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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-19 · Heft 1099 (19.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1099 (19.2.1922)
Date
1922-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Elnz&tn&mmev1 K 45 Wj 6N: Zum Abholen in der Expedition;!).,Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißs telle (Trafik) monatlich K 1200. MitPostversand fürWien und Oesterreich monatlich K1209. Tschecli o-Slowakei: Mon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. D e ü t s c hland: Monatlich Mark 25. Fr a n k r e 1 c h: Monatl. Frcs. 6. Wiener Tschee^o-SSöwakel »s«h. K l Italien: Monatlich Lire. M Rumänien: Monat!. Lei 40r;; Schweiz- und' das übrig©%, Ausland monatlich Francs 3$ ■ * Redaktion «. Administration Wien II., Taborstrasäe 1—3? Telephone: 44-0-38, 43-3-19.) ab 6 Uhr abends 17-9-334, Telegrammadresse: „Morgen- * zeitung'VWien. ‘ , Oesterreichlsches. Postsparkassenkonto 15(X69L' MWMM Nr. 1099 Die Kontrolle. —y. Wien, 19. Februar. ’; Die Kfeditaktion für Oesterreich hat nun tatsächlich in einer alle Zweifel ausschließenden'.Weise eingesetzt Nach der tschechischen 7 Anleihe Ist. jetzt auch der englische Vorschuß durch die' Bank/’ypn England flüssig gemacht worden; der französischen Kammer liegt . ein . Ermächtigungsgesetz vor, Italien, beeilt sich mit einem Kreditängebot und auch neutrale Staaten, wie Holland und Dänemark, wollen an dem Wiederaufbau Oesterreichs Mitarbeiten. Ohne -allzu großen Optimismus kann man annehmen, daß. die so lange erwartete Aktion auch in Fluß bleiben wird. Die Mächte erfüllen damit nur ihr. Versprechen,, das sie in der Mantelnote zum .Friedensverirag ni^dejrgelegt haben. Sie haben anerkannt; daß Oesterdeich durch die Wegnahme seiner wichtigsten Hilfsgebiete und durch das Zerschneiden seiner Eisenbahnen; in eine unglückliche Lage geraten ist, die aufzuheben sie als ihre Pflicht erklären. Oesterreich soll in dan Stand gesetzt werden, sich seiner Lage aiizupassc’n. Dieser Prozeß erfordert in Oesterreich ein lückenloses Zusammenwirken der inneren und äußeren Politik, die beide auf nichts anderes gerichtet sein dürfen , als immer nur auf die Wirtschaft und ihre Hebung. Die letzte Epoche ist gekennzeichnetdurch - die mit den größten Opfern und Entbehrungen verbundenen Selbsthilfeanstrengungen. Daß diese Mühe für sich allein erfolglos, ist, haben die valutarischen Ereignisse des Dezember und Jänner gezeigt. Erst die Mithilfe der Mächte kann die .Resultate dieser Anstrengung ausreifen lassen.; Die. Aufhebung. der Lebensmiüelzdschüsse konnte'die Hoffnungen nicht erfüllen, weil sie nur ein Teil eines von Oesterreich mit den Delegierten des Völkerbundes . abgeschlossenen Paktes war% Ödster- ‘ reich hat die ihm vorgeschriebeheh Verpflichtungen erfüllt Es hat die Steuern und’Abgaben," die Verkehrsdie Staatssubventianen eingestellt und in. bezug /auf den freien'Handel im großen vMHHzen den Vorkriegszustand hergestellt Der ' Wkervunä hingegen erwies sich als machttos, seine Versprechungen eirizulösen. Der Völkerbund in seiner, heutigen Konstruktion ist kein selbständiges Organj sondern nur ein Werkzeug der Politik der Siegermächte. Darin liegen auch die Grenzen seiner Kompetenz. Was; er beschließt kann nur Wirksamkeit erhalten, wenn es von den einzelnen Mächten gebilligt und aüsgeführt wird. Es war ein Fehlerkreis, wenn England un i Frankreich im Frühjahr 1921 die Frage der österreichischen Kredite ah den1 Völkerbund verwiesen, statt unmittelbar einzugreifen. ■ Die englische Regierung hat die Verwendung der von ihr auf den großen Völkerbundkredit geleisteten Vorschüsse an bestimmte Bedingungen geknüpft. Sie hat einen1 Finanzkontrollor ernannt, dem die Gegenzeichnung für die Ausgaben aus diesen Geldern" zusteht Damit ist Oesterreich unter Kuratel gestellt Es wird Aufgabe der österreichischen Oeffentlichkeit sein, peinliche Wirkungen dieser Maßregel zu vermeiden. Der Nationalrat und seine Parteien werden mit dieser Aufsicht zu rechnen haben. Sie werden jedem Konflikt der hur mit einer Verschärfung der Kuratel enden kann, ausweichen, es aber auch vermeiden müssen, den Vertreter der Kontrolhnacht hi die innere Politik oder Wirtschaftsführung hereinzuziehen. Diese Notwendigkeiten erhöhen die Verantwortung für die Parteien. Sie werden lernen müssen, daß zu einer europäischen Finanzpolitik auch eine europäische innere Politik gehört Wenn das Ausland mit dem Wiederaufbau Oesterreichs beginnt, so muß Oesterreich mit dem Abbau der Gehässigkeiten gegen Fremde und gegen die Juden beginnen. Wenn das Ausland den Schaden des Friedensvertrages beheben will, so darf Oesterreich nicht auf den Kriegsbeginn zurtickgreifen und eine Politik der Jahresringe betreiben. Es geht nicht an, bei jeder unpassenden Gelegenheit den 1. Juli 1914 zu zitieren und die Bevölkerung nach der Dauer ihrer Ansässigkeit in bevorzugte Deutsche und rechtlose Juden einzuteilen.\ Begrüßt maiA es, daß die Franzosen endlich mit dem »Boche“ aufhören, so darf man in Oesterreich das „Hepp- Hepp“ nicht in die Verwaltung eindringen lassen. Horthy-Manieren und Ludendorff-Geschimpfe geziemt sich nicht für ein Mitglied des Völkerbundes. Die Fihänzmaßnahmen stehen unter der Finanzkontrolle; die innere Politik Oesterreichs steht unter einer viel höheren Kontrolle, unter der Beobachtung durch die Kulturwelt. Jedes Unrecht gegen einen sogenannten Fremden, jeder Verwaltungsexzeß gegen einen jüdischen Optanten bedeutet nicht ein ethisches Manko, sondern schädigt direkt den Staat als die Gesamtheit der Bürger. Der Herr Waber mag jetzt in Rathausversammlungen die Heldentaten seiner Stampiglie rühmen. Ihm Ist es zuzuschreiben, wenn der Völkerbund in eine Ueberprüfung der österreichischen ÖDtionspraxis eingetreten ist und die österreichische Wiesa, Sonntag, 1®. F@üruar 1922 4. Jahrgang Mr. Young über seine Mission. 1 London, 18. Februar. Mj. George M. Young, der Vertrauensmann der englischen Regierung in bezug auf den von ihr Oesterreich eingeräumten Kredit,’der in dieser Eigenschaft der' englischen Gesandtschaft^ zugeteilt wurde und den offiziellen Titel »Vertreter' des britischen Schatzamtes in Wien“ führen wird, trifft am S o n n t a g in Wien ein. Vor seiner Abreise teilte Mr. Young dem Korrespondenten des Telegraphen-Korrespöndenz-Bureaus über seine Aufgabe in Wien mit: ' . r : „Seit den ersten TaMr nach dem Waffenstillstandhaben weite Kreise des, englischen Publikums: die Lage Oesterreichs mit Sympathie verfolgt Der Kredit von zwei;Millionen Pfund Sterling, der gerade in einem Augenblick kommt; ,wo Parlament und Regierung Englands mit Nachdruck. für größere Sparsamkeit eintreten, beweist, daß unser Wohlwollen für Oesterreich nicht versiegt ist. - . Aber läge nur ein Kredit und sonst nichts vor, so wäre dieses Darlehen gleich'seinen Vorgängern bloß ein Akt der Wohltätigkeit. Was der Tat der englischen Regierung, (welcher hoffentlich in Kürze die französische Regierung; folgen wird) ihre Bedeutung gibt,, ist die Tatsache, }daß es siSh diesmal um ein , . . >; .. . ...; ... : Darlehen auf ausgesprochen geschäftlicher Grundlage und gegen Sicherstellung handelt. Dies, glaube ich, bedeutet den Wendepunkt der Flut Alles weist darauf hin: der Kredit von den Westmächten, das -Üebe re Inkommen von L a n a und die Kredite, die der hauptsächlichste industrielle Nachbarstaat Oesterreichs gewährt Schon vor einem Jahre erachtete man es in England. für sehr wünschenswert, daß das Netz werkt inanzi eil er und gs S c h ä f 11 i c h e r Beziehungen, de s s e n M i 11 elpUnkt Wien is t, e r h alten bleibe, war aber nicht «so sicher, ob dies auctv möglich sei. .Heute hat man tfiel i g r ö S e r e 2 u v o r s i c h t, 1 Irrster LiM ^Ävkfetrr' VeftfältetFdes österreichischen Volkes selbst Die A b s c h a f f u n g d e r Leben sm i t t e 1 s u b $ i d i e n hat einen großen-moralischen Eindruck auf die Westmächte gemacht Von nun an, hoffe Ich, wird es . ohne Unterbrechung in derselben Richtung weltergehen, wenn auch die ersten Monate der Relcom V'ji 1 $»szcnz schmerzhaft und. ge* f.ä hr lieh sein werden. ffch schließe mich;|iirchaus der Analyse an, die Dr. Rosenberg gc- Msven hat Oesterreich wird alle Entschlossenheit luftig haben, um das Problem des b udgetären , |RT clchgQwichtes und . der Wieder* Erstellung der Währung ln Angriff, nehmen za; f{Jpipen, Und Ich fürchte, es wird unvermeidlich .Min» daß dabei manche individuelle Mi-(eressen verletzt werden und fMs nche Härtenunteria. u f e n. .'M Aber im allgemeinen liegt .guter Grund, zur Hoffnung vofelch verlasse mich darauf, daß die E politische Stabilität Oesterreichs 6Mb alle Schwierigkeiten hindurch erhalten werden wird. Zweitens stellen die neuen Beziehungen mit London der. ö|t|rreicliischen Regierung , den b e s t e n R a t I n n z I eil e n Din g e n zur Verfügung, c^en. esr fnTder Welt gibt Endlich beginnen die Gehässigkeiten*: di^|dem Kriege folgten, zu erlöschen, die natürliche, An* iziefüngskraft Wiens als Kulturzentrum wird Wiede* gefühlt uhd seine ganz besondere1 Bedeütting als der; große z e n t rale Mar kt von: Europa' wieder 1 an* erkannt: Es ist das Interesse ganz Europas, daß 'Oesterreich gedeihe und daß die natürlichen Vorteile, die Oester* reich als ein B. r ennp.unkt finanzi eile r Beziehungen genießt, so, weit als nur möglich ausV gebaut v,erden.“ . Zum Schlüsse sagte Mr. Y o u n g noch’: »Meia eigener bescheidener Wirkungskreis wird der sein* daß der b r i t 1 sehe An teil a.n den n’ejuea Krediten best m ö,g 1 i.c h ver we n,de t wi r <L Ich glaube, daß Oesterreich jetzt von der Uneigennützigst. Großbritanniens überzeugt Ist, und ich sehe dem Zusammen^ 'arbeiten mit deriösterreichischen Regierung entgegen, das'’ auf beiden Seiten ohne Reserve und ohne Verdacht, da? einzige Ziel verfolgen soll, die österreichische. Republik fürihre besondere Aufgabe in der europäischen VölkerfamiUe neu' auszurüsten.“ ‘ Aufhebung Mes englischen Protektorats über Aegypten. London, 18. Februar. (Reuter.) Wie die Blätter melden, sieht das Abkommen, betreffend Aegypten, die Aufhebung des Protektorats und das Recht Aegyptens auf Einsetzung einer verantwortlichen Regierung vor. Das Abkommen enthält weiters Vorbehalte bezüglich der S i c h er h e i t de r Reichsverbindungswege, Maßnahmen zürn Schutze der Frerodeh und Sicherungen gegen jede fremde Einmischung. ' London, 18. Februar. (Wotff.) Nach der „Westminster Gazette“ sieht das Abkommen bezüglich Aegyptens neben der Abschaffung des Protektorats und der Bildung eines ägyptischen Ministeriums für auswärtige Angelegenseiten die Aufhebung des Belagerungszustandes und die Einberufung einer konstituierenden Versam ml u n g vor. Unter den von britischer Seite geforderten Sicherheiten befindet sich das Recht für Großbritannien; die Reichs- ~verbindungswege zu sichern und durch eine britische Streitmacht den Suez-Kanal zu schützen. England verlangt auch, daß die Rechte der Ausländer in Aegypten geachtet werden, und erklärt, es könne nicht zulassen, daß Aegypten Verträge mit fremden Ländern abschließe, die gegen die britischen Interessen gerichtet seien. ' Der Hunger in Rußland. Charkow, 18. Februar. (Funkspruch.)- ln Odessa hat die Hungerkatastrophe bedrohlichen Charakter angenommen. In den Straßen der Stadt sieht man eine Menge Hungernder. Die Zahl der unterstandslosen Kinder beträgt einige Tausend. Die Kinder werden provisorisch bei verschiedenen Familien untergebracht. Gegen den Paßzwang. Interpellationen im deutschen Reichstag. Berlin, 18; Februar. (Wolff.) Der Reichstag beschäftigte. sich in seiner heutigen Sitzung mit einer Interpellation der. Demokraten, in ' welcher der Wunsch ausgedrückt wird, die Reichsregierung möge mit der ö s t e r r e r-c"hi*. s C h en Regierung schleunigst In Verhandlungen eintreten mit dem Ziele, daß im Verkehr zwischen den beiden Ländern das P a ß v i s u m a b g e s c h a ff i und der InlandsausweJs beiderseits a l s genügende Legit i m a t i o n an er» kan nt werde. Reichsminister des Innern Dr. Köster erwiderteg Die Unbequemlichkeiten und Schwierigkeiten im Personenverkehr zwischen Deutschland und Oesterreich sind der Re^t jener starren und harten Absperrung, zu der während des Krieges alle Staaten gegriffen haben. Das Reichsfinanzministerium ist jedoch heute noch der Ueberzeugung, daß, der Paß visumzwang ein wirksames Mittel gewesen ist’ und noch ist, um die K a p i t a 1 s f 1 u c h t’ zu b ek ä rn p f e n. Deshalb weigert sich das Finanzministerium mit Recht, das Paßvisum abzuschaffen. Würde man das Paßvisum auf heben, so würde in dad eine Land sich durch dieses Loch das abwandernde Kapital bewegen, das an den übrigen Stellen durch das Paßvisum gehindert wird. Wir können auch nicht einen Strom von Leuten aus Oesterreich zu uns hereinlassen, von denen wir nicht wissen, wie viele von ihnen zu uns kommen, uni dauernd bei uns zu bleiben. Dazu zwingt uns die Wo hnungsnot und die Gefahr der A r b e i t s- 1 o s i g k e i t Ich bin bereit, noch einmal mit den beteiligten Instanzen eirfe Vereinfachung des.Verfahrens und eine zeitliche Abkürzung desselben zu prüfen; Ferner ist eine Zusammenlegung der Revisionsstellen auf einen G r e.n z ü b e r g a n g in Aussicht genommen.* 1 Regierung Fall für Fall rechtfertigen muß. Die auf Ehre und Ansehen so bedachten Großdeutschen haben nicht aufgemuckt gegen die vom Friedensvertrag angeordnete, meist unsinnige Zerstörung wertvoller Objekte. Ihr Mut versagte damals. Aber die Option der jüdischen Bewohner, deren treues Bekenntnis zu Oesterreich hat den Kriegsgeist der Siegfriedler entflammt. So machten sie aus einer reinen Verwaltungssache eine politische Affäre und verwendeten ihre ganze Bosheit danfinf, die Schwächsten unter den Schwachen heimatlos zn machen. Die Mächte 2esgen sich bestrebt, dem österreichischen Problem die härtesten Spitzen .wegzuschleifen. Die Kredite sind so gut wie gegeben. ES wird jetzt auf die österreichische Volksvertretung an* kommen, die zu beweisen hat, ob sie imstande ,'stz positiv zu arbeiten . und beim Wiederaufbau auf die Bedürfnisse der produktiven Bevölkerung Bbdacht zu nehmen. Man wird sparen und arbeiten müssen und von der liebgewordenen Demagogie Abschied nehmen. Daß die Kredite nicht verpuffen, dafür wird die Kontrolle sorgen. Es wird Sache Oesterreichs sein, diese* Kontrolle möglichst bald überflüssig zu mache«*

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