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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-16 · Heft 1096 (16.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1096 (16.2.1922)
Date
1922-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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LINLGMUMNE K 44 Wien: Zum, Abholen in der ExpeditiotfÄ Tabörstf. h^S, oder ui einerV^rschleiß^teüe (Trafik) monatlich K 1200. MitPosfversand fürWien und Oesterreich monatlich Kl200. rrner Tschecho-S low a k e!: Mon. Kronen 20.JJ ögarti: Monatl. Kronen t20? «Jugoslawien: Mona 11. Dinar 18» Polen: Monatl. Mark Ö00. Deutschland: Monatlich Mark 25. Fr a n k r e i c h: Monatl. Frcs. 6. Tscftedho-Stowakef sseh. Kl Hallen: Monatlich Lire t>. Rumänien: Monatl. Lei 40. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Francs 3. Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse 1— 3, Telephone:H. 43-3-10, ab 6 Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse;„Morgen- zeitung“, Wlem Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.695.' - ’ i Nr. 1096 Wien, Donnerstag, 16. Februar 1922 4. Jahrgang Oesterreich und die Juden. ~y. Wien, 16. Februar. Die Republik Oesterreich, in deren Politik in der fetzten Zeit der Fremdenhaß wieder stärker her vortritt, ist nach dem Umsturz als nationaler Staat konstituiert worden. Eine Gemeinschaft von ungefähr sieben Millionen Menschen, die miteinander sprachlich- Über“ einstimmen, erklärte sich unabhängig, und erhielt.die internationale Anerkennung. - Der neue Staat hatte, das Glück,- ohne nationale Belastungen sein Leben-einrichten zu können. Aber die Parteien, die die Einrichtung des Staates übernahmen, wußten das Gute , picht zu schätzen. Sie komplizierten selbst das Leben .und trugen ganz überflüssigerweise das. nationale Moment in die Politik, die sie unter den Druck, eines gewissen Verfolgungswahnes stellten. Es wurde die Ansicht verbreitet, daß der deutsche Grundcharakter, in Gefahr sei, un&man konstruierte einen Gegensatz zwischen dem deutschen Staat und seinen andersnationaleh Nachbarn. Die Psychose des Krieges wirkte so stark nach, daß ihr auch die Sozialdemokraten, in jenen tagen die führende Partei, unterlagen. Aber der Nationalismus gab sich damit noch nicht zufrieden. Da die Slawen in Oesterreich keine Rolle mehr spielten, innerpolitisch also nicht mehr als Gespenst verwendet werden konnten, so schuf man den Popanz einer jüdischen Gefahr und alle Kraft, die dem. Aufbau einer neuen Ordnung hätte zugute kommen können, wurde auf die Bekämpfung des Judentums gesetzt. Das Schlagiyort von den Bodenständigen und ihrem Schutz vor ’ den Zugewanderten geriet in raschen ’ Kurs. Unter. Zugewanderten verstand man nicht das auf den Flügeln des großen Sieges übermächtig . hereinströmende westliche Kapital, sondern die Juden und unter diesen besonders die Ostjüden. Es .imig, verfehlt ‘und falsch sein» in der Politik von Dank zi| sprechen. Aber da Politik die Ausführung politischer Ideen 1! ist^und..solche Ideen - immer jeine kSMMWWWWWMMdMkHMMn hier einige Feststellungen ‘ Vorgenbmmen, deren Nutzanwendung ziemlich klar ist. y Juden haben im Kriege österreichische Soldaten vor den Russen m Schutg . genommen. y Juden haben während des Krieges in ^hierika für Deutschland.und Oesterreich gewirkt. Juden/haben nach v dem-Kriege viele täusende Wiener Kinder -.vor Höriger und. Entkräftung gerettet: /Juden ' haben in Amerika den Joint gegründet, .der die Repatriierung der österreichischen Kriegsgefangenen begonnen und durchgeführt' hat Juden, die ihre Abstammung nicht gehindert hat, * gute amerikanische : und englische : Staatsbürger, zu r söin, stehen heute: im Vordergrund aller finanziellen Aktioneck für Oesterreich. . yv: Die Ostjuden r nun/ die nach; Wien gekommen sind, haben die — wie nennt , man das? Gastfreundschaft des deutschen Volkes nicht freiwillig aufgesucht Man hat sie dörfer-j ja. sogar bezirksweise zusammengetrieben, in Züge gepfercht und nach > dem Westen ^verschoben. Einige starben - in den Konzentrationslagern des ritterlichen .magyarischen Staates, einige gingen: in den Barackenstädten Mährens, Böhmens, Oberösterreichs und der , Steiermark; zugrunde, ' den -Rest brachte man nach Wien und überließ ihn geächtet und stigmatisiert der Bestialität der öffentlichen Humanität Sie standen auf der Straße, obdachlos, erwerhlos, heimatlos. Daß viele von ihnen in ihrer Not die Dinge rings um sich genauer. be trachteten und zur Selbsterhaltung zu allen Mitteln griffen, darüber kann nur ein Mensch Beschwerde führen, der selbst nie in Versuchung stand und der heute vergessen hat, wie sehr das Leben der Monarchie von Korruption und Niedertracht? verseucht wurde, als der große Millionenregen des Krieges aus den Staatskassen niederrauschte. Aber diese Ostjuden haben die Handelsbeziehungen über die Gredzen aufrechtgehälten und sie sind heute die ein zigen, die für den Absatz der Produkte Oesterreich^ sorgen. Jeder Handelskammerbericht spricht von „Polen" Hat einer der alldeutschen Klugschwätzer jemals darüber nachgedacht,, wer diese „Polen“ sind? Das xlind die, die, der neugegründete österreichische Staat unausgesetzt beleidigt und an denen jeder deütschnatiohale Semit und Antisemit seine Witze verübt Ist es noch niemandem aufgefailen, daß es in. der großen Reihe antijüdischer Pamphletisten keinen einzigen modernen Völkswirtschaftslehrer ’ gibt? r Wenn man Politik betreibt und ein Staatswesen eiririchtet, so muß man die Grenzen der eigenen Kraft vnd die Lebensgrundlagen der zu leitenden Gemeinschaft genau ermessen. Wenn man; Oesterreich zur Besserung führen will, so darf Ablehnung und ’ Verneinung in dem staatlichen Wörterbuch überhaupt nicht Vorkommen. Da aber Oesterreich gegenwärtig aus dem Stadiuip der Improvisation in das des tatsächlichen Aufbaues tritt, wozu es die jüdische Mitarbeit sehr intensiv notwendig hat, würde es sich leibst den Weg verlegen wenn «s den Geist des Vertrauensvotum für das Kabinett Wirth. Mit 230 gegen 185 Stimmen. Berlin, 15. Februar. (Wolff.) Der Reichstag hat das Vertrauensvotum für das Kabinett Wirth mit 230 gegen 185 Stimmen bei 16 Stimmenthaltungen angenommen. Wie die Tel.-Kojnp. meldet, stimmten für die Regierungserklärung geschlossen die Sozialdemokraten, das Zentrum, die Demokraten und wahr« scheinlich ein Ten der basischen Volkspartei. G e g e n das Vertrauensvotum sollen geschlossen nur die Deutschnationalen und die Kommunisten gestimmt haben, während sowohl bei den Unabhängigen als auch bei der Deutschen Volkspartei Stimmenthaltungen vorgekommen sein müssen. ", Der Wahlreehtskampf in Ungarn. Budapest, 15. Fdbimr. (Hing. Tel.-Kiorr.-Buir.) In der Natioflalversammluinig wurde-' die Generaldebatte über die Wablredifereform fortgesetzt. Abgeordneter ■ Ru b i n e k (Partei der klem-en Landwirte) polemisiert gegen die gestrige Rede des Grafen Appbnyi. -; Abgeordneter Grieget (Oppositioneller) be-; tont, daß die National Versammlung, die' ihre Geburt; der Friedrichsühen Wahlordnung Verdanke, kein' Recht habe, ein Wahlgesetz zu schaffen, das eine; Einschränkung der Friedrichscheai Wahlordnung: bedeute. Abgeordneter B e -r k.y '(Partei der kleinen Landwirte) meint, daß die Helfen, die* jetzifc s<sviel Wditein nicht So genann genommen** K ä r l-IV; 1 n 4 L a n d r i e f e n. Diei&^Vvortie ibf^ großen Lärm aiuf den Bänken dter'.Legitintistem hervor. Vizeipräsidenit--B.o tili k. ruft den Ange-crd-1 ■ neten Szmrecsamyi, der mehrere Male aüf^das? ‘Mt schlägt, ziur OT'dnumig und süi&pendiert die ■Sitzung; " . Abgeordneter B e r'k y schließt seine Rede mit der Erklärung, daß die Partei, der iklemhn- Laindwirte die Regierung dazu bewegen werde, alles aufzubieten, um die Reinheit der Wahlen zu sichern. Die Unparteilichkeit der Wahlen werde es^ftiit sich' bringen» daß die Vertreter derdndüstfiellen^Aiibeiterschaft!h* entsprechender Zahl im neuem.: Hänse erscheinen werden können. Er nehme die Vortage am. (Beifall.) ’ .. '* Miiindrter die® Iranern Graf K le b*elslb er g verwahrt sich gegen den vcin der Opposition er-' hobenen Vorwurf, daß er die WahireforraVorlage zu spät eihgehracht habe. Was die 'FriedrichsöHe VVahllrefarm anlbelan'ge, sed dieselbe aiuf Wumisoh der ■ Entente zustande gekommen, se>! a'liso midhit aflis eine Erfüllung der Wünsche der Nation zu betrachten. Der Minister sucht nachzuweisen, daß das gegenwärtige Wahlrecht bezüglich der Zahl der Wahlberechtigten, einen Fortschritt bedeute. Von einer Arbeiterfeindlichkeit könne nicht die Rede sein. Der Minister lege das größte Gewicht darauf, daß die industrielle Arbeiterschaft in der nächsten Nationalversammlung eine ebenso große Rolle sipiele, wie sie ihr außerhalb des Parlaments ztukomme. Selbstverständlich werde er Bestrebungen innerhalb der Arbeiterschaft, die gegen die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung gerichtet seien, mit der größten E n e r g i e <un t e r d r ü c k e n. Die Regierung wolle alle Forderungen der Opposition erfüllen, die - sich auf die Sicherung der Reinheit der Wahlen 'beziehen. Bloß jenen Forderungen habe man nicht Genüge leisten können, deren Erfüllung die Aufrechterhaltung der Ordnung in Frage stellen könnte. Bürgerliche Ordnung müsse aber nicht nur außerhalb des Parlament®, sondern auch innerhalb desselben herrschen und er glaube, daß jeder, dem diese Ordnung am Herzen liege, für den. Wahlreformentwurf stimmen werde. (Großer Beifall im Zentrum und auf der Rechtem. Der Minister wird .beglückwünscht.) .... . Abgeordneter Haller wendet sich gegen, die Vorlage, da sie die Niederringung der Demagogie nicht gewährleiste und auch die Führerrolle der Intelligenz nicht sichere. . : \. ■ J r . INiätclifdieon . in der Naicihmifötiajgtssiiltisjuing nodhrdfe Abgeordneten Gyömörey -pro und Riuppert .ktonbrai gesipnedhten batten, machte diör Vonsitzeinrile einem Vcrsdhillag für düe Tagesoindnuu'g dermorgiger»'- Siitzung. Zuir Tagcsondnnng erklärte Abgeordneter; Hueizatr, daß er auch kn letzten Augertbltick für, einer», c/nter..dch!e n^ch.L genügt 4§e Mwmmwläge -dtrrcmiwlä'rrsch/, , / . , . ';':‘Min'istcinpräsT(dteintt Graf B e t h l e n erklärte,*• es sollen dies diicsellbcn Bedingungen» welche dii^s Regie- ■ mug^aBs:: unanmehm baur, erklärt halbe;'' .Zwei;4 V* . T - ’•?*?■ I ahch ,d!ic:?(MpOÄ'l!lO!n> daß die. Rcgienutmg auch das -Engöbnife diar^A'ibs'tiimmunig im. viorhcheLm gainäni^.sre^ Dies köhme’jdre Regierung nicht tun, da sie. aiu£-€jen Beschluß des .Hiausefef*keine Lngeireriz habe. _ * ' ’. Aibg^cffdueter r. S z ii <g y i.. yehlaimgit;' .,idteV Schjlelßaingi der heutigen Sitzung niiit’ Rücksicht : die/y'oirgi&diiri<üDene Zeit umd fügt hiniziu, .daß, da iheiite; dH® -I zweijährige Maimd'at Äür > Nation^l^nsamöiSliiinig;: ■ iatblaufe, htobgen keine Satzung' i alhgtzhalternwerdet -sollte. ** 1 * * '' ■'; * ’ ' - '■ ■ , ■■■• Abgtej^r^eter Graf A p p 0 n y i * erklärte,■ dE- - die Naridhal^rLamimlüng.riwan kein Wahlr.echt,ge^ schaffen, habe,- daß dies jchoch kein verwirrender;.. LVmhtand «ei.da die^Rdgionunglaüf Gruh-d dös ,seiner- . zeitigen. Friedrkhschen Wahlirechtes wählen 1 assem! könne.- Es-i W'äre bedauerlich, wenn, die Regierung einen anderen Weg eAnschlägen würde, denn -dieser! wäre ungesetzlich. Redner stellt am die .Regierung’ das Ersuchen, während die parlamentarische. Kontrolle nicht funktioniere, sich der Freiheitsrechte iß erhöhtem Maße änzünehmen. ..r'vv Ministerpräsident Graf Be.thleu erwiderte, daß er sich auf dem Gebiet der Freiheitsrechte keine Vorwürfe machen zu lassen brauche. Er halbe zwan-, zig Jahre lang auf den oppositionellen Bänken gesessen und für die Freiheitsrechte gekämpft. Als Ministerpräsident habe er die Pressezerasuir aufgehoben, die Würasche der Sozialdemokraten in weitestgehendem Maße berücksichtigt und sei, in jeder; Hinsicht für die innere Konsolidierung u;nd die öffentliche Freiheit eingetreten. Er bitte die •Opposition, während des Wahlkampfes nicht *u den Mitteln drt Demagogie zu greifen. , Hierauf wurde die vom Präsidenten vorge-sdhlL» gen.e Tagesordnung angenommen und au den Interpellationen übergegamgefl. Waber und seiner Gesellschaft nicht bald aus seiner Politik bannt. Es müßte sonst als'Mitglied des Völkerbundes schamrot werden, wenn die Weißen von Madagaskar über Verfolgung durch die Neger Klage? führen, Die Unruhen in Indien. Erklärungen Montagus. London, 15. Februar., ln Fortsetzung der Adreßdebatte brachten General T 9 w n s h a u d und zwei andere Mitglieder des Unterhauses einen Ab&ndeninmßtxaa ei«, der besagt, die Erregung und die Unruhen in Indien seien aui das,Verhalten : der britischen Regierung während der drei letzten Jahre zurückzuführen. Der Abänderungsantrag läuft aut ein Tadelsvotum gegen die Regierung hinaus. - Staatssekretär für Indien, M 0 n t a g u, erklärte, die Läge in Indien erfülle Ihn mit'Besorgnis. Es sei heute unmöglich, ein Land im Zustande voller Isolierung zu halten. Die; Reden des Präsidenten Wilson, die Ansprachen Lloyd Georges, die Diskussionen anläßlich der polnischen, der schlesischen und der irischen Frage hätten notwendigerweise Ihre Rückwirkung auf; Indien gehabt Es, sei. zw schweren Ausschreitungen gekommen, die mit--Gewalt »terdrückt werde« mußten t' M W' % ■ f li;| a v K: •W-i K:

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