Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1067 (18.1.1922)
- Date
- 1922-01-18
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980147--09987-2996292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1ÖW Wien, Mittwoch WIENER MORGENZEITUNO 18. Jänner 192? Seite ^DGPfl) <H>< >GDQBBEEBBOD<5> « Sportblatt dar Wiener Norsenzeltung »<D< KB)( ►ca>< »«>< HSDi ><$>< KBN ><D 1 I J Das österreichische Team in Italien. Ein Interview mit Hugo Meisl, Gestern um 'halb 9 Uhr vormittags ist die ' 5$?errck:b:sche Auswahlmannschaft wieder eingcttnffän. Km Mitarbeiter v >n u.,r ttc.i;.* len W-r* bandskßpitä-n Kenn Hugo M e i? 1 in seiner Wohnung auf, der iu.*n seine Eindrücke über den betfoutungsvoMen Län-d erkämpf wie folgt wiedergab : Bei unserer A reise vcei Wien am vergangenen Donnerstag abends u ar ein Vertreter der italienischen Gesandtschaft anwesend, ' der uns durch herzliche Worte auszeichnete. Er gaib die Versicherung aib, daß wir in Italien die denkbar 'beste Aufnahme finden weiten. Wir t/na ton auch tatsächlich die Reise mit einem gewissen Sicher heit sgefühl an, um so mehr, da wir nicht wie santst nur die elf Spieler, die aimtrcten mußten, mitgeniommen hätten, sondern auch zwei Ersaitzkräfte, S o 1 i 1 und Swatosqh, an der Fahrt teilnahmen. An der Grenze wurden wir von den Behörden nur wenig belästigt, da letztere von unserem Kommen ben/actori-chtigt waren. Freitag nachts kamen wir in Mailand Wb SowchÜ die Spitzen der sportlichen Verbände als auch die einiger politischen Behörden waren zu unserer Begrüßung erschienen. Die ersten Worte richtete Herr Beretiä. der Präsident des lombardischen Komitees, an uns. Mehrere hundert Spcrtbeflissene gaben uns das Geleite in das unmittelbar naheliegende Hotel »Coacordia«. In der V-odhalle wurden wir vom Präsidenten des Schiedisd-chtorkoillcgiunLs Dr. C a v a z a gn a empfangen, und zu unserer Uche-raschung war auch der bekannte holländische Schiedsrichter Boas Unter den Gastgebern zu finden. Dr. Cava/zagina gab in seiner Rede der Freude Ausdruck, daß das Werk der Versöhnung, das die Italiener begonnen, JO günstig fortschreitet. Er hofft, daß das Beispiel der Italiener bei den anderen Emtemtestaaten Nachahmung findet, so daß der . sportliche Verkci. tr wieder unter allen Völkern ausgenommen wird. Wir wurden sofort bewirtet, doch konnten wir uns mit der Kost niejit befreunden. Wir begaben uns,- von . der Reise ermüdet, zur . Ruhe und .standen am^Sumstag ent sehr spät auf. Der Tag wurde dazu benützt, um uns auf kleinen Spaziergängen die Stadt an,zu sehen. Wir besichtigten unter anderem den Dom und den Coirso Vittorio Manuele. Großen Spaß bereiteten uns die Filrnctperateure, die uns mit ihren Apparaten förmlich verfolgten. Die ganze Stadt stand unter dem Einfluß 4es großen Länderkampfes. Bereits Samstag nittags waren sänihlti-che Sitzplätze vergriffen. Auch an diesem Tage sua rtem wir frühzeitig fttusree Betten auf. Am Sonntag vormittags kamen Extrazüge mit vielen hunderten Sportbegeisterten aus Padua, Bologna, Turin, Pa,via, Parma und manchen anderem Städten* Nun stellten sich bei uns die in Italien als Trainer tätigen Wiener Dr. F elsner (Bologna) und Lin tsebewsky (Forli), der alte Internationale von Viemtma, ein. Beide Herren versicherten ums, daß es ihnen in Italien glänzend gehe. Bei den auswärtigen Gästen herrschte große Aufregung, weil sie keine Sitzp'ätze mehr erlangen konnten. Vor unserem Hotel herrsohte ein lebhaftes Treiben, wobei man alle Sprachen zu hören bekam. Als wir die Fahirtauf den Sportplatz antraten, erfüllte uns die Nachricht, daß es in Mailand seit sieben Monaten nicht geregnet habe, mit großer Sorge, da wir befürchtetem*;daß das Spielfeld steinhart sein werde. Der Sportplatz. Vw den Toren des V elodromos herrschte ftln lebensgef y. <rl ich es Gedränge und wir mußten unsere Ellenbogen tüchtig gebrauchen, um auf den Sportplatz zu gelangen. Drinnen bot sich uns ein imposantes Bild dar. Der Velodrom o war ursprünglich für Radrennen bestimmt gewesen, die Zuschauenräume, dae* amphitheatralisch gebaut lind, beengten fast beängstigend das Spielfeld. Zwis-cibein dem Spielfeld und dem Züsch au erraium tst ein zwei Meter hohes Dnrfrtgitter errichtet, so daß sich die Spieler wie in einem Käfig vorkamen, V\ onn auch diese Vorsichtsmaßregel ein wenig als übertrieben bezeichnet werden kann, so hat sie doch das Gute, daß selbst die rcdianlustigste Menge auf das Spielfeld nacht gelangen kämm. Ueberall «andern heftig gestikulierende Italiener und wir mußten uns sehr energisch durch die Menge durchr.vängen, um in die Kabinen zu gelangen., Wir empfanden es ziemlich tnn-angein-ehm, daß wir so frühzeitig erschienen waren, denn in den kleinen Kabinen, die kaum fünf Personen faßten, war es bitter kalt. Hier wies die Organisation des italienischen Ftißhjll-Verbands einige Schwächen auf. Als usere Spieler d** Spielfeld betraten, spendete ihnen die 'ungefähr ^?o.oooköpfige Zuschauennenge Beifall. Das Spielfeld hat ungefähr die Ausbiße 100X60 1. Es war slsi für 'unsere Verhä'tisse klein. Unsere Befürchtung, daß der Bodpn xart sein werde, w unbegründet. Der Rasen war wohl trecken, aber doch elastisch. Wieder dauerte es einige Zeit, bis unsere Fußballer einen Ball bekamen. Da die Italiener sich nicht anschickten, auf dem Spielfeld zu erscheinen, untenbrachen die Wiener ihr Training, um sich nicht zu ermüden. Endlich kam die italienische Land er m rninschnft, und der frenetische Beifall, der jetzt anhuib, ließ uns ahnen, welchem Anteil die Zuschauer an dem Spiele nehmen werden- Beim'Training gelang es Hans 1, eine Fl«,mk-e vom Köck a-us der Luft zu übernehmen und aus 20 Meter Entfernung den Ball mit scharfem Schüsse ein-zusendem.. Vorerst ging ein Gemurmel durch die Zuschauer, dann überschütteten sie den Schützen mit Bei falb Auch Schiedsrichter F 0 rster wurde herzlich begrüßt. Vor Beginn des Spieles wechselten die beiden IJin-dcrman-nschaften Flaggen und Blumensträuße. Die Menge brüllte sich heiser und man vernahm aus dem allgemeinen Stimm enge wirr »Elviwa Italia!« (>Es lebe Italien!«) und »GrAzzuri« (»Die Blaue-n«). Blau ist nämlich die Farbe der italienischen NaitionalmainiiDsdhaft. Das Spiel. Die Italiener erschienen mit Blityesgeschwindigkeit sofort vor unserem Tore. Unter den anfeuernden Rufen der fanatischen Zu sc haue rtn enge waren sie in d-e-n ersten 15 Minuten glatt überlegen. Die nervös gewordenen Oester-reicher konnten -sich zu keiner einheitlichen Zusammenarbeit finden da sie überdies das hef-« Spiel der Gegner an-nehmen. In dieser Zeit spielten B l uni und .Geyer überragend. Immer wieder drang der gegnerische rechte Flügel Migliavacca- C e y e n i ti i III vor. Wir haben in Wien -bestimmt keinen ‘besserem rechten Flügel.' Langsam wurden nun auch die Oesterreicher o-ffensiv. In der fünfzehnten, Minute unternahmen die Italiener einen energischen Vorstoß, der mit Muhe abgewci.irt wurde. Ein Läufer gab aus gut 30 Metern Entfernung -einen Schuß ab, der bestimmt ins Out gegangen wäre, wenn nicht Östricek den Ball zu erhas-dbe-n gesucht hätte. Zu seinem Dnglück' lenkte der Tormann den Ball über den eigenen Kopf ins Goal. Das Publikum war vorerst frappiert, denn brach es aber in (einen wahren Beifallssturm auis. Die italienische Mannschaft schien ihres Treffers nicht recht froh geworden zu sein, denn sie erhielt durch diesen Erfolg keine neuen Impulse. Die Oesterreicfhe-r kämpften trotz ihres Mißgeschicks unentwegt weiter. Nun übernahm Fis che r a das ‘ Kommando. Obwci',4 dieser Spieler sicherlich äu-f verfehltem Posten stand» riß er den eigenen Angriff durch seine Ein-zelleisruingen immer wieder nach vorne. Er überspielte ständig vier bis fünf Gegner und lenkte die gesamte italienische/Hintermannschaft auf sich. Oft schickte er auch die linke .Angriffsseite ins Gefecht, die ebenfalls den- Gegnern viel zu schaffen gab. Fis-chera:spielte wie in seinen besten Tagen. E-s darf ihm woi' fl' nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß er keine rechte Fühlung mit den Innen Stürmern .gewann. Von sbm wurde hauptsächlich C u 11 i forciert, der aber körperlich nicht ganz den Anforderungen gewachsen war. Einmal gelang es ihm aber doch, am seinen Gegnern verbeizukommen. Er gab den B-atll gut zü Hans 1, der das Leder auf 20 Meter Entfernung einsandte., Der vorzügliche italienische Verteidiger De Vechi versuchte, wach im letzten Mompnt das Aergste zu verhindern, was ihm aber nicht gelang. Die fanatische italienische Zuschaiuermenge spendete keinen Beifall. Nur Lintschewsky, Dr. F elsner, B<-as und ein anwesendes Amateurmitglied wagten zu applaudieren, Dais Tempo wurde noch -schnelier.. Die Italiener, angefeuemt von ihren Anhängern, rasten förmlich da-s Spielfeld entlang. B I u m streift da-s -Leder mit dem ICopfe rund verschuldete eine E-cke. Tatenlos sah insbesondere Beer der Ausführung des Freistoßes zu. Rasch war Santamariä zur Stelle und lenkte den Ball mit dem Kopfe in-s Netz. Auch dieser Treffer wäre zu verhindern gewesen. Nun wurden die Oester-reicher zusehends - besser, sie kombinierten zeit'weise ausgezeichnet, ohne aber den' Ausgleich vor der Pause erringen zu können. Zu Halbzeit war unsere Stimmung die denkbar beste. Wir glaubten bestimmt den Sieg zu erringen, da die Mannschaft sich nun gefunden au haben schien. Ueberdies hatten wir sehr günstige Torchancen gehabt, die Italiener hingegen hatten weit weniger Sohn ßmögli-cihk eiten, die aber durch unsere Ungeschicklichkeit zu Treffern auisgeniit-zt wurden. Die zweite Spielzeit. Wieder waren die Italiener rardher auf den Beinen und Geyer und Blum hatten schwere Arbeit zu leisten. Ein weiter Ball wurde von Beer schlecht abgewchrt, rasch war Moscardini zur Steile und lenkt den Ball ins -Netz. Diesmal war der Jubel des Publikums u rb es ehre i-’di-ch, glaubte cs •doch, daß nun der Sieg gesichert sei. Es hatte aber die Rechnung ohne F i s c-h e r a gemacht. Er leistete! -schier Ueberme-n sch lieh e-s, er tauchte überall dort auf, wo es not tat un-d oft holte er -sich den Ball bei. der eigenen Verteidigung, um ihn bis zum gegnerisehen Tore zu tragen. Er 'hat dem italienischer« Publikum im wahrsten Sinne -des Wortes Bange ge-* macht. Sein Vorbild war für die Österreich!,s-chs Mannschaft von gewaltiger moralischer Bedeutung. Letztere kämpfte mit Löwenmut. Cutti fand freie! Bahn, gab den Ball zu H a n s 1, der wieder zu 'Fw, schera, letzterer zu I i z d a, der das Leder verfehlte. Mit ihm ließ der italienische Verteidigen D e Vecci den Ball passieren, wodurch K ö ck id -seinen Besitz gelangte. Auf 15 Meter Entfernung, pfefferte er. ihn in die unbewachte Ecke. Morande, konnte das Leder w ohl' Im Flu-ge streifen, aber nicht' mehr erhaschen. Wieder , herrschte Totenstille rmS Zuisdhauerraum. Im folgenden Wechsel vollen Kampfe führten die Oe ster-reicher -beste Wiener Fußbal-llkusns't. vor, wobei besonders Kurz in den Vordergrund tira/fe* Von ihm wunden alle Angriffe auf das raffinierte* ste eingeleitet. Geyer -und Blum war eh noch immer damit beschäftigt, den vorzüglichen! gegnerischen Flügel zu halten. Die Italiener wunden# jetzt überaus derb und alle Augenblicke lagj ein Spieler auf dem Boden. Der Schweizer Schiedst rich-ter Förster gestattete dieses körperliche! Spiel, dais in Holland, Spanien, Schweiz und Italien! zu Hause ist. Ueberraschender Weise befnielteri unsere Spieler in den mehr als derben Einzelkämpfeaf die Oberhand.; Als wahrer Prellbock erwies sich Re sch, von dem die Italiener wie Bälle absptraiw gen. Re sch spielte mit einer Verbitterung, wie’ man es bei ihm noch nie gesehen hat, Trotz dieser! derben Gangart kombinier ton die Oester-reicher votr* züglich uin-d drängten die Gegner heftig zu* rück. C u 11 i und F i <s c h e r a, letzterer war wie« der in die linke Verbindung gegangen, brachten der« Ball nach vorne; ein kurzer Paß zu Ha-nsl, dar in! der Mitte stürmte, und der Ball saß im Netz. Eint Raumem ging durch das Publiiku-m, es war sichtlich! erschüttert. Weiter ging der grimmige Kampf. D-iö Italiener entfalteten ihre letzte Kraft, doch diesmal gelang es Os-t-ri-cek hervorragend zu retten. Die; letzten zehn Minuten gehörten -den Oesterreicbemv Als einmal Cutti im raschen Lauf seine Gegner ab*, geschüttelt hatte und bis auf zehn Schritte vor darf gegnerische Tor gelangtet, glaubten alle, daß nun der. siegbringen-de Treffer falle. C-utti -hatte aber nichrtk mehr die Kraft, den Torschuß anzubringen, etS zögerte, und diese Zeit benützte D e V e c-c i, um in« letzten Momept rettend einzugreiifen. Kritik. Oesterreich hätte einen Sieg möt eitlem Tofi Differenz verdient. Die Mannschaft war technisch! -uin-d taktisch -dem Gegner überlegen und hat trotz des fanatischen Verhaltens des Publikums sich alz die bessere erwiesen. Vor allem waren die von uns' erzielten Tore reinlich ausgearbeitet, während ditz der Gegner Zufällen entsprangen. Dis Ossterrsicher. Östricek lieferte vielleicht sein schwächstes! Spiel während seiner ganzen Laufbahn. Alle dreü Tore wären zu verhindern gewesen. Als Entschuldigung kann man ihm ainrech-nen, daß er durch darf fort währ ende Getöse sichtlich nervös gemacht wurde. Von den Verteidigern war Blum der weit*, auis 'bessere: Seine Vorzüge kamen wieder voll-und ganz zur Geltung. Beer füllte seinen Posten im allgemeinen gut aus; seine Größe, «ein takti-sdherf" Verständnis, Kopfspiel und Mut kamen ihm sehij zustatten. In der. Läuferreihe zeichnete sddj^Klu r* besonders aus. In d^r entscheidenden PUHsSi des Kampfes lief er zu seiner Höchstform auf., Ay wart von allen Spielern am Schlüsse des Treffens deü Frischeste. Geyer war vor der Pause vorzüglich, nach Seitenwechsel kannte er aber dem Tempo.nicht! mehr g-an-z folgen* Re sc h bo*t eine Durchschnitts* 1-eistu.ng, doch kam seine Kör-perkr-af-t den Oester« re-ichei^i -sehr zunutze. Fi sch ..er a war nicht nutt! unser bester Stürmer, -sondern er überragte sämtliche Spieler um Klassen. Isz-da, war langsam, eri. vollikommen indisponiert. Hans 1 war langsam,, eil -spielte aber überlegt und war vorzüglich bei,,Schuß. Cutti war körperlich zu schwach, um voll zur, Geltung kommen zu können. Seine präzisen. Flanken! schufen _aber kritische Situationen vor dem gegnerischen Tore. Köck wurde wenig beschäftigt, -sein.« Läufe erweckten aber Sensation. Die Italiener. . Das Bemerkenswerteste an ihnen war fitrtT kol-össa-le Schnelligkeit. Dabei spielten sie mit wahrer Todesverachtung, da sie sich in unüberlegtester Weise mit Kopf und Fuß i-ns ärgste Getümmel stürzten. Geregeltes Zusammenspiel sab man selten* doch boten sie gute Ein-zelleisnungen. Hervorragend waren beide Verteidiger, die unsere Hin-terspielen ganz gewaltig überragten. Der Tormann entsprach! den Anforderungen, ohne sich aber sonderlich ausauw zeichnen. Der zvve'te Treffer, der von Köck erzielt wurde, wäre vielleicht zu verhindern gewesen. Dia beiden Flügellä-ufer befriedigten, -der Mittelläufer hingegen wa-r schwach. Eine ausgezeichnete Lei* stuntr bot die rechte Angrifisscite, während, die