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Wiener Morgenzeitung · 1922-02-09 · Heft 1089 (9.2.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1089 (9.2.1922)
Date
1922-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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EBnzesneisnener K 45 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr. 1—3, oder in einerVerschleiöstelle (Trafik) monatlich K 1200. lener Mit Postversand filrWIen und Oesterreich monatlich K1200. Tschecho-S!owakei:Mon. Kronen 20. Ungarn: Monat!. Kronen 120: Jugoslawien: Monatl. Dinar 18. Polen: Monätl. Mark 600. Deutschland:- Monatlich Mark 25. Frankrei ch: Monatl.Frcs.6. 4» Tscheche-Slowakef fSCBl. & 1 Halten: Monatlich Lire 8. Rumänien: Monatl. Lei 40. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Francs 3. Redaktion u. Administration Wien 11., Taborstrasse-1—3» Telephone: 44-ß-38, 43-3-19, ab o Uhr abends 17-9-33. Telegrammadresse: „Morgen- •zeitung“, Wien., Oesterreichisches Postsparkasseukonto 150.693, Nr. 1089 Wien, Donnerstag, 9. Februar 1922 4. Jahrgang Araber und Juden. | ' Der bekannte hebräische Schriftsteller Doktor Josef Klausner,, der seit einiger Zeit im Jerusalem lebt, 'veröffentlicht iim »Hadoar« einen intereissainteni Artikel umter dem Titel »Der Kampf zwischen zwei Welten.« Klamisiner g-eiht von den November-Umiruhenin Palästina aus, untersucht die Ursachen der Vorfälle und lehnt idie Erklärung ab, daß das erwachte * nationale Be* twußtseim« unter den Arabern die Ereignisse' verschuldet halbe. Der Erfolg der arabischen chauvinistischem Propaganda sei vielmehr darin zu suchen, 'daß der Gegensatz zwischen Juden und Arabern fcu einem Kulturkampf, einem Kampf zwischen zwei Welten geworden sei. Die Kultur Asdenis u<rvd Afrikas müsse vor der europäisch-aimer ikainLscbem Kultur weichen. Die träge gewordene Islam- Kultur werde von der europäischen verdrängt werden. Die Katastrophe könne nur aibgewendet werden, indem man das Gute, Neue und wahrhaft Nützliche der europäischen Kulltur übernehme und eis mit dem Wertvollen, der altorientailiscihein Kultur verschmelze. >Wir Juden haben1 das längst erkannt. Wir sind fein ost-westliches Volk. Orientalen der Abstammung ui\d dem Neigungen nach (denn was ist der Drang mach Zion anderes als eine Neigung, zum Orient?), isind wir im Verlaufe der Geschichte und unserer fünf zehnhundert jährigen Wanderung durch Europa zu Europäern, geworden. Unsere Sprache ist - orientalisch-europäisch. Das Neuhebräische fußt ebenso auf Jesaias und Hillel Hamassi wie auf flplaibo rtnd Byron. Die neuhebräischc Literatur hat gleichzeitig so viel OriemfraJliisches und Europäisches in sich, daß man bei Mendele, Bialik und lAdhiad Haam nicht weiß, wo dter Jude aus-der Zeit des zweiten Tempels endet undder Europäer des zvyajn.rig«ten Jahrhunderts beginnt. Unser? gegenwärtige Jüdische'Kultur ist Ciy„ Gemisch voir Juden*' von örieht^'de^'’ päismu-s dunchtränkt ist. . ~; Mit einer solchen Sprache und Liteiraittor, mit Solcher Kultur, mit solchen alt-neuen Idealen der |Wiederberstellung einer auf eigener produktiver Arbeit basierenden nationalen Wirtedhiaft und Wiedergeburt eines nationalen Geistes 'kamen« Juden nach Palästina und stießen, dort auf die Araber, die genau so leben, wie sie vor Jahrhunderten gelebt haben. Der Araber sieht eine Welt vor sich, 'die zu seiner eigenen in krassem Gegensatz steht. Der Araber, der noch heute seine Frau für Geld ' (kauft wie sein Pferd und seinen Esel, der auf die (Frage: «Wozu hast du eine zweite, aflte uind häßliche Frau gekauft, wo du doch noch eine junge .lind schöne Frau hast?« antwortet: »Die kostet mich jla bloß zwei Pfund«; der vor kurzem' beim ÖbePkornmissär sich darüber beklagte,; daß man Frauen 'bei Gericht zuläßt — dieser Araber1 siebt iT e 1 - A w i w vor sich, wo Männer und Frauen als (voll ständig gl eich gestellt auf den Straßen Zusammengehen. Dieser Araber, der in jedem Arbeiter und einfachen Fellachen einen Knecht oder doch einen Menschen zweiten Grades sieht, findet in den Kolonien Arbeiter und Bauern, die zwar arm sind und mit eigenen Pfänden arbeiten, also keine Ffemdis sied und dennoch wie Efendis aufrechtgehen, Zeitungen Ibsen, Versammlungen abhalten, probe-, (stieren, streiken-, demonstrieren und Forderungen stellea. Er sieht eine fremde Kultur, sonderbare Sitten, merkwürdige Anschauungen, und ihm unbekannte Lebcn-sgewohmheiten-, und er fürchtet dieses [Neue. Jeder Mernsch ist konservativ und mehr als alle der Orientale. Er lürchtet das Neue und kann sich daran nicht gewöhnen, und da der Träger all «dieses Neuen noch dazu einem fremden Volke amgehört, steigert sich bei ihm die Angst und überträgt sich von der Sache auf die Person. Das führt Zu Mißverständnissen. Er kämm umd will dieses Neue nicht verstehen. Phantastische Gerüchte über dieses eigentümliche Volk verbreiten sich nach orientalischer Art unter allen Schichten des Volkes, das Mißtrauen dringt bis in die persönlichsten Beziehungen, und der Haß wird immer größer. Und so wird der Boden bereitet für alle Hetzer, die die Unwissenheit und Kulturlosigkeit des Volkes . zu ihren Zwecken mißbrauchen, um seine Aufmerllcs-amkeit auf die Träger dieser neuen Sitten zu lenken und es gegen sie auf.zuhetzen. Dies ist der Nährboden der Unruhen, die in ihrer Form an die Unruhen in Rußland, in der Ukraine und Polen erinnern, in ihrem Wesen aber von ihnen grundverschieden sind. Was können und sollen wir dagegen tun? Sollen wir etwa die europäische Kultur auf geben, wie e« ums neulich da& m lonutsalcra erscheinende Der Verfassungsentwurf für Palästina. London, 8. Februar. (Reuter.) Der Verfassungsentwurf für Palästina, der von der Regierung der gegenwärtig in London weilenden arabischen Delegation und den ZI o n i st e n mitgeteilt worden ist, ist in eingehenden Erörterungen zwischen der Regierung und den in Betracht kommenden Parteien ergänzt worden und wird, wie man hofft, die mögliche Grundlage für ein brauchbares Abkommen bilden. Die „Timesschreiben, das Hauptziel der Regierung sei gewesen, zu ermitteln, was als Ergebnis der Durchführung der in der Balfourschen Deklaration angekündigten Politik anzusehen sei, und sodann einen Entwurf auszuarbeiten, der die nötigen Garantien biete. Nach dem Regierungsentwurfe verbleibt die Executive in den Händen des Oberkommissärs, während die Gesetzgebung ei n e m Rate zustehen soll, dessen Mitglieder teils ernannt, teils gewählt werden, wodurch die notwendigen Bürgschaften gegeben seien. Der Oberkommissär wird das Recht haben, gewisse Angelegenheiten der Entscheidung des Staatssekretärs vorzubehalten, doch ist die skizzierte Verfassung tatsächlich der erste Schritt zu einer repräsentativen Regierung. Bfett der »eingeborenen Juden« (»Doar Haijom«) geraten tet? Das wäre die größt? Sünde gegen den Fortschritt, gegen dSe allgemein - menschliche Kulltur, gegen die Nation sowohl wie gegen die Metscbheit. Es hieße da« Rad der Gesdhiichte zurückdrehen wollen. Nicht um Asiaten zu, werden sind wir mach Palästina gekommen.. Wir wollien nach Asien das Beste aus der europäischen Kultur hinüberretten, aber auch das Beste aus der asiatischen Kultur, die jla zum großen« Teil auch unsere Kultur ist, in der.neuem«, vom ums zu schaffenden Kultur verarbeiten«. Wenit wir nach, Palästina gehen sollten, uim Araber zu werden, dann hat der ganze Zionismus nach innen und nach außen keine Daiseinislberechtigung; Nach innen kann nur die Wiederbelebumig der altem hebräischem Kultur auf. einer ■ weuiein^ wirfcsdbiaftiliehen GfrnjjrwJlage. -dys pro- .dri^tiywi Arbeit, die. enörtuen. Opfer . rechtf er tigern«. i^Moch außemhin kann der ZiandstnUs nur als eine Brücke zwischen Orient und Okzident , betrachtet' werden, wobei umter, Orient die alie arabischjüdische Kultur zu verstehen ißt ümd ni-cht die gegenwärtige arabische Wett Die Araber der gamizem Welt geben heute der Kultur ma-ohts, die Araber Palästinas haben, ihr nie etwas gegeben. Und wentn wir es nicht zustamdebiringem«, sic zu ums emporzuhelben, wenn wi«r zu ihnen himiumte'nsteigen sollten, sio haben die übermenschlichen Anstregumgen, ohne die ein arm-es, halb verwüstetes Ländohen nicht aufzulbauon ist, keinen Sinn. Uns bleibt nichts anderes übrig, als am der euinoipäis'cfr-jüdischen Kultur festzuhalteii uind dem Arabern klar zu machen, daß unsere Kultur nicht allein europäisch, «sondern euircpäisth-orientalisch ist, west-östlich, semitisch und arisch zugleich. Und we«nm die Araber ein Kulturvolk werden wollen, bleibt aunh« ihnen nichts anderes übrig,, als den vom ums «betretenen Weg einzuschlagen, ausf daß die in Palästina entstehende Kultur nicht nur eine -orientalisch-dkzidemtale, sondern auch in ’ gewissem Sinne eine jüdisch-arabische werde. Doch ist ein kulturloses und unwissendes Volk selhr schwer zu belehren. Es gehört eine gewisse Kulturstufe dazu, die der Araber von (heute noch nicht — oder nicht mehr —. hat. Der Unwissende, des Lesens und Schreibens nicht kundige, dunkle Araber haßt und fürchtet jede neue Regung und sieht in dem Träger.dieses Neuen seinen Feind. Er fürchtet für seine Religion, für seine Kultur, aber noch mehr für seine Vorurteile, seinem Aberglauben und seine barbarischen Sitten. Jedes Predigen, jede Aufklärung, jede Rechtfertigung ist vollkommen nutzlos. Hier können nur Z e i t und Ausdauer 'helfen. Der mißtrauische Ai aber muß wissen, daß das Neue eine Kraft ißt, die niemand wagen darf, ungestraft arnzutasten. So war es auch unter der türkischem Herrschaft. Ein Europäer war das Heiligste in den Augen eines Arabers. Wenn er ihm auch im seinem Herzen haßte, fürchtete er ihn dennoch und achtete ihn. Diese Furcht führte zur Ehrfurcht und schließlich zur Nachahmung. Zunächst war die Nachahmung rein äußerlich, aber dies ist der Weg jeder Neuerung einer Kultur. Zunächst ändert sie sich nur äußerlich, und erst nachher kommt die innere Umwandlung. Der Araber sicht im Juden den Träger einer neuen, europäischem Kultur. Das Orientalische, Semitische, Asiatische in uns sieht er nicht: In das Innere der Juden dringt er nicht und ist auch n'cht imstande zu dringen. Seinem Aeußefen nach aber ist der aus Europa kommende Jude vollkommen Europäer, das Symbol der fremden, verhaßten europäischen Kultur. Der Araber haßt also im Juden den Bur 0DÖ-e-r. wahrend der Burecäer im Jaden «den Juden haßt. Vom europäischen Juden überfragt' der Araber «seinen Haß auch auf die anderen Judeny auf die orientalischen, denen er früher, wenn auch keine Liebe, so doch Wohlwollen entgegembraohte« Dieses psychologische Moment nutzen Christen!* Araber und Europäer (die zu diesem Zweck ihnen! Europäismuis etwas zurüdkdrängQn) aus, um die Lunte des arabischen Nationalismus an das Pulverfaß des Hasses der fremdem Kultur zu legen. Saf entsteherf Unruhen unter dem antisemitischen Genera! B ol s wie auch unter dem »ersten jüdischen, Oibeirkommisisär«, der sich selbst, erheblich um daä Zustandekommen der Balifour-Deklaration verdient gemacht hat, lange bevor er auch nur im entferntesten an dieses Oberkommissariat dachte. Dies, ist die richtige Erklärung für den' Erfolg der Chauvini- . stischen Propaganda bei' einem .gewissemhTefl^detfi Araber*- Vom^nationäleim Bew«üßtsein in Sinne kann hier keine Rede sein, wohl aber gibt eshier. eine abgrundtiefe Kultur! osigfceit, Stu«m,pfsin«rt un«d Unwissenheit, und vor allem einen Haß gegert alles Neue, einen Haß gegen ganiz Europa, einen! Haß gegen, seine Religion, Kultur, Macht, Sitten! und Gewohnheiten«. Auch dort, wo es keinen Juden! und keinen Zionismus gibt, im Aegypten, Mesopota-s mien, Indien,, kommt allmonatlich dieser mohammedanische Haß gegen alles Fremde in Farm'van Auf-»; ständen um«d Dem an Stationen ®um Ausbruch, gegen! England oder gegen jede andere europäische Macht,; die sie nicht, wie Frankreich Syrien, a«ufs grau-, sannste unterdrückt. In'Palästina wind1 das Euro« p ä er tum durch den Zion Ismus und durch die, Ju den verwirklicht. Daher die Gegnerschaft gegen! die Juden und die BaMouir-D ek'lar at iotk Ohne diese hätte man einen anderen Vorwand get funden. Man schießt auf Engländer und J u d e rf und meint damit Europa, die gesamte westliche. Kultur.« Klausner schließt mit der Bemerkung, dag. Europa und vor allem England dies anerkennen! müsse, während wir die'Erkenntnis in uns tragen!, müssen, daß wir in Palästina die Vorkämpfer einer! neuen Kultur sind. Wir, die niemand verdrängen! wollen, würden dann alle Verfechter des orientalischen Fortschritts auf unserer Seite haben und die Araber werden einmal erkennen müssen, daß es das jüdische Volk ist, das ihnen sehr viel geben kaum! und ihnen nichts van dem Guten und Schönen! «nehmen wind, das sie besitzen, das Volk, das allein’ imstande ist, die Erneuerung und .Wiederbelebung* des Orients henbeizuführem. Die Rekrutierung in Frankreich* Paris, 8. Februar. (Havas.) Ministerpräsident P o i n ca r 6, Finanzminister de Lasteyrie und Kriegsminister M a g i n o t machten im Finanz- sowie im Heeresausschuß der Kammer Mitteilungen über die finanziellen Rückwirkungen des Gesetzentwurfes, betreffend die Heeresrekrutierung. Poincarö erklärte, nach Absicht der Regierung stelle der I8monatige Militärdienst nur den Uebergang zur einjährigen Dienstzeit dar. Die Regierung wird Anstrengungen machen, damit das Kriegsbudget 1923 jenes von 1922 nicht übersteige. Im nächsten Jahre werden aus Ersparungsgründen keine *Reservisteneinberufungen stattfinden. Bezüglich der S a n k 11 o n e n, die eventuell gegenüber Deutschland notwendig werden würden, erklärte Poincard, er habe weder die Absicht noch den Wünsch, zu Sanktionen zu greifen, aber man dürfe nicht gewisse Artikel des Frtedensvertrages vergessen, die Frankreich das Recht zu Sanktionen«, geben, ton die Achtum* seiner Interessen zu sichern.

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