Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1068 (19.1.1922)
- Date
- 1922-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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&4ö Wien: Zum Abholen in der I Expedition, )I.,Taborstr. 1—3, oder;ri einerVersclileißstelle (Trafik) monatlich K 1000. renrr MitPostversand fürV/jen. und. Oesterreich monatlich K1000. ■ .^ . . Ts c h e c h o- S:1 ow.a k ei: Mon. Kronen20. Ungarn: Monati: ■ Krönen. 120./Jugoslawien: Monrit!. Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. D e ü t s c hland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl.Frcs. 6. Nr. 1068 Wien, Donnerstag, 19. Jänner 1922 mim rssSL. K i MNe«: Monarch!Ee Rumänien: Monatl. Iiei Schweiz und das übrii Ausland ,mpnat^ch.;lfeaajcs' Redäfct&n .u.' AMinGG8Ä Wien IL, Taborstrasse?ijHS? Telephone: 44r0^38, ab 6 Uhr abends 1-7-9-M Telegrammadress©:ÄMorge^NJ : '• zeitung“, Wien. . Oesterreichisches. Po°d tsnarkassenkontol 50.6931 4. Jahrgang Christenaustreibungen unter j christlicher Patronanz. | st Wi e n, 19. Järmer. Vor; einigen Jahren spielte sich in Konstantinopel ejne gräßliche Tragödie ab. Irgend ein hoher Beamter beganfi . nachzudenken und kam unglücklicherwjeise. zu einem Resultat Er fand heraus, daß die Stadt ruviele Hunde hat. Sp fing man denn an die rzweimalhuncjerttausend. Hunde ab, warf sie auf ein Schiff, führte sie übers,Meer und setzte sie auf einer'wüsten Insel, aus. Die Tiere verfielen, dem Hunger und der Tollwüt, ein, Teil - fraß, den anderen,'nach , wenigen Wochen lag die Insel wieder still in . den blauen Fluten, ein , Massengrab " vierbeiniger Märtyrer, ein Schandmal, der zweibeinigen Bestie Mensch. Wenige mitleidige Seelen unternahmen den schwachen Versuch, die Ehre des Namens Mensch zu retten. Während der Hündejagd lockten sie einige Opfer in ihre Häuser und entrissen sie so den Fängern , des denkenden Paschas. . \ Wieder fahren Schiffe übers Mi^elmeer, vollgestopft mit Lebewesen, die man zusammengefangen hat' und irgendwo ans Land, ins Elend, Werfen wird, weil hochgestellte Untiere herausgefunden haben, daß dieser Geschöpfe zu viele sind. Diesmal sind es Menschen, die Christen ' der kleinasiatischen Provinz Ziiizien: Armenier und. Griechen. Zehnt^usende Familien müssen im tiefsten Frieden über Hals und Kopf vom Boden’ weg, welchen ihre Vorfahren durch Jahrhunderte bewohn! und bearbeitet haben. Kriegsschiffe nehmen die Haufen verzweifelter Männer iirtd winselnder Kinder und. Frauen, auf Hid speien sie irgendwo aus. Was sie . dann beginnen sollen, weiß , kein Mensch, es kümmert sich,, auch keiner darum. Nur; rasch weg, denn 'hinter den Gehetzten‘ zieht grausamer Mord ins Land Diese Christen sind das ^Opfßr der. ffanzö^a^/i Mid^.päpMchM/WMWMk.. Um die KlPise ErH^ahM '’D^sÄen-'-driMF-'U-IWren, 1WW eS"3U' FNnzWn^ für gut gefunden, .Zijiziey. den türlcitzchen Armenier schlächtern aus Angora preiszugeben. '.Die Franzosen ziehen ihre Truppen zurück und' geben den Angöratürken den Weg frei. Die Nachricht hat die Christenheit im Orient mit Entsetzen erfüllt. Sie hat protestiert und als das nichts nützte, gejammert gebeten und an das Herz der französischen Machthaber appelliert. Die Antwort war, daß durch Vertragsbestimmungen/ die Türken zur Schonung der christlichen Bevölkerung „verpflichtet“ worden seien. Mörder, deren Hände vom Blut einer Millionen nied^rgemetzelter Armenier triefen, durch einen Paragraphen am Morden behindert! Die zilizischen Christen wußten den 'Wer! dieser Verpflichtung richtig einzuschätzen ■ und1 haben das Land verlassen. Frankreich hat' immer die Rolle des Beschützers des Christentums im Orient gespielt. Ob nun in Paris eine ■ klerikale oder kirchenfeindliche Regierung am, Ruder war, immer hat sie Wert darauf gefegt, ihre Orientpolitik im Einvernehmen mit dem päpstlichen Rom und im Sinne der Verteidigung des Kreuzes zu führen. Vor wenigen Tagen erst hat Briand in der Kammer ausgesprochen, daß die christlichen Missionen die eigentlichen Träger der französischen Interessen im Orient sind. Nun hat sich gezeigt, wieviel Liebe zum Christenmenschen diese allchristliche Politik in sich birgt Weil es momentan Vorteil zu bieten scheint, opfert sie bedenkenlos die Christen eines ganzen Landes und Rom gibt seinen Segen dazu. Salbungsvoll wird erklärt, ■ daß den Christen nach der Räumung kein Haar gekrümmt worden ist. Gewiß, weil keine mehr da waren.. Der „Temps“ selbst berichtet, daß von 52.000 Christen 50.000 das Land verlassen haben. Lieber den fatalen Rest der 2000 sagt er nichts/ Die scheinen die, weitere, aber bequemere* Reise ins Jenseits angetreten. zu haben. Er schreibt: „Man, hat Massakers angekündigt Aber Frankreich ' hat Wort gehalten, es hä nicht einen Töten gegeben! Beglückwünschen wir uns! Aber auch unsere türkischen Freunde sind klug, energisch und loyal gewesen. Beglückwünschen wir auch sie!“ Die 50.000 heimlosen Christen, die rettungslos dem'Hunger und den Seuchen preisgegeben sind, werden. frohen Herzens die Botschaft hören, daß Franzosen und Türken sich die Hände schütteln und einander Glück wünschen. Oh, wie liebevoll ist doch diese Politik, die, man die christliche nennt! Der Vergleich der Christehtragödie von Zilizier» mit dem Konstantinopler Hundedrama stimmt übrigens nicht ganz. Ih Könstantinopel hat es mitleidige Seelen, gegeben, die sich der , gejagten Hunde annahmen. In Ziiizien scheint so was nicht vorgekommen zu. sein. Der Vorfall ist danach angetan,, in uns’ Juden mancherlei Gefühle , und , Gedanken anzuregen. Wir können den unglücklichen Christen von Ziiizien ihr Leid gründlich nachempFinden, denn ihr Schicksal ist jüdisches Sc.iiCksäl. Sie wurden aus irgend einem Grunde lästig, man fand plötzlich, daß ihrer zu' viele Das Komitee der jüdischen Delegationen an den Völkerbund. Genf/ 17. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Die Vertreter des Komitees der jüdischen Delegationen in Paris, Generalsekretär M o t z k i n und A 1 e j n i k o w, haben bei der letzten Völkerbundratstagung eine Reihe von Schritten zum Schutz, der jüdisch em Min der« h eiten unternommen. Sie haben ausführliche Memoranden über die Naturalisierung der Juden in Danzig, Litauen und Lettland und eine-s e parate Denkschr i f t üb er dieÄbwei sung e n jüdischer Optanten in Oe st er reich überreicht. Anläßlich der Verhandlungen über die Minderheitsrechte in Lettland, Litauen und Danzig haben die genannten Vertreter bei den maßgebenden Faktoren vorgesprochen. G e n f, 17. Jänner. (J. C. B.)1 Die für die - laufende Woche avisierten Deklarationen def litauischen und lettischen Vertreter» betreffend die M in d er h eit sr echt e, wurden bis zur< nächsten Session des Vojkerbundrates; die voraussichtlich im'April stattfinden wird, v e r s c h o b eu. Bis dahin werden die Regierungen L e t tl a nd s uiid Litauens im Einvernehmen mit dem Generalsekretariat des Völkerbundes die Minoritätsklauseln festsetzen. Ueber diese Fragen hat das Kö niitee der jüdischen D e 1 e g a t i o n e n ein ausführliches Memorandum dem Völkerbund überreicht, worin alle Repressalien Lettlands gegen die Juden, insbesondere gegen die jüdischen Flüchtlinge, aufgezählt werden. Was Litauen betrifft, betont das Memorandum der jüdischen Delegationen, daß dieses wohl den historischen Akt freiwilliger Gewährung einer jüdischen Autonomie bereits, vollzogen hat und daß dieser Akt nunmehr noch der internationalen Sanktionierung durch den Völkerbund bedürfe. Behufs Vorbereitung äer nötigen Aktionen hat heute die jüdische Abordnung mit der Völkerbundabteilung für Minoritätsrechte Fühlung genommen. #er Haiidelsvertt^agv^mit Polen. — Frankreich, Cannes. 18. Jänner. (Tschechö.-slow. Preßbur.) la der* heutigen Sitzung des; A u ß e na u s s c h;u:s&es'. wurde* die Ratifikationsentschließung zu dem am 2P. Oktober 1921 in Warschau zwischen der T schec ho - S 1 o wakei und P o 1 e n abgeschlossenen Handelsvertrag genehmigt. . Ministerpräsident Dr. B e n’e s c h stellte in Beantwortung einer deutschen Anfrage fest, daß zwischen der Tschechoslowakei und Polen keinerlei militärisches Abkommen bestehe. Der, politische Vertrag mit Polen sei bekannt. Ueber einige Einzelheiten desselben finden noch Verhandlungen statt. Sobald sie beendet seien, werde das Abkommen veröffentlicht werden. Bezüglich der Bestimmung des Handelsvertrages, daß im Falle von Schwierigkeiten auf den Bahnen ’ des einen Vertragsteiles der andere Vertragsteil berechtigt sei, derartige Schwierigkeiten mit seinen Angestellten und seinem Material zu beseitigen, wurde von einem tschecho-slowäkischen sozialdemokratischen Abgeordneten darüber Aufklärung verlangt, in welchem Sinne diese Bestimmung aufgefaßt und ob dadurch das S o u! ’v e r ä n i t ä t s r e c h t in diesem Falle dem anderen Staate übertragen werde. Ministerpräsident Dr. B e n e s c h erklärte, auf Verlangen der Tschechoslowakei sei im Hinblick auf gewisse technische Schwierigkeiten diese Bestimmung in den Vertrag aufgenommen worden, was ausschließlich In technischer Hinsicht ausgelegt werden müsse. Das Souveränitätsrecht keines der beiden Staaten werde dadurch berührt Insbesondere könne die Bestimmung nicht dahin ausgelegt werden> daß zum Beispiel im Falle eines Sfreiks aäf’ d&h polnischen Eisenbahnen die Tschechoslowakei Polen mit ihrem Personal und ihrem Material aushelfen könnte; Gegenüber.der Meinung, der auch ein kommunistischer Abgeordneter Ausdrück gegeben hatte, daß sich, die Politik der Tschechoslowakei im Schlepptau der französischen Politik befinde, müsse, neuerlich betont werden, daß die Tschechoslowakei einzig und allein eine tschechoslowakische Politik verfolge, die im Interesse der Tschechoslowakei sowie im Interesse des europäischen Friedens und der europäischen Ruhe liege. Ueber die. Verhandlungen in Cannes, sägte der Ministerpräsident, es hätten sich zwar gewisse Differenzen ergeben, dagegen sei aber eine Einigung,über den Garantievertrag erfolgt Möglicherweise werde es auch zu einem Allianz v ertrag kommen. Einige Differenzen bestünden zwar und würden auch bestehen, da dies nicht anders sein könne. Aber Fngland und Frankreich hätten gemeinsame Interessen und werden und müßten’ sich in einer ganzen Reihe von Fragen einigen. , " * Ein nationalsozialistischer Abgeordneter gab der An-, sicht Ausdruck, daß sich die Tschecho-Slowakei eher der englischen als der französischen Politik anschließen solle. Abgeordneter Dr. Lodgmaa verlangte die Veröffentlichung des Vertrages mit Dr. Renner. Wie die Blätter melden, hat der Ausschuß für Aeuße'res den Antrag Dr. Lodgmans auf Veröffentlichung des Vertrages Benesch-Renner abgelehnt Frankreich und die Maridatsfrage. Eina Erklärung des französischen Konsuls. Jerusalem, 15. Jänner. (Tel. & „Wiener Morgenzeitung“.) Im Zusammenhang mit der Erklärung des früheren französischen Ministerpräsidenten Briand über die Mandatsfrage, von der wir gemeldet haben, hat das Mitglied der zionistischen Exekutive H. Eder den französischen Konsul in Jerusalem besucht und ihm Brialds Erklärungen zur Kenntnis gebracht Der* französische Konsul erklärte Herrn Eder, er sei nie im Zweifel gewesen, daß der Standpunkt der französischen Regierung in der palästinensischen Mandatsfrage im vollstem Einklang mit den letzthin abgegebenen Erklärungen Briands* stehe. Diese Erklärungen bestätigen eben, daß die französische Republik den Gedanken der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Erez Isreal fördere und alle gegenteiligen Behauptungen falsch seien! Die Kommission für religiöse Fragen* Genf, 16. Jänner. (J. C. B.) Der Völkerbundrat wird dieser Tage den Präsidenten der im Palästina- Mandate vorgesehenen Kommission für religiöse Fragen i n P a l ä s t i n a ernennen. sind, daß sie fremd sind und störend-wirken und jagte sie zum Teufel. Man fordert noch Dank und Anerkennung, weil es keine Erschlagenen, sondern nur Verhungerte und an Seuchen Verendete gibt. Ganz wie' bei uns. Wir kennen aber diese christliche, französischpäpstliche Orientpolitik aus eigener Erfahrung, weil sie augenblicklich mit unseren Dingen, mit jüdischen Dingen, beschäftigt ist. Der Völkerrat hat Palästina den Juden zugesprochen. Frankreich und Rom protestieren im Namen des Allchristentums, weil -religiöse Interessen dadurch bedroht erscheinen. Alle Versicherungen der Unverletzlichkeit der heiligen Stätten und des Rechtes der christlichen Einwohner können das zarte Gewissen nicht beruhigen. Palästina darf nicht jüdisch werden, um Christi willen. Aber dje Christen einer ganzen Provinz mohammedanischen Fanatikern zum Opfer bringen, erbarmungslos dem schrecklichsten Verderben weihen, weil man dem protestantischen England damit ein Schnippchen schlägt, .das ist erlaubt, das gestattet das zarte Gewissen und ritterliche Gemüt Frankreichs, das ist christlich, da kann die Kirche ihren Segen soenden.