Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1082 (2.2.1922)
- Date
- 1922-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die eigenartigen politischen Entwicklungen in Irland haben die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gelenkt Auch für uns Juden enthalten diese Ereignisse wichtige Lehren, und es verlohnt sich, sie auf ihre wahre Bedeutung hin zu Untersuchen. Die irische irredentistische Bewegung bedeutete vor dem Kriege wohl, nichts weiter, als eines der wichtigsten innerpolitischen Probleme Englands. Der Krieg, der so viele nationale Fragen in Weltfragen verwandelte, hat dies auch mit Irland getan. Einerseits wurde die Situation in Irland angesichts der Stellungnahme der britischen Politik in bezug auf die unterdrückten Nationalitäten Europas und des nahen Ostens naturwidriger und schwerer verständlich, andererseits bedienten sich die Freunde Irlands, insbesondere die starke irisch-amerikanische Partei, der neuen Situation, um einen großen Druck auf Großbritannien auszuüben. Da nun die Vereinigten Staaten immer mehr und; mehr der entscheidende Faktor für den Sieg der Alliierten wurden, so wurde England durch den Einfluß der proirischen Partei in Amerika gezwungen, seine irische Politik zu revidieren. Auf diese Weise gestaltete sich dis innerpolitische irische Selbstverwaltungsfrage schrittweise zu einem Weltproblem. Der wichtigste politische Faktor für die Umwandlung der englischen Stellungnahme war, wie allgemein zugegeben wird, der Druck der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten und in den englischen Kolonien, die unter dem Einfluß der, in diesen Ländern ansässigen Iren standen. Die Iren erlangten ihre Freiheit nicht nur in Irland, sondern in Washington, Kapstadt und Melbourne. Die Premierminister der selbständigen englischen Kolonien, insbesondere y General S m u t §, forderten wiederholtvon der. Reictiregierung eine be- »riedigehde^Lösuiig des inächöi Problems und General SinnfeifJ-FUhrern diese Frage izii; d^kutferen. Man kann daher Wohl mit Sicherheit sägen;; daß ^die Majorität der Iren» die (was vielleicht nicht' genügend bekannt ist) außerhalb' Irlands wohnt, zum großen Teil zu ^denr Erfolg ihrer Brüder, der in Irland ansässigen Minorität, beigetragen hat. Wir Juden repräsentieren nur einen Teil der Bevölkerung in Palästina; das Interesse aber, welches die überwiegende Mehrheit dös Judentums an Palästina - nimmt und die Anhänglichkeit, die es mit dem Lande verbindet, sind wahrscheinlich , größer und sicherlich älteren Ursprungs . als. das Interesse und die Anhänglichkeit der Iren an Irland. Die erste Lehre, die wir Jiiden der Diaspora daher aus der Geschichte Irlands ziehen müssen, ist die, daß; wir nicht, wie manchmal vorgeschlagen wird, beiseite stehen und dem kleinen Jischub die ganze Last des Kampfes aufbürden dürfen. Pflicht eines jeden Juden ' ist es, sich:. für Zion einzusetzen, mag er auch nicht die Absicht haben, sich selbst dort niederzulässen. Das nationale Heim der Balfour-Deklaration ist fürdas jüdische Volk bestimmt, genau in dem Sinne, wie Irland als nationales Heim des irischen Volkes gilt, wo immer es sich auch zufällig niedergelassen hat, und welche Staatsbürgerschaft die Iren auch für sich beanspruchen mögen. Kein Jude darf jetzt abseits stehen. Genau so, wie Millionen Dollar von Irländern in Amerika zur Unterstützung der Bewegung in Irland aufgebracht worden sind, genau so müssen Millionen von Dollar ziir Unterstützung der Pioniere der jüdischen nationalen Freiheit in Palästina 1ierbeigeschafft werden. Niemand hat das Recht der irischen Amerikaner bezweifelt, ihren Brüdern in Irland zu Hilfe zu kommen. Sie ließen sich nicht von? der Furcht zurückhalten, des Mangels an Patriotismus beschuldigt zu werden; auch wir sollten uns nicht von solchen Besorgnissen abschrecken lassen.- Die britische Regierung ist der Schwäche beschuldigt worden, weil sie sich der radikalen Taktik Sinnfeins gefügt hat, und es fehlte nicht an Unglückspropheten; die schreckliche Konsequenzen für England vöräussagten, wenn ähnliche verwegene Methoden in Aegypten, Indien und anderen Ländern in Amyendung kämen. Diese Argumente entsprechen aber nicht' den Tatsachen. Erst jetzt wird es bekannt, eine wie großeRolle bei den Ausgleichsverhandlungen die starke Position der britischen Streitkräfte in Irland spielte. Wäre ihr Vertrag nicht akzeptiert worden, so wäre die irisch-republikanische Armee der Gefahr der Einschließung ausgesetzt gewesen. > ' ' * Unzweifelhaft hat die außerordentliche Kraftentfal-. tung der Iren viel dazu beigetragen, England zu dem Ausgleichsantrag zu bewegen. Aber darin lag nicht die Entscheidung. Die enormen Machtmittel des britischen Reiches sind im Verlauf des Krieges zur Genüge sichtbar geworden und man darf wohl sagen, daß physische Gewalt allein keinen Sieg über England gewinnen kann. Irland hat wiederum bewiesen, daß die Feder Vor dem Generalstreik der Eisenbahner in Deutschland. Vorkehrungen der Regierung. Berlin, i. Februar. (Wcflff.) Die Reichsgewerksdhiaft dealte eh er Eiseinibahnibeamten hat mit 20 gegen 15 Stimmen bei einer Stimmenlhaltutng beschlossen, in der kommendem Nacht von 12 Ulhir an in den Streik zu treten. Berlin, 1. Februar. (Wolff/) Wie die Abendblätter melden, herrschte heute mittags infolge des Streikbeschlusses der Eisenbahner ein sehr großer Andrangvzu den Zügen. Die Eisenbahndirektion hat weitgehende Vorkehrungen getroffen, um dem Andrang gewachsen zu sef&. Das Reichsverkehrsministerium hofft auf eine größere Zahl Arbeitswilliger und hat angeordnet, daß überall ira Reiche P o 1 iz e i b e a mte zum Schutze der; A r b e i tswilligen angefordert werden. Die technische Nothilfe wird geschultes Personal für die Werkstätten und für die Kohlenversorgung der Lokomotiven zur Verfügung stellen. An S t e 11 e der streikenden Lokomotivführer werden des Fahrdienstes kundige Ingenieure; treten. Vor allem hat das Reichsverkehrsministerium Vor- kehrungen getroffen, daß in der Versorgung Deutschlands mit Kohle keine schweren Störungen eintrefen. Die Opposition gegep denyStreik. Berlin, 1. Februar. (Priv.) Der Haüptvorstand der Gewerkschaft der deutschen Eisenbahner/.:, und Staatsbediensteten, dem sich die deutsche. Verkehfsgewerkschaft und der Verband, der EisenbahnmeisterTvängeschlossen , haben,, hat eine Entschließung angenommen, wqrig er sich / gegen den Streik, ausspricht. Die genannten .Gewerk- . schäften haben beschlossen, sich dem Streiknicht anzuschließen.; . ... . v; ...; , . verband ist an dem Streik nicht beteitiM?Dk die Reiclisgewerkschäft keinerlei Verbindung mit ihmi äögekriüpft hat. Er unterstützt auch nicht die Streikproklamäflon, da er sich gegenwärtig in Verhandlungen mit der Regierung befindet Die Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner, die ihren Vorstand bereits zusammengerufen hat, fällte bis jetzt noch keine Entscheidung. Heute nachmittags ist der Vorstand der Gewerkschaft zu einer neuen Sitzung . zusammengetreten, deren Ergebnis noch nicht bekannt-ist. Der Allgemeine Eisenbahnerverband nimmt aus demselben Grunde wie der Deutsche Eisenbahnerverband zu dem Streik keine Stellung. Eine Verfügung über Beschlagnahme der Streikgelder. Berlin, t. Februar. (Intel.) Der Berliner Polizeipräsident hat eine Ausführungsordhung erlassen, in der erklärt wird, daß es den Eisenbahnbeamten verboten sei, zum Streik aufzufordern. Alle zur Durchführung des Streiks bestimmten Gelder sind zu beschlagnahmen. Die Drucklegung von Aufrufen, die eine Aufforderung zu Streiks enthalten, ist zu verhindern. Personen, die zum Streik auffordern, sind festzunehmen. ln Bayern. Mönchen, 1. Februar. (Priv.) Der Präsident der Eisenbahnverwaltung erläßt einen Aufruf gegen den Streik und warnt vor der Streikteilnahme. Die Fragen von Smyrna und Thrazien* Paris, 1. Februar. (Hannas.) Ministe-ttpräsident Po i ui c a r e hatfür gestern eine Amizahl militärischer Persönlichlke:tön u«nd melhrere Sachverständige in Orienitfnagen zu einer Versammlung aim Quai d’Orsay eimfberufen. Die Veranlassung der Versammlung war die Konferenz, die heute zwischen den Mindstern des Auswärtigen* Frankreichs, Englands und Italiens beginnen sollte. Die Besprechung «erwies sich um so/nötiger, ate sich die/Meinnngsverscfcdedenheiben auf die Fragen von Smyrna und Thraizien'und haiuiptsädhilich auf die. Bedingungen! eines Eingreifens der Mächte beziehen. In der An-, gelegemlheit von Sin yrna beschränkten sich die Engländer datnaiuf, eine internationale Vereidbamung amizuregen, die die Vorherrschaft der Seemächte sidhert. Von französischer Seite ist.man hingegen der Ansicht, diaß es genügen würde, den S chu t z der christlichen" Minderheiten durch die Ernennung eines besonders gewählten Gouver-i neurs und durch eine Autöinomie sicherzuisfellenk - Für-Th^aziÄi f scMägb.Wh. gbäfh, die .ivtcn Midda am Schwarzen .Meer nach am Marmarameer läuft. Die Franzosen' sind dagegen der Ansicht, daß man keine Grenzlinie iru Betracht ziehen könne, die nicht das öttomanische. Gebiet der Stadt Adriaimctpel und -den: größten Teil von Ositthraizien in sich schließt. London, 31. Jänner. Das Reutersche Bureau glaubt zu wissen, daß Griechenland geneigt sei, in der Frage von Smyrna Entgegenkommen zu beweisen unter der Bedingung, daß den christlichen Minderheiten hinreichender Schutz gewährleistet werde. Bezüglich Thraziens zeige sich jedoch Griechenland unnachgiebig. Die Konferenz von Genua. Rom, 1. Februar. (Funkspruch.) Wie verlautet, soll die vorbereitende Versammlung für die Konferenz von Genua am 8. M ä r z zusammentreten. mächtiger als das Schwert ist, unddie öffentliche Meinung hat viel mehr zur Erlangung der irischen Freiheit beigetragen als die irisch!-republikanische •Armee. Hieraus können die wütendeif antizionistischen und antibritischen Agitatoren eine Moral ziehen. Die Anwendung von Gewalt ist keineswegs geeignet, die Ungerechtigkeit irgend einer Forderung zu sanktionieren. England hat sich dafür verbürgt, daß den gegenwärtigen Bewohnern - Palästinas bei der Durchführung der Balfour-Deklaration keine Ungerechtigkeit widerfahre, und die Antizionisten täten gut daran, wenn sie ihre Forderungen auf die Einhaltung dieser Sicherung beschränkten. Unter solchen Voraussetzungen kann ein friedliches Zusammenarbeiten zwischen Ihnen und den Juden gemäß der feierlichen Erklärung des Karlsbader Kongresses leicht erzielt werden. Die Verhandlungen im irischen Landtag, die mit dem dramatischen Exodus de Valeras und seiner 50 Anhänger endeten, ergeben eine weitere'nützliche Lehre. Viele Irland-Freunde empfinden es als eine arge Enttäuschung, daß es in diesem historischen Moment keine einheitliche Front zeigte. Eine Erklärung ergibt sich aber aus einem Vergleich des Sturzes de Valeras mit dein noch dramatischeren Zusammenbruch des. Präsidenten Wilson. In beiden Fällen waren die vertretenen Prinzipien und Lehren höchst vortrefflich und unantastbar, aber nicht praktisch durchführbar. Beide Männer vertraten Ideen, die sich erst im Laufe der Zeit verwirklichen können. Später einmal werden die Historiker Wilsons ungeheure Bedeutung dafür, daß die Welt für den Friedensgedanken überhaupt empfänglich wurde, ins rechte Licht rücken. Ohne dieses Zwischenstadium würde der Krieg vielleicht noch heute wüten und die Menschheit nach Atem ringen. Die Anwendung seiner Prinzipien aber auf die komplizierten Probleme Europas und Asiens bedurfte einer Kraft, die wenieer extrem, weniger doktrinär — BNBnBBanHBNNnMBBBnHBHinBNBNNnaBBnB weniger prophetisch, dürfte man wohl sagen — war als Präsident Wilson. In Irland erwies sich in dem Augenblick der praktischen Notwendigkeit die olympische Abgeschlossenheit de Valeras als ein Hindernis, und es gereicht dem gesunden Verstände des irischen Volkes zur Ehre, daß es — wenn auch mit einer sehr geringen Majorität — Führer erwählt hat, die sich für die bevorstehende Arbeit besser eignen. Die Anwendung dieses Beispiels auf die zionistische Bewegung ist ziemlich naheliegend. Es hat Leute gegeben, die die Erziehung des jüdischen Volkes zum nationalen Bewußtsein für überflüssig, ja sogar für schädlich hielten. Sie verwarfen die erzieherische Arbeit, die sie als Golus-Nationalismus bezeichneteni als ob die geistige Knechtschaft, der die Juden im Verlauf von zwanzig Jahrhunderten verfallen waren, durch die Balfour-Deklaration in einem einzigen Tage abgeschüttelt werden könne. Diesen Zustand haben wir aber leider noch nicht erreicht Es ist der Enthusiasmus der Juden für Palästina-Probleme und Palästinas Bedeutung für die Zukunft des jüdischen Volkes nicht so tief, wie er sein sollte. Es steht uns eine lange Zeit der nationalpölitischen Erziehung und des Kampfes bevor, ehe der nötige Grad des Verständnisses erreicht sein wird. In dem Maße nun, als die britische Verwaltung in Palästina, die mit der Durchführung des Mandats betraut worden ist, den Zionismus aus dem Stadium der Forderung in die Wirklichkeit verwandelt hat, ist auch das Bedürfnis nach tatkräftigen Männern des praktischen Wirtschaftslebens fühlbarer geworden. Dieses Bedürfnis wird allgemein empfunden, und langsam aber sicher wird man auch, den richtigen Mann finden. Wie in allen Dingen, so ist auch hier der goldene Mittelweg der richtige. Es m Z eine Synthese geschaffen werden, um die äußerst schwierige Doppelaufgabe, der Vorbereitung, des jüdischen Volkes für Palästina, und Palästinas für das indische Volk, durchzufükrea.