Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1056 (7.1.1922)
- Date
- 1922-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei führende Ententeorgäne, der Pariser „Matin * und der Londoner „Daily Chronicle“, schildern in wenig hoffnungsvollen Berichten . die allgemeine Situation, die die Konferenz yoh; Cannes vorfindet. Es; wieder der Widerspruch zwiMen der französischen ^Affassung, die'vof allem iie-Zählungen Deutschlands Tür den .französisches Wiederaufbau fordert,.. und der englischen Anschauung; - .. für i die die Aufrichtung Wropas im ' Vordergrund.steht, - Ein Fortschritt hegt immerhin/ darin, daA . Geh Frankreich / der /; gesamteuropäischen Krise Aufmerksamkeit zu widmen beginnt. Da aber für jeden fkänzösis'chen Minister die ' Stimmung der ^Nationalisten in der Kammer und der Hlhäuflizitterer' -‘auf.den ' Boulevards das?,, treibende Moment ist, wünscht Frankreichs Vertreter einen starken Erfolg.'' Mit Beharrlichkeit verfolgt Briand dieses 'Ziel. Et'' will . seinen Gegnern diese 'Errungenschafteines neuen militärischen Bündnisses/ mit England : vor Öie: Augen Halten und legt,. ■' um;sich in England als Wertvoller. Freund zu zei^enjdas größte Gewicht auf die Erhal.ung. einer großen Unterseebootfiotte. - Damit aber ist die Eifersucht der itefienisohen Miiitärkreise .aufgestachelt worden und es hat sich bereite * eine ziemlich deutliche Auseinandersetzung über den Vorrang in der Entente eiitsponnen,. was nach dem Verlauf ‘der - Washingtoner Abrüstungskonferenz nicht ,weiter.befremden kann. Diesen Tendenzen stellt man in- England das' ..Bekenntnis zuf Errichtung der ^/europäischen Einigkeit entgegen;; -Es; gellt, in Cannes hart auf hart und die Konferenz /wird; wenigstens; nach dieser.Seite/hin .Klarheit schaffenV./ - / Den englischen Standpunkt -faßt „Daily ChronieJe“; dem man intime Kenntnis der Absichten der Regierung zuschreibt, .in einem Leitartikel zusammen, , der die Uebbrschrift trägt:- „Kritische'Tage für die Entente.“ Es ist das-erste Mal, daß, dieses/Wort, ypn einem angesehenen englischen Organs LusgtzsprpÄeh wM .und XsohMhIN 'gMk, '?Ehhv. H/kucMMMunMi^WrdM ' /Wifi, den Konflikt mlt'V'DLÜMiuAÜf'./&Jaeifs?; M"' .mit '.Säbel und' fiegergaf nisonen zu ördnen^Dä Frankreich seine ganze. Politik gewissermaßen ' unter den DrmH/ der Angst von - den deutschen Nationalisten. uiijd/ihrer -Vereinigung, mit den russischen: Bblschewiken ges/ellt hat, ist' es begrüßenswert, wenn England yot den folgen. sehr ernst; warnt.; Die. Entente -- sagt „Daily ‘Chronicle“ — werde .. einem ‘ neuen Mißerfolg /kaum standhalten können;' Aus der gegenwärtigen Konferenz müsse etwas Besseres hervorgehen, wenn sie nicht die letzte . ihrer; Art werden : solle;; Die Ereignisse -. vor Cannes hätten' England die ‘Kluft vor AuAn geführt, die zwischen dem französischen Militarismus, und den Idealen der englisch sprechenden Welt bestände n. Großbritannien trete für ein friedliches ' Euröp&; für Versöhnung, für Abrüstung und für ' einen . wirtschaftlichen Wiederaufbau unter Teilnahme aller Nationen ein.' Die entgegengesetzte’' Politik,; <50 Millionen Deutsche in sklavischer Armut und Knechtschaft zu halten, Reparationsgelder ' für Wettrüsten zu nehmen und / die russische Bevölkerung von . 100 Millionen Menschen zu boykottieren,* sei mit der englischen Politik völlig unvereinbar. England könne eie Sicherheit - der französischen Grenze nicht 'garantieren, wenn': Frankreich seine aggressive Politik in ganz Europa und' im nahen Osten fortsetze. England: wer de keine finanziellen Opfer bringen,' Wehn Frankreich: den Betrag zur Vermehrung seines Heeres von schwarzen Truppen- und seiner U-Boot-Flotte verwende. Diese klare und unzweideutige Sprache wird vielleicht nicht in allen Punkten aufrecht bleiben können. Die Rücksicht auf Briands Gegner wird England zu Konzessionen veranlassen müssen, die der Natur der Sache nach nur in Europa liegen können.- Es, /wird zu einem Ausgleich bezüglich der ‘deutschen Repäiltiönen kommen, wobei der von England modifizierte Zahlungsplan . für die .nächsten drei Jahre auf Grund der LochQur-Ralhenauschen Besprechungen in Wiesbaden zum Beschluß erhöben werden; dürfte. In bezug auf die .Fragen cTes nahen Ostens,. unter denen die -des Mandats über Palästina von breiterem Interessb ist, wird eine Aenderung des englischen Standpunktes nicht erfolgen können. Ebenso wird auch die'Klärung aller nicht mit Deutschland 'in ' unmittelbarem Zusammenhang. stehenden Probleme, vor allem 'des russischen, von England 'bestimmend beeinflußt werden. England hat den Vorteil der Logik' für sich.; Rücktritt de Väleras. London, 6. Jänner. (Wolff.) Im „DaN Elreann“ ist der Rück tritt de Väleras von der Präsidentschaft der irischen Republik amtlich bekannfgeireben worden. Deutschland und Rußland eingeladen. einer Cannes, 6. Jänner. (Havas;) Die internationale. Konferenz zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung Europas wird d ein nächs t eitiberu fen werden. Deutsch la nd und Ruß i an d werden zur Teilnahme ei nge 1 a d e n w e r den, letzteres unter gewissen Bedingungen. Paris, 6.,Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) Wie aus Cannes gemeldet wird, ist zwischen Lloyd George - und B r i an d die: Einberufung einer internationalen Wirtschaftskonferenz beschlossen worden, die sehr bald stattfinden soll. Die Ministerpräsidenten sind überein; gekommen, ddß auf dieser Konferenz keine p o l i t i s c h e n F r a gen berührt werden dürfen. Sie wird sich lediglich mit den finanziellen und wirtschaftlichen Problemen zu befassen haben, mit der Verbesserung der We ch sei kur s e, der Regelung des Weltmarkts und der Belebung des Exports. Wie in maßgebenden Kreisen verlautet, dürfte auch ein amerikanischer Beobachter .afl der Konferenz teilnehmen. Von sonst gut informierter Seite wird noch mitgeteilt, daß in Cannes über die Beteiligung der Su k z e s s i onsstaa t e n an der internationalen Wirtschaftskonferenz beraten wird. / ■ •' * •;'f ,.>.<> >, --, E , > < ' Die Reparationsfrage. England zu großen Opfern bereit.?— Frankreich unnachgiebig. . -London, 6. Jän-.er. Das Reuterscbe Bureau meldet aus G a u n e s, Italien strenge sieh an, .ein \J e b e re i n-k o m m e n in der Reparationsfrage zustande zu bringe . Die drei Ministerpräsidenten hätten versucht, gemeinsame Punkte zu finden, auf denen sie ein Uebereinkommen aufbauen könnten. Bisher seien diese Versuche e r f o*I g l o s g e bliebe n. Indes bestehe Hoffnung, daß nach ■ p r i v ä t e n Unterredungen ein Üebereinkomme r in einer Vollsitzung .des - Obersten Rates werde erzielt werden. :? , '. Der Sonderber!ebifitstatter-de^. ^D^st 1 y- M al 1“ in Cänneä^niÖldeC.Osi sei beschlossen; worden; daß in der ersten formellen Sitzung.(es Obersten - Rates, am heutigen Vormittag jeder Ministerpräsident seine Ansicht über den wirtschaftlichen Wiederaufbau * zum Ausdruck, bringen solle, ohne das Reparationsproblem zu berühren. Bei den gestrigen Unterredungen zwischen dem britischen Schatzkanzler und den Finanzministern habe es Belgien glatt -abgelehnt, irgendeine Verminderung. seines Prioritätsrechtes zuzulassen. England habe vorgeschlägen, daß es die f r a n z ö s ische Schuld an England im Betrage von 600 Millionen Pfund Sterling n a c h l .a s s e, wenn die Franzosen einer Verminderung der deutschön Schuld zustimmten, die Franzosen - hätten aber den Vorschlag a b g e 1 e h n i. Lloyd Georges Vorschläge. Cannes, 6. Jänner; (Hävas.) im Laufe der Be-, sprechungen erörterten die alliierten Minister den Vorschlag, den Premierminister Lloyd George dem Ministerpräsidenten B r i a n d auf d’er Konferenz von London mitgeteilt hatte und der dahingeht, daß Deutschland, das die C00 Mil! i o n e n G o 1 d m a r k a nt 15. J änner und am 15. Februar nicht zahlen könne; im Jahre 1922 500 Millionen Goldmärk' in monatlichen Raten von 125 Millionen bis zum 15; April zahlen solle. De Hälfte dieser Summe würde an Belgi en fallen, dessen Priorität 1923 erlöschen würde.—England würde bloß G0 bis 80 Millionen erhalten. 11 a 1 i e n würde bezüglich seiner -180. Millionen ein ernstes Opfer ^brlagenr .dem’5 die italienische Defegätiöh: grunciaätziich - zugestimmt hat. Die Rechte Fr a n kreic hä würden keine- Einbuße erleiden, da :; das Wiesbadener Abkommen für einen Zeitraum vön drei Jahren in Kraft treten und das Finanzabkommen vom 13.-August eine Revision zum Vorteil Frankreichs .erfähren würde, insbesondere durch die Abschätzung der Saarbergwerke, die die Repärationskommission erst später auf1 das Debetkonto Frankreichs setzen jvürde. Der britische Vorschlag soll ein System von Gara nt i e n zur Erzielung der Wiederherstellung, der finanzie.ien Ordnung im Deutschen Reich enthalten, insbesondere die Kontrolle der Reich s b ä n k, die Erhöhung der: Postürid Eisenbahntarife, die Preisbestimmung der; deutschen Kohle, die Einschränkung des FJapiergeldumlaufes und der J Verwendung ausländischer Devisen zu Reparationszwecken, i Aus der Wiener jüdischen Gemeinde. Die Vereinsrabbiner wollen streiken. — Drohende Einstellung des Religionsunterrichts an Mittelschulen. Die Rabbiner der Tempelvereine fordern von ihren Vorständen ei e Gehaltserhöhung, welche sie den Rabbinern der Wiener Kultusgemeinde gleichstellt Die Tempelvereine ihrerseits wollen von; der Annahme dieser Forderung nichts wissen und'behaupten, daß die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel kaum ausreichen, den Betrieb unter den heute bestehende! Gehaltsbedingungen fortzuführen. Die. 'Vereinsrabbiner haben nun zu einem ganz ungewöhnlichen Mittel gegriffen, um ihr Verlangen durchzusetzeri. Sie haben der Kultusgemeinde schriftlich bekanotgegebßn,. daß sie mit Ende der Weihnachts- und Neujährsferien ihre Stellen a 1 s R e li g i o n s 1 e h r e r an den s t a a 11 i c h e n M i f i e 1 s c hu len k findigen und den Unterrich t ihn' Sommersemester nicht m e h r v e r s ehe n werden. Es ist notwendig, Über die Stellung der Vereinsrabbiner als Religionslehrer' einiget aufklärende Worte zu sagen. .Sie sind in ihrer Eigenschaft als Religionslehrer. an Mittelschulen weder Angestellteder, Kultusgemeinde noch der Tempelvereine, sondern werden über Vorschlag der Kultusgemeinde v p m Staat e jeweils für die Dauer eines Jahres als staatliche Vertrags beamte' ahgestellt.' Sie erhalten für. diese Dienstleistung vom Staate die gleichen Bezüge ’ Wie die Lehrer der anderen Bekenntnisse. Es liegt also der Fall vor, daß, dem Staate als Dienstgeber die Arbeit " aufgekündigt - wird, - weil ein zweiter .Dienstgeber,* der Tempelverein, Gelialtsforderungen nicht bewilligen will. Es liegt auch eine Verletzung des VertragsverhältnisseS' zum Staate vor, da die Anstellung auf ein Jahr erfolgt und mitten im Schuljahre eine Kündigung nicht zulässig ist, besonders da keine Vertragsverletzung . seitens des Staates vorliegt. . -Der Schritt der Vereinsrabbiner zieht aber, ab ge* sehen von den rechtlichen Folgen, moralisch eine Gefährdung jüdischer Interessen nach sich. Weder der Staat noch die Kultusgemeinde sind in der ■ Lage, Tnitien im Schuljahr Ersatz’ zu schaffen.- Der ohnehin im - argen liegende jüdische Unterricht an den Mitteln schulen wird also zumindest für die Dauer eines Semesters gänzlich unterbleiben oder in der unzulänglichen 1 Form des Sammelunterrichts, welcher cfie ■ Schüler vieler, weit auseinänderliegender Schulen vereinigt, fortgeführt werden müssen. Dabei ist nicht tu' erkennen, inwiefern,' die Vereinsrabbiner ihre materielle Lage durch diese Vorgangsweise verbessern; r Ihre Bezüge als Mittelschullehrer fallen ' fort und eine i Nötigung der Vereine; ist nicht erreicht. Leidtragende - sind der ohnedies stark angefeindete jüdische Unterricht Und'die jüdische Jugend. Es muß und soll anerkannt werden, daß die Bezüge der Vereinsrabbiner.j den heutigen Verhältnissen * in keiner Weise entsprechen : und daß eine Regelung erforderlich ist. Auch Rabbiner .liaben das Recht,5 im Kampfe um ihre Existenz die / 'äußersten erlaubten Mittel in Anwendung zu bringen! ' 'Aber in nutzloser Art 'und ohne jede Aussicht auf Erfolg ' dbn: Unterricht der Jugend,: der; wohl die edelste Aufgabe der Rabbiner ist, zu gefährden, kann . nicht gut angebracht sein.. Es ist zu hoffen, daß die j-V6teinsrabbiner den angedrohten Schritt unterlassen ' werden.. v/'j I - ' ' ' Jüdische Gemeindetagung in Litauern - Kowno, 4. Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“.) ln ganz Litauen wurden jetzt vom Jüdischen Nationalrat die Wahlen zur zweiten G firne in d et a g u n g ausgeschrieben. Die Wahl* ‘Bewegung hat bereits begonnen*