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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-23 · Heft 1072 (23.1.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1072 (23.1.1922)
Date
1922-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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(Einzelnummer K 30 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II;,Täborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle* (Trafik) , monatlich K 1CK3Q. Mit Postversand fürWjen und. Oesterreich monatlichK1000. Ts c h e c h o- S1 ow a k e i :• Mon. Kronen 20. Ungarn: Monat!. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl. Dinar, 13. Polen: Monatl. Mark 600. Deutsch- »aüd: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Frcs.6. Twiwütoiwwiia tsch. K l Italien: Monatlich Lire ifij; Rumänien: Monatl. Lei 4^. Schwein .und das übrige’; Ausland monatlich Franca Redaktion n. Adatinlaifatio; Wien fl., Taborstradete' 1—i Telephone: 44-0-38, 48-3-lSj ab 0 Uhr abends Telegrammadresse: »Morgen«' zeitung*, Wisch " Oesterreichlhofaes Po*!fi''!«rVa33;iiVonto t Nr. 1072 Wien, Montag, 23. Jänner 19221 4. Jahrgang Benedikt XV. _ Rom, 22. Jänner. (Stefani.) Der - . Papst ist heute um 6 Uhr morgens verschieden. Die römisch-katholische Kirche hat ihr Oberhaupt verloren/ Durch die Gemächer des Vatikans schreitet der Cainerlengo, für die Zeit der Sedisvakanz der Leiter der Geschäfte. Er leitet die Begräbnisfeierlichkeitett und beruft das Kardinalskollegium zur- Wähl des neuen Papst.es ein, der nach altem Brauch ein Italiener -sein muß. Das Konklave, die Beratung der Kärdinäle, ist bis zur Entscheidung streng isoliert, um eine Einmengung Unberufener zu verhindern. Aber der Einfluß > der an der Wahl interessierten Staaten dringt auch durch diese Absperrung.' Diesmal freilich fehlen unter den, Staaten, die in den Wahlgang eingreifen, Oesterreich, Ungarn und Rußland. Statt dieser treten die Tschedho-Slowakei und Polen auf. Papst . Benedikt XV. war in den fünfziger Jahren geboren. Er .wurde, iyi Jahre 1878 zum Priester geweiht. Bischof wurde er im Jahre 1907, die Kardinalswürde erhielt er, nachdem er, Erzbischof von Bologna, gewesen war, im Jahre 191,4.^ Er gehörte lan^e Zeit als Unterscaatssekretär der päpstlichen Kammer an und erhielt am 3. September 1914 hach dem Ableben Benedikts XIV. die Tiara. Er ist also kurz nach" dem Ausbruch des Weltkrieges zu seiner Stellung gelangt: Dies gibt, seiner Zeit, das Gepräge. Das .unheilvolle Kompromiß des Christentums mit der Idee des Krieges konnte .er nicht bannen und er hat es auch nicht bekämpft. Er hat versucht, für den! Frieden -zu wirken; aber seine Autorität konnte sich nicht durchsetzen. Die Kärdinäle und Bischöfe, die ganze gewaltige Organisation der Kirche stärid .gern und freiwillig im Dienste des Gottes der Kanonen. Der alte Mann in Rom;käm über die beschwören len Ermahnungen nicht hinaus. Er konnte nur..an einigen Punkten der Kriegsfolgen hindernd . wirken,, inßM er ,!dl%. .Heimseridüng Oesterreich ‘Hilfe1 angedeiheri lassen.; v . Persönlich war er ein Anhänger der-Versöhnung mit dem italienischen Natiöhaigedan.cen. Er stellte sich damit auf den Boden der im Jahre 1871 geschaffenen Tatsachen. Der Kriegsausgang, der. den Sieg Italiens über die katholische Revanchepolitik der Habsburger Hausmacht brachte und ihn durch den Zerfair der Donaumonarchie besiegelte,, hat zu dieser Politik den Anstoß : gegeben. Der Vatikan gestattete den Katholiken -Italiens, soweit sie sich; seiner Parole unterwarfen, die Teilnahme an den Kammerwahlen. Die fruchtbare Wirkung auf die innere Politik Italiens, die vielfach davon erwartet wurde, ist freilich aüsgeblieben. Glücklicher war er gegenüber Frankreich. Hier hat seine Diplomatie den Erfolg errungen, daß Frankreich die seit der Combesschen Kirchengesetzgebung unterbrochenen Beziehungen wieder aufnahm. Hierin drückt sich , die gegenwärtige klerikal-nationalistische, deutsch- und englandfeindliche Politik des heutigen Frankreich aus., Im Innern des römischkatholischen Herrschaftsbaues stand Bejiedikt XV. auf dem gleichen strengen, alle Neuerungen schroff ablehnenden Standpunkt wie . seine Vorgänger. Dem Judentum gegenüber ist die Haltung des Vatikans die alte geblieben;: Die starrste Unversöhnlichkeit und die sorgsame Behütung des Antisemitismus, qb er sich hier in der Form gesetzlicher oder : ungesetzlicher Verfolgung, ddrt in dem Bestreben ausdrüc.t, Palästina dem jüdischen Volke zu verschließen. Der Papst mag persönlich eine etwas geschmeidigere Politik gewünscht haben, wenigstens ließ der Empfang Sokolo ws durch den Staatssekretär Gasp ar r i in Rom darauf schließen. Die Tatsachen aber zeigen, daß der Papst auch in dieser Frage wie in so vielen anderen ein Gefangener seines Staatssekretariats ist Er hat Frankreichs Politik mitgemacht, weil sie dazu dient, das antipapistische Rußland zu beunruhigen und ihm Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Der englischirische Streit ließ ebenfalls den .Einfluß Roms erkennen, dessen Hierarchie eine Schmälerung ihres Einflusses von . einer friedlichen Verständigung befürchtete. , Die römisch-katholische Kirche v ist keine Religionsgemeinde, sondern eine nach Herrschaft und Macht strebende politische Organisation. Sie kann 1 ur als solche betrachtet werden. Sie häßt das Judentum und wird sich darin nicht ändern. Diese Tatsache müssen wir alle un? fest ins Gedächtnis schreiben. über Der Mißerfolg der Konferenz von Washington. . ' .Paris, 23. Jänner. (Te!.-Kqmp.) »New York Herald“ veröffentlicht . einen 'Artikel über die Washingtoner Konferenz von Frank Simon d s, in dem es heißt, die amerikanische öffentliche Meinung halte die Konferenz von Washington für einen Miße r f 0 1 g, die auf derselben Basis angelangt sei wie die PariserFriedenskonferenz. Staatssekretär Hughes habe den- London, 21. Jänner. (Wolff.) Von einer vieltausendköpfigen Zuhörerschaft begrüßt, hielt Lloyd George auf der nationalliberaien Konferenz in der Centrar Hall in Westminster seine mit Spannung erwartete große Rede. Nachdem er’ sich kurze Zeit mit der innerpolitischen Lage, besonders mit dem irischen Problem, beschäftigt hatte, fährt der Premier fort: Welches ist dife Lage der Welt? Wir . haben einen erschütternden uln d verwirrenden Krieg hinter uns.' Der Handel der. ganzen Welt, befindet sich in einer schlimmeren Lage als je. In unserem Lande sind zwei Millionen Erwerbslose, in den Vereinigten Staaten n o c h viel mehr. Warum? In der Welt besteht größeres Bedürfnis nach unseren Waren als je zuvor, jedoch weniger Nachfrage. Nicht, daß die Welt den Reichtum nicht erzeugen kann, der sie instand setzen würde, diese Waren' zu bezahlen, wenn Kredite erhältlich wären, aber Kredit ist unmöglich ohne .Vertrauen und Stabilität. Das Problem, dem Großbritannien und die ganze Welt sich gegenübergestellt sehen, könne in .einen Satz züsammengefaßt werden: Wi^derherlsUJlua'g des intern a t i 0 n a 1 e n. Vertrau e.n s. (Beifall.) Ohne Vertrauen kahn nicht, aufgebaut wenden, .ohne Kredit kein Handel, ohne Handel kein Unterhalt für unser Volk. Unsere Lasten werden unerträglich werden und der B a n kT 0 11 w i r d der W ei t-in sA.ng ß s i cht s t a r r e n,; wenn keine Aktion ergriffen wird,’ und zwar eine internationale Akt! o n.-(Beifall.) Ich Werde manchmal von meinen Freunden befragt, - weshalb ich einen so großen Teil meiner Zeit internationalen Angelegenheiten widme und nicht die Zeit für innere Fragen verwende. Ich* werde jetzt sagen, warum.: 8 0- S la n ge; ,n ich t d er F r i e d e d e r .Weit 'hergestellt wird, sind wir das größte; 0 p f er u h d d er am meis teil Lei dt rage n de. , (Beifall.) . Wir; wollen es auf unser Bahner schreiben; ein Wohlgefallen! (Beifall.) Ein Fortschritt kann jedoch nur ä Fi mählich, durch Geduld und T ä t i g k 6 i t, gemacht werden. Vier Fünftel der Schwierigkeiten sind auf Argwohn »in’ der Welt zurückzuführen. Bei den europäischen Ländern hat man es mit alteingewurze’tem Verwicklungen ..zu tun. Es bestehen alter Baß, alte Rivalität, alte Fehden, alter Argwöhn und altes Mißtrauen. Lloyd George, sagte weiters: Wenn man sich mit irgendeinem europäischen Problem zu befassen beginnt, dann erkennt man, daß dies nie versagende Geduld, Beharriiehknit und Tätigkeit erfordert und daß man sich durch zeitweilige Rückschläge nicht abschrecken lassen darf. Die' Männer, die glauben, daß sie Europa in zwei oder drei Jahren von seinen Nötenbefreienkönnten, sind entweder über die wirklichen Verhältnisse nicht unterrichtet oder sie.führen ihr Publikum irre. D i e Ereignisse inFrankreich beweisen, wie vorsichtig man. bei so v i e 1 h e rr s c h e n d e m A r g w 0 h n a u ft reten m u ß: Es gibt nur einen Weg, um das Ziel zu erreichen. Dieser W-e g schreibt vor, daß man darauf bestehe, die Nationen zue in e m Prüfst e i n der Vernunftund nicht der Gewält zu machen. Das Ziel ist durch beharrliche' Z u« s a m m e n k ü n f t e, Erörterungen und Konferenzen zu erreichen. Wenn im Juli 1914 eine Konferenz stättgefünden hätte, dann würde es im August keine Katastrophe, gegeben haben. Jede Konferenz ist eine Sprosse in der Leiter, die zum Frieden führt. (Lebhafter Beifall.) Es gibt Leute, die; erklären; Genugmi-t de.n Konter e n z e n! Sie haben unrecht! Man muß sich von ’ A n g e s i c h t z u Angesicht gegenübertreten. Ich habe den festen Glauben an die sthließliche Vernunft der Menschen. Ich bi». O p t i m Ls 1. Am meisten treten für die Rückkehr zur'alten Diplomatie diejenigen ein, die unter ihren Verwüstungen leiden. Wenn man seinerzeit eine Konferenz nach den neuen* Methoden gemacht hätte, dann würde j etz t' keine französische Provinz auf W i e d e rlief.stellung warten. Die Männer, die eine Konferenz hassensind Männer von starren A;n* s.i c h t e n, M ä n n e r, die nicht gern - der Wirklichkeit ins A u g e s e h ,e n. E s i s t g u L wenn m'a n s i e z w in g t, d i e 's, hin und wieder z u t u n. In Genua sbll jetzt eine Konferenz stattfinden, in vieler Hinsicht die größte int e.r na t i o nale K 0 n f e r e n z, .die je'abgehalten wurde. Eines .Tages hört man, daß .Rußland rüste,- um'Polenanzugreifen, daß Polen einen Aufstand in der. Ukraine organisiere, daß Rußland Rumänien .angreife oder daß Finnland einen TeiL Rußlands angreifen werde. . Man hört,, daß einer der Staaten, der; einen Teil 0 estereichs, bildete, seine« Nachbarn bedrohe und daß sein Nachbar* ihn wieder bedrohe. Pa s a; LI-e s i H t.k ein e Stabil i t j| t. wollen dieseLändef vonAngesichtiu An- ^esiclit'zusammenbringen und wir werden sehen, ob die Möglichkeit besteht, sie zu einem vernünftigen Einver--1 nehmen zu bringen. Manche rufen: Fast 45 Nationen und 1333 Sachverständige! Welch eine Extravaganz 1 Tausend Sachverständige, finanzielle, diplomatische und wirtschaftliche! Aber, erklärte Lloyd George ironisch, sie sind Immer noch bi 11 i g.e r als d i e m i 1 i t ä risch en Sach verstän d i g e p. (Anhaltender Beifall:) Wir haben soeben eine Auseinandersetzung zwischen denselben Nationen zu Ende geführt, die viereinhalb furchtbare Jahre d au er t.e; An dieser Konferenz nahmen 30 Millionen Menschen teil.’ An der Stelle, wo die Debatte stattgefunden hat, .bliebenzehn M i 1- 1 i 0 n e n junge Leute / tot liegen. Z e h n weitere Millionen wurden verstümmelt. Die Ausgaben betrugen 50 Milliarden Pfund Sterling. ' Die Völker sollten lieber eine andere Konferenz ver* suchen. (Lebhatler Beifall.) ‘selben Mißerfolg erlitten wie seinerzeit Wilson und es * sei zu befürchten, daß die Washingtoner Konferenz für die republikanische Partei ebenso verhängnisvoll werde wie die Pariser Konferenz für die Demokraten. Die Stimmung des amerikanischen Volkes sei entschieden franzosenfeindlich geworden, da man Frankreich die Verantwortung für das Scheitern der Abrüstungsbestrebungen bezüglich der U-Boote beilegt. * Die französischen Forderungen an England. Paris, 23. Jänner. (Wolff.) Wie der „Mafin* mitteilt, verlangt die fra zösische Regierung von der englischen, daß der Schutzvertrag nicht für die Dauer von 10 Jahren, sondern für 25 Jahre abgeschlossen werde. Die französische Regierung;verlange ferner, daß jede Verletzung der von den Alliierten besetzten Linie seitens Deutschlands als ein feindseliger Akt betrachtet werde, durch den der Casus foederis eintrete. Ein deutscher Angriff gegen die englischen Linien im Rheinland soll ebenfalls als Kriegsakt betrachtet werden, durch den die französische Hilfe von selbst gegeben sei. Schließlich verlange Frankreich, daß die militärische Hilfe zwischen den beiden Mächten irt einer Militärkonvention klar zum’ Ausdruck gebracht werde. Die russische Abordnung für Genua. Moskau, 22. Jänner. (F’unkspruch.) Die Sowjetregierung wird auf der Konferenz von Genua durch Krassin, L i t w i 11 0 w und Joffe vertreten sein. Sforza Botschafter in Paris. Paris, 22. Jänner. Die Agence Havas bestiegt die Nachricht, daß die Regierung der Ernennung des Grafen Sforza zum Botschafter Italiens in Paris das Agrement erteilt hat, Ein rumänisch-griechischer Militärvertrag. Bukarest, 22. Jänner. Hier ist eine griechische Militärmission unter Führung des. Generals Dusmanis eingetroffen, um, wie hier verlautbart wird,' an den Feierlichkeiten anläßlich der Taufe des Prinzen J\JihaiI teilzunehmen. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch, wie die hiesige Presse aus Athen meldet, um die Unterzeichnung eitles rumänisch-griechischen Militärvertrages. Ein Kommunistenprozeß. Bukarest, 22. Jänner. Morgen wird hier def Kqmmunisbnprozeß beginnen. Ueber 300 Personen sind angeklagt und über 1000 Zeugen vorgeladen. Es werden einerseits die Teilnehmer an dem Kongreß, die für die Moskauer Internationale gestimmt, andererseits die Terroristen, die das Attentat im Senat verübt haben, abgeurteilt werden. Die Wahlen in Wilna. Warschau, z\: Jänner. (Tel. der »Wieweif Margenzeitung«.) Der »Kutrjer. W&rszawski«. bringt ein Interview mit dem polinischen Gesandten, i-ni Paris, Grafen Z a m o rsk i, über Frainkreiaha Steifung ziur'Wilnaeir Frage. Graf Za/moyski erklärt; daß Frankreich die Herbeifüthtruin'g der Ordnung und des Friedens im Osten erstrebe. Pollen wird ' als Faktor des Friedens betrachtet. Au-s diesem Grunde hegt es im Interesse Frainfkreidis, Polen möglichst stark zu erhalten, um aiuf. diese Weise seine Einflußsphäre im Osten zu vergrößern. Doch darf die Vergrößerung dieser Einflußsphäre zu* keinen Reibuuareo im Osten führen und den Aufbau

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