Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- Heft 1050 (1.1.1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. rcnry Wien, Sonntag wtzt i: Jänner f922T mrq werden. Danach wäre eine internationale Kommission einzu* setzen, die gegen gewisse Sicherheiten Kredite gewähren würde. Es handle sich umdieQrUndungeinerArt riesenhaften Versatzamtes für die! Nationen. Das Blatt hebt hervor, daß alles darauf ankomme, ob das amerikanischeKapitalfüij ,dä? Projekt zu haben sei, ferner welche Sicherheiten von den in Betracht kommenden Regierungen geboten werden! können, und schließlich, welche Maßnahmen zur Stabil!-^ sierungder Wechselkurse die betreffende» Länder selbst auf sich zu nehmen geneigt seien. Notenumlauf: 160*2 Milliarden; Zuwachs: 17*3 Milliarden, Nach dem Ausweis der Oesterreichisch-ungärtschen Bank vom 23. Dezember ist die Notenzirkulation um 17*3 auf 160*2 Milliarden Kronen gewachsen. Mit Her Ziffer von 17 3 Milliarden ist ein neuer Rekord geschlagen. Concescu — Präsident der interalliierten Donaukommission. Budapest, 31. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgeiiztg.“) Im Sinne des Uebereinkommens über die Organisation der Interalliierten Donaukommission legte der bisherige Präsident, der italienische Bevollmächtigte Minister Ros e 11 i, heute seine Stelle als Präsident nieder. Für das nächste Halbjahr ist das Präsidium dem Vertreter Rumäniens überlassen, der von der rumänischen' Regierung; auch bereits :n der Person des Attaches Concescu. namhaft gemacht wurde. Concescu, der früher Marinedienst leistete, wurde erst vor noch nicht langer Zeit dem diplomatischen Dienst zugeteilt Nach Rumänien kommt dann Jugoslawien, dessen Vertreter vom. 1. Juli 1922 bis zum Jahresende das Präsidium innehaben, wird. Es ergibt sich hieraus die interessante Tatsache, daß im Jahre 1922 das Präsidium der interalliierten Donaukommission in den Händen der Vertreter der kleinen Entente liegen wird. Der mit 1. Jänner abtretende Präsident Rosetti dürfte zu Beginn des neuen Jahres Budapest gänzlich verlassen. Die Geldknappheit, Die Geldknappheit hat sich besonders während der letzten Tage zu einem sehr fühlbaren Hebel ausgebildet. Geld im Wege eines Bankkredits ist nur unter großen Schwierigkeiten trotz des Zinsfußes von 20% und darüber aufzutreiben. Die Geschäftswelt steht vor einem schwer lösbaren Problem. In der letzten Zeit beiauten sich die Bargeldansprüche auf vier Milliarden täglich, während nur die Hälfte von der Oesterrelchischüngarischen Bank gedruckt werden kann. Die Bänk sucht dem Mangel durch die Ausgabe der bei Sicht zahlbaren Kassenscheine abzuhelfen. Für die nächste Zeit hofft man auf ein Nachlassen der gewaltigen Abhebungen bei den Banken. Iri der Weihnachtswoche wuchs der Notenumlauf um mehr als 17 Milliarden auf 160 Milliarden Kronen. Es wird damit gerechnet, daß er Infolge der enorm hohen täglichen Ansprüche in kürzester Zeit auf 203 Milliarden gestiegen sein wird. Zur Kreditfrage. ln der nächsten Zeit wird sich Dr. R o senbe r g wegen der Verhandlungen übbr den Kredit der drei Millionen Pfund wieder nach London begeben. Es wird als zweifelhaft angesehen, ob die vielumstrittenen Gobelins als Pfandunterlage dienen werden. Ob jsdoch, wie in manchen Kreisen angenommen wird, die Kreditgewährung ohne Unterläge erfolgen kann, bleibt abzuwarten. An dem Kredit sollen ' sich eventuell auch englische, amerikanische und dänische Finanzgruppeh beteiligen. Die letztgenannte unter Rijs Hansens. Dazu käme der Kredit der Tschechoslowakei im Betrag einer halben Milliarde tschechischer Kronen für Kohle und Zucker, ' Die Kassenscheine der Oesterreichisch* ungarischen Bank. Die neuen 10Ö0-, 590Ö-, lÖ.OOÖ- und 100.090- Kronen-Noien. Die „Wiener Zeitung“, verlautbart eine Künd- Ihachung, nach der die am Sitze von Bankanstalten der Oesterreichisch - ungarischen Bank befindlichen Finanzkassen und -Ämter angewiesen werden, bis auf »WM« NM WtfS&ßy k, Marc Aureüsfrassa Nr, S Tel. Nr. 20486, AMI, 20646, 22776. Telagr.-Adr.: Contlnentolbank Wechselstube), Wien, IS., ftsherstrasse 46a Telephon Nr. 40428 Kulanteste Durchführung sämtlicher Bank- und Börsetransaktfonen ,33 weiteres die von der Oesterreichisch-nngarischert Bank in Verkehr gesetzten unverzinslichen, bei Sicht zahlbaren Kassenscheine zum v o 11 e n N e n n w e r t in Zahlung zu nehmen. Die Kassenscheine sind auf weißem Velinpapier, gedruckt, und zwar: die zu K 1000 in grüner, die zu K 5000 in brauner, die zu K 10.000 in blauer und die zu K' 100.000. in-.violetter Farbe. Einkäufe für Sowjetrußland in Waschau. Warschau, 30. Dezember. (Eigenbericht der „Wiener Morgenzeitung“.) In Warschau werden vom Vertreter der Sowjet-Handelsmission Görtschakow große Einkäufe für Rußland nur bei Industriellen und mit Umgehung der Kaufleute besorgt Das Strafverfahren gegen Duini . eingestellt. Wie bereits vor einiger Zeit gemeldet wurde, ist nach Befriedigung der Gläubiger, Daniel D u i m s die Einstellung des gerichtlichen Verfahrens erfolgt. Der Vater des flüchtigen Holländers, Herr Zacharias D u i m, hatte sich gegenüber dem vom Gericht bestellten Kurator seines Sohnes, dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Gotthilf Bamberger, zu Opfern bereit erklärt und hatte zur Befriedigung sämtlicher österreichischen Gläubiger einen Betrag von 300 Millionen bei einer Wiener Großbank erlegt. Er knüpfte daran nur die Bedingung, daß die straf gerichtliche Untersuchung gegen seinen Sohn eingestellt werde. Die Wiener Banken und Bankiers haben nun durch ihren Vertreter Dr. Siegfried Kantor, der die Verhandlungen mit dem Kurator. Duims geführt hatte, einen Bericht an das Kuratelgericht erstattet, der sodann an das Strafgericht weitergeleitet wurde, ln dkr Eingabe des Rechtsanwalts Dr. Kantor wurde auch betont, daß Duim ein Opfer des Zusammenbruches der österreichischen Krone und der bekannten Valutakätastrophe geworden sei , und daß nach Ansicht der Gläubiger der Holländer nie die Absicht gehabt hätte, irgendwen zu schädigen. •— Für zwei Gläubiger, d'e sich dem Ausgleich noch nicht angeschlossen haben, wurde ein entsprechender Betrag deponiert. Ein polnisch-rumänisches Handelsabkommen. Warschau, 30. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung“,) Der rumänisch-polnische Handelsvertrag wird anfangs Jänner dem Sejm zur Ratifizierung vorgelegt werden. Ausbau des ter-Meulen-Projekts. „Intransigeant“ meldet, daß die Konferenz der in Paris versammelten Finanzleute, welche die Rettung O e sterreichs, Rußlands und anderer notleidender Länder plane, entschlossen sei, auf das Projekt ter Meulen zu greifen, das bekanntlich von der Finanzkommission des Völkerbundes für die österreichische Kreditaktion in Aussicht genommen wurde. Dieses Projekt solle großzügig ausgebaut V Nationalistische Wirtschaftspolitik. Nachrichten zu« folge, die bisher noch keine Bestätigung gefunden haben»! soll die Banca Italiana di Sconto, eine der größte»1 italienischen Banken, ihre Zahlungen eingestellt habenJ Die Geschichte dieses Konkurses reicht einige Monate zurück und steht in Verbindung mit dem Zusammenbruche des Iiva- oder Ansaldo - Konzerns, der vor einige» Monaten stattfand. Im Verlaufe des Krieges ist in Italien^ das vor dem Kriege eine kaum nennenswerte Roheisen*! Industrie besaß, eine solche in dem Ansaldo-Konzer» entstanden, deren Gründer, die Brüder Peronne, durch ge-j schickte Ausnützung der nationalen Stimmung im Lande es? verstanden haben, die Regierung zur Einführung von hohe» Schutzzöllen zu verleiten. Gqgen die Einführung dieser Zölle haben sich seinerzeit die eisenverarbeitende» Industrien und weiterblickende Wirtschaftspolitiker, die die Unmöglichkeit einsahen, eine lebensunfähige Industrie1 künstlich zu erhalten, ausgesprochen. Das, was diese Politiker vorausgesehen haben, ist auch wirklich bald eingetreten. Der Ansaldo-Konzern, der eine ganze Reih« Industrien umfaßte, ist zusammengebrochen und hat mit sich die Banca Italiana di Sconto, die ihn finanzierte, mit«* gerissen. Vor einigen Wochen fand in Rom eine Konferenz* der drei italienischen Emissionsbanken, der Banca Italianaj der Banca di Napoli und der Banca Siciliana, mit der Banca Italiana di Sconto statt, die den drohende» Zusammenbruch dieser letzteren verhindern sollte. Es! scheint aber, daß diese Besprechungen kein Ergebnisj zeitigten und daß der Zusammenbruch, der schwere Folge» für das gesamte wirtschaftliche Leben Italiens haben wirdj nicht mehr zu verhindern war. Die Brüder Peronne sind! von der Leitung des Konzerns zurückgetreten und int1 Zusammenhang damit dürfte auch Italien seine protek-j tionistische Zollpolitik für Eisen fallen lassen. — Nach dem/ Zusammenbruche der rumänischen Banca Natiunei, de« vor einiger Zeit erfolgte und der Ausgangspunkt für ein« Reihe von einschneidenden wirtschaftspolitischen Maß« nahmen der rumänischen Regierung wurde, ist dies de« zweite schwere Fall, an dem sich die Folgen nationall-j stischer Wirtschaftspolitik zeigen. Die neue niederösterreichischeLandes-Hypothekefl* anstatt. Bekanntlich ist durch die Trennung von Wien und Niederösterreich in zwei völlig selbständige Bundesländer die Liquidierung der bisher gemeinsamen Landes-Hypo-j thekenanstalt notwendig geworden. Die Vorbereitungen zurj Errichtung einer, neuen nieder Österreich s c h e n Landes-Hypothekenanstait sind bereits so weit ge-j diehen, daß dem niederösterreichischen Landtage in seinerj Jänner-Tagung die entsprechenden Anträge unterbreitet werden können. Gesuche um Hypothekar- und Kommunal* dariehen können schon jetzt eingebracht und beim Landes^ amt III in Wien, L, Herrengasse 13, überreicht werden. Die Wirtschafts Verhältnisse ln Polen. Ueber der gegenwärtigen Stand der Industrie und des Bergbaues ii Polen, die Regierüngsmaßnahmen zu deren Förderung sowie über die Verkehrszustände in Polen bringt das ebei erschienene Schlußheft der Wochenschrift;Das Handelst müseum“ einen längeren Bericht seiner Warschauer Außenstelle. Das gleiche Heft enthält eine Besprechung Komvnerz-u.Diskonto-Bank FiüiflLE KIM. L lIpplinpiMe Ib-Zü m Telephone 1Z3SB, 1SZB6, UW, IZ367 wmmsMMRmsm&sswmnmammmmtimBuwüwtH Volleingezahltes Aktienkapital 20,VTV.TTV tschechische Kronen Ueber nimmt die Durchführung sämtlicher bank«( geschäftlichen Transaktionen. Verzinst Eihiage» auf Girokonto mit 3'/, Prozent p. a. Einlage» ob gegen Kündigung höher. v,' Der neue Jude. Von Nahum Sokolow. fes vergingen einige Jahre, bis ich ihn wieder fand, und dazwischen hörte ich sehr .wenig von ihm. Ich wußte, daß er mit seiner Feder durch Üebersetzungsarbeiten sein Brot verdiente. Er hätte auch, nichts dagegen gehabt, Kellner zu werden. .Er war »u stolz, un* Freunde um Hilfe zu bitten. In der Tat, er hatte keine Freunde. Er wollte sich (keiner «Gesellschaft keinem Klub anschließen; seine Seele war eine von jenen, die, wie es in/ der Kabbala steht, in der Leere verloren herumirren. Ich habe-ihn nicht vergessen und war bereit, eine jede > Gelegenheit freudig zu erfassen, um ihn zm treffen und in ihm au forschen. Wo immer auch meine Reisen in unserer kleinen Welt mich hin führten, fragte ich nach ihm, doch ich konnte seine Spur nicht finden. Bei einem der ersten Ziomstenk-ongre&se, in einer der langen Gänge des Basler Kasinos streckte mir ein hoher, gutaussehender junger Mann seine Hand entgegen. »Meir, sind Sie hier? Warum hörte ich kein Wort von Ihmon? Sind Sie ein Delegierter? Erinnern Sie sich noch Ihrer Ideen?« , »Es ist sehr lieb von Ihnen«, sagte er. »Sie müssen aber Delegierter werden«," sagte Ich. »Ich kann ihnen ein Mandat verschaffen oder Ihnen'meines abtreten.« »Nein, danike sehr; ich kam nur um ein wenig Informationen, um die Richtigkeit meiner Ideen bekräftigt zu sehen. Außerdem bin ich ein Outsider. Ich schließe mich keiner Organisation an. Ich betrachte die Sachen für mich selbst. Ich kümmere mich nicht um die Menge.«* »Doch sagen Sie mir, Meir, wo stehen Sie ietet?iNenncn Sic sich einen Zionisten? Möchten' Sie nach Palästina gehen? Karin ich Ihnen behilflich sein?« »Nein, danke; ich verdiene mein Brot und ich habe auch ein wenig Landwirtschaft gelernt. Was hätte es für einen, Sinn, mich feinen Zionisten z>u nennen? Sie würden es im Auslände veröffentlichen. Es, mag ja richtig und notwendig sein, alle diese Kongresse und Organisationen zu haben. Doch was ich bin, das ist nur meine Angelegenheit. Sie kennen meine Ideen. Was Palästina betrifft, -so ist das der einzige Weg, nicht für das, Individuum, sondern daß wir das ganze Leben eines Mannes und eines Juden leben können. Mein Blut schreit nach unserer Heimat. Doch Sie sollen sich nicht bemühen; ich werde meinen Weg. schon allein finden.« Das war der alte Meir wie vor vielen Jahren. Er wollte mit Gruppen nichts zu tun haben; er war bereit, eine jede aufgeworfene Frage zu erfassen, aber stets wie ein Außenstehender, dem die erreichte Schlußfolgerung gleichgültig war. Er würde die Losungsworte, irgendeiner Partei nie angenommen haben. Wäre er gezwungen gewesen zu erklären, was er ist, so hätte er wahrscheinlich gesagt: ein Mensch, ein Jude. Er hielt sich von den überfüllten Landstraßen ferne Ich begegnete ihm auf diesem Kongreß nicht mehr und nachher verlor ich ihn gänzlich aus den Augen. Ich begegnete Meir nach mehreren Jahren voiiges Jahr in Palästina und fand ihn in vieler Hinsicht noch als den Alten, doch sehr verändert. Groß, schlank, mit e in fadi-würde vollen Manieren und mit seinem alten wunderlichen Zauber. Ein Hauch der Freiheit in seinem Gesicht: das war das Neue. Ich konnte kein Auge von ihm wenden. Derselbe milde Ausdruck, dieselbe Offenheit und unbedingte Aufrichtigkeit, aber mehr Kraft, mehr Natürlichkeit — ja, mehr Kraft. Seine Arme, stank wie Stahl« reifen, hatten eine Art von Entschlossenheit in ilirers Haltung; ein vollkommener physischer Zustand!*1 Kontrolle, Konzentration, Zusammenarbeiten des Geistigen und des Körperlichen bis zum gesetzte» Ziele, ein unbeugsamer Wille von suggestiver Kraft.* Ich sah ihn noch nie so fröhlich, so lebendig. Sei» Gesicht strahlte vor Freude. ) »Meir, Sie sind‘hier — ist das Traum ode^ Wahrheit?« Ich .traf ihn in Obergaliläa au einem der, henväj liehen Frühlingsabende Palästinas. Der wolkenlos» Sonnenuntergang erstarb im Westen zu einer amejthystfafbenen Nächtglut, die unermeßlich gegen de» Berg Herrn an in Malvenfarbe übergehend, sich mit! dem tiefen Purpur der Sich verhüllenden Landschaft mengte. Es war ein Schwelgen in Farben: das reine Weiß des Libanon, das Frühlingsgrün vom-Wad*i«j AinrAla; ein in seiner Erhabenheit und Eigenari verwirrender Anblick. Das. Panorama öffnete sic» vor mir in seiner köstlichen Liebenswürdigkeit w!ei ein'wirklich gewordener Traum. Uud in dieser Um^ gebung war mein alter Freund Meir, ein Mann vom! »großenWirklichkeiten«. Was sind die »großeniWirüfr1' lich’keiten«? Ein Farmer, sein Weib und seine zwei Kinder. Ja, und daß sie sich zu Hau-se fühlten. Meid stellte mich seiner Familie vor. Seine Frau Debora» war ein 'auffallend hübsches Weib, Tochter eine»; alten jüdischen Ansiedlers aus Petach-Tillowah. Eine' heitere, freundliche jüdische Frau mit wunder«* schönen Augen und braunen H?ann. Gemeinsame Ideale brachten Meir und Deborah zusammen und! vereinigten sie. Ein Knabe und ein Mädchen erd schienen, Sh au! sah mutig drein und über alles wußten Hermwah, der Stolz des Dorfes, Bescheid. r ^Fortsetzung folgt)