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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-22 · Heft 1102 (22.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1102 (22.2.1922)
Date
1922-02-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Natur scheint diese unglückliche Menschensorte zu dem Zwecke hervorgebracht zu haben, den dümmsten, schlechtesten und feigsten Kreaturen als Zeitvertreib zu dienen. Wenn so ein gekrümmter und geplagter Mann, den schweren, schmutzigen Kasten an den dürren Leib geschnallt, wenn so ein verhutzeltes Weiblein mit dem zerschundenen, halbzerbrochenen Kistchen in den zittrigen Händen ein Wirts- oder Kaffeehaus betritt, dann geht ein frohes Leuchten über die blödesten Gesichter und jeder Tölpel, der sonst den Schnabel nicht zu rühren wagt, wird redselig, Überlegen und geistreich* wird ein großer Herr. Ein Schwall von: abgestandenen, albernen Witzen steigt auf den jüdischen, Hausierer hernieder, wenn er Glück hat Hat er Unglück und gerät er etwa in eine alkoholisierte Runde wehrhafter Germanen, dann zerbrechen sie ihm Kästen und Knochen, um Deutschlands Niederlage im Weltkriege wirksam zu rächen und gutzumachen. Wem daran gelegen ist, aus einer großen Gesellschaft die plattesten Kerle herauszufinden, der braucht nur einen jüdischen Hausierer hineinzubringen. Sie reagieren prompt Aber nicht nur für die. Helden im Wirtshaus und die kläffenden Köter auf der Landstraße ist der jüdische Hausierer ein willkommenes Beutestück. Auch große Parteien' verschmähen es nicht, aus der Frage der jüdischen Hausierer politisches Kapital zu schinden. Die österreichischen Antisemiten haben jahrzehntelang vom Rummel gegen die jüdischen Hausierer gelebt In jeder Parlamentssession haben sie einen Antrag auf Aufhebung des Hausierhandels auf den Tisch des gesetzgebenden Hauses gelegt. Sie hatten doch immer vor der Wahl der gläubigen Menge versprochen, die Macht des blutsaugenden jüdischen Kapitals mit Stumpf und - . der Wähl freilMi waren sie versöhnlicher gestimmt Es ist eine viel einträglichere und auch leichtere Sache, sich mit jüdischen Bankdirektoren gut zu vertragen, als sie zu ' vertilgen. Und warum soll man sie auch vertilgen, wenn man mit ihnen gute Geschäfte machen kann? Wegen des feierlich beschworenen antisemitischen Programms? Ah was, die löbliche Wählerschaft gibt’s auch billiger. Wirft man ihr nicht die versprochenen Leichen vernichteter jüdischer Großkapitalisten vor, so gibt sie sich schließlich mit ein paar verprügelten und hinausgeworfenen Hausierern zufrieden. Gutchristlichen Journalisten fällt der Beweis nicht schwer, daß die jüdischen Hausierer den legitimen, bodenständigen, ehrlichen Handel zugrunde richten und daß ihre Vernichtung eine erlösende Tat ist Im allen Oesterreich haben die Antisemiten mit Ihren Hausieranträgen kein Glück gehabt Die Mehrheit im Parlament war für den dummen Schwinde! nicht zu haben und ihre Anträge wurden regelmäßig abgelehnt Wiederholt hat die Regierung die Absetzung derselben erzwungen. Aber was in der Monarchie nicht gelingen .wollte, scheint in der Republik erreichbar zu sein. Die Antisemiten haben wieder das Hausierverbot auf die Tagesordnung des Parlaments gebracht und diesmal wird es angenommen werden, denn die antisemitischen Antragsteller haben mächtige Verbündete gefunden, die Sozialdemokraten. Auch die Sozialdemokratie ist nämlich darauf gekommen, daß die Vernichtung des Hausierhandels billige Lorbeeren bringt Auch sie hat vor den Wahlen großmächtig getan und die Unterdrückung des ausbeutenden Wucherhandels den Wählern garantiert Nun blüht dieser Wucherhandel üppiger denn je und will trotz des Gluthauches der vernichtenden Reden roter Volkstribunen nicht verdorren. Nicht das kleinste Schieberchen hat ein Härchen gelassen, obzwar es mit schwerstem sozialdemokratischen Geschütz bcdonnert wurde. Aber etwas muß man doch dem nach Schieberfleisch lüstern gemachten Wähler bieten 1 ln ihrer Verlegenheit sind die Sozialdemokraten zu den Christlichsozialen in die Lehre gegangen und haben erkannt, daß der Wähler unter allen Umständen etwas bekommen muß, wenn keinen getauften Bankgouverneur, so doch wenigstens einen jüdischen Hausierer. Die sozialdemokratischen Abgeordneten haben daher den geängstigten Hausierern, welche als getreue Wähler zu ihnen kamen und um Schutz baten, trocken erklärt, daß sie in der Frage des Hausierhandels aus programmatischen Gründen nichts unternehmen können. Wenn die Regierung nicht in letzter Stunde den Versuch unternimmt, die ebenso grausame als dumme Gesetzesvorlage zurückzuhalten, dann wird die antisemitischsozialdemokratische Demagogie auf Kosten armer Menschen, die einem kümmerlichen, harten Berufe nachgehen und niemandem schaden einen erbärm* Mchm Triumoh feiern* Ein monarchistischer Umsturz in Paris, 22. Februar. (Tel.-Komp.) Die letzten Nachrichten aus Portugal über Madrid lauten ziemlich beunruhigend. Der Präsident hat die Absicht, zurückzutreten. Von der linksrepublikanischen Gruppe wird aut eine bevorstehende monarchistische Bewegung solchen Umfanges hingewiesen, daß zu ihrer Unterdrückung ausländische Hilfe notwendig erscheint. Paris, 21. Februar. In Portugal sind neuerdings' revolutionäre Unruhen ausgebrochen. Der Präsident aet- Republik und die Regierung sind in das Fort Casia geflüchtet Heute soll im ^ganzen Lande der. Generalstreik proklamiert werden. . Ankündigung einer Erklärung Churchills über das Mandat. London, 20. Februar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Im Unterhause richtete Sir. W. Joynson H i c k s an den Ministerpräsidenten die Anfrage, ob und in welcher Form die Zustimmung der Bevölkerung Palästinas zur Uebertragung des Mandats an England eingeholt wurde, wie es § 4 des Artikels 22 der Statuten des Völkerbundes vorschreibt, ferner welche Gründe die Regierung zur . Erlassung der Balfour- Dekläration hatte.. Auf diese und andere auf das Mandat bezughabende Fragen erwiderte der Kolonialh'-Ll;ischriftlich, er werde anläßlich der Vorläge des Voranschlages für den mittleren Osten" ausführliche Erklärungen über die Politik in Palästina abgeben. Verschiebung der Konferenz von Genua? Berlin, 21. Februar. (Wolff.) Die französische Regierung hat heute der deutschen Regierung eine Note übermittelt, worin sie mitteilt, daß sie bei der italienischen Regierung eine Aufschiebung dg Konferenz von Genua beantragt habe. London, 21. Februar. Das Reutersche Bureau erfährt von amtlicher Seite, daß weder in britischen noch in italienischen amtlichen Kreisen irgend etwa«; von, einer Verschiebung der Konferenz von Genua bekannt ist. Kein Vorschlag dieser Art sei gemacht worden und soweit der Premierminister in Betracht komme, sei er bereit, wie in Cannes vereinbart, sich am 8. März mach Genua zu begeben.; i Die italienische Kabinettskrise. , - Ein Kabinett .de Nicola? Rom, 21. Februar, (Tel.rKomp.) Giolitti hat. heute de« Auftrag, zur. Kabinettsbildung abgelehnt.' Als Grund; hiefür bezeichnetv er , das; Scheitern, .des geplanten Abkommens; mit de Nicola und Orlando. . Nachmittags berief der König . nfeuerdings,.de Nicda zu sich und betraute ihn mit der Kabinettsbildung, pe Nicola, nahm' den Auftrag mit der Erklärung auf, daß' er in kürzester Zeit über das Ergebnis» , seiner Verhandlungen Bericht' erstatten werde. Sowohl das Zentrum, als auch,die Demokraten und Reformsozialistei» scheinen huhmelir bereit zu sein, einem Kabinett de Nicola •ihre Unterstützung angedeihen zu lassen. Der „Mcssaggero“ hält, falls die Uebernahme der . Kabinettsbildung durch de Nicola scheitern sollte, eine; Lösung Orlando für wahrscheinlich. Heute war viel vor einer Kombination Öriando-de Nicola-Tittoni die Rede. ' Ein Geheimvertrag zwischen Frankreich i und der kleinen Entente. 7 ' . Belgrad, 21. Februar. (Intel.) „Jutarni List; meldet; aus Paris : Frankreich strebt danach, der kleinen Entente den Charakter jeiner .GroßmaclU zu verschaffen. Dafür sqll ,v ^e^leine Entente Frankreich vor der Gefahr der isolierungbe-' wahren. In Pariser politischen Kreisen ist, die. Nachricht verbreitet, daß zwischen Poincare und Benesch ein Gehelmvertrag über die Verteidigung der nationalen Freiheiten und der Friedensverträge abgeschlossen worden sei. Auf Grund dieses Vertrages soll die kleine Entente Frankreich im Falle eines Angriffes von seiten Deutschlands beistehen. Dafür soll Frankreich die kleine Entente unterstützen, falls diese von irgendeiner Seite angegriffen wird. Dieser Vertrag soll 50 Jahre gültig sein. Benesch wird den Vertrag . der Konferenz der kleinen Entente, die anfangs März, in Belgrad stattfinden wird, verlegen. Hieräuf soll die Veröffentlichung des Vertrages erfolgen. Die Finanzierung des Palästina- Werkes. Von Israel Cohen, London. Vor einigen Togen tat diais Lho>imdiiGim|'e r Banlrihauis Rothschild ztiur Subskription auf oimie etwas mehr als amd'erttaflb MÄcmcrn Pfund betragende Anleihe der Regierung von Chile amfgefondiert. Die Antwort der OeffeurtilliidhJkeit war so prompt u-md weitgehend, diaß dfie Sufoskmiptfionislliisiten beysiits ander thailfb Stunden wach ihrer Auflegung ge©äbilosisen werden mußten, da der Betinsg bereits mehrfach überzeichnet war. Diese bemerkenswerte Bereitwilligkeit einer großen Menge von Leuten, ihr Geld dem südamerikanischen Staate zu borgen, war diuirdh keinerlei Motive der Zuneigung oder Dankbarkeit veranlaßt. Die große Mehrheit der Suib.kribenrten heut, so kämm man mit Sicherheit annefomem, niemals dieses Land gesehen, hart auch mehrt diie Albstichrt, es jemö’fs zu sehen, ist vielleicht nicht einimiafl ganz im klarem über seine geoguapibfedhe Lage. Das Motiv, das sie veranlassen konnte, ihr Geld so bemtwÄg zitf Verfügung ziu stellen, war ein einfach kaufmämm'fedhieß: Der Wunsch, 7V2 Proizent Zinsen für ein Kapital m erhallten, das sie mit 95 kaufen, bestärkt diuirdh das daß ihire Eiinßiagen durch die reichen Ressourcen eines gut orgamfisiieiften und forrtisdhiriitt- Mchen Staates gesichert sind. Es war dieser maitürlüiahd Wunsch, waidb »Gewinn, rvermdhirt zweifelllos auch dluncih den Ruf dies berühmtem jüdlis-chsn Emiiissjonislhiauises, dta>s zu dem großherzigen und spontanen Angebot von 7% Millionen führte, obwohl nur etwas über 1V2 MMorion verlangt worden waren. Der so leiohit aufgebrachte Betrag entspricht beinahe genau dem Budget, das vom ZioniiiS'bcmkomgneß in Karlsbad für den Aufbau Palästinas für dfie nächsten zwölf Mon,arte ange- >nomme» wunde. Ei war d&a größte Budget, das jemafe einem Ziombtokcingreß vorgclagt wurde, , chrsm kein yorhern^hendsa’ Komsreß .stand so ua« miirttelbaT vor dem - Prdbliem dies Aufbauias;Pa!ä^ stinas'aiis jüdisches Land. -Die Diskussion ■ der einzeln«« Punkte wunde bekannrtßiich - auch riddh' voes aufgeregten Szenen begleitet. - Die - Delegierten ,aos( Padäsrtii'na zutm . Bekipiel' forderten eine; Erhöhung der Posten für die Schufen, “ düe lendwktüsdhiaftliehen' Sadi'verüitändigen• wairen gebetyiber/Meitiirang über den Varsch'kg riines Versuches mit ihitenisi'ven ‘ Kdlomiisaiti'on, wälirend viele Dekgienüe’ foirdterrteiny daß dLe QhaSuizim aiuis Zentrsliumid Osteumcipa emib-i sprechende fiinanizielle Untersitütziusrig für Bbre Vorw. 'bereirtuug und ihre Rei'se erhalten. SdhUließfiidi? wurde 'jodioch dais Budget in seimetr Geisamitsuimim^ von 1,506.000 Pfund unter Bteifalliystürmein angenommen. Es war ei!n, Mairfkisrttein in dlertziiotiiiistdschon Gesohiiichrtie. . Aber obwohl dter Kongreß darüber entbsthiedv wie dieses Ge'd verwendet ’iverden soll, wußte es doch gamiz gut, daß das Geld noch; nicht vonhanidiein! war., Er hiafcie ein Budget aufgestel’lrt nicht aui Grund eines vorCiiand'enen Foindlsi, 'somdieinn auf. Grund von Hoffnongen. Aber die Hoffnungen vicnf Karlsbad sind bisher n'iicht .erfüllt worden.. Mehis als vier Monate sind bereits verstrichen, alber niichit einnnail eiin Viertel der gefondteutien Summe iist his-i her .'beschafft werden. Die. Sailbstkriipticnisiliisitenvr welche sofort nach dem Kongreß in .Men Lämdionnf aufgelegt wurden, stehen noch offen; aber, dlaa: wäreeiin kühner Prophet, der vorauis&agen wollte, daß der geforderte. Betrag selbst .nach. Veulianif von! zwölf Monaten überzeictaelt. sein wind. Die zionistische Exekutive, auf der diie sorgenivolle Ajuifgtafbfl der .Geldiaufbrinigumig laistet, wäre glückhiich,. wentn(. der gezeichnete Betrag weniigstents annäherungsweise die Ziffern des Budgets erreichte. Aber sie ist nicht in der Lage der Regierung von Ghfle. Siie hat kein so weites Land zur Verfügung, sie kaum nicht gehorsamen Untertanen Siteueum auifenliengen, sie kann nid nt Zölle und Gebühren einizieilnen., sic hat keime reichen Geldquellen, rie kann mehrt einte»« veril.cckerMen Zimfuö bk'ten und — sie hart aacfJt dbe Utnl&rft'iczung eine« großen jüdischen Banäci tauLLL, Auch a&DfiMert «de L» den SssriI*

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