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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-15 · Heft 1095 (15.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1095 (15.2.1922)
Date
1922-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer K 45 Wien: Zum Abholen ln der Expedition, n.,Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1200. Mit Postversand fürWlen und Oesterreich monatlich K1200. rrnrr Tschecho-SlowakeiiMon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Frcs. 6. Nr. 1095 Tschechoslowakei tsch. Kl Italien: Monatlich Lire <sj Rumänien: Monatl. Lei 402 Schweiz und das übriges Ausland monatlich Francs Redaktion u. Administration Wien II., Taborstrasse i—33 Telephone: 44-0-38, 43-3-19* ab 6 Uhr abends 17-9-332 T elegrammadresse: „Morgenzeitung“, Wien. Oesterreichisches Postsparkassenkonto 150.69& Wien, Mittwoch, 15. Februar 1922 4.Jahrgang Die Schänder Oesterreichs. —y. Wien, 15. Februar. Morgen wird sich der österreichische Nationalrat wieder versammeln und die Gesetzgebungsmaschine wird wieder zu klappern beginnen. Die Parteien werden ihre Verhandlungen fortspiiinen, um zu einer Arbeitsmehrheit zu gelangen. Die innere Situation sieht sehr ernst aus und würde die strengste Gewissenhaftigkeit erfordern. Die Kreditaktion ist in vollem Fluß, aber die Notenpresse ist noch nicht eingestellt. Die Teuerungsbewegung läuft weiter nach aufwärts, obzwar die Valuten ins Weichen gekommen sind uni die Oesterreich am meisten interessierende tschechische Krone einen Stand erreicht hat, den man in der Warenbewertung heute schon fühlen müßte. ‘ Aber da die Indexziffer sich nicht hinabbewegt, zeigt sich trotz der Kredite ein Beharren der österreichischen Krone in Zürichauf dem internationalen £entralmarkt, für Valuten’ und Devisen liestman eben das Thermometer sehr genau und beurteilt die Lage eines Landesweniger nach den naturgegebenen Voraussetzungen seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten als vielmehr nach den i/sichtbaren Merkmalen Seiner äußeren Politik. 1 Der wirtschaftliche Spannungszuständ Oesterreichs, der von Kriegsverhältnissen sich nicht allzusehr entfernt; müßte ein Zusammenraffen aller produktiven -Kräfte erfordern und als erste Stufe zueiner Besserungeinen inneren Burgfrieden herbeifühfen, in dem alle Schichten und Klassen die trennenden Momente beiseite stellen und ihre Impulse einzig und allein auf Arbeit, auf Handels- und Verkehrsfreiheif setzen. In Oesterreich kommt aber alles anders. Statt Kräfte heranzuziehen und alle, die für die Sanierung - der Staats- ’ und - Volkswirtschaft auch nur irgendwie positiv. in ( Betracht kommen, die die notwendigen Verbindungen 1 mit dem Ausländ ‘ hersteilen': iind in > alle Welt die Aufklärung über Oesterreichs^ Arbeitsfreude und :ehf liehen Rillen tr^ert ■ ' män-v gerade ehtgegengesetzte, Mittel A Man nMeckt außerhalb' der Grenzen wieder einmal die entsetzlich schädigende Vorstellung, daß Oesterreich,; keine 'Sympathien und keine Freundschaft will,, d^ß es die. Fremden verfolgt und daß es den Friedens vertrag nicht einhalfen ..will, obwohl ihm alle Unterstützung ' nur; auf der Grundlage dieses Vertrages zuteil werden' kann. Der Wohnungsnot, will man dadurch abheffen,-daß man nicht etwa baut oder die Aemter abbaut oder die'Paläsie der Kriegs^ewinner und Kriegs verlier er beschlagnähmt; nein, dadurch, daß man den . Mieterschutz kalendarisch fixiert und . ihn offen und brutal denen entzieht, die durch den Krieg nach Wien vertrieben worden sind. Es wird nämlich von den Großdeutschen vorgeschlagen, den Mieterschutz für die Personen aufzuheben, die nach dem 1. Juli 1914 nach Wien gekommen sind. Dieser Plan steht in: Verhandlung. . Die Christlichsozialen erwägen ihn und die Sozialdemokraten,, die in Judenfrägen-—1 und um die jüdischen Flüchtlinge, dreht es sich; jä hier der großdeutschen Demagogie^ sehr gerne nachgeben,: sehen die Schandformel - als diskutabel an und sind -in Besprechungen eingetreten. Und. die kulturelle Höhe soll dadurch erwiesen werden, daß den Tschechen die Schulen, auf die sie nagh dem Friedensvertrag Anrecht haben, nicht bewilligtwerden (sollen. In beiden i Fällen stehen großdeutschs Führer.;än : der Spitzen politiker, wie -der Vollbart ’ Groß, deren Tätigkeit in der. Zeit der sterbenden Monarchie das Hoch auf die ruhmvolle Armee war, Professoren' der Universität, die aus . der Hochschule einen chauvinistischen Paukboden gemacht haben, jüdische Hörer ausschließen und in ihrer freien Zeit bei Juden Geld für ihre Zwecke; schnorren. Es;, sind die Wortführer der geistigen' Arbeiter; denen eben erst die amerikanischen Hilfsvereine auf Initiative * des jüdischen Joint, die nach Befragen; der österreichischen Zionisten erfolgte, eineinhalb Milliarden für Lebensmittelankauf, geschenkt haben, ' es Md dieselben Personen, die über die Unterdrückung; der deutschen Kulturinstitutionen in der Tschecho-Slowakei greinen und.auf ihren Banketten von.der moralischen Zurücksetzung, des Deutschtums schmettern. Sie verkörpern die Reinkultur des in aller Welt verhaßten .Hypernationalismus und kommen nicht darauf, das es aus dem Wald immerso zurückhallt, wie man - hinein gerufen hat/ In. Oesterreich . ist ihnen,, der,Kamm mächtig geschwollen. Die Presse schweigt;, diö/sogenannte Judenpresse spielt die G’schamige und will sich für Juden und Slawen nicht exponieren. Von den’ vielen demütigenden Blamagen, die diese Art von Politik .dem Staat schon eingetragen hat, ist in unserer Oeffent- (flichkeit weiter nicht die Rede. Aber da es schließlich immer die Regierung Ist, die für eingeworfene Fenster verantwortlich gemacht werden muß, so ist es not wendig, sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die dem Staat, besonders aber der Großstadt droht, die dem Ansehen Oesterreichs gegenüber andere Pflichten hat als irgend ein anikcmttlschcs Dorf in Rußland soll seine Auslandsschulden Vorbedingung für die Zulassung zur Konferenz in Genua. P a r i s, 14. Februar. (Funkspruch.) Die in Paris tagende Konferenz der ausländischen Gläubiger Rußlands hat einstimmig eine Entschließung angenommen, worin von der Räteregierung die Anerkennung der Sch ulde n gef ordert wird. Weiters wird darin verlangt, daß Sowjetrußland noch vor seiner Zulassung zur Konferenz von Genua die nötigen Sicherh e i t e n geben müsse. Der Inhalt dieser Entschließung wird, allen Regierungen der an der Konferenz von Genua teilnehmenden Mächten bekanntgegeben werden. Die kleine Entente und die Konferenz von Genua. Rom, 14. Februar..(Intel.) Es verlautet, daß der tschechische Gesandte In Rom gestern der italienischen Regierung eine Note Überreicht hat,- in der im Namen der kleinen Entente die Verschiebung der Konferenz vyn Genua um drei Wochen verlangt wird. Wie dazu aus London erklärt wird, ist dieses Vorgehen der kleinen Entente' von Frankreich inspiriert. _• .■ Die amerikanische Abrüstung. 70 Millionen Dollar Ersparnis. Washington, 14. Februar. (TeL-Komp.) Der Staatssekretär des Männeamtes hat im Repräsentanten-. haus für das kommende Jahr eine Ersparnis von 70 Millionen Dollar für das Marlnebüdget. in Aussicht gestellt. : '; ' /, i ".;. V ■ ■;■/;.*/ Die Kbaütionsve^hahüiungen ln Berlin. Berlin, 14. -Februar. (Wolf?.) Heilte vormittags fand -in der Reichskanzlei in Anwesenheit des Reichskanzlers Dr. Wirth eine Besprechung der Führer der drei Regierungsparteien, Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten, mit den Führern der deutschen Volkspartei statt. Die Verhandlungen waren vertraulich, doch glauben die Blätter raitteilen zu können, daß die Frage der großen Koalition erörtert wurde. ' Verringerung des italienischen Defizits. Rom, 14. Februar. (TeI.-Komp.) Einer Regierungserklärung zufolge, die am Donnerstag in der Kammer abgegeben werden wird, hat die Gesundung der italienischen Staatsfinanzen weitere Fortschritte gemacht Das im laufenden Rechnungsjahr auf fünf Milliarden veranschlagte Defizit wird im Budget des Jahres 1922/23 nur mehr -mit drei Milliarden beziffert Der Kampf um die Wahlrechtsreform in Ungarn. Windischgrätz rechtfertigt sich. Budapest, 14. Februar. (Uri-g. Tel.-Korr.-Bur.- — Natiönal versam milutng.) Vor Ei-ngehen. in die-, Tagesordnung /erklärt Abgeordneter Prinz Ludwig',- W itnd i;s c h gr ä t z, daß man i3in.Nsie.it Jahren be-? schuldige, als -E-mährungsmi-nister,, : in Veribindntings mit dem ^Kantoffelabsfuhtgesetz;'3,1oq.qoo Kronen; veruntreut zu haben. Das in Rede Stehende Ausfuhrgesetz habe einen Auafufiimniutzen vo>n,.ia- Millionen^ Kronen, die er dem, Staate zu gewendet habe, sowie einen Provtsiomsnutzen .von 3-,2.0,0.000, Kronen ergeben, die Redner zu solchen Zwecken verwendet* habe, wie es ilbm gutdünlcte. Redner legte sämtliche diesbezüglichen Quittungen, mit Ausnahme einer auf 17.000 Kronen, z.u deren Rücikeristattung er sich selbstverständlich verpflichtet fühle, vor..E-r erwarte, daß die Regie-rubg die Gruindfoisigkeiit der gegen ihn erhobenen Anklagen., in gebührend&r/Weise dofcu-. mentieren ..werde*. , - / r ., Gleichfalls -vor Eingehen in. die- Tagesordnung erstattcte, _Präsirleriit. G a a 1 von seinem Abgeördnetcnstt3 einen Beneht über, die-Verhaudluingetn, die, mit - der . Opposition., geführt „.wurden. Redner müsse der Wachau.' Fremdenverfolgung war immer ein Symptom von Negerkultür und muß in der Zeit, wo die Welt' wieder .ihre Solidarität zu betonen beginnt, als Zeichen geistiger Verkrüppelung gelten. Wenn der Minister a. D. Waber in einer öffentlichen Heizrv-'ersafnmlungrden Bruch des Friedensvertrages befürwortet und sich stolz in die Brust wirft, daß Österreich die Klage vor dem Völkerbund nicht, zu fürchten braucht so mag das als Geschmacks- und Taktfehler jti'zi, sowohl a>n. die Regierung ais.auch an die Öippo** sitfom die Frage richten, ob sie in dem' Augenblick; da der Friede .und die Ruhe des Landes auf „dem- Spiele stehen, die Verantwortung übernehmen,. nicht alles daran gesetzt zu haben,mm die Wahlrechtsfratg-e einer die Interessen der Nation befriedigenden Lösung zuzuführein.. (Beifall auf den ‘ Bänke» der Mehrheit.) . ' ' Abgeordneter Rass a.y (Oppo!sitioneller)unfceiV breitet den Mimderheitsbericht dies Wahlrechtsaus-* Schusses. Er erklärte, daß die Opposition von Anoe-.; ginn außer dein Bedingungen der Staatsbürgerschaft, der sechsmonatigen Seßhaftigkeit und des Altera von 21 Jahren keinen anderen Zensus anerkenne«; wollte. Redner gilbt im Namen seiner Partei die Ei*; iksia ruirig ab, daß sie die W ah l r e f ötm -'nicht* a h n e h m e, trotzdem sie es nidhit verhindern, daß : die Reform durch die Natioihalyersammliung ■ erledigt : werde, da sie die Befürchtung hege, daß' die Regierung die Reform everabueijl im Wege eines Gktroys, ins 'Leben -'-treten‘ würdeL Eine NatiöAäiyer*; Sammlung, die auf diesem Wege --zustande käme^ mußte alis tnngesetzHch; betracihitet werden.;; Abgeordnete Margarete Schl ac h t a fordent auch - auf dem Gebietdes Wahlrechts die volle Gleichberechtigung derbeiden Geschlechter. Graf Albert Apponyi wünscht die Durch’* fuhruhg der MinderlheitisVertretung, die im Intern esse der ■ intelligenten Klassen gelegen sei. An deti geheimen Abstimmung müsisie unbedingt fesitgehalten werden. An Stelle des Redhtstitelis der vieH Elementanklassen müs-se der des‘Lesen- und Schreib ben-KönneniS. treten, da sonst - die-, A r b eite -i> sch a f t benachteiligt würde/ Der' R.echitisti-tel des Kriegsdienstes, der dem Gebot -der Billigkeitentspreche, müsse unbedingt auifrecliteirhaltiecnibleibenv Redner ^verliest sodann-- den Text emer Adresse a« den Reichs'verweser, worin. asu'sf’ülirt. wird, daß» falls die neue Nationalversammlung aiuseinandergehie«- sollte, obne die Wahlrechtsreform geschaffen zu' haben, die neue gesetzgebende Körperschaft gemäß! Gesetzartikel I -von 1920. auf Grundlage der; Friedrkhschen : Wahlverordnuing einberutfen werde« müsse. Die Adresse beruft sich auf den Eid, den der, Reichsverweser,; auf die: Verfassung afcöegte, ’ und enthält die .Bitte, die ihm erteilten Ratschläge ätu rückzuweisen, um damit die. Gefahr einer V e rv :f a s's u n g s k r i s e abzuwenden.; A :: rliieiraiuif. interpetllierte Abgeordneter Markgraf;P all a v i c i n i. über die neuerliche Verhaftung •des Majors O s z,tenibur g. ‘ ' -; (• : Landesverteidiigungsmmisit'er B e 11 c s h a er« iwiderte, die neuerliche Verhaftung-siel durch den;zuständigem Gericlitsherrn, eritsiprediond der .Vorschrift der Militärstraifprozeßordniuing verfügt' worden. - '. Sodann wurde die Sitzung geschlossen.;-:,Dle Vertreter der Minoritäten von; UettlLnd und Estland in Uitauen.; 1! Ko.wrio, 13. Februar. (Teä. der »Wiener Mq>r* gVnizciifung«.) In den letzten Tagen weilten,. hieri Abgeordnete aus E s 11 and und L e 111 and, um d'ie ’ .Einiriciitungch der lmesigen maitiionialein - Auto* nomiie z.u studieren und ihre Beobachtungen für die’ Vörsöhläge der Mimori tätenivortretex in den thetref*' fenden Ländern ziu verwerten. hingehen. Die Regierung aber, die die'Kreditgesuch« unterschreibt und für die Ehre des Landes einzutreten hat, darf zu solchen Dingen nicht: schweigen. Werden die jüdischen Mieter ihr gleiches Recht behalten? Wird die Regierung den Parteien verständlich machen, daß der Friedensvcrlräg gehalten werden muß und daß die Agitation der Groß und Waber nur zu erhpflndliehen Interventionen des betroffenen Auslandes führen muß?

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