Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1091 (11.2.1922)
- Date
- 1922-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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tzMLSMühMsr« 4S ' Wien:.Zum ^6holen in. der Expedition, IK/räb'or$K 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) 'hjonatlich K 1200. I' v - ■ / MitPostvgrsand4iirV/ieti und ' Oes terreich monatlich K1200. . Ts c h e? h o-S 1 ow a k e i: Mon. Kronen 20.! ühg'afh: Monatl. Kronbh 120. '-’Jügöslawien: Monatl.-*Dinar• 18". Polen: Monatl.Mark60p. D eu.tsch- {an d: MonatlichMark 25. Fra n k r ei c h: Monatl; Frcs. 6. tSCfil. K fl Italien: Monatlich L'ire 6- Rumänien; Monatk Lei 40.- Schweiz' und das hörige- Ausland /monatlich Francs 3d - Redaktion u/ Administrätionr Wien TL, Taborstrassd T—-A Telephone: 44-0-38, 43-3-19i: ab'6* Uhr abends 17-9-33? . Telegramnmdresse:„M<±gen- ’. ( Zeitung“, Wien./ . . . Oesterrelchisclies v , Postsparkassenkonto 150.693/ Mr. 1091 Wien/Sämstag, 11. Februar 1922 4. Jahrgang nrfxa&£aa :: Tschechen und Juden. «t. Wien, 11. Februar. ,. / Diei Frager Zeitung »N a r o d n i L i s t y“, das 6rganÄ^.::pätiönal.demokratisehen. Kramarz-Partei, hat in einer Artikelserie die Handelsbeziehungen zwischen. der Tschecho-SIowakei und Jugoslawien besprochen und festgestellt, daß die Vorherrschaft des deutschen Elements im Wirtschaftsleben Jugoslawiens der tschechoslowakischen Industrie schweren Schaden zufügt.. Als Träger des deutschen Einflusses im jugoslawischen Wirtschaftsleben werden neben anderen Faktoren auch rh'e J u d e n. genannt. Das Blatt schreibt: „Die Deutschen können vor allem mit einer starken Tradition rechnen. Den Handel besorgen in den ehemals , zu Oesterreich, gehörigen Teiiep Jugoslawiens die J uHon, di e i Irrer ganz e n Tr a d i t io n n K c h, ge ge n u n s Tsch e ch e n ei n gen omin e ns i n d, eine Voreingenommenheit, die auch aufjiigc-; slawische greise überzugreifen droht.“ Mit. diesem ebenso vielsagenden als kurzen Satz in einer ziemlich langen Artikelserie ist für die „Naroani, Listy“. das Judenthema erschöpft. Das Blatt findet es nicht der Mühe wert, Beweise für seine Behauptung von der Tschectienfemdiiehkeit der Juden Jugoslawiens .zu erbringen, noch auch darüber zu sprechen, wie die Ursachen der Feindseligkeit, falls eine, solche wirklich vorhanden sein sollte, zu beseitigen wären. Es stellt einfach die Tschechenfeindüchkeit der jugoslawischen Juden als längst erwiesene Tatsache, als Dogma* als Tradition hin, und huldigt damit selbst der schlechtesten und dümmsten aller Traditionen. Nämlich der Tradition der Antisemiten im alten Oesterreich-Ungarn, die auch iriimer giaübteh,;die Judehfrage mit unerwiesenen Behauptungen gefälligen, feindseligen, ‘gedankenlosen Phrasen abtun zu können. ' Woher stammen die Informationen der „Narodni Listy“? Sind sie vom jugoslawischen 'Berichterstatter dfe Mibrih^Mig von TatsachehrnaDiai zu Idtderri. Stammen sie aber aus amtlichen;Que|ien, etwa aus Berichten der tschecho-siowakischerf Gesandtschaft in Belgrad, dann ist Vorsicht am Platze. Der tschecho - slowakische Geschäftsträger in Belgrad, Herr K all! n a, ist als Gegner der Juden bekannt und hat seine Gefühle bei keiner Gelegenheit verhehlt. Herr Kallina mag der beste und treueste Vertreter tschecho-slowakischer Interessen in Belgrad sein, objektiver Beurteilung der Juden ist er nicht fähig, Berichte über Juden und jüdische Angelegenheiten, welche von ihm oder dem von ihm geleiteten Amt herrühren, bedürfen daher der sorgfältigsten Ueberprüfung. Wer sie ungeprüft als maßgebend, für das Verhältnis der Tschecho-Slowaken zu den Juden inj allgemeinen und den jugoslawischen Juden im besonderen erachtet, begeht einen schweren Fehler. Die Juden Jugoslawiens sind, wenn man von Liber verschwindend kleinen Zahl absieht, Nationaljuden. Sie sind treue Bürger ihres Staates und ergebene Diener ihres Volkes, des jüdischen Volkes. Keine Agenten oder Knechte irgendeiner anderen Nation. Ais Natiörialjuden können und wollen sie nicht in den Streit anderer Völker, sei es nun ein Streit auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiete, eingreifen. Das würde gegen den elementarsten Grundsatz des nationaijüdischen Programms, welches Objektivität allen Nationen gegenüber fordert, verstoßen. Welcher Grund besteht für die Juden Jugoslawiens, mit diesem Grundgedanken zu brechen und als Agenten der Deutschen gegen die Tschechen zu arbeiten? Die „Narodni Listy“ sehen Gespenster. Ihnen gilt der enge Kreis von Assimilatidnsjuden, mit denen man es im alten Oesterreich zu tun hatte, als Abbild des Gesämtjudentums. Sie kennen einerseits die um das Prager Kasino und die Wiener „Neue Freie Presse“ gescharten deutschtümelnden Assimiianten, weiche freilich dem deutschen Chauvinismus blind ergeben waren und sich als Werkzeuge der Hetze gegen das Tschechenvolk mißbrauchen,ließen. Sie kennen auch in ihrer engeren Gefolgschaft das Grilpplein tschechisch-jüdischer Assimiianten, welche den deutschnationalen Israeliten in würdeloser Hingabe und knechtseliger Demut nicht nachstehen. Und nach diesen Exemplaren einer zürn Glücke fast ausgestorbenen Art schätzt das Prager Blatt die Juden aller Welt ein, als Individuen, die immer in irgendfeines Herrn Dienst gegen einen anderen schuften und Intrigieren. Die Denkart der jugoslawischen Juden ist natiönaljüdisch. Wenn die „Narodni Listy“ wissen wollen, was das bedeutet, dann können sie in ihrer nächsten Umgebung Belehrung finden. Sie brauchen sreh nur an ihre führenden Staatsmänner, an den Präsidenten Masaryk und an den Minister Benesch, zu wenden. Diese Männer, welche das Wesen des Nationaljudentums erkannt und ihre Stellung zum Judentum nach dieser Erkenntnis eingerichtet haben, werden ihnen sagen können, wie absurd es ist, in den Juden filier Zonen Tschechenfeinde zu wittern. Das Streikrecht der deutschen Staatsbeamten. Debatte im Reichstag« Berlin, 10. Februar. (Wolff.) Der Reichstag trat heute in die Besprechung der gestrigen Erklärung der Reichsregiteraflg ein. Reichsverkehrsminister Gröner erklärte, daß sich Staatsbeamte, welche gegen ihren ^Beamteheid verstoßen, indem sie unberechtigt die Arbeit;niederlegen, •eines, schweren Dienstvergehens schuldig 'mäehen. Die DI 52 i p linarverf ahren würden /nach Gesetz und Recht durchgeführt werden. Das DJ^teinkommen während der Streiktage solle den Streiken/|t : abgezogenwerden. . •' , Präsident L o e be'teilte hierauf mit,; daß die r ti n-;a b h ä n gige n S ozia Ide/mokra te n ein Mißtrauensvot um beantr a.g.t hält e n, daß seitens der K o m m u n i s t e n ein Antrag eingegangen sei, die beschlagnahmten. S t r e i ku n d G ew e r k s c h a f t s g e 1 d e r sofort freiztfeeben,: die vorgenommenen Verhaftungen aufzuheben und/ auch den/ Berliner Magistrat zu veranlassen, die aus,. Anlaß des Berliner Streiks erfolgten M a ß rege I u n;g e n wieder rückgängig zu machen. , Abgeordneter W.e 1 s (Sozialist) hob ,in; seinen Aus- ' führungen hervor, daß die Weimarer Verfassung den Beamten wohl das Koalitionsrecht, k e! nesweg s ab er d a s S t r e i k r e c h t zuerkennt. Nur Arbeit und- Disziplin könnten Deutschland retten. ,: Abgeordneter Dr. K ö f l e (Zentrum) erklärte, die Zentrumsfraktion schließe si.ch dem Standpunkte des Reichskanzlers an. Seine Partei sei gegen den Antrag; den Streikenden volle Amnestie zu gewähren. : Abgeordneter B e r n d t (deutschnational) erklärt, der Streik habe die Ohnmacht der soziald e ra o k r a t i s c h e n G e w e r k S c h a f t e n erwiesen. .Kein Mensch kümmert.; . ' "' : Abgeordneter Scholz (Deutsche Volkspartei) führte aus, in der Frage der Disziplinierung, der Beamten müsse sich die Partei des Redners entschieden dagegen wenden, daß die Disziplinierung der Vorgesetzten Dienststelle weggenommen und auf ein anderes Kollegium übertragen werde, das lediglich aus politischen Gründen entscheide. Reichskanzler Dr. W i r t h ergriff hierauf das Wort und sägte; Das Ziel der Regierung war, den Eisenbahner*' streik/ der in politisches Fahrwasser zu geraten drohte? zu beenden. Dieses, Ziel konnte sie nicht erreichen; indem '.sie von vorneirerein erklärte; sie wolle mit* irgendwelchen Vertretern der \ Reichsgewerkschaftf - nichts zu tun haben. Die Frage der A m n e s' t i e ist vom uns von Anfang an in dem Sinn entschiedea worden, daß! ' es -nicht zulässig sei, eine Amnestie grundsätzlich auszu- , sprechen. Es liegt der Regierung - fern, eine Politik1 der Rache, der Vergeltung im großen an den irregeleiteten Beamten zu verfolgen; Die t e c h n i s'c h e N o t h i Ife muß so organisiert werden, daß.: Sie (nach der äußersten; : Linken gewendet) niemals? mehr Gelegenheit bekommen?' Ifiren armen Brüdern das Leben;unmöglich zu'machen. Abgeordneter D!t tm a n n (Unabh. Soz.) wies darauf hin, daß der“ Vorstand der Reichsgewerkschaft der Eisen-- ' bahner in seiner Mehrheit aus Volksparteilern und Deutsch-' nationalen;,bestehe. Die H u n ge rge h all t e der mitt-i leren und unteren Beamten hätten in allen Verwaltungen; ’?die größte Erregung erzeugt. ‘; Hierauf wurde die Sltzüng geschlossdn; MMMerrsn. ' Berlin, 10. Februar. (Wölff;) Als in der. heutige«' Sitzung des Reichstages der Unabhängige fSpriälis^ D i 11 m a n n sich in scharfen Worten gegen den Reichsverkehrsminister Groener wandte und verlangte, daß. dieser schleunigst verschwinde,, erinnerte er auch an den< Ausspruch Groeners: „Ein Hundsfott, der streikt,“ und fügt hinzu: „Ein Hundsfott, der einen Eisenb.a hner maßregelt, Herr Ge n e r a 11“ Bei .diesen Worten erhob sich im Hause großer L ä r mj Von den Abgeordneten der Rechten wurde ein Ordnungsruf verlangt -L Von den Kommunisten, vund den. -Unabhängigenr kamen erregte. Gegenrufe. Der Lärm steigerte sich noch,/; als Vizepräsident Dr. Dietrich die Abgeordneten der Linken erfolgslos noch aufforderte, ihre Plätze einzunehmen. Plötzlich rief Dr. Dietrich: „Die Sitzung ist geschlossen 1 Nächste Sitzung morgen um 1 Uhr.“ Die Unabhängigen und Kommunisten begleiteten die Worte' des Vizepräsidenten mit schallendem Gelächter. Englischer 10-Millionen^Pfund- Kredit für die Tschechoslowakei. Prag, 10. Februar. (P.*Z.) Das Abendblatt der „Tribuna“ erfährt aus London, daß die Verhandlungen über den Kredit an die Tsehecho-Slowakei a h ge schlossen worden sind. Nach einer inoffiziellen Meldung wird England der Tschecho-SIowakei einen Kredit von 100 M Hl Ion enP Sund Sterling gewähren, obzwar es sich ursprünglich um einen solchen in der Höhe von 5 Millionen Pfund Sterling gehandelt hat. An die Prager kompetenten Stellen ist eine Bestätigung über einen höheren Kredit noch nicht eingelangt. Deutsch-polnische Verhandlungen. Genf, 10. Februar. (Wolff.) Der Beginn der deutsch-polnischen Verhandlungen wird ^uf Montag den 13. d. M. verschoben worden. Morgen werden die beiderseitigen Bevollmächtigten Besprechungen mit dem Präsidenten Calo n der haben* Oeffentliche Sitzungen sind nicht geplant Die Mission Jussuf Kemals. Konstantinopel, 10. Februar. (Havas.) Aus Angora wird gemeldet, die nationalistische Mission unter Führung des Kommissärs für auswärtige Angelegenheiten Jussuf Kemal sei heute nach1 Konsfantinopel abgereist, wo sie Samstag eintreffeiv werde. Die Mission habe offiziösen Charakter. Ihre Aufgabe werde darin bestehen, die notwendigen Grundlagen für die Aufstellung der kemalistischen Forde-.' rangen zu untersuchen. Sie werde sich nach Paria begeben und dort bleiben, solange die Verhandlungen über die Orientfragen dauern werden. Die Wilnaer Frage. Kowno, 9. Februar. (Wolff.) In der Antwortnote des polnischen Ministers des Aeußern S k i r m u n 1 auf die Note der litauischen Regierung, heißt es, der Minister glaube, daß Litauen eine baldige Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen nicht wünsche und deshalb unannehmbare Bedingungen gestellt habe. Polen schlage zunächst eine baldige Erörterung allgemeiner taktischer Fragen vor, um eine gegenseitige* Annäherung zu ermöglichen. Derartige Verhandlungen würden für die Erörterung der Wilnaer Frage kein Hindernis bilden und stimmten mit Vorschlägen des Völkerbundes überein. Die litauische Regierung betrachtet die Antwort Skirmunts als negativ. Sie werden ihnen aber auch sagen können, daß es nicht nur absurd und abgeschmackt, sondern auch gefährlich ist, mit den Juden so zu sprechen, wie es anno dazumal Mode war. Die Juden verlangen mit Recht, so behandelt zu werden wie alle anderen Völker, sie verlangen, daß man Beweise erbringt, wenn man sie irgendwie beschuldigt Die Art, wie die „Narodni Listy“ in einem nachlässig hingeworfenen Satze gegen die Juden eines fremden Landes eine schimpfliche Verdächtigung ausstreuen und damit gleichzeitig die Stimmung gegen die Juden des eigenen Landes vergiften, verdient energische Zurückweisung. Wenn es den „Narodni Listy“ wertvoller scheint, die Interessen ihres jungen Staates zu wahren als den antisemitischen Gelüsten gewisser nationalistischer Kreise Rechnung zu tragen, dann werden sie mit dieser Methode der Berichterstattung in jüdischen Angelegenheiten brechen müssen, ganz gründlich dann, wenn es sich um die Juden eines Landes handelt, in welchem die Tschecho-Slowaken arbeiten wollen. Die jugoslawischen Juden stehen dem tschechischen Volke vorurteilslos gegenüber und wollen gerne mit ihm arbeiten, wie mit allen anderen Völkern. Sie haben aber weder Grund noch Lust, beleidigendes Mißtrauen und wegwerfende Behandlung mit Dank und* verdoppeltem Wohlwollen zu quittieren. Vielleicht gibt ein Umstand den Herren von den „Narodni List/“ Stoff zum Nachdenken: Ihr Artikel ist von den Propagandablättem für den deutschen Handel im Auslande reproduziert worden und speziell der feimose Satz über die jugoslawischen Juden war unterstrichen» ■ : Cf4 f Smj