Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1056 (7.1.1922)
- Date
- 1922-01-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2980129-2980136--09879-2996173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
VTrSTTT!? T.7 0 7 G TI 7T7TTUTTG 7. Jänner 102? ffr. Die Ifsraclfflcche Kultusgemeinde Wien steht vor einer Katastr^pfefei die ihren Bestand gefährdet. Die Teuerungswelle^ der letzten Wochen macht eine, der-' ar ige Steigerung ’ des Ausgabenbudgets der Gemeinde unvermeidlich, daß die Einnahmen an Kultussteuer, Taxen und Gebühren derzeit nicht mehr ausreichen, tim angesichts Mr katastrophalen Wendung der Verhältnisse auch hur die lediglich dem Kultus dienenden Institutionen aufrechtzuefhaien, so daß zunächst die Schließung der wichtigsten Humanitätsanstalten: Spital, Versorgungs* v,und Stecheehaus. unausbleiblich wäre, wehrt nicht Y$tie ausgiebige Hilfeleistung erfolgt, Von K 13,000.000 im. Jahre 1920 haben sich die Ausgaben der Gemeinde. auf K 120,000.000 im Jahre 1921 erhöht und es wird im Jahre 1922 ein Vielfaches dieser jpmme erforderlich sein. Ausgiebiger momentaner Hilfsmittel # und geraumer Zeit wird es bedürfen, um die regulären Einnahmen mit den Ausgaben in Einklang bringen zu können. Wenn in irgendeinem Orte, wo immer Juden wohnten, durch irgendein katastrophales Ereignis Schaden an Gut oder Leben entstand, war die Wiener Israeli ische Kultusgemeinde die erste Stelle am Kontinent, zu welcher der -Hilferuf drang. Außerordentlich groß ist die Zahl derjenigen, welchen < ie Anstalten der Gemeinde seit ihrem Bestände teils' die Gesundheit wiedergegeben, teils den Lebensabend verschönert haben, Hunderttausenden ist die Wiener Israelitische Kultusgemeinde, getreu den jüdischen Geboten, als Helferin und Retterin in der Not beigestariden: den Witwen und Waisen, dem hungernden Schulkinde, dem verarmten Gewerbsmanr.e, der armen Wöchnerin, dem verlassenen Kinde wie dem obdachlosen Greise. Heute ist diese Kultusgemeinde in die Notwendigkeit versetz^ ihren Hilferuf hinäuszusenden an die Juden Wiens, aber auch hinaus in die Welt, wo immer Juden wohnen, damit sie und mit ihr die Wiener Judenschaft vor einer beschämenden. Katastrophe bewahrt bleibe. So ernst ist die tage, daß jeder Parteihader verstummen, alles Trennende; vergessen und' beseitigt sein muß, weil es um die Wahrung des wichtigsten gemeinsamen Gutes geht. Zuwendungen für den „Notstandsfonds der israelitischen Kultus^emeinde, Wien“ nimmt die. Hauptkasse der Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, die Kasse des Bankhauses & M. von Rothschild, I., Renngasse 3, und die Redaktion unseres Blattes entgegen. Für das Präsidium: Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Alois Pick, Präsiden^ Börserat Ignaz Glück, Vizepräsident Für die Parteiklubs im Kiiltusvorstand: Die - Klubobmänner Dr. Josef T i c h o, Gemeinderat Dr. Jakob Ehrlich* Seite 2 Wien, Samstag Oesterreich. ple tcchecho-slowakische Anleihe für Oesterreich. Der Vertrag von Prag erfordert, soweit er die Bewilligung einer tschechischen Anleihe an Oesterreich vorsieht eine Reihe von Detailverhandlungen, die in den nächsten Tagen in. Prag beginnen sollen. Ob. Finanzminister Dr. Gürtler persönlich diese Verhandlungen eröffnen wird, steht noch nicht fest. * Die ihm zugeteilten'Fachreferenten begeben sich schon?..in der nächsten Woche nach Prag. Das Arbeitsprogramm des Nationalrates. . Die Korrespondenz Herzog meldet: Der Nationnlrat dürfte am 12. d. M. seine Beratungen wieder aufnehmen. Präsident Dr. W e i s k i r c h n e f dürfte mit Zustimmung aller Parteien das Prager Abkommen dem Ausschuß für Aeußeres zuweisen. Gleichzeitig werden dem Nationalst Mitte dieses Monats die wirtschaftlichen Verträge vorgelegt werden und es ist möglich, daß der ganze Komplex von Vertragsentwürfen als ein Ganzes parlamentarisch behandelt und erledigt wird», Der“ wirtschaftliche Teil des Prager Abkommens wird den entsprechenden Ausschüssen zur Beratung und Bericht-' erstatlung für .das Plenum zugewiesen werden. Der Widerstand, der sich gegen den politischen Teil des Prager Abkommens in einem Teile des großdeutschen Lagers erhoben hat, Ist nach den letzten Mitteilungen des Bundeskanzlers Schober erheblich schwächer geworden, so daß es den Anschein hat, daß das Prager Abkommen unverändert vom Nationalrat erledigt werden wird, ohne daß es zu einer Umbildung des Kabinetts käme. Der Nationalrat wird bei seinem Wiederzusammentritt auch noch eine Reihe von v e rfassungsrechtlichen Vor! a g e nl darunter solche, die das Burgenland betreffdn, sowie einige finanzielle Vorlagen, darunter die 'Börsengewihnsteuer, zu erledigen haben. . i - Eine Rede Dr. Seipels. fn einer christlichsozialen Wählerversammlung des ersten Bezirks besprach der Obmann der Pr i, Abgeordneter Dr. Ignaz Seipel, die aktuellen politischen Fragen. Zunächst suchte er die Zuhörer über das unheimlich rasche Tempo der Gese.zgebungsmaschine zu beruhigen und leistete sich dabei den Ausspruch, daß, obwohl „äußerlich“, keine tagelangen Beratungen gepflogen wurden, dafür „intern“ umso gründlicher alles Für und Wider erwogen worden ist. Also ein offenes Bekenntnis zur Gehet.mdiplomatrie) Dann polemisierte Dr. Seipel gegen Dr. W a n e c k, dessen journalistischer Angriff auf den Finanzminister zu Auseinandersetzungen mit der Großdeutschen Partei und zur Klärung der künftigen Parteienkonstellation führen müsse. Sodann wandte sich der Redner den Wirkungen des Vafutenanmeldungsgesetzes zu und bedauerte die kleinen Leute, die — Unbeabsichtigterweisel — zuerst durch das Gesetz geschädigt würden, wenn sie Äaus irgendeinem Grunde“ .Valuten besäßen» meinte aber schließlich, es sei ihnen recht geschehen, weil sie seine Warnungen mißachtet hätten. Dann sprach er von dän Schätzen, die aus alten Zeiten in Wien vorhanden sind und von denen, die Anregung brauchen, studiert werden, meinte aber damit nicht die Valuten- und Devisenkurse, 'sondern die —- Gobelins, über deren Verpfändungsnetwendigkeit er sich ausbreitete. Dabei machte er den Dr. Renner für die Schaffung des Gesetzes verantwortlich, des 'diese Verpfändung ■ ermögliche, und nahm für ie* Christlichsozirien das Verdienst in Anspruch, daß cietcs Gesetz r.cCh inintcr nicht (wie lange noch?) ausgenützt worden sei. Dem Dr. Renner gab der Redner schließlich auch.noch die Schuld an dem „Uebel“, “daß man bei der Anbahnung freundlicher Verhältnisse zu den Nachbarstaaten mit der Tschecho-SIowakei statt mit Deutschland und Ungarn den Anfang gemacht habe, und fand den Text des' Vertrags von Lana „nichts weniger als schön“, aber immer noch besser als den Rennerschen Geheimvertrag. Die österreichisch-tschecho-slowakischen Beziehungen. Prag, 6. Jänner. Der Präsident der Republik Oesterreich Dr. H a i n i s c h hat an den Präsidenten Masaryk ein Telegramm gerichtet, in dem unter anderem gesagt wird: Die freundschaftliche Aufnahme, die mir und meinen Mitarbeitern in Ihrem schönen Lande zuteil wurde, Dleibt uns unvergeßlich, und ich hoffe, daß die Bande der guten Nachbarschaft, welche beide Republiken verknüpfen, sich auch in der Zukunft fest’gen werden. Präsident Masaryk antwortete: Ihr Besuch, der gleichzeitig eine neue Periode in den Beziehungen unserer beiden Republiken bezeichnet, steht mir in ange-* nehmer Erinnerung. Ich wünsche, daß sich die guten Be- , Ziehungen unter so glücklicher Leitung zum Wohle unserer beiden Nationen weiter vertiefen mögen. Die Hetze gegen die österreichischtschechische Verständigung. Der Hilfsverein für Deutschböhmen u:d die Sudetenländer hielt .am 5. d, J. unter dem Vorsitz seines Präsidenten Dr, Langenhan eine Hauptleitungssitzung ab, an der nach einem Bericht der (»Großdeutschen Korrespondenz“ auch das in Wien anwesende Mitglied der Prager Nationalversammlung Dr. lodgman teilnahm. Die Hauptleitung nahm einstimmig folgende Entschliessung an; „Der Hilfsverein für Deutschböhmen und die Sudetenländer, der die vier Millionen in der Tscheche! lebenden Deutschen, die gegen ihren Willen ln diesen Staat gezwungen würden, in ihrem Kampf uM die Erhaltung jhres Volkstums und das Selbstbestimmungsrecht unterstützt und ihre nationale und wirtschaftliche Unterdrückung zur Kenntnis aller Kulturvölker bringen will, sieht in dem zwischen den Ministerpräsidenten der österreichischen lind der tschechischen Republik abge-- Schlösschen Staatsvertrage von Lana eine Preisgabe des Selbstbestimmungsrechtes der Deutschen in der Tscheche! und in Deutschösterreich. . In treuer Gemeinschaft m't der Bevölkerung Deutschösterreichs hat-der Hilfsverein bisher den Kampf um diese Zie e geführt und wird in diesem Kampfe trotz aller Schwierigkeiten nicht erlahmen. Darum fordert der Hi'.fsverein, der zu seinen MitgleidCrn Angehörige aller politischen Parteien zählt, und als unpolitischer Verein nicht selbst in den politischen. Kampf emgreüen kann, die Parteien Deutsch- Österreichs auf, den Vertrag von Land abzülehnen,“ ■ ’ Zu dieser Res lütion ist zu bemerken, daß es eine grobe Taktlosigkeit ist, von einer „TschCchei“ zu sprechen. Es ist weiter unrichtig, daß der Hilfsverein mit der österreichischen Bevölkerung gemeinsam für das Selbstbes immungsrecht kämpft. Das ist nicht die . Sache dieses Hilfsvereirts; was er Selbstbestimmung nennt, ist nationalistische Zündelei und Fremdenhaß. Die Resölutiöh sieht übrigens wie ein Kompromißwerk aus. Der letzte Satz deckt sich nicht ganz mit seinen Vorgähgefrii ' Die ' Anwesenheit Dr. L 0 d g m a n 8 Wäret falls sie wirklich erfolgt ist, ebenfalls eine Täktl.sigkeit. - ■_ Tschecho-SIowakei. Prag als Sitz der europäischen YVirtschaftskonferenz? Paris, 6. Jänner. (Ilavas.) Das „Journal“ meldet aus Cannes: Lloyd George hat Prag als möglichen Sitz def europäischen Wirtschaftskonferenz bezeichnet 'Jugoslawien. Ein Abgesandter der Angorc-rx^terun^ in Belgrad. Belgrad, 6. Jänr.cri (Intel.) Die Regierung von Angora hat einen Abgesandten nach Prag geschieht, der wahrscheinlich die Aufgabe hat, über die Anerkennung der Regierung von Angora auf bestimmten politischen Vereinbarungen zu verhandeln. Polen. Eröffnung der Tarbuth-Konferenz. Warschau, 5. Jänner. .(Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Gesiern wurde hier die Tarbuth-Konferenz unter großer Teilnahme von Delegierten aus allen Städlen Polens von Abgeordneten Dr. Thon" feierlich eröffnet Vor der Eröffnung fanden Konferenzen der hebräischen Kindergärtr.srinnen und Lehrer statt. Die Konferenz soll 3 bis 4 Tage dauern.?Bisnun sind folgende Referate angemeldet worden: 1. Die Wege unserer neuen Erziehung., (Prof. Schneiirsohn und M. A. Beigel). 2. Die juridisch-rechtliche Lage der hebräischen Schulen in Polen (Abgeordneter Dr. Thon und M. Gordon). 3. Die finanziell Lage des Schulwesens (Dr. M. Khunel). 4. Die nationale Erziehung außerhalb der Schule (Pinchas Schoffmann), 5. Die Lehrervorbereitung (A. Urlan Ws\i). 6. Verlagsfragen (M. Rudnickl, L. Charich). 7. Der gegenwärtige Stand der hebräischen Literatur — (Dr. J. Kahn, F. Lachower). 8. Dialektfragen (Abgeordneter Dr. Thon, Dr. J. Kahn). 9. Örganisatlons-! fragen (Dr. D. Lewik). Jüdisch — im interurbanen Telephönverkehr zulässig. Warschau, 6. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Laut Beschluß des politischen Komitees beim Ministerrat, wurde das Verbot, sich bei Telephon- , besprächen des Jüdischen zu bedienen, aufgehoben. Poale-zionistische Konferenz. Warschau, 5. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen« Zeitung“.) Vor einigen Tagen fand hier eine Konferenz der Poale-Zion statt, an der. 64 Delegierte aus 46 Städten teilnahmcn. Die Tagung beriet hauptsächlich über den Brief der III. Internationale, der die Poale-Zion auffordert, sich von Palästina loszusagen. Mit allen Stimmen gegen eine wurde diese Forderung abgelehnt und beschlossen, auf dem Gebiet, der praktischen Arbeit für Palästina eine, rege Tätigkeit zu entfalten. Hetzkampagne gegen jüdische Heimkehrer. Warschau, 6. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgen* Zeitung“.) Der „K u r j e r Warszawski" führt seit einigen Tagen eine Hetzkampagne gegen jüdische Heimkehrer aus Rußland und Verlangt die Einführung von entsprechenden Einschränkungen. Kesseltreiben gegen Professor Askenase Warschau, 5. Jänner. (Tel. d. „Wr. Morgenztg.“) Wie ..der „Kurjer Pöranny“ meldet, soll Professor A sk eriäse von seinem Posten als Delegiertet Polens beim.Völkerbund äbb?rufen und an seiner Stelle der gewesene ' polnische Gesandte in Berlin Graf Szebekö ernannt Werden. Diese Meldung wurde von offizieller Seite d&* mentiert, jedoch zugegeben, daß die Ernennung Szebekos zum zweiten Delegierten bevorstehe. Im Zusammenhang damit verlautet in politischen Kreiisen, daß der Außenminister S k i r m u ri t, der den Ministerpräsidentei Ponikowski während dessen Abwesenheit am Neujahr vertreten hat, dem StahtschCf tatsächlich die Abberufung Askenases und die Ernennung Szebekos vorgeschlagen hat. Als sich aber die Kanzld des Staatschefs diesbezüglich mit dem Ministerpräsiden en ins Einvernehmen setzte, kam sofort sein Vertreter, der Minister . S t e s 1 o w i c z, nach Warschau, um sofort das „politische Komitee beim Alinisterxat“ zu einer Beratung einzuberufen. Das Komitee stellte fest, daß Graf Szcb.eko sich höchstens zum zweiten Delegierten eigne und dies bei Wahrung aller Rechte, die Professor Askenase z u k o>m m c n. Auf diese Welse wurde das Kesseltreiben gegen Professor Askenase hintertrieben. Graf Szebeko gehörte während der russischen Herrschaft zu den Anhängern der extremrussophilen Richtung. Die polnische Presse protestiert daher gegen seine Er ennung, da sie ihm aus diesem Grunde kein Vertrauen entgegenbringen kann. Ungarn. Rakovszky und Sigray fordern Bethlen und Banffy. Budapest. 6. Jänner. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die Blätter melden: Stephan Rakovszky und Graf Anton 8 1 gray haben vom Ministerpräsidenten Grafen B e t h 1 e n wegen der Ini Weißbuch über den Königsputsch enthaltenen, für sie verletzenden Ausdrücke Genugtuung g e f’o V d e r t. Wie verlautet^ habe Graf Slgray auch vom Minister des Aeußern Grafen Banffy Genugtuung verlangt. Der rumänische Gesandte in Amerika gegen die ungarische Judenhetze. New York, 1. Jänner. (Jüdischer Presseverband.) Der rumänische Gesandte in Amerika Fürst Bibesco hat im „New York American“ einen längeren Artikel über Ungarn veröffentlicht, in dem er unter anderem als erste und wichtigste Pflicht Ungarns die Einstellung der Judenverfolgungen hinstellt.