Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1922-01-14 · Heft 1063 (14.1.1922) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1063 (14.1.1922)
Date
1922-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2980129-2980143--09941-2996242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kfns«TnnmvneriT4V Wien: Zum Abholen In der Expedition, lL*Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle (Trafik) monatlich K 1000. Mit Postversand fürWien und Oesterreich monatlich K1000. teuer Tschecho-SlowakeirMon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien: Monatl; Dinar 18. Polen: Monatl. Mark £00. Deutschland: Monatlich Mark 25. Fra n k r e i c h: Monatl. Frcs. 6. isch. K 1 Italien: Monatlich Lire, Rumänien: Monatl. Lei * Schweiz Und das übri^ Ausland monatlich Francs^ Redaktion ti,-AdnOMmtiH Wien IL, Taborsirassö 1—i 48^Mj Tclegrammadresse! „Moi-gens zeitungVWien. Oesterreichisches PostsparkassenkontolKX^j Telephone: 44-0-38, ab 6 Uhr abends M. 1063 Wien, Samstag, 14. Jänner 1922 4. Jahrgang Beschluß der Reparationskommission. Die Schlacht von Cannes. —y. Wien, 14. Jänner. Die’ Teiltirig Europas in zwei Gruppen, in Sieger, die diktieren,;und. in Besiegte, die sich widerspruchslos zu fügern haben, soll weiter das oberste Prinzip der Entente-Politik bleiben. So verkündet es der Beschluß der französischen Senatskommissioh für Aeußeres, so. lautet der Wille Raimund Poincarßs, der nun Briand zur Strecke gebracht hat und die neue Regierung Frankreichs bilden spll. Die nationalistische Opposition, die den Posten des Präsidenten mit . dem. ihr ergebenen Miilerand besetzt hat, kommt wieder, indem Besitz der Regierungsportefeuilles. Sie übernimmt die Macht und damit auch die Verantwortung. Das will bei PoincarS wenig besagen. ,Er ist einer - der Männer, die an der Wiege xles Weltkrieges, standen, er hat als Präsident ‘ der Republik während des Krieges alle Friedensschritte seiner Verbündeten . und auch die schön sehr, weit gediehene Konversation Kühlmanns mit Lloyd George gestört Nach dem Kriege ist er einer der schärfsten Befürworter der. Sanktionen gegen Deutschland gewesen und; hat sich deshalb eine Rüge .des englischen auswärtigen Amtes geholt Er ist der Führer der Revanchepolitik bis in ihre letzten Konsequenzen und wird .deshalb die Bürde der Verantwortung, die für Generäle wie für Diplomaten federleicht wiegt, , auch so tragen, wie er die Blutschuld am. Kriege auf , sich; ge-, aommen hat. " Es hat Briand nichts genützt, daß er in Washington die Faust aus dem Samthandschuh gezogen und die Abrüstung Frankreichs mit Berufung auf die deutschen Nationalisten kühl abgelehnt hat Er hat der Stimmung Englands sich gebeugt und die Ideen, die der weitschauende Lloyd George in seiner Staatsschrift zusämmenfaßte, akzeptiert Er hat dies tun müssen, 1 weil die Vereinsamung Frankreichs sonst schön unter ihm zur Tatsache geworden wäre- Die Sprache der englischen Politik wurde immer offener und die Schäden, die das Sanktionsprogramm Frankreichs der englischen Wirtschaftsentwicklung zufügte, wurden immer unzweideutiger klargelegt Briand konnte nur melfr eine militärpolitische Rückendeckung anstreben, die ihm von England zugebilligt wurde, ln dem Augenblick jedoch, wo er Englands europäisches. Programm des Friedens und der Aussöhnung annahm, stürzte ihn die Fronde der Nur-Franzosen, die sonst so gerne von ihrem Euröpäertum fabulieren. Das Ereignis dieser Demission wird dadurch zu einer europäischen Angelegenheit Die Konferenz von Cannes, die , erste hoffnungsreiche Tagung der Vernunft, ist resultatlos gemacht worden. Es ist ein schwerer Schlag gegen den Frieden g^lu gen und die Situation zeichnet am schärfsten der unversöhnliche Barthou, der das Ziel der französischen Politik in der finanziellen Wiederholung der Marne-Schlacht erblickt. Drei Fragenkomplexe wollte Briand lösen: Die Unterseebootrüstung Frankreichs, die Beteiligung an der Ordnung der europäischen Verwirrung und den Orientkonflikt; drei inhaltsschwere. Probleme, die das Verhältnis Frankreichs zu England belasteten und darum gütlich geklärt werden sollten. Dieser Erfolg schien bereits in greifbarer Nähe. Der Sieg der Chauvinisten ist deshalb nur ein .persönlicher. Briand ist gestürzt worden. Sollteil aber seine Feinde die Politik verfolgen, die ihr Ziel bildet, so müßten sie vor allem in einen abgrundtiefen Gegensatz zu England geraten, das in diesen drei Fragen empfindliche Nervenstränge seines Imperiums bloßgelegt fühlt Der Zustand, der nun .geschaffen wurde, kann unmöglich lange anhalten. Entweder wird Poiricarö Wasser in seinen Wein gießen oder seine Regierung wird nur kurze Zeit währen. Zunächst regiert freilich wieder das Chaos die Stunde. Es ist fraglich geworden, ob es zu dem nach Genua einberufenen europäischen Wirtschaftskongreß kommen wird. Aber es ist gut, daß in der französischen Politik die volle Klarheit eingetreten ist, die man zur Zeit Briands oft vermissen* mußte. Die neuen Männer werden ihr Land durch die harte, aber notwendig gewordene Schule der Tatsachen führen müssen. Sie werden der Auseinan erselzung mit 'England und der heute hinter . England stehenden öffentlichen Meinung Europas sich nicht.entziehen können und sie werden erfahren, daß kein Staat die Verpflichtungen seiner Lage übersehen darf. Nach, der Episode PoincarSs wird sich Frankreich wieder an Europa anschließen. Poincarö übernimmt die Bildung des Kabinetts. Paris, 13. Jänner. (Havas.) Po ist* earß hat die Kabinettsbildung übernommen«» Cannes, 13l Jänner. (Reuter.) Die Reparationskommission h a t b es chloss e n, Deutschland einen vorläufigen Zahlungsaufschub zu gewähren. Cannes, 13. Jänner. (Wolff.) In der um 12 . Uhr mittags beg rinenen Sitzung des Obersten Rates und der Reparationskommission, zu der die. deutsche Delegation geladen war, führte Lloyd George aus: Mit Befriedigung habe er den gestrigen Ausführungen Dr. Rathenaus entnommen, daß die deutsche Regierung am Wiederaufbau MittelundO s t e u r o p as te i lz u nehmen g e w i 111 s e i. Er bedaure, daß der deutschen Delegation Ungelegenheiten aus den Verhandlungen erwachsen seien, die infolge, des Abbruches der K o n ferenz unterbrochen werden müßten.' Die übrigen Delegierten befänden Zieh in derselben Lage. Die Reparationsfrage habe vertagt werden müssen. Hierauf verlas der Vorsitzende; der Reparationsfcommission D u b o i s die nachstehende Entscheidung: Die Reparationskommission beschließt,, der deutschen Regierung eine vorläufige Verzugsfrist; für die am 15. Jänner und 15. Februar 1922 fälligen Raten zu gewähren, und zwar unter dem V o r b e h a 11 der nachstehenden. Bedingungen: 1, Während der vorläufigen Verzugsfrist zahlt die deutsche Regierung alle zehn Tage Hl Millionen Goldmark in zugeiassenen Devisen. Die erste' Zahlung^ erfolgt am 18. Jänner 1922. . . 2. Die deutsche Regierung unterbreitet binnen 14 Tagen -der Reparationskommission einen angemessenen Reform- und Garantieplan, betreffend das deutsche Budget und den deutschen Papiergeldumlauf, sowie ein vollständiges Programm für die Barzahlungen und Lachlieferungen für . das Jahr 1922. 3. Die vorläufige Verzugsfrist geht zu Ende, sobald die Reparationskommission oder die alliierten Regierungen eine Entscheidung über den oben unter Punkt 2 erwähnten Entwurf und das Programm getroffen haben. Reichsminister a. D. Dr. Rathenau erklärte, daß er namens der deutschen R egierung von der Einladung zur Konferenz in Genua Kenntnis nehme. Die deutsche Regierung sehe der Uebermittlung des Einladungsschreibens entgegen. Er betonte ferner, daß aus den gegebenen Erklärungen Hervorgehe, daß aus der Nichtzahlung der zum 15. Jänner fälligen Summe für Deutschland keine unmittelbaren Folgen erwachsen. Hierauf wurde die Sitzung geschlossen. Der Wortlaut des englischen Vertragsentwurfes. Paris, 13. Jänner. (Havas.) Der vom Premierminister Lloyd George dem Ministerpräsidenten Briand überreichte Vertragsentwurf lautet wie folgt : ln Erwägung/daß der Boden Frankreichs, soweit das GeJächtnis der lebenden Menschen reicht, von Deutschland zweimal überfallen worden ist und hoch schwer an der Verwüstung leidet; fn Erwägung, daß die Bevölkerung von Frankreich und von England schweren Tribut an Menschenleben und Vermögen bei der Zurückweisung des deutschen Einbruches entrichtet hat; in Erwägung, daß das Gedeihen der europäischen Völker und die wirtschaftliche Organisation der Welt durch die Prüfung des langen Krieges, die sie durchgemacht haben, schwer gestört wurden; in Erwägung, daß Bürgschaften für die Sicherung Frankreichs. gegen einen künftigen deutschen Einfall, für die Wiederherstellung der Stabilität Europas, die Sicherung Großbritanniens und des Weltfriedens unerläßlich sind; in Erwägung, daß die im Versailler Vertrag enthaltenen Sicherheitsmaßnahmen (hier werden die Bestimmungen der Artikel 42, 43 und 44 des Vertrages .angeführt) nicht genügend für den Schutz der wesentlichen gemeinsamen Interessen, der hohen vertragschließenden Teile. sowie für die Aufrechterhaltung des Friedens Westeuropas Vorsorgen können, sind Ihre britische. 'Majestät und der Präsident der französischen Republik über folgende Bestimmungen übereingekommen: i Artikel I. Für den Fall eines direkten, nicht j provozierten Angriffes gegen das Gebiet Frankreichs « seitens Deutschlands wird sich Großbritannien sofort mit seinen ( See-, Heeres und Luftstreitkräften an die Seite Frankreichs stellen.; Artikel IL D,ie hohen vertragschließenden. Teile bekräftigen neuerlich das gemeinsame Interesse, das für sie die Artikel 42, 43 und 44 des Versailler Vertrages darsteilen und werden sich, wenn irgend eine Verletzung der genannten Artikel drohen sollte oder wenn ein Zweifel über deren Auslegung , entstehen sollte; miteinander ins Einvernehmen setzen. Artikel III. Die hohen vertragschließenden Teile verpflichten sich im. übrigen, sich für den Fall, daß irgt '.welche mit dem Versailler Vertrag unvereinbare militärische, Flotten- oder Luftmaßnahmen von seiten Deutschla ds ergriffen werden sollten, miteinander ins Einvernehmen zu setzen. . . Artikel IV. v Der vorliegende. Vertrag wird keinen der Dominions des britischen Reiches irgend . eine Verpflichtung auf erlegen, außer wenn und- bis er von der. betreffenden Dominion genehmigt ist. ' Artikel V. Der vorliegende Vertrag wird während der Dauer von 10 Jahren in Kraft bleiben und am Ende dieses Zeitraumes im gemeinsamen Einvernehmen erneuerurigsfähig sein. Englische Blätterstimmen über den Rücktritt Briands, London, 13. Jänner. (Wolff.) »Daily News“ bedauern, daß Briands Rücktritt yor allem die Konferenz in Genua bedrohe. Wenn Frankreichsich abseits halte, müßten die anderen Nationen, einschließlich MßlayH und Deutschland, ohne-Frankreich ^zusMMeWprufWwerden. „Daily Chronicle* sagt, der Plan der Konferenz; von Genua werde nicht mehr umgestoßen werden. Wenn Poincarö oder seine Freunde ans Ruder kämen, so würden sie in den internationalen Angelegenheiten bald vor der Alternative stehen:. Rückkehr zur Politik Briands oder vollständige Isolierung Frankreichs. „Daily Expreß“ erklärt, keine Nation verliere durch1 ein Fiasko mehr als die französische. Frankreich stehe der Möglichkeit, ja sogar der Sicherheit vollständiger Isolierung gegenüber. „Westminster Gazette“ führt aus, man könne eine Ermutigung daraus schöpfen, daß ein mächtiger* Name in Frankreich die Gruppen von früheren Minister.!, deren dauernde Forderungen Frankreich friedliche Beziehungen zu seinen Nachbarn unmöglich machen, entschieden herausgefordert habe.;, Wenn Poincarö Premierminister. werden sollte, werde sich bald Gelegenheit bieten, offen zu erklären, daß England an keiner Politik teilnehmen könne, welche die deutschfranzösische Fehde auf unbeschränkte Zeit verlängere.- „Daily Mail“ schreibt, der Pakt zwischen Großbritannien und Frankreich sei für England und fut Frankreich notwendig. Die augenblicklichen Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Ländern könnten nur die deutschen Militaristen befriedigen. „Morning Post“ sagt, der Sturz Briands ' könne zu einer Isolierung Frankreichs führen, durch die die Ratifizierung des Vier-Mächte-Abkorrimens von Washington gefährdet werden könnte. „Daily Telegraph“ erklärt, Briands Rücktritt werde in England lebhaft bedauert werden. Briand habe den englischen Sta dpunkt gründlich verstanden. „Daily Herald“ meint, Briand sei für die französischen Reaktionäre nicht wahnsinnig genug gewesen. Es werde angenommen, das neue französische Kabinett werde die Verhandlungen da wieder aufnehmen, wo sie abgebrochen wurden. Ein Artikel Poincares. Paris, 13. Jänner. (Tel.-Komp.) In der letzten Nummer der „Revue des deux mondes“ bespricht PoincarS die-politische Lage. Der Artikel, der durch die jüngste Wendung der Dinge noch an Bedeutung gewinnt, bezeichnet eine positive Allianz mit England für : sehr wertvoll, Allerdings wäre es notwendig, Belgien in diese Allianz aufzunehmen, uni auf diese Weise eine englische Garantie für den Fall eines deutschen Angriffes auf Belgien zu schaffen. Poincare kritisiert sodann die Bestimmung der englisch-französischen Vereinbarung, die eine Herabminderung der rheinländischen Besatzungstruppen vorsieht und hält es für notwendig, dem Friedensvertrag von Versailles» wenn nötig, auch durch neue Sanktionen Geltung za verschaffen*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.