Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1085 (5.2.1922)
- Date
- 1922-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer K 45 Wien: Zum Abholen in der Expedition, IL.Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1200. Mit Postversand fürWien und Oesterreich monatlich K1200. Tsch ech o-SIowakei: Mon. Kronen 20. Ungarn: Monat!. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Ff cs. 6. irner tsch. ec 1 Italien: Monatlich Lire 6. Rumänien: Monatl. Lei 40. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Francs 3. Redaktion’ u. Administration Wien II., Taborstrasse 1—2L Telephone: 44-0-38, 43-3-19, ab 6 Uhr abends 17-9-33. TeIegrammadresse:„Morgenzeitung“, Wien. Oesterreichisches . Postsparkassenkonto 150,693. Nr. 1085 Wien, Sonntag, 5. Februar 1922 4. Jahrgang Der Streik in Deutschland^ —jr. Wien, 5. Febr l' Mitten in die Vorbereitungen. zur Weltwirtsj Konferenz in Genua fällt der deutsche Eisenbl streik. Die Reichsgewerkschaft deutscher Eisei beamter hatte , am 3. Dezember materielle Fordeipgen in der Gesamthöhe, von 50 Milliarden Mark gestellt. Die .Regierung lehnte diese Forderungen ab, stellte jedoch eine Besoldungsreform, eine automatische, .Anpassung der Löhne an die Teuerung, und die Gewährung außerordentlicher Zuschüsse ‘in AussichtDie Gewerkschaft antwortete mit, dem Streikbefehj , un;d setzte eine Streikleitung ein, die im geljeimen und f von wechselnden Orten aus ihre Verfügungen trifft In der Arbeiterschaft und in der Beamtenschaft hat dieser Lohnkampf die größte Aufregung hervorgerufen. Die industriellen Arbeiter kommen durch die Unterbindung des Verkehrs und aller Zufuhren persönlich in Mitleidenschaft, die öffentlichen Angestellten sind durch die Erörterungen über das Koalitionsrecht in Unruhe geraten. Es handelt sich auch hier um eine Machtfrage. Für Deutschland besteht ungefähr die gleiche Situation, in der sich Oesterreich im vergangenen Herbst bei;Ausbruch cjes Südbahnerstreiks bdunden. hat. Es "ist ursprünglich eine verhältnismäßig geringfügige Gruppe von Beamten, die den gewerkschaftlichen Gedanken in den Dienst der nationalistischen Politik stellt Wie in Wien haben auch in Deutschland selbstverständlich die Kommunisten die Gelegenheit benützt, um der Republik an den Hals zu gehen. Die National-Bolschewiken und die Kommunisten sind immer gut Freund, wenn es sich darum handelt, der Demokratie einen Strick zu drehen. Die Erlangung des Koalitionsrechtes für die öffentlichen Angestellten ist sicherlich eine der wichtigsten Fragen, mit denen sich die moderne Sozialpolitik auseinandersetzen muß. Es handelt sich darum, ob ein Angestellter des öffentlichen Dienstes berechtigt ist, beider Verfolgung seiner materiellen Interessen gegenüber der Allgemeinheit dieselbp Mittel anzuwenden, wie der private Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber. Eine gewisse Antwort auf-diese Frage liegt in der ziemlich einheitlichen Stellungnahme der Volksmeinung, die ‘ wohlunterscheidet, wen* der Streik trifft. Ein Eisenbahnerstreik in Frankreich oder in Nordamerika, der sich gegen eine ausbeuterische Verwaltung richtet, wird vom5 Volk ganz anders verstanden und gebilligt als ein Streik, der gegen den Staat selbst geführt wird. Freilich ist das Urteil in der organisierten Arbeiterschaft nicht so klar Umrissen. Es hat sich im Laufe der letzten Jahre das ethische Bewußtsein der breiten Massen der Arbeiter und Angestellten derart entwickelt, daß ein Ausstand fast stets auf Unterstützung rechnen kann. Damit haben die Faktoren gerechnet, welche diesen großen Streik vorbereiteten. DjHM Streik, der f nach außenhin als, reiner Lohnkampf si|fif.gibt, hat eine Vorgeschichte, die ihn als sehr v^ljg ab vom sozialen Kampfplatz liegend erkennen läHM ' Er geht von dem Versuchstier Stinnes-Gruppe find der Schwerindustrie aus, welche unter dem Titel eines Sanierungsprojektes ihre Hand auf die deutschen Reichseisenbahnen legen wollten, einerseits des Profits wegen, andererseits aber, um die Beamten und die Herrschaft über das reichgegliederte Verkehrsnetz Deutschlands in die Hand zu bekommen. Dieser Versüch scheiterte an dem Widerstand der Arbeiterschaft, die den angeblichen Patriotismus der Kriegsgewinnler richtig würdigt und Ären Ausdruck eher Steuern zu erblicken MI aber ihre Beder Ausstand v# ein Zeichen ihrer wung stellt sich auf nimmt einigermaßen In einer Erhöhung der Best wünscht Die Stinnes-Gruppe’:. mühungen nicht eingestellt j mit seiner geheimen Streikleitung Regsamkeit Die deutsche Rq den Autoritätsstandpunkt Dies wunder bei einer Regierung, unter deren Autorität die ärgsten Justizskandale geschehen,-die es möglich macht, daß verurteilte Kriegsverbrecher über die Grenze spazieren, daß die Mörder Erzbergers aus den Irrenanstalten nicht herausgefunden werden können. Wenn sich eine solche Regierung Streikenden gegenüber1 auf die Autorität des Staates besinnt, so steht ihre Schwäche schon von vorneherein fest Der Zeitpunkt für. den Anschlag, ob er nun zu den Lohnerhöhungen-führt oder nicht, war jedenfalls vom Standpunkt der inneren Feinde Deutschlands aus gut gewählt * -, ln Oesterreich wie in Deutschland zeigt sich jmmer die gleiche Erfahrung: So oft die außenpolitische Situation sich ein wenig erleichtert, so oft der; Ring um Deutschland sich an einer Stelle zu lockern beginnt, werden die Nationalisten lebendig. In diesem besonderen Falle liegt freilich auch noch ein anderer Anlaß zu einem Attentat vor. Rathenau,. dessen Wiesbadener Aufbauprogramm in Paris gute Aufnahme gefunden hat, ist zum Minister des Aeußem ernannt worden. Seine Berufung in die WHhelmsJraße hat zu : einem Geheul der ganzen antisemitisch-n&ionalistlschen Presse Das Ergebnis der Prager Verband- Vorläufig ein 100-Millionen-Vorschuß auf den 500-Millionen-Kredit. Amtlich wird aus Prag mitgeteilt: Prag, 4.' Februar. Die zwischen den Vertretern der tschecho-slowakischen Republik und der Republik Oesterreich in Prag geführten . Kreditverhandlungen haben zu Vereinbarungen geführt, die den Parlamenten der beiden Staaten zur Genehmigung werden vorgelegt werden. Der wesentliche Inhalt der Vereinbarungen ist folgender: Das Anlehen beträgt 500 Millionen tsch echo-slowakische. Kronen und ist nach verfassungsmäßiger Genehmigung auszuzahlen. Die entsprechenden Vorlagen werden rasöliestens der parlamentarischen Erledigung zugeführt werden. Der Kredit wird binnen 20 Jahren zu tilgen sein. Im übrigen werden die Bedingungen denjenigen des von der Tschecho-Slowakei im Auslande, erzielten Investitionsdarlehens angepaßt werden. Hinsichtlich der Garantien soll in erster Linie die Einbeziehung: des Dienstes dieses Darlehens in das Regime eines Oesterreich zu gewährenden V ö 1 k e r b u ji d k r e d i t s oder ähnlicher internationaler Kredite erfolgen. Im anderen Falle stellt Oesterreich einvemehmlich als ausreichend befundene Garantien aus staatlichen Einnahmen für den gleichen Zweck zur Verfügung. Zur sofortigen Erleichterung d£*v wirtschaftlichen Lage Oesterreichs wird . auf den vereinbarten Kredit bis zu seiner IWßigmaeftung ein V o r s c.h u ß yda; fetwä 1OÜ'Miltl^cr n e n tschecho-slowakischen Kronen geHM entsprechende Sicherstellung gegeben weräfti; Die Fertigung der abgeschlossenen Vereinbarungen steht unmittelbar bevor. Prag, 4. Februar. Heute nachmittags wurden die Verhandlungen zwischen dem Österreichischen Finanzminister Dr. G ü r 11 e r und Legatiönsrat Marek einerseits und dem tschecho - slowakischen Finanzminister N o v a k andererseits fortgesetzt Mittags waren Minister Dr. Gürtler und Legationsrat Marek bei Dr. B e n e s c h und Gemahlin zum Essen geladen. Aeußerungen Dr. Gürtlers. Prag, 4. Februar. (Tel.-Komp.) Finanzminister Doktor G ü r t l e r machte einem Mitarbeiter der „Bohemia“ über das Ergebnis der Verhandln n g e n folgende Mitteilungen:; Die Verhandlungen, sagte er, die ich mit den Vefe' tretern der tschecho-slowakischen Regierung über den 500-Millionen-Kredit für Oesterreich geführt habe, nahmen einen durchaus befriedigenden Verlauf, so daß die O ewährung eines Kredits als völlig gesichert anzusehen i st Der Kredit selbst kann weder als ausgesprochener Warennoch als reiner Finahzkredit angesehen werden, sondern es handelt sich um einen Kredit, der es den österreichischen .Käufern tschechischer Waren ermöglichen soll, einzukaufen, ohne daß ein Hlnauflizitieren der tschechischen Krone auf dem Wiener Markte zu befürchten wäre. Eine Verpflichtung zur Abnahme gewisser Waren oder gewisser Quantitäten von Waren wurde nicht vereinbart Die Effektuierung des Kredits ist in der Weise gedacht, daß der österreichische Staat den österreichischen Käufern auf Grund der ihm von der Tschecho-Slöwakei zur Verfügung gestellten Beträge seinerseits die. nötigen Summen zur Verfügung stellt, wobei das Verhältnis zwischen dem österreichischen Staat und dem österreichischen Kreditnehmer naturgemäß ein internes ist,; das nur Oesterreich und die österreichischen Interessenten:beführt Prag, 4. Februar. Finanzminister Dr. Gürtler äußerte sich zu einem Mitarbeiter der „Pfager Presse“, die Aussichten für den englischen und französischen Kredit beurteile er sehr günstig. Er gab seiner Freude Ausdruck, daß Ministerpräsident Dr. Benesch bei seinem nächsten Aufenthalt in Paris und London f ü r d Le<B es c h 1 e u n i g u n g dieser Kreditaktion ejntfeteo zti wollen versprochen hab& Wenn .ein näre Oesterreich so gut kennen, im Auslandes für Oesterreich eintrete, so werde auch das': weitere Ausland vertrauen und nicht anstehen, Oesterreich zu seinem; Schuldner zu machen. Wenn wir den französischen und den englischen Kredit zugleich mit dem tschecho-slowakischen Kredit bekommen, halte ich es für absolut sicher, das Ich imstande wäre, im Wege einer vernünftigen Devisenpolitik die ö s t e r r e i c h i s c h ö Krone zu stabilisieren und unser Budget auszugleichen. Wir haben die Steuern und Tarife erhöht, die staatlichen Lebensmittelzuschüsse eingestellt. Nach Beendigung dieser Aktionen werden wir auch an den Abbau der Beamtenschaft und an andere Aktionen schreiten können. Unser Defizit ist vor allem ein Välutadefizit. Zur Sanierung des Budgets wäre gar keine große Steigerung der Krone notwendig. Es genügt mir der Kurs vom Oktober 1921. Uff gefühlt Was, . Deutschland soll Frieden mit dem Ausland bekommen, es spll im Innern den Weg der Demokratie gehen, es soll in Genua zu einem Vertragsverhältnis mit der Entente gelangen? Das fordert die heftigste Aktion des Furor teutonicus heraus. Der Eisenbahnerstreik ist ein Symptom dieser alldeutschen Brandstiftung. . Der Eisenbahnerstreik in Deutschland. Berlin, 4. Februar. (Wolff.) Wie vom Reichsverkehrsministerium mitgeteilt wird, kejHn die, Lokomotivführer zur Arbeit zurück. Im übMbn. beschränkt sich der Streik wie bisher auf den HyDsetzten Teil Norddeutschlands ausschließlich Meckfenhurgs. Der Streikumfang ist im allgemeinen derselbe, Vereinzelt sind Sabotageakte verübt worden. Berlin, 4. Februar. Mitteilungen derjplätter zufolge sind heute in Berlin die Arbeiter der T e r a p h e nä m t e r und der Telegraphenbauämter geschlossen ln den Streick getreten. Der Ausstand der ^Telegraphenarbeiter hat auf den bienstbetrleb der TeijJgraphenämter keinen unmittelbaren Einfluß. Nur der sogenannte Außendienst, der Bau von Leitungen sowie’ die, Beseitigung von Störungen ist dadurch lahmgelegt. ■ Berlin, 4. Februar. (Wolff.) In B al l i n ist die Streiklage im allgemeinen unverändert - vfg'- M eklenb u r g ruht der Zugsverkehr seit heute Die Milchversorgung der Hauptstadt Berlin ist DMfährdet In Frankfurt a. M. beschloß die Ortsgruppe des deutschen Eisenbahnerverbandes den Streik. Auch in Bremen hat sich die Streiklage verschärft. Aus Hannover wird ebenfalls eine Ausdehnung des Streiks gemeldet. Berlin, 4. Februar. Die Arbeiter des Blektrizitäts- und Gaswerkes haben beschlossen, morgen in den Streik zu treten. Neue Verhandlungen Englands mit den Vertretern Aegyptens. London, 3. Februar. (Tel. der „Wiener Morgen« zeitung“.) Das britische auswärtige Amt hat eine Erklärung veröffentlicht, laut der sich die englische Regierung bereit erklärt, die Souveränität Aegyptens anzuerkennen und die Einberufung eines ägyptischen Parlaments zuzulassen, wenn Garantien für die Sicherung der Verbindungswege und den Schutz der Ausländer gegeben sind sowie dafür, daß Aegypten gegen jede Einmischung oder einen Angriff von außen gesichert ist General A 11 e n b y ist nach London zur Berichterstattung abgereist Nach einer Meldung aus Kairo habe Allenby vor seiner Abreise die Freilassung der Unterzeichner des letzten Boykottaufruhrs angeordnet. Die letzte Sitzung der Abrüstungskonferenz. London, 4. Februar. (Tel.-Komp.) Nach eines Washingtoner Meldung der „Times“ gilt es als sicher* daß am Montag die letzte öffentliche Sitzung der] Abrüstungskonferenz, abgehalten werden wird. Präsident H a r d i n g wird dieser Sitzung beiwohnen und mack sieht mit Interesse seinen Ausführungen entgegen, in denen er, einen Ueberblick über die Konferenzarbeiten zu geben beabsichtigt. Auch Hughes dürfte in( gleichem Sinne, zur Versammlung sprechen. Nach ihm werden , die Vertreter der acht an der Konferenz be-j teiligten Mächte das Wort ergreifen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Vier-Mächte-Abkommen über de»; Stillen Ozean auch auf Holland und Portugal ausgedehnt werden wird. Die Entscheidung der Konferenz über China wird in zwei Verträgen niedergelegt werden, von denen sich der eine auf« die Zolltarife, der zweite auf die Integrität und Souveränität Chinas bezieht