesamteuitepäisohM, Wintisdhaft dler Ai&faßil das ituissiisChen Kiorusüihienteav Die Welit'wir.tsohaflti&knise ist die Antwort auf'• nebet Politik, wefl'dhe überdiies diaizu beigetnagen, hat, dem Sowjetsystem diate Lteben m verlängern, und dte mitschuldig kt an. dem Grauen, das utmmehr in’ der furchtbaren Gestalt dies Hungens weite Lähdent ab der Wolga überzieht. Aus uiirzweifelhiaffter Quelle wird1 'berichtet, 'daß! Millionen in Rußland) vor dem Hungertode stehen^ und die Schrecken dier Apoikiailyipsie verbliassen gegenW über den Scfhlider.ungen, die ans Rußland .herüber-« dringen. Wohl haben initernatiioinaille Bemühungen? ein Hilf5werk auf die Beine gebracht, aius allen! Länd-wn fließen «die Sipendm, aber alß das winkt nur! wie ein T'rc.pfee auf heißem Stein. Die sogenänntei 'Zivilisierte Welt, welche Millionen von Menschen! unter dien Hochdruck der ibnüitiailen Autorität. stellte, um . ein noch nie dagewoseines Zerstörunigswedc zui w.-michteni, das allen Widerständen von-...Niattur und Mensch Unotzte, und dlie raiffipiiertaste Teohhilfa, zum Wöhle der Menschheit gescbtatfifen, tziuim Teuifehv. werk gewaindeiit hat, sie bleibt stumpf .und .gefühil* tos, wo es gälte, dlie gleiche Anstrengung kn! Dienste eines grandiosen Liöbeswerfkes zutulni;. Die Mächte treiben Politik, wo dats. H«riz. aßfleinl sprechen müßte,, und die Völker b!leiben1 •. uirnerschüttelt oder sind mit ihren eigenen kleinen oder! großen Sorgen überibeschäftigt. Die Mechanik das! Krieges und die ihn begleitende und. sedeer würdig«! Piuibliiziisfilk haben das.ihrige getan, um die Menschheit zu verroh ei und ab zuhärten gegen jegliche^ Mitgefühl. Der Geist der täglichen Builletirus, dliel Bluttaten in H ci.dcntatein umlegen, die Verachtung des Mensonaniiebens predigten und einen maibionalllH ,\ata®dhen Pamoxismu© 'schufen^ in. dessen Qspitük