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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-21 · Heft 1101 (21.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1101 (21.2.1922)
Date
1922-02-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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EinzeiniunmQr & 45 Wien: Zum Abholen in der Expedition, H.,Taborslr. 1—3, oder in ein er Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1200. Mit Postversand für^ien und Oesterreich monatlich K1200. rrner Tschecho-SlowakeirMon. Kronen20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar 18. ,Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Fr a n k r e i c h: Monatl. Frcs. 6. Tschecho-Slowaftoi töcSi. K 1 Italien: Monatlich Lire (?J Rumänien: Monatl. Lei 403 Schweiz und das übrige^ Ausland monatlich Francs —-. r Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse 1—3] Telephone: 44-0-38, 43-3-19,! sb 6 Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse: „Morgen«* zeitijng“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto150.G9& Nr. 1101 Wien, Dienstag, 21. Februar 1922 4. Jahrgang jmtat. Der lästige Verwandte. -~y. Wien, 21. Februar. Im deutschen Reichstag ist über die Paßschwierigkeiten im Verkehr mit Oesterreich gesprochen worden. Man wählte für die Verhandlung dieses immerhin wichtigen Themas den Samstag, einen Tag, an dem erfahrungsgemäß das, Haus schwach besetzt ist -Essprächen .außer der Regierung fünf Abgeordnete zwei Demokraten und je ein Redner der Mehrheitssozialisten, des Zentrums und der deutschen Volkspartei. Zeigte sich schön hierin das mangelnde Interesse an einer Herzensangelegenheit, so ließen die gehaltenen Reden an Ktihlheit nichts zu wünschen übrig. Es handelt sich um einen verarmten Verwandten, den man anerkennt, weil man schließlich nichts anderes kann,. den : man sich aber fernhalten will. Die nationale, staatsrechtliche Angliederung Oesteri reichs an Deutschland hängt von politischen Momenten; ab, die ihr gegenwärtig durchaus ungünstig1 sind. Däs Machtgefühl der Entente und insbesondere der Wider-' stand Frankreichs zeigen das Horoskop im' Zeichen des Mars. Zudem sind beide Staaten in einer von tiefen Gährungen erfüllten Uebergangszeit begriffen und es ist durchaus nicht sicher, ob der Pendelausschlag, der jetzt nach rechts geht, nicht in beiden * Staaten - wieder die entgegengesetzte. Richtung nehmen Wird. Diese Unklarheit wirkt ebenso hemmend wie : der- Friedensvertrag, der die Unabhängigkeit Oesterreichs normiert, deren wirtschaftliche Sicherung' freilich von seiten der Alliierten• vier Jahre hat auf sich warten’ lassen. Der Niedergang Oesterreichs und Deutsch-' lands, der in dieser Zeit die .Wirtschaft, beider. Staaten mit Trümmern , bedeckt hat, läßt sentimentale Regungen eben nur über die Schwelle des Bewußtseins treten, verhindert aber ihr 2 Aktivierung. Was aber politisch nicht möglich ist, könnte kulturell geschehen.. Nichts hindert Oesterreich, in seine Staats-: Organisation das zu übernehmen; was in > Deutschland gut ist: Das so hochstehende deutsche Schulwesen, die imrbilÄhe techhiscfi^Wig^sdhaftliche ^Schuluhgr der heranwachsenden Jugend. Nichts hindert Deutschland, seine Schulen, seine Fabriken der österreichischen Jugend, den österreichischen Arbeitern zu öffnen, die Grenze, die der Friedensvertrag zieht, geistig zu überwinden.. Kein Ententeheer und kein Vertrag .könnte die beiden deutschen Stämme daran hindern, von. dem Niveau Ludendorffs und Jagows auf das Niveau Goethes und Kants sich zu erheben und. einen kulturellen Zusammenschluß durchzuführen. Aber damit hat es noch gute Wege. In Oesterreich wie, in Deutschland fehlt es an den psychologischen Voraussetzungen für eine solche Wandlung' der Geister. Der Geist der Rache, der Hetze und der Verfolgung Andersdenkender ist in Deutschland im tatsächlichen Besitze der Macht und zerbricht, alle Anstrengungen der Regierung, den Frieden vorzubereiten. Er. wendet sich aber auch gegen die Deutschen selbst und,, wie sich zeigt, gegen die Deutschen in Oesterreich. Die Rede des Regierungsvertreters, des Innenministers Köster, war sehr wortreich. Er sprach zu viel, um zu beweisen,- und man hörte nur das Nein.. Das Finanzministerium lasse die Aufhebung der Pässe, nicht zu, weil der Visumzwang ein wirksames Mittel sei, um die Kapitalsflucht zu bekämpfen. Als ob irgend ein Schieber jemals in Verlegenheit gewesen wäre, wenn er seinen Raub in Sicherheit bringen wollte. Der Paßzwang hat nie gestört. Keine Grenze hat die preußischen Prinzen gehindert, im Auto ihr Vermögen in die Schweiz und nach'Holland zu bringen. Will man der Kapitalsflucht zu Leibe gehen, so genügten vertragliche Vereinbarungen mit Oesterreich.- Aber es handelt sich gar nicht um die Reichen. Die Arbeiter Oesterreichs, die geistigen sowohl wie die manuellen, steht man in diesem neuen Deutschen Reich nicht gerne. Wir können nicht einen Strom von Leuten aus Oesterreich zu uns herein lassen, von denen wir nicht wissen, wie viele von ihnen zu uns kommen, um dauernd bei uns zu bleiben.“ Das wird wohl niemand auf die Kapitalsflüchtlinge beziehen. Die Behandlung Oesterreichs im deutschen Reichstag, die der altererbten Abneigung der preußischen Politik gegen Wien entspringt, zeigt, daß Oesterreich sich in allen Dingen nur auf sich selbst verlassen kann. Es hat in seiner Not keine Hilfe vom deutschen Kapital erhalten, das sich für Rußland, für Argentinien und für Chile, aber auch für Frankreich sehr lebhaft interessiert. Statt dessen sind die deutschen Siegln edler eifrig bemüht, das Burgehland wieder an Ungarn zurückzubringen und in den Alpenländern mit viel Kasse Volksabstimmungen zu arrangieren. Oesterreich muß eine Politik betreiben, die ihm die Wirtschaftsgeographie und die Bedürfnisse seines Handels vorschreiben. Es muß sein Bestreben darauf einrichten, mit den unabhängig gewordenen Schicksalsgenossen’ in einen neuen Wirtschaftsverband zu kommen, der ihm jede Demütigung erspart, ihm sein Auskommen sichert und die Unabhängigkeit als Gleicher unter Gleichen wahrt Gemeinsames Vorgehen Polens, der kleinen Entente und der baltischen Staaten in Genua. Mitteilungendes polnischen Außenministers. . Warschau, 20. Februar. (Tel.-Komp.) Außenminister Skirmunt äußerte sich in einer Pressekonferenz über die internationale Lage. Polen haben um eventueller, Ueberraschungen auf der Genueser Konferenz vorzubeugen, sich mit jenen Staaten, mit denen es nähere Beziehungen unterhält, in; Verbindung gesetzt. An die Gesandten der . polnischen Republik in P a r i s, P r a g und Budapest ■ seien vor ungefähr drei Wochen Instruktionen abgegangen, sich mit den dortigen Regierungen ins Einvernehmen zu setzen. Es werden vorbereitende Konferenzen stattönden, um einheitliche Richtlinien zwischen Fran k re i c h, der kleinen Entente und den ^baltischen Staaten, die auf der Genueser Konferenz zu beobachten wären, festzusetzen. Zwischen dem 5. und 15. März , werde eine Konferenz der Minister der baltischen Staaten in Warschau abgehalten werden, auf der die gemeinsamen Interessen dieser Staaten behandelt werden sollen., , Der Minister betonte nachdrücklich, daß sich dicsd Aktion nicht gegen Sowjetrußland richtet. Polen sei berufen, beim wirtschaftlichen Wiederaufbau Rußlands eine aktive Rolle zu spielen. Polen wolle, sich'nicht in die. inneren Angelegenheiten Rußlands einmischen. ’ Rußland; dürfe nicht als eine Kolonie angesehen werden, die man. :explodieren dürfe.. '.! ’ ' Die Vertreter Englands. Rom, 20. Februar. (Funkspruch.) Diebritische i Regierung hat der italienischen Regierung die Liste der englischen Teilnehmer., an der Konferenz von Genua bekanntgegeben; /die-Hauptvertreter Englands bleiben Lloyd George und.Lord Cu rzon. Das Palästina-Mandat Aeußerungen Weitzmanhs, [ . .. . Aus L o«dom wird un-s be- ";\.r; ’ : richtet: Anläßlich seines jüngsten; Aufenthalts in G Ta s g 0 w nahm ' Professor W e i t z tri a. n n ra zwei . - .' Versammlungen Gelegenheit, sich zur Frage des Mandats :. und der Verfassung für Palästina zu äußern. .... '/Professor-Wf-itzrifiiqn führte- -Otis-:'..'. In jüngster Zeit beschäftigen sich Freunde, und mehr noch die Gegner, in Wort und Schrift mit dem Zionismus, was zu Kontroversen zwisbhein den-beiden Lagern geführt hat. Im Lager der Ziomis.ten selbst hat es über' diese Frage niemals .eine Kontroverse gegeben. Es ist mehr als eine einfache Frage, wenn gesagt wird, daß die Juden der ganzen Welt, ohne Unterschied ihrer Erziehung, ihrer sozialen Stellung, des Klimas oder der Umwelt, in der sie leben, für Palästina gebetet, gelitten, und von Sehnsucht erfüllt waren. Der Tag der Erfüllung war in die Nähe gerückt und der Gegenstand seiner Sehnsucht hat nun Formen, mitunter allerdings unschöne Formen der Wirklichkeit angenommen. Diese Wirklichkeit hatte manche Schwierigkeiten im Gefolge, ' Als eine dieser Schwierigkeiten,! wird die so* genannte Doppelnationalität angeführt. Weitzanann ist der Meinung,. -dla-fi kein Grund für eine Befürchtung wegen einer doppelten Nationalität ge gelben sei. Die Judlen, die nach Palästina gingen, werden genau so gute Palästinenser sein als die Juden, die in Großbritannien zurückblieben, gute britische Staatsbürger sind. Es ist kein Grund für die Befürchtung vorhanden, daß die .palästinensische jüdische Gemeinschaft irgendwie den Wohlstand derjenigen, die nicht nach Palästina gingen, in schlechtem Sinne beeinflußen würden. Die andere große Schwierigkeit, welche die öffentliche Meinung und besonders diejenige Englands, das die Lasten und auch das Vorrecht, .das jüdische Nationalheim im Palästina aufbauen zu helfen-, auf sich nahm, gegenwärtig beschäftigt, war das arabische Problem. Vor wenigen Tagen wurde der Entwurf einer Ver- . fassung für Palästina veröffentlicht und es wurde die Gelegenheit wahrgenommen, den Gegenstand zu diskutieren. Der Redner habe gewiß bereits manche Erfahrung in Verhandlungen mit den Arabern und kenne auch irgendwie Palästina und seine Nachbarländer. Seiner Meinung nach zeuge es von Kurzsichtigkeit und sei durchaus u n f a i r, die in Palästina bestehenden Schwierigkeiten den Juden oder dem Zionismus zu z us c h r e i b e n. Er wolle durchaus nicht leugnen, daß diese mit den bezeichneten Schwierigkeiten irgendwie Zusammenhängen. Aber ist es den Anklägern noch nicht in den Sinn gekommen., zu bedenken, diaß' es in Aegypten, wo es größere Schwierigkeiten gibt, keinen-jüdis-c h e n N.a tionalismus gibt, daß in I n d i e n, wo dti-e Schwierigkeiten ungleich größer sind, kein Zionismus vodhandeu ist, und daß ebenso in Mesopotamien und ganiz gewiß in Irian d von ’Zion'teanu# nicht viel die Rede seaa bann-? Es ist ein Beweis von- Kaiirzsiidiiriiglceit'uttiid^zeni^ ’ vioinr ■ einem gewissen Maß von V o r u. r t e i >1 e n, wenn" alles- und jedes den 'Juden mir' Last gelegt’ wind«. Diin in Paüästina zutage tretenden Sahiwieiriglkeiiten wären’ eine Teil ersdhe innng jener alflgeimemcin. Ümwäiteuug^ .diiie^sddh überall] fühlbar macht. Der gianize4 .Ostbeni,;- -wäT’.rerschürte>rtv. die altein-. Formen und Autorität in-jenen Ländern waren ins Waokel-rt geraten und neue Formen sind geschaffen \vhuden. Wie -diese Formen endgültig zu geständen sein wer*- den, kann freute niemand vonatutsisagen. War nicht , t ' das britische Problem in Aegypten . biszu einem gewissen -Grad ähnlich diem jiüdiiisicfhiens Problem in •‘Palästina? Die ägyptische «Nation arbeitete für das Selbistibestini'muntgisreahit'- und' forderte dlie 'Emidutlüngl-. eines eigenen nialtionalen Heims', im eigenen Lande. Alber sie kam dia-bei .mii' den gnundlegenidien Reikhsinteresseo in Konfliiilkt, Aegypten bildet, wie dler Miiniiisteripräs'iidtönt'’ sagten einen Korridor, der für den Verkehr zwischen dtenr Westlichen und östlichen Teilen dies Reiches «ner« läßlich ist» und gerade dieses Priuiziiip war esv dias( •zur. Souveränität Aegyptens: im Gegensatz 'SvamL Er ist überzeugt, daß die anglo-sächsische Ziroilisa-r tibff eine ’ Lösung finden ' wsrdl, ’■• dlie die esh'and'e< widerstrebenden Initeressöii 'zu versMiigen : vemmag* Diese Lösiutn.g wird sich in der Richtung bewegen^ diaß Aegypten aMmäliich undsystematisch sich spiln-en Weg ebnen, wird, bis es «in wirllclkhi freies,, kultiviertes Aegypten geworden ist, das ibegired-ft, diaß ein solcher Korridor dlurdhiaiu® ndichlfc seine nialüLcßnall« Entwicklung gefährdet. - , - ’ Wolle man sn.uin diese Analogie auf 'Paüästiinial aintweridm, so müsse man sich vor aHÜtem fragen, was . für die Moniscftiheit wichtiger sei, dlie vielieni Jahre jüdischer Bemühungen und Bestrebuingetn iirt die Tat umzuisetzein. und dadurch eine gewaltige! zivilisatojrtt'scihe Mia-ciht «und großen geisitigetn Esihh flnß ziu erlangen od'eO Pallästiina Reiter' eiinP Wüsteniei sein zu lassen? Jeder Mensch miit Vernunft wird sich für die örsifaere'Fdnm'1 einlösdiliiießen.^ unter -der Bedingung, daß dadurch dlie nationale Entwicklung der Aaaber nicht gestört! werde.’ Und die’ Juden sind das letzitö :Volk, d'asl •den V ersuch machen wcllite, sie darin. zu> stören. Sie! könnten sich ganiz wclM ein PalästiinOi dlenikeo, daa( stich' in der Weise entwickelt, wie dlie Etnigländetl und Frauizosen in Kanada, mit zwei Ziviüiisiaitüicnein^ die für ein gemoin-sames W oihfl tätig sied-, oder wi« die Schweiz, wo drei versohiedeme Völker au« sammen arbeiten und leben. ' Eine andere hnter-» pretation des Zioniismiuis -und' seiner Betätigung itii Pallästiina konnte nur auis Bosheit enitsteiban.; Des[ Jude in Palästina ' strebt keines andieren. UnterdiHickiung oder Vernichtung, weder dös Araber* noch des Christen an. In einer anderen VensannimikMig in- GI*asgoW beschäftigte sich Dr. Weitzraano hiausptsäch-' lieh mit dem Mandat und sagte unter anderem: Der Mantiatseniwurf für Palästina behandelt nicht •bloß diais Priazte» der Enri’dhltiiJnaiJ

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