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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-28 · Heft 1077 (28.1.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1077 (28.1.1922)
Date
1922-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MnLTSrmmmGr K 4Ä V/i e n: Zum Abholen in der Expedition, ll.,Taborstr. 1—3, oder ln einer Veirschlelßstelle (Trafik) monatlich K 1000. Mit Posi versiind fiirWien und Oesterreich-,monatlich K 1,200. Tschechd-SlowakeHMon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120.' Jugoslawien: Monatl. Dinar t&i Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Matk 25. Fr a n k reic h: Monatl; Frcs. 6. irnrr Nr. 1077 Wien, Samstag, 28. Jänner 1922 Tscheeno-Stowakd «sch. K l Italien: Monatlich Lire 6» Rumänien: Monatl., Lei 4Ö. Schweiz und das' übrige Ausland monatlich Francs 3,', Redaktion u. Administration Wien IL, .Taborstrasse 1—3, Telephone: 44-0-38, 43-3-19, ab. 6 Uhr abends 17r9-33. Telegrammadresse: »Morgen*' zeitung“; Wien. 5 * Oesterrerchisches. Postsparkassbnkonto 150.693, smmmmmmRSBfflma 4» Jahrgang Kabinett Schober II. V" 1 —-y. Wien, 28. Jänner* ) Nün .ist vdiö von-Stinnes und Horthy kommandierte Krise überwunden. Herr Schober " kehrt riactf^ diner1? zwölfstöndigen Ünterbrechung zur Regierung zurück? Die kleine "Rekonstruktion, welche der , Regierungschef vornimmt, kann seinem Kabinett nicht ziim Nachteil, gereichen.' Der mit der Leitung des Außenamtes betraute Landwirtschaftsminister Hennet ist mit , den auswärtigen Fragen sehr-gut,vertraut und insbesondere auf dem wirischaftspolitischen Gebiet, das für die Österreichische Außenpolitik. das wichtigste .ist, ein guter Fachmann. Jr war'wöd des' Krieges der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Bern als ifachreferent; zugeteilt. 'Der Wirtschaftspolitiker in ihm: hatte bald erkannt, welches Unglück dieser Krieg und die Art seiner Führung ' füf. die VWt bedeute. Herr Hennet hat seine Meinung. nicht für sich behalten. Es ist selbstverStähdlichjdaß er dadurch . bei den Siegfriedlern im. Hinterland bald mißliebig wurde. Seine Auswahl soll signalisieren, daß die bisherige Außenpolitik,; die nur eine Wirtschaftspolitik ist und bleiben kann, in'den Bahnen verharrt, in denen,, sie mit kurzer'Unterbrechung seit der Konstituierung1 der Republik', geführt' wurde. Es ist die Politik der politischen und wirtschaftlichen Annäherung an y die: Nachbarstaaten zürn Zwecke der Bildung eines mitteleuropäischen Systems' freier0 Skaten. Ihr erster; und* voniehmlichster Ausdruck 'ist’ der Staatsvertrag von, Prag, der am Donnerstag mit einer Mehrheit von 104 gegen 23 Stimmen zur völkerrechtlichen Tatsache;ge-. Worden ist.; v Er leitet in dem Verhältnis Oesterreichs zu seinem, nördlichen Nachbarn eine neue Aera ein, die., sich, gründet auf die Erkenntnis der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gemeinschaft. Die eklatante Mehrheit, die sich in der Wiener Volksvertretung für den Vertrag erhob, Entspricht dem allgemeinen Willen. Die demasich sogar zu Indiskretionen: aus seinen Stenographischen Aufzeichnungen über vertrauliche Mitteilungen verstieg, konnten nicht verfangen. Sie hatten alle Register gezogen: Volksverrat, Einkreisung Deutschlands,Anschluß an die kleine Entente; alle die Laderihütter, mit denen ah einem Waber-Stamintisch hausiert zu werden pflegt, breiteten sie. vor Feind und Freund aus. Das Resultat war, daß Herr Waber nicht mehr Minister ist Die Welt stürzt nicht ein. . Die Sozialdemokraten haben gestern entsprechend ihrer bisherigen Haltung, ihre; prinzipielle Opposition gegen eine, bürgerliche Regierung; erklären lassen. Sie haben gegen die Regierung gestimmt, aber keine Gegenleistung aufgestellt. Die Frage, wie lange die Sozialdemokraten diese Abstinenz sich und dem Staate leisten können, muß bald ihre , Lösung finden. Die gestern gewählte Regierung hat mit der alten Opposition, aber dazu noch mit dem wahrscheinlich sehr heftigen, und persönlich nuancierten. Widerstand einer neuen Opposition zu kämpfen/ die den Staat und seine internationalen Verpflichtungen negiert Eine solche Belastung vertragen die zur Katastrophe sich wendenden Wirtschafts- und Finanzyerhältnisse Oesterreichs nicht mehr. Wenn Herr Schober zum zweiten Malevals pflichttreuer Mann die schwere Bürde der Regieruffg übernimmt, so hat er gewiß die Ueberzeugung, daß ihn die Zustimmung der breiten Massen begleitet und er kann auch in der Haltung der sozialdemokratischen Opposition ein Vertrauenssymptom erkennen, das seine Position wesentlich erleichtert Das neue Kabiriett erkennt seine Aufgabe nur richtig, wenn es alle Parteipolitik ausschaltet und bloß Staatspolitik betreibt Es wird dann im Nationalrät stets jene Mehrheit finden, die es zur Durchsetzung der Volksnotwendigkeiten braucht. Der wiedergewählte Bundeskanzler hat während seines bisherigen "Wirkens auch das Vertrauen , des Auslandes . erworben. Der Fehler, unter dem sein Kabinett litt, ist nun beseitigt worden: Herr Waber hat die Regierung verlassen müssen. Die Amtsführung dieses Mannes hat Oesterreich sicherlich in den Augen der Umwelt außerordentlich geschädigt. Diesem Mann ist es zuzuschreiben, daß Oesterreich trotz aller aufrichtigen Bemühungen, den Friedensvertrag ehrlich zu erfüllen, lind trotz aller großen Opfer in den Verdacht d$r Sabotage der Rechtsübung gekommen ist Dieser Minister der Großdeutsehen hat sich getäuscht Er. hatte wohl die Macht, mit seiner Stampiglie alle Juden für unwürdig der österreichischen Staatsbürgerschaft zu erklären. Es wird sich noch zeigen, wieviel Verlegenheiten er damit der äußeren Geltung des Staates bereitet hat. Daß seine Tätigkeit dem Kredit Oesterreichs schwere Wunden geschlagen hat weiß man heute schön. Herr Waber ist gekommen und gegangen. Seine Stampiglie wird in dem reichen Museum großdeutscher Dummheiten den verdienten Ehrenplatz erhalten. Der Bericht über den englischen Kredit Vor eitieiü; Beschluß des Kabinetts* London, 27. Jänner. (Funkspruch.) Die Beamten des Schatzamtes; haben den B e rieht über die Einzelheiten des Kredits von 2V3 Millionen Pfund, Sterling, der Oesterreich 'bewilligt werden soll, ausgearbeitet; der Bericht wird dem Kabinett vorgelegt werden. „Morming Post* schreibt, - daß England von der-Notwendigkeit-' der Erteilung ei-^es Kredits an Oesterreich fest überzeugt sei und Sdiesen Kredit auch dann gewähren werde, wenn er nur von England allein erteilt werden müßte. y:: ■/ ..; , . London, 27. Jänner. (Funkspruch.) Es wir 4 versichert, daß der; Premierminister L I o y d George und der Schatzkanzler, sich persönlich mit der Kreditgewährung an Oesterreich beschäftigen. „E v e n i n g S t a n dar d“ bemerkt, daß zwei Fragen hiebei In Betracht kommen; . erstens, ob England, allein die Anleihe geben >soIIe, oder, ob die übrigen Verbündeten sich beteiligen sollen, fundv zweitens,. welche Sicherstellungen für die Anleihe geboten werden. Da der österreichische Geldumlauf überhaupt, nur gegen vier Millionen Pfund Sterling beitrage, müßte eine Anleihe in der Höhe der in , Rede stehenden, das ist 2'/s-Millionen Pfund, einen überaus heilsamen Einfluß haben. Das Blatt berichtet weiter, daß allem Anschein nach die Anleihe , als e i n rei n britischer Vorschuß werde erteilt werden.1 Die-Regierung werde sich Sicherheiten verschaffen, däß, die Summe z u r S t a b i 1 i s i e r u u g-'tfe' sehen Krone diene. — Auch die .Westwl n ster Gazette“ erfährt, daß, die Anleihe eine rein b r i t i s c h e sein werde, denn so viel auch zum Vorteil einer , gemeinsam erteilten Anleihe gesagt werden könne, so seien doch wohlunterrichtete Kreise der Ansicht, daß eine derartige gemeinsame^ Aktion ni c h t rasch g e n u g arbeiten würde, y Zusagen MiHemn^s, Paris, 2t. Jänner. Der österreichische Gesandtefticft® ho ff ist vom Präsidentender; französischen Republik jeni-‘ pfangeri worden* Präsident M Hl &ra nd betonte, daß er volles Verständnis für die Lage Oesterreichs und für die Bemühungen der österreichischen j^egierurig um die Ordnung der inneren Verhältnisse habe* DM.PrtzSident aneskannte. die u n a u f s c h i e b b a r D r;i n g I i c hk eit der H i 1 f e 1 e i s t u n g, die nicht nur zur 8ich6^ rung Z ent r a 1 e u r o p.a s, sondern auch imeigenen Interesse Frankreichs1 geboten sei* Er habe die österreichische Demarche nicht abgewartet, soyderÜ die> Re> gierungsaktion aus, eigener Initiative^ beschleunigt.; Frankreich halte sich die Wichtigkeit und Dringlichkeit der * Frage vollkommen vor Augen. r ' ' y, Wie verlautet, beabsichtigt die französische Re^erung; ein rasches Eingreifen./: .>V ■ . ' " .y ‘v Py*'■, y/1 ' ■.; y-v; yyyy'';? Zu diesen Meldungen ’ist zu bemerken, daß ihnen elK . Schritt der österreichischen Regierung bei / den Signatar» ' möchten des Friedensvertrages zugrunde liegt. Die Aktion der; englischen Regierung hängt.,mit der seit einem Jahr laufenden Aktion des Völkerbundes nicht zusammen. Aus den Berichtetest, nichts bestimmtes über Art, Termin und Fundierung ‘des englischen Kredits ersichtlich. > Die Aktion greift auf eine aus den Londoner : Citykfeisen kommende Bewegung zur Unterstützung der vaiutaschwaeben Länder zurück, im Verlauf deren das englische Unterhaus im vergangenen Oktober einen Betrag anzunehmen. Dies würde den Einspruch der anderen; au der Generalhypothek interessierten Staaten herbeiführen. Die österreichische Regierung wird im gegebenen Zeitpunkt finanzielle Bevollmächtigte zur Führung der notwendige? Besprechungen nach London entsenden. - - Krawalle in der Prager National- Pultdeckelkonzert der Kommunisten und deutschen Sozialdemokraten. — Eine Stinkbombe. Prag, 27. Jänner. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses kam es zu wüs tenLärmszenen. Den Anlaß gab die Konfiskation des Abdruckes einer Rede eines kommunistischen Abgeordneten im »Rüde Pravo“, in der er die Soldaten zur V e r,w e igerung der Gehorsams aufforderte. Gleich nach Eröffnung der Sitzung setzten die Kommunisten mit Rufen und Schreien und einem eine halbe Stunde währenden Pultdeckelkonzert ein, so daß die Redner vollkommen unverständlich blieben. Schließlich sangen die Kommunisten die Internationale und verließen den Saal. Inzwischen hatte sich dieser und die Tribünen gefüllt. Es waren fast sämtliche Minister erschienen. Die deutschen Sozialdemokraten schloßen sich nach dem$- Abzug der Kommunisten deren Protest an und setzten das Pultdeckelkonzert fort. Es kam hiebei zu einem heftige n Wortwechsel zwischen deutschen und tschechischen Abgeordneten, der sich steigerte, als sich im Hause übler Geruch bemerkbar machte. Es war gegen die Bühne des Präsidenten eine Stinkbombe geworfen worden. Die Situation drohte in eine Schlägerei zwischen Deutschen und Tschechen auszuarten, die jedoch durch Eingreifen der deutschen Abgeordneten C z e c h und Mayer verhütet werden konnte. Schließlich gelangte der Präsident zu Wort und verkündete eine Unterbrechung der Sitzung auf dje;Dauer einer halben Stunde, um festzustellen, wer die Stinkbombe geworfen habe. Der Deutschnationale Baeran wirft eindStinkbombe. Prag, 27. fänner. Der Grund, warum; die deutschen Sozialdemokraten, denen sich Teile des deutschen parlamentarischen Verbandes anschlossen, in der heutigen Vormittagssitzung des Abgeordnetenhauses den Protest der Kommunisten mitmachten, lag in der Absicht, gegen die Geschäftsordnung zu demonstrieren, die dem Präsidenten das Recht gibt, dl« Veröffentlichung von; Reden, die Im Abgeordnetenhause gehalten werden, zu verhindern. Als , Oppositionspartei fühlen sich die Deutschen ohne Unterschied der Parteistellung durch diese Geschäftsordhungs» bestimmung ln ihrer Betätigung sehr behindert und sie verlangten daher auch nach dem Abzug der Kommunisten die Unterbrechung der Sitzung, der sich Präsident Tomasek widersetzte. Die durch die Lärmszenen gesteigerte Erregung hat dann zum Wurfe der Stinkbombe — einer kleinen Glaskugel — geführt Der V o rgang wird von allen Selten im deutschen Lager mißbilligt. Der Führer der deutschen Sozialdemokraten und Vize* Präsident Dr. C z e c h war eifrig, jedoch ohne Erfolg« bemüht, den Präsidenten Tomasek zur Unterbrechung der Sitzung zu veranlassen. Dabei ereignete sich ein kleiner Zwischenfall. Als nämlich von tschechischer Seite Doktor C z e c h zugerufen wurde, daß er den Präsidenten in Rühe lassen solle, rief er in großer Erregung von seinem Platze als Vizepräsident in den Saal, daß es sein Recht sei, sich hier oben aufzuhalten, was Dr. R a s i n zu der Bemerkung „Bravo Czech 1“ veranlaßte. Während des ganzen Tumults hielten die Berichterstatter N a w r a 111 und P a t e j dl ihre Reden zum Militärpensionsgesetzentwurf, indem sie den Stenographen diktierten. Im Saale hörte map kein Wort davon. Auch zwei Abstimmungen ließ der Präsident über Gegenstände der Tagesordnung vornehmen. Bald nach Unterbrechung der Sitzung wurde bekannt, daß der deutschnationale Abgeordnete Baeran die Stinkbombe geworfen habe. Der Klub der Deutschnatiönalen hielt eine Sitzung ab, in der er die Erklärung beschloß, die später Lodgman im Hause verlas. Die Sozialdemokraten beschlossen während der Pause, die Stellungnahme, zu dem Vorfall durch den Abgeordneten H i I l ehr a n d zum Ausdruck zu bringen. Die übrigen deutschen Parteien befaßten sich nicht weiter mit dem Vorfall. Bel der Wiedereröffnung der Sitzung waren die Gemüter bereits ziemlich beruhigt Baeran erschien nicht im Saale. Er verließ Prag mit dem Nachmittagszuge. Ausschluß der kommunistischen Ruhestörer* i Nach Wiederaufnahme der Sitzung erklärte def Präsident daß. die heutige Sitzung wohl die traurigste.

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