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Wiener Morgenzeitung · 1922-01-10 · Heft 1059 (10.1.1922) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
4 (1922)
Issue
Heft 1059 (10.1.1922)
Date
1922-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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llMLEMLSMMGS' K 49 Wien: Zum Abhoien in der Expedition, IL.Taborstr. 1—3, »der >n einer VerZchlsißstellü (Trs*fik> monatlich K 1000. MitPostversand fürWien und Oesterreich monatlich IC 1000. Tschecho-Slowakei: Mon. Kronen 20. Ungarn: Monatl. Kronen 120. Jugoslawien:. Monatl. Dinar 18. Polen: Monatl. Mark 600. Deutschland: Monatlich Mark 25. Frankreich: Monatl. Frcs. 6. M.lass rrner Wien, Dienstag, 10. Jänner 1922 TnMnaStenANf bch. K H Italien: Monatlich UTe & Rumänien: Mona«. Lei Schweiz und das übrig« Aaslaad monatlich Francs H Redalrtton u. AdßtinisfcarifoJ Wien EL, Taborstrasse 1—3| Telephone: 44-0-38, 49-2-1A ab 6 Uhr abends IT^-9-3^ Tetegraramadresee: „Morgen* zeitong“, Wien. Oesterreichtecb^. Po^t<s->irkn3senkonto l50.^>3f 4. lahrpng Vor einer Einigung in Cannes. Die Revision. —y. W i e n, 10. Jänner. | Deutschland und Rußland werden zu internationalen Besprechungen zugezogen. Die Einladung an Deutschland, seine Delegierten zu senden* ist von Briand gezeichnet, während Lenin vom- Marquis Torretta; dem langjährigen italienischen Gesandten bei der Sowjetregierung, nach Qenua gerufen-wird. Diese beiden Akte entspringen der Ueberzeug'iing, daß das Diktieren iin Verkehr der Völker nicht angängig ist und daß verhandelt werden müsse. Zwar ist > die Einladung Rußlands an die Erfüllung ausreichender Garantien gebunden, die der Bolschewismus für. die Erfüllung der Leitsätze der großen Auseinderselzung stellen muß. Diese . Vorsicht ist nach den . Erfahrungen, die; mit der russischen Diplomatie tnicht erst der Sowjets — seit jeher gemacht wurden, sehr am Plätze, Die Situation, in der sich der Bolschewismus heute befindet, ist zwar ernst genug,, aber eine Versicherung gegen die. Zweideutigkeiten dieses Systems ist sehr notwendig, weil vor allem die . prinzipielle Frage gelöst werden muß, die die Enteignungen des privaten Besitzes betrifft. Es ist nicht anzünehmen, daß sich, die amerikanische Politik, die bisher gerade in dieser Frage die schärfste Haltung bekundethat, dazu .bereit finden wird, die Expropriationen in Bausch und Bogen, so wie sie seit dem Sturze Kerenskis vorgenornmen wurden, als unantastbare Regieruhgs.akte anzuerkennen. In der Stellung zu Deutschland istder Sieg der englischen Richtung fast' vollständig.. Der von-, Lloyd George und Briand aufgesteU'e Plan läßt die 8achüefefungen Deutschlands für dieses, Jahr' nur bezüglich Frankreichs unbeschränkt, setzt si.e.‘ aber bezüglich der änderen Gläubigen herunter. Die, Ausgaben Deutschlands zur Unterhaltung! der Okkupationstruppen werden. ’fixiert lind der Beginn des Zahlungsjahres fiir Deutschland auf den 1. Mai festgesetzt, was eine^FristCrstreckung von einem Vierteljahr bedeutet,' die bei, d£n^K^tjgeh^Verhältnissen' . - sMW.^MJn^,.Gewlcht die Rücksicht \auf Frankreich,) sondern nur eine persönliche;; äukIiO^Ain^ Mahcls, sein kann, wie denn überhaupt in i je'. gesamte'Entwicklung der Reparationsfrage die' Antipathientind Sympathien, der französischen Politiker allzustark hilieinspielen.. Es ist aiich jetzt bereits der Widerstand: der Gegner Briands sehr’ empfindlich^ii verspüren und^ in den Couloirs der Pariser. :Käfnttt^^spricht man; bereits von dem Sturz der Regierung. ‘ Außer Deutschland werden Jpeh noch Oesterreich, Bulgarien vnd Ungarn in den Kreis der 'wirtschaftlichen Aussprache einbezogen werden, ln diesen drei Staaten geigt sich die Wirkung der Friedensverträge, in verschiedener Weise. Oesterreich steht wirtschaftlich fast vor dem Ruin, politisch dagegen hat sich' seine Stellung gebessert, Es macht . gegenwärtig -eine Regierungskrise durch, die ihre Wurzeln im Ausland hat und wohL bald; zu einer Intervention jder Entente, führen' wird. Ungarn bat sein politisches Prestige yöllkommen einbebüßl, Während Bulgarien,' dessen Regierungeigentlich nur «ne Bauerndiktatur ist, sich politisch vollkommen abschließt und nur' sporadisch Interesse für eine'Fortführung seiner deutschen Handelsbeziehungen .an den Tag legt Die Bevölkerung dieser Staaten lebt politisch an ihren Regierungen vorbei und die Parteienkämpfö, die in Wien, in Budapest und in Sofia im Gange sind, lassendie breiten Massen .. .vollkommen kalt Die Einbeziehung dieser Länder in die. große politische Klärung, die in Genua beginnen soll, würde dieses Bild sofort ändern und eine außenpolitische Stellungnahme der Völker hervorrufen, an der es bisher stets gefehlt hat .In Oesterreich lenkte die allgemeine. Not die Aufmerksamkeit ab, in Ungarn sorgen die Schergen des Horthy dafür, daß man nicht allzusehr die Verhältnisse anderer Länder mit. ... den eigenen vergleicht Die Wandlung , der ..Denkungsart der Entente, die sich in Cannes zeigt, wird auch hierin Wandel schaffen. Bildung einer neuen irische^ Regierung. London, 9. Jänner. (Reuter.) De V a 1 e rä hat dem Dayl Eireann seinen und seines Kabinetts Rücktritt mitgeteilt . London, 9. jänner. (Wolff.) Die Abstimmung des Sinnfeiner Parlaments in Dublin über den englischirischen' Vertrag fand unter großer Erregung statt Auf die Nachricht von der Annahme des Vertrages brach die vor . dem Gebäude wartende Menge in große Beifallskundgebungen aus. Laut „Weekly Hispatch“ würde de Valeras natürlicher Nachfolger. G r i f f i t h, der Führer der Ratifikationspartei, werden.' Man erwarte, daß die Bildung ulner neuen irischen Regierung in einigen. Tagen erfolgen werdft* Cannes, 8. Jänner. Lloyd George teilte dem Vertreter des Reuterschen Bureaus mit, die Verhandlungen nehmen einen so guten Verlauf, wie man es erwarten konnte. Seiner Ansicht nach werde die Konferenz etwa noch eine Woche dauern. Von zuverlässiger britischer Stelle kann mitgeteilt werden, daß vom britischen Standpunkt1 aus ein ausgezeichneter Fortschritt gemacht worden ist ln den Kreisen der britischen Delegation wirdder Ueberzeugung Ausdruck gegeben, < aß in allen Punkten ein Uebereinkomnien erzielt werden würde.T -; Cannes, 8. Jänner. (Reuter.) Ursprünglich war vorgesehen, daß Deutschland im Jahre 1922 in barem 25 Millionen Pfund Sterling bezahlen solle. Belgien bestand jedoch auf Zahlung yon weiteren* 10 Millionen Pfund Sterling. Jetzt wird geplant, Deutschland 35 M i 1lionen Pfund in barem zahlen zu lassen und 87 Millionen in Waren, demnach zusammen 122 Millionen Pfu d Sterling, das heißt also 28 Millionen Pfun-d'w je niger als ursprünglich vorgesehen war. Deutschland soll auch weitere 12 Millionen* Pfund für die Kosten der Besatzungsheere zahlen. Die Frage der Garantien. Vorbereitungen für die Konferenz von Genua. Cannes, 9. jännef. (Havas.) Heute :i um 10 Uhr 30 Minuten vormittags haben, die mit der Reparationsfrage betraut2ri Minister die Garantien besprochen, die von Deutschland , zur Gesundung. seiner Finanzen verlangt werden sollen. Sie sind in den meisten Punkten zu einer Verständigung gekommen und haben einige andere, bezüglich/deren es angebracht . erschien, die deutsche Abordnung abzuwarten,, zurückgegtellti Die Aussprache bezog sich in der Hauptsache . auf die ' Verlegung des Gärantiehiisscliusses nach. Berlin, was von; Frankreich gefordert: wurde. Die britische Ab- - Ordnung war der Ansicht, daß die R e p a r ä t i p n sk o m m i s s i o n* selbst, in Berlin tagen sollte, um den Dualismus der beiden Organisationen sowie die beträchtlichen Kosten, sdie aus ihm entstehen, zu vermeiden. Eine. Entscheidung wurde in dieser Abgelegenheit "noch nicht getroffen. , - Um 3 Uhr nachmittags-fand unter dem Vorsitz des Ministers Loucheur eine Zusammenkunft der Minister statt, die in Paris das europäische W i r t s c h af tskons o r t i u m vorbereitet haben und beauftragt sind, das Programm für die Konfere z von Genua vorzubereiten. Um 4. Uhr nachmittags wird eine weitere Zusammenkunft der Minister' stattfinden, die an den deutschen Barzahlungen im Jahre 1922 . besonders interessiert sind. Um 5 Uhr wird der-Oberste Rat eine Sitzung abhalten. Aus Paris wird gemeldet: „Petit Journal“ berichtet über die Verhandlungen zwischen Briand und Lloyd George, betreffend einen englisch-französischen Garantie vertrag. Lloyd George habe in London' Verhandlungen über diese wichtige Frage prinzipiell zugestimmt, urrier der Bedingung, daß Frankreich die Tagesordnung für Cannes akzeptiere. Die Besprechungen hätten sofort durch Vermittlung der Botschafter begönnen, Der erste französische Vorschlag sei ein Offensiv- und Defensivbündnis mit einem Militär- und Marineabkommen gewesen, das neben ' Großbritannien auch die Dominions einschließen sollte. Das Bündnis sollte die beiden vertragschließenden Staaten zur gegenseitigen Unterstützung, nicht. nur im Falle eines deutschen, Angriffs, sondern in jedem Falle verpflichten, wenn irgendeine territoriale Bestimmung der Friedensverträge eine Bedrohung erfahre. Die englische Regierung habe mit einem weit begrenzt-eren Gegenvorschlag geantwortet, der ungefähr dem Garantieabkommen von 1919 entsprach undüberdies von einer Reihe von Bedingungen abhängig gemacht wurde. England verpflichtete sich, Fratkrpich im Falle eines nicht provozierten deutschen Angriffe mit' allen Land- und Seestreit räften des. Vereinigten Königreiches und der Dominions beizustehen. Hierauf folgte ein neuer französischer Vorschlag, die Staaten Zentral- und Osteuropasnach dem Muster des Vierervertrages zur Aufrechterhaltung des Frieden* im Pazifischen'Ozeaa m binden. Dias« Cannes, 9. Jänner. (Havas.) Briand beriet heute vormittags eine ganze Stunde mit Lord Curzon. Ei nahm gemeinsam mit dem britischen Außenminister eine; allgemeine Prüfung der Probleme vor, die - beide Länder angehen,. um sie in möglichst kurzer Zeit zu regeln. Diese Besprechung, auf welche weitere Be-, ratungen folgen werden, hat den Zweck, den Abschluß des gegenwärtig besprochenen französisch** englischen Abkommens zu erleichtern. Sie zeigt de« gemeinsamen Wunsch der beiden Regierungen, i« ihren gegenseitigen Beziehungen keine Opposition aufkommen zu lassen, weder in der Politik, die in* Europa zu befolgen ist, noch in der Wahrung der Rechte und Interessen Frankreichs in dessen Kolonien oder in den Ländern unter seiner Herrschaft. Die Orientfrage 'wurde heute vormittags, nicht berührt,' da sie von dem französischen, dem britischen und dem italienischen Minister des Aeußern;in Paris nach Beendigung der Konferenz von Cannes besprochen, werden soll. Abreise der deutschen Delegation. * Berlin, 9.‘Jänner. (Tel.-Komp.) In einer heute , ' mittags stattgefundenen Kabinettsitzung, an der auch der Führer der deutschen Delegation Dr. Rathenau teilnahm, wurden die Vollmachten der Delegierten nochmals durchgesprochen. Die Delegation ist mit allen erforderlichen Vollmachten ausgerüstet und hat auch alles notwendige Material zwecks Auskunftserteilung zur Verfügung. Sie ist um 2 Uhr nachmittags nach Paris abgereist, von wo sie Dienstag nachts nach Cannes weiterfährt, um dortselbst am Mittwoch eventuell Donnerstag einzutreffen. Amerikas Teilnahme. ' Paris, 9. jänner. „New York Herald“: meldet aus Was h i n g tön, die Regierungssachverständigen seieh zu der Meinung gelangt, daß die Teilnahme Amerikas an der Konfere z von Genua möglich sei, ohne daß , das Ergebnis der letzten Verhandlungen, betreffend die Bezahlung der europäischen Kriegsschulden an Amerika, eine Einschränkung erfahre und ohne daß die Anteilnahme Amerikas an den internationalen Bemühungen zur Wiederaufrichtung der Welt auf andere Weise erschwert werde. Lenin kommt nach Genua. Cannes, 9. Jänner. Amtlich wird bestätigt, daß Lenin die AuSlorderung zur Teilnahme an der Konferenz in Genua angenommen hat, doch unter dem Vorbehalte, daß die in Rußland herrschende Hungersnot die Sowjet- Vertreter nicht abhalte, ihr Land zu verlassen. kontinentale Verband sollte alle Staaten, die durch dis Friedensverträge entstanden sind oder deren Territorium durch die Verträge Abänderungen erfahren haben, einschließlich Deutschland, umfassen. Die Staaten sollte i einander gegenseitig Ihren Besitzstand garantieren und sich verpflichten, sich gegenseitig nicht anzugrejfen, sondern im Falle eines Konflikts ein Schiedsgericht anzurufen. Wenn einer der vertragschließenden Staaten Gewalt anzuwenden versuchte, sollte nach dem französischen Vorschlag die Ordnung durch eine gemeinsame Aktion Frankreichs und Großbritanniens wieder hergestellt werden. Dies hätte auf einem Umweg doch wieder ein französisch-englisches Bündnis bedeutet Die Londoner Regierung welle aber, wenigstens für den Augenblick, nur beschränkte Gar a n t i e n für den Fall eines deutschen Angrihes übernehmen. England billige den Plan der Vereinigung der Staaten Zentral- und Osteuropas, wolle aber nur m o r a 1 i s c h e Sanktion,:.;, etwa durch" einen Schiedsspruch Frankreichs und Englands, zulässen. Die moralischen Sanktionen könnten noch durch yirts^Fäftliche Sanktionen eine Erweiterung erfahren, Di’gs sei ungefähr die Grundlage der SonderbMrechungen zwischen Briand und Lloyd George in (S&nes..; Auch Italien schließt sich an. "VJ Cannes, 9. Jänner. (Havas.) Hier wird auch def Anschluß Italiens an das englisch-französische Bündnis in» Aua* gefaßt. Dadurch würde eine breite Grundlaa» .. I WM»," ' Die französisch-englischen Bündnisverhandlungen.

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