Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1042 (23.12.1921)
- Date
- 1921-12-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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WIENER MORGENZEITÜNQ 23. Dezember 192» Die Hakoah auf Reisen. Die Hakoah hat gestern abends Wien verlassen, um am kommenden Sonntag gegen Guts Muts in Dresden und am Montag gegen Fortuna in Leipzig anzutreten. Eine empfindliche Schwächung erfuhren die Hakoah*.er dadurch, daß der vorzügliche Tormann Halpern die Reise nicht mitmachen kann; an seiner Stelle wird Neumann in beiden Spielen das Tor hüten. Nachfolgende Spieler werden in den beiden Treffen tätig sein: Verteidiger: Scheuer, Trümmer, Kovacs; Läufer: Molnar, Kohn, Grünfeld, Pollak; Stürmer: Neufeld, Häusler, Gansl, Grünwald, Katz, Kliegler. Die Hakoahner kommen am Dienstag den 27. d. M. nach Wien zurück. Die Ruhepause wird aber nicht lange dauern, da sich die Hakoah am Donnerstag den 29. d. M. wieder auf die Reise, und zwar diesmal nach der Schweiz, begibt Das erste Spiel trägt &ie in Zürich gegen den Ostschweizer Meister Blue Star aus, der Gegner des zweiten Tages hi gegen ist noch nicht bestimmt In der Schweiz wird derEx-M.T.K.-Mann Guttmann zum ersten Male für seine neuen Farben tätig sein. Die Hakoah hat dem Kreis Oesterreich der jüdischen Turn- und Sportvereine ein Darlehen von K 10.000 gewährt Kreis Oesterreich der jüdischen Turn- und Sportvereine. Alle Verlautbarungen der Kreisleitung und der Vorstände der Unterverbände werden in der »Wiener Morgenzeitung“ veröffentlicht Drei jüdische Präsidenten. Bei der letzten Generalversammlung des 8. C. Rapid wurden folgende Herren ins Präsidium gewählt: Leo Deutsch, Direktor Fischer und David Haas. Bei Rapid ist der Radauäntisemit Kunschak Ehrenmitglied. Jeder weitere Kommentar ist überflüssig. Gideon. Kommenden Samstag, 7s8 Uhr, außerordentliche Generalversammlung im Caf6 Radetzky, HL, Radetzkystraße. Anschließend Mannschaftsaufste lung für zwei Teams. Nur anwesende Spieler werden berücksichtigt. Mac Ungvari, der tüchtige Zenterhalf des J. A. C., verletzte sich letzten Sonntag im Spiele gegen Red Star derart an der Hand, daß er spitalsärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte und längere Zeit pausieren muß. J. A. C. Heute 8 Uhr Spielerversammlung* im Caf6 Balitiahof, XVI., Ottakringerstraße 102. — J. A. C. sucht für Sonntag oder Montag für zwei Mannschaften Gegner auf fremdem Platze. Zuschriften an Willy Peczenik, AVI., Reinhartsgasse H, oder Telephon 62.396. Volkswirt. Gestempelte Krone --- —.10 Centimes. Auszahlung Wien --- —.19 Centimes. Rückgang der Mark. In Zürich notierte: die österreichische Krone —.19 (—.20 am 20. Dezember) die österr. gest Krone . . —.10 (—.10 am 20. Dezember) die tschechische Krone. . 7.20 ( 6.85 am 20. Dezember) die Mark.. 2.87 ( 3.05 am 20. Dezember) Agram ..2.— ( 2.05 am 20. Dezember) Bukarest.. —(—.— am 20. Dezember) Budapest. .—.80 (—.80 am 20. Dezember) Warschau . .—.18 (—.17 am 20. Dezember) Seite 7 ' --■■■;/ Zum Valutenanmeldungsgesetz. Das Valutenanmeldungsgesetz ist weit mehr nocfi als die zahlreichen vorangegangenen fiskalischen Maßnahmen der Regierung infolge des Druckes der Öffentlichen Meinung in Wirksamkeit getreten. Aber ebenso wie die neuen Steuerverfügungen und sonstigen Aktionen der letzten Tage ist es nicht als Einzelerscheinung zu werten, sondern nur unter dem Gesichtspunkt, daß es einen Teil des Finänzplanes Dr. Gürtlers bildet. Alle diese Maßnahmen! hängen organisch miteinander zusammen und verfolgen1 den Zweck, der mit Recht über die wilden Aus-] artungen der Valutenspekulation entrüsteten öffentlichen Meinung Genüge zu tun. Das Valutenanmeldungsgesetz1 ist als ein Aufruf der Regierung an die Bevölkerung zu betrachten, dem schwer leidenden Staate' freiwillig zu Hilfe zu kommen. Bekanntlich] ist schon früher ein Notruf des Staates an die Valutenhamsterer ergangen, der jedoch! ohne Wirkung blieb, weshalb der. Aufruf nunmehr in Form eines Gesetzes geschehen ist.’ Wenn in Punkt 3 dieses Gesetzes die Erklärung ab-1 gegeben wird, daß keine Beschlagnahme der Valuten und Devisen erfolgt, so ist das nur dahin’ zu verstehen, daß die Regierung auf einen Erfolg; rechnet. Bleibt jedoch der Erfolg aus, dann wird es selbstverständlich sein, daß der Staat, dessen N o t-j wehrrecht außer aller Frage steht, zu empfind-* lieh er treffenden Maßnahmen greifen wird. Es ist niemanden unklar, welchen Schritt die Regierung dabei, im Auge haben kann. Das Gesetz über die Einschränkung der] Disziplinargewalt der Börsekammer! ist vielleicht vom Standpunkt der strengen Gesetz-' mäßigkeit anzufechten. Entschieden muß dagegen? Stellung genommen werden, daß der MotivenberichK eine Einteilung der Börsebesucher nach Nationen vor-' nimmt und gute und schlechte Noten verteilte So werden Personen aus Polen und Ungarn! expressis verbis als Elemente hingestellt, deren] moralische Qualitäten nicht ganz einwandfrei! seien. Wenn eine Regierung eine solche Be-j schuldigung ausspricht, dann hat sie die Pflicht? eines jeden Ehrenmannes, ihre Beschuldigung auch zit! beweisen. Im übrigen aber muß zugegeben werden*’ daß tatsächlich Elemente in die Börse Eingang ge-j funden haben, die aus einer Institution der Volkswirtschaft eine Spielhölle zu machen versuchten. Andererseits müssen Bedenken ausgesprochen werden, daß] man bei den Beratungen der Finanzverwaltung keine. Sachverständigen zu Rate zog, was durch die Hast znj erklären ist, mit der bei der Gesetzgebung zu Werke, gegangen wird. Dfe Kapitafserhöhung des Norddeutschen Lloyd? Die außerordentliche Generalversammlung des Nord** deutschen Lloyd beschloß die Erhöhung des Grund«! kapitals von 250 auf 475 Millionen Mark. Die neue« Stammaktien, ab 1. Jänner 1922 dividendenberechtigt] werden unter Ausschluß des Bezugsrechtes der Aktionär« von einem Konsortium übernommen, welches nominell 150 Millionen Mark den alten Aktionären derart zum Bezüge anbieten wird, daß auf fünf alte drei junge Aktie» zum Kurs von 135 franko Zinsen, zuzüglich Schlußnoten** Stempel, bezogen werden können. Nach Durchführung Nr. 1042 Wien, Freitag Freie j ü d i s t h e V o 1 k s b ü h n e. Heute findet im Lustspieltheater die Premiere des dreiaktigen Schauspiels „G a n u w i m" von S. B i m k o statt. Mitwirkend die Damen Deutsch und Weintraub- G r a f, die Herren B a r a t o w (Ben Zwi), Deutsch, Nathan, Tarlowsky, Herschkowitz, Sigal. Beginn 7 Uhr. Wochenspiel plan derRenaisancebühne. Sonntag den 25. d. M., 3 Uhr nachmittags, „R o t h k ä p p c h e n“, Ende 5 Uhr. 6 Uhr „L i 11 Grün“, Ende nach 8 Uhr. 9 Uhr, „Rach e“, Ende nach 11 Uhr. Montag den 25. d. M., nachmittags */*3 Uhr, Bunter Nachmittag, Ende 5 Uhr. 6 Uhr „L i 1 i Grün“, Ende nach 8 Uhr. 9 Uhr „Rach e“, Ende nach 11 Uhr. Dienstag und die folgenden Tage: Anfang 7 Uhr, ,L 11 i Grün“, Ende 1U10 Uhr. Eine Spende für die Staatsgalerie. Präsident Camillo C a s t i g li o n i hat die auf der großen Dezember-Auktion bei Wawra-Werner um K 900.000 versteigerten beiden Kunstwerke, August von Pettenk o f e n s prächtige Zeichnung „Der Kopf des Apothekers“ und Karl S c h i n d l,e r s Aquarell „Kampfszene“ der österreichischen Staatsgalerie als Spende übermittelt Gerichtssaal. Die Hacke. Vor dem Schwurgericht hatte sich gestern der Landwirt Josef Gärtner aus Hornsburg bei Korneuburg zu verantworten, weil er seinen Stiefvater Josef Meißl am 5. Oktober mit der Axt erschlagen hatte. Meißl war ein Trunkenbold, der seine Familie terrorisierte. . Gärtner erklärte sich für nicht schuldig. Er sei von Meißl mit dem Revolver bedroht worden und habe deshalb zur Hacke gegriffen. Er habe keine Tötungsabsicht gehabt. Die Verhandlung wurde erst in später Abendstunde zu Ende geführt. Die Geschwornen verneinten die auf Mord lautende Hauptfrage, erkannten den Angeklagten Josef Gärtner jedoch des Verbrechens des Totschlages einstimmig schuldig. Die Zusatzfrage, ob der Angeklagte im Zustande gerechter Notwehr gehandelt habe, wurde mit 11 Stimmen „Ja“ beantwortet Auf Grund dieses Wahrspruches verkündete der Vorsrtzende den Freispruch des Gärtner, der sofort enthaftet wurde. Sport. Die jüdische Olympiade. Der Kreis Oesterreich der jüdischen Turn- und Sportvereine hat auf Anregung der Hakoah dem Makkabi-Weltverband den Vorschlag unterbreitet, die jüdische Olympiade vom 15. bis 18. Juni 1922 abzuhalten. Der Kreis Oesterreich beantragte weiters, daß die Wettbewerbe der einzelnen Sportarten im allgemeinen identisch sein mögen mit denjenigen der letzten olympischen Spiele in Antwerpen. Er denkt dabei folgende Sportdisziplinen zur Vorführung zu bringen: Fußball, Leichtathletik, Hockey, Schwimmen, Ringen, Tennis und Fechten. Dem Makkabi-Weltverband steht es selbstverständlich frei, auch Rudern, Radfahren und B jxen ins Programm aufzunehmen. Die Musik-, Touristik- und Sportsektion der Hakoah planen in der Zeit der Olympia ebenfalls vor die OÖffentlichkeit zu treten. 18. Fortsetzung. | ^,yy Von Jean-Richard Bloch. (Autorisierte Uebersetzung von Augusts Weldter- Steinberg.) Der da ist Republikaner vom Quartier Saint- Hilaire, wo der Wahlkampf sehr heiß sein wird. Die alten Sektionen des Zentrums, des Plateaus, wie wir es nennen, werden sehr hart zu besiegen sein. Deshalb müssen die Arbeiterquartiere marschieren. .Wir haben mit den Sozialisten eine gekoppelte Liste gebildet. Nun bereiten sich die Dumm köpfe aus dem Plateau vor, uns einen Streich zu spielen, indem sie die Arbeiter von der Liste streichen wollen. Das bin ich sicher wie zwei mal zwei vier ist. Und wer wird angeführt sein, i-n zwei Jahren bei den Wahlen in die Legislative, wenn die Soziallisten sie im Stich lassen werden? Ich kann es ihnen so oft sagen, wie ich will, es gibt kein Mittel, es ihnen begreiflich zu machen. Alle sind sie Prahlhänse und nichts anderes. (Wepn sie die Palme im Knopfloch für sich und ein Staa'tsstipendium für ihren Sohn erhalten haben, halten sie die Republik für gerettet. Sie bilden sich ein, daß man geben und zugleich zurückhalten kann. Und sie werden die Ursache sein, daß fünfundzwanzig Reaktionäre zumindest, wieder ins Rathaus zurückkehren werden. Das ist schon ein großes Glück, daß ich sie bestimmen konnte, einen Block mit den .Unifizierten zu bilden. Ohne mich... A'ha. Sie denken noch daran? Welches Gedächtnis. Nun wohl, Herr Loubatie, wir haben keine Gemeinde bilden können. Man spricht gerne davon. Aber ich spreche mit Ihnen gan<z offen darüber, weil Sie -uns geholfen haben ... nun — es ist besser, jene Erinnerungen nicht mehr wachizurufen. —> Immerhin, es gibt Dinge, die unsereins niemals vergißt. Wir snd nur acht. Wir müßten zehn sein. — (Genießerisches Lächeln, das lange innerlich fortgesetzt wird.) Mein Junge ist nicht mehr hier. Er studiert an der Normale, mein Junge. — Ja. Das ist fein? Ah, er hat fest gearbeitet, glauben Sie. Er hat das Examen als Licencie letzten Juli als Dritter beständen, M'it achtzehn Jahren. Er wird ans Ziel •kommen. Nur ... Nur ist er kein Jude mehr, Herr Loubatie. Ge wiß bin :ch atxh kein frommer Jude mehr, allein ich bleibe solidarisch. Er. ich weiß es selbst nicht mehr. — Fs ist erschreckend, wieviele unter unseren jungen Leuten uns verlassen. Und wissen Sie? Um das Gefühl für unsere Rasse bei den Jungen wiederzubeleben ... müßte es vielleicht eine neue Affäre geben .. « Wenn das Staunen noch nicht existiert hätte, so hätte es unser Reisender in diesem Moment erfunden. Der kleine Kaufmann hatte auf eine versteckte Art geflüstert und dabei die Worte verschluckt. Al’cin sie behielten nichtsdestoweniger ihr Gewicht. Dem Reisenden fielen sie schwer auf den Schädel. Und er gab sich Rechenschaft, er wußte nicht wie, daß er im Begriff war, zu verstehen. Ein Lärm hatte sie getrennt. Zwei Senatoren des Departements kamen mit geschäftigem Gehaben, eine Masse Einheimischer begleitete sie, wie die Fliegen, die sich an ein Mastkialb heilen. Das Komitee hatte sich erhoben. Die iXacht kam, man zog das Schutzdach der Terrasse auf. Worte tauchten aus dem Haufen: »Republik — Liste — Majorität — Vertrauen —, Erfolg — wachsende Demokratie.« Der Reisende fand Dawidowitsch an seiner Seite. Zwei lange Kerle, ebenso mager, wie er, hielten sich 'hinter ihm. »Meine Söhne: Elias, Abraham. Haben Sie Levy gesehen? Was?« Allein Loubatie war nicht mehr in der Stimmung, Zeit zu verlieren. Er begann zu verstehen. Er faßte mechanisch den langen, fleckigen Kaftan an den drei Fäden, die die frühere Anwesenheit des Knopfes verrieten. »Sie sind also nicht fortgezogen, mein lieber Herr?« »Fortgezogen?« »Nach Buenos Aires?« Der Russe machte die unbestimmte Bewegung befriedigter Ueberlegenheit. »Ich bin naturalisierter Franzose geworden. Er auch, Elias. Und Abraham hat seinen Dienst gemacht. Elias wird sich in einem Monat in Paris verheiraten.« »Alsdann bleiben Sie, endgültig?« Dawidowitsch hielt es nicht für gc!e0en, eine Frage zu beantworten, die sich auf etwas Endgültiges bezog. Das war eine Kategorie, für die seinjj Hirn kein Fach besaß. Allein sein altes Adlergesicht, braun wie amge* raucht es Elfenbein, heiterte sich in schalkhafter .und! kindlicher Fröhlichkeit auf; seine lebhaften Augent folgten einer Gruppe auf dem Platze. Der Reisende!' wandte sich um. Eingefaßt von deji zwei. Senatoren des DepaJSj tements, die sich aufmerksam neigten, um seine® Darlegungen zu folgen, schritt Levy zum Stadthaus/ Die ganze Menge zog mit ihnen gegen das in deij unechten Renaissance des «zweiten Kaiserreiche^ gehaltene öffentliche Gebäude. Abraham Dawidowitsch betrachtete die Stacks hausuhr und in untadeliger, ein wenig langsamem Sprache, sagte er: »Dreiviertel sieben, die Stimmenizähler sin$ am Werk. Die Nachrichten von den Sektionen läuteqj] ausgezeichnet.« Der Greis faßte erregt den Reisenden $nf| Aermel. »Ich will einen Bissen vor dem Resultat esseoti* Und ich werde Sarah benachrichtigen, daß Sie mor* gen mit uns frühstücken, nicht wahr, nicht wahr?«' Loubatie drückte ausweichend die Hand des Kürschners. Er hatte Eile, sich im Publikum zu verlieren, um endlich nach Lutst nadmi'denken. Um acht Uhr war die reaktionäre Stadtverwaltung durdi zweitausend Stimmen Majorität 'aus dem Stadthaus weggefegt. Und als der Reisende, in seinen demo». kratischen Instinkten geschmeichelt, verdutzt die; Augen gegen die beleuchteten Fenster des Stadt* bauses erhob, traf durch das Gebrüll der Menge einer etwas demütige Stimme sein Ohr: »Welcher Unterschied zu 1898, Herr Valentias* Aber sehen Sie, wenn wir fortgezogen wären, hätten! wir anderswo dasselbe tun müssen, was wir hier getan haben.« Entrüstet verlor Loubatie jeden Maßstabj «f würdigte den Mann nicht eines Blickes. »Sie werden doch nicht behaupten, daß ohmtf Sie nichts geschehen wäre. Das wäre etwas stade.« »Ich sage nichts dergleichen.« »Was also haben Sie denn getan, — Sie?« Fortsetzung folgt*