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Wiener Morgenzeitung · 1921-12-23 · Heft 1042 (23.12.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1042 (23.12.1921)
Date
1921-12-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag WIENER MORGENZEITUNG 23. Dezember 192! Nr. 1042 hervor, die, wie Direktor Turchamyi euphemistisch sagt, »am erfolgreidhstem gearbeitet hat«. Die nächsten Redner beschäftigten sich mit der Presse um>d die Versammlung beschloß die Gründung einer Aktiengesellschaft, für die nationale Verteidigungspresse. Das Unternehimeu soll mit einem Grundkapital von 25 Milliionen 'begonnen werden. Oesterreich. Koalitionsgerüchte. Die Pause in den Arbeiten des Nationalrates wird von allen Parteien zu einer Prüfung ihrer Stellung benützt Hiebei spielt insbesondere das Abkommen mit der Tschecho-Slowakei eine große Rolle. Durch die kräftige Betonung der gemeinsamen politischen Interessen hat dieser Vertrag die Mißstimmung der Großdeutschen und des rechten Flügels der Christlichsozialen erregt Die Großdeutschen fürchten ein Einschreiten der Prager Regierung gegen die in Wien bestehenden sudetenländischen Organisationen, während die Christlichsozialen ihren Freund H o r t h y - vor Unannehmlichkeiten schützen möchten. Andererseits hat die Annäherung der Finanzverwaltung an die radikalen Forderungen der Sozialdemokraten Gerüchte über eine neue Koalition der linken Christlichsozialen mit den Sozialdemokraten gezeitigt Diese Gerüchte entsprechen in keiner Weise den Tatsachen. Es ist nirgends ein Grund zu einer Krise des Kabinetts zu sehen; es ist nur im Bereich der Möglichkeit, daß der Minister des Innern Waber von seiner Partei aus dem Kabinett abberufen wird, da er seine Ahnungslosigkeit in den politischen Fragen zu klar erwiesen hat Sein Scheiden würde nur er bedauern. Die tschechisch - österreichische Annäherung. Paris, 22. Dezember. Der „Eclair“ schreibt über die Annäherung zwischen Oesterreich und der Tschecho-Slowakei, die österreichische Regierung habe einen wirtschaftlichen und einen politischen Erfolg von hoher Bedeutung errungen. Die Präsidentenbegegnung in Lana sei ein Wendepunkt in der Politik ganz Zentraleuropas. Die wirkliche Leitung und das wirkliche Aktionszentrum der großen tschecho-slowakischen Industrien sei noch immer in Wien. Der Prager Markt könne die österreichischen Banken nicht entbehren. Ministerpräsident Dr. Benesch habe die Gefahr begriffen, die eine S t a c h e 1 d r a h tabsperrung für sein eigenes Land bedeute. Es sei klar, daß der Tiefstand der österreichischen Krone der Tschecho-Slowakei das beste Absatzgebiet raube; es sei also für Prag ebenso wichtig wie Jür Wien selbst, daß die junge österreichische Republik sich aus dem gegenwärtigen trostlosen Zustand erhebe und den notwendigen Kredit in der Welt finde. > Tschecho-Slowakei. Eine jüdische Kundgebung in der Slowakei. In Z i I i n ä, dem geographischen Mittelpunkt der Slowakei, fand Mittwoch c'en 21.»d. M. eine massenhaft besuchte jüdische Volksversammlung statt, an der nicht nur der‘größte Teil der dortigen jüdischen Bevölkerung, sondern auch zahlreiche Delegationen aus den jüdischen Nachbargemeinden teilnahmen. Wie seinerzeit gemeldet wurde, hat sich in Zilina ein vom dortigen Kultusgemeindepräsidenten inaugurierter Versuch zur Gründung einer Partei jüdischer Assimilanten aufgeben, welche sich als „Slowaken jüdischen Glau b.ens" gerieren wollten. Dieser Versuch politisch völlig unreifer Menschen, weicher im Falle seines Gelingens „für die slowakische Judenheit von besonderer Gefahr gewesen wäre, weil er die Absicht in sich barg, die Juden'in den Kampf der nichtjüdischen Parteien in der Slowakei hineinzuziehen, was angesichts der noch nicht völlig konsolidierten Verhältnisse im Lande von besonderer Bedenklichkeit hätte sein müssen, hat dank der Haltung der slowakischen Judenheit und des energischen Auftretens des „Yo 1 k s verbandes d er Juden für die Slowakei“ in seinen ersten Anfängen kläglichen Schiffbruch erlitten und die Haltung der jüdischen Bevölkerung von Zilina, welche die Ausführungen der erschienenen Redner, Abgeordneten Stricker und Professor A. Freud, mit stürmischer Zustimmung aufnahm, hat neuerlich bewiese’, daß die Organisation der slowakischen Judenheit auf rei.i jüdischer Grundlage täglich größere Fortschritte macht. Während Abgeordneter Stricker in seiner Rede die Grundsätze der alljirdischen Solidarität und die Anerkennung des jüdischen Volkes durch die Mächte beleuchtete, weiche dieses dem jüdischen Zionismus danke, sprach Prof. A. Freud über die Politik des „Volksverbandes der Juden für die Slowakei“ und bewies die Notwendigkeit einer rein jüdisch-politischen Organisation, welche sich von allen Assimilationstendenzen energisch abkehren und entschlossen dem Kampf um die Anerkennung der jüdischen Rechte führen müsse, eine Politik, deren Richtigkeit Präsident Masaryk wiederholt anerkannt habe. Die wirkungsvolle Kundgebung, welche die Zilinaer Ortsgruppe des Volksverbands der Juden für die Slowakei veranstaltet hatte und um deren Gelingen sich deren Präsident Herr Roth sowie H. Nowak und der unermüdliche Sekretär des Volksverbands Dr. Sa jo besondere Verdienste erworben haben, bedeutet eine neue Stärkung der politischen Organisation der slowakischen Judenheit Senat. Prag, 22. Dezember. In der Nachtsitziing des Senats wurde das Mieterschutzgesetz und das Gesetz Über die Bewilligung von 130 Millionen Kronen für die Alters- und Invalidenversicherung angenommen. Protest gegen albanische Ueberfälle. Belgrad, 22. Dezember. (Havas.) Die serbische Regierung hat bei der Botschafterkonferenz und beim Völkerbünde gegen die Verletzung der Neutralität der geräumten Zone durch albanische Banden Protest erhoben. Serbien verlangt, daß die Konferenz die Albaner zwinge, die Beschlüsse der Konferenz vom 18. November zu achten. Im Falle der Nichtbeachtung würde Serbien die neutrale Zone wieder besetzen, um seine Interessen zu schützen. Die Kabinettskrise. Belgrad, 22. Dezember. (Tsehecho-Slow. Pießbureau.) Infolge des Verharrens der Demokraten auf dem definitiven Rücktritt des Kriegsministers Zesevic hat sich die Krise neuerlich derart verschärft, daß das Verbleiben des Kabinetts Pasic wieder in Frage gestellt ist Da die Verhandlungen fortgesetzt werden, wird eine Verständigung immerhin noch für möglich erachtet Polen. Wahlvorbereitungen der Nationaldemokraten. Krakau, 23. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenztg.“) Das Organ der Witos-Partei „Pia st“ meldet, daß die Nationaldemokraten bereits große Vorbereitungen zu den bevorstehenden Sejmwahlen eingeleitet haben. Zur Sicherung der nötiger Geldmittel haben sich die der nationaldemokratischen Partei angehörenden Gutsbesitzer mit je 120 Mark pro Morge.1 Feld besteuert In Amerika wurden für Wahlzwecke durch Gl o m b i n s k i 100.000 Dollar aufgebracht Der gewesene Minister des früheren preußischen Gebietes hat aus em Staatsschätze 13 Millionen Mark für die Parteipresse verausgabt Zur Leitung der Wahlpropaganda würde schon ein zentrales Wahlbureau mit 700 Agitatoren errichtet. — Und dies alles -- um Polen „judenrein“ zu machen I Wilna. Wilna, 20. Dezember. (Tel. d. „Wr. Morgenztg.“.) Wie „Unser Tog“ von zuverlässiger Seite erfährt, soll die Wilhaer Frage bei der nächsten Session des Völkerbundrates am 10. Jänner 1922 verhandelt werden. . Der Völkerbundrat werde somit über die Wilnaer Frage entscheiden, ohne das Resultat des Sejms, der anfangs Februar Zusammentritt, abzuwarten. Ungarn. Der Spürsinn der „Neuen Freien Presse“. „Jövö“, eines der in Wien erscheinenden ungarischen Tagesblätter, schreibt: Die Wiener bürgerliche Presse darf nicht der Bestechlichkeit geziehen werden. Wir müssen bloß konstatieren, daß sie mit völliger Selbstlosigkeit über die ungarischen Verhältnisse in einer Weise schreibt, wie in anderen Ländern nur weniger selbstlose Preßorgane über Hortliy-Ungarn zu schreiben pflegen. Die Redakteure der Wiener bürgerlichen Blätter sind zumeist Israeliten, das heißt, weniger schamhaft ausgedrückt, Juden. Diese Wiener jüdischen Redakteure haben niemals über den weißen Terror geschriebe i. Richtiger: Sie schrieben nur dann schüchtern, zaghaft, sich entschuldigend, wenn man schon schreiben mußte. Vor kaum zwei Wochen erst lasen wir in der „Neuen Freien Presse“, daß der Aufenthalt des Ivan H e j j a s auf Zimmer Nr. ,434 des Gellert-Hoteis die öffentliche Ord ung nicht gefährde. Benedikt jun., dem vorzüglichen israelitischen oder, weniger schamhaft ausgedrüc'.t, jüdischen Redakteur der „Neuen Freien Presse“, empfahlen wir damals wärmstens dieses Zimmer Nr; 435. Heute plötzlich bläst die „Neue Freie Presse“ Alarm. In einem langen, gewundenen Artikel verkündet sie, daß es in Ungarn bi sh er keine Rechtsordnung gegeben habe, daß die „Move“ und die Erwachenden Ungarn das Leben der Bürger gefährdet usw. Selbst eine Anspielung auf die Kamarilla um Horthy enthält der Artikel Der Artikel dürfte von irgendeinem Legitimisten inspiriert worden sein. Vergessen wir nicht, daß der, übrigens wegen Hochverrats in Haft genommene Gustav Gr atz einst der Budapester Korrespondent der „Neuen Freien Presse“ war. * Aber die „Presse“ ist nicht sentimental. Ihretwegen hätte man ihren gewesenen Mitarbeiter auch auf dem Ofner Li.-Georg-Platz, denn klassischen Enthauptungsplatz, köpfen können. Wenn aber die „Neue Freie Presse“ kons'atiert, was sie eben in jenem Artikel konstatiert, daß der Horthy-Kurs seinem Ende naht, das hinter Betlilen niemand steht, dann wird Bene ikt junior, der das Erbe seines Vaters .bernahm, v.m avitischen väterlichen Spürsinn geleitet, der so häufig sich als Meister der rechtzeitigen, wohl vorbereiteten Schwenkungen erwies . . . immer einije Augenblicke vor dem letzten Augenblick. Palästina. Die neuen Ländereien des National« fonds. Haag, IS. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgen* zeitung“.) Die Besiedlung der Emek-Böden des Keren Kajemeth macht gute Fortschritte. Die topographische Aufnahme der beiden neuerworbenen Komplexe Nuris und Malul wurde nach Plänen Ing. Ruthenbergs von Ing. Treidel durchgeführt. Vom Ostkomplex Nuris sind, nachdem 4000 Dunam Über Auftrag der Regierung aüf sechs Jahre an Araber verpachtet wurden, für j ü d i s c h e Siedler 23.000 Dunam verblieben. Die Arbeit konzentriert sich zunächst auf die Landstrecken, welche an der dem Gilboagebirge entspringenden und aus dem Buche der Richter bekannten Quelle En Charod gelegen sind. Der von hier zum Jordan abfließende Bach reicht zur Bewässerung voa tausenden Dunam hin. Im Rahmen des großzügigen Be* und Entwässerungsplanes wurde ein alter Kanal wieder* hergestellt, an dessen Ufern nun Gemüsebau und Viehzucht betrieben werden sollen. Auch eine Baumschule für Frucht- und Zierbäume ist in Vorbereitung. Andere Stellen wurden entsteint und vorläufig 4000 Dunam mit drei amerikanischen Traktoren aufgeackert. Ueberhaupt sind schon vielfach moderne, aus Amerika herbeigeschaffte landwirtschaftliche Geräte in Verwendung. Die 120 jüdischen Arbeiter, die zuerst in Zeiten wohnen mußten, haben seither arabische Bauten als Unterkunft hergerichtet und neuerdings einen Steinbruch erschlossen, um sich — auch ein Kalkofen ist geplant— eigene Häuser zu erbauen. An genossenschaftlichen Einrichtungen wurden von der Arbeiterlegion bisher eine Küche, Verpflegsmagazin, Krankenbaracke, Schusterei und Schneiderei installiert Von dieser neuen Siedlung aus wird eine 4 m breite und 1300 ra lange geschotterte Straße zur Bahnstrecke Haifa—Semach angelegt und dürfte am Treffpunkt bald eine neue,Station erstehen. Ebenso wurde auf dem 17.700 Dunam umfassenden Westkomplex Malul von 20 Arbeitern mit dem Bau einer Straße begonnen, um die neue Siedlung, welche bekanntlich zur individuellen Bewirtschaftung denMoschawe Owdim (Arbeiterschaftssiedlung) zugedacht ist, mit der Hauptstraße Haifa-Nazareth zu ‘verbinden. Nach Drainierung des Bodens werden plangemäß der Getreidebau und die Pflanzung von Fruchtbäumen in Angriff genommen und die im Hügelland vorfindlichen Restbestände von Eichen, Johannisbrot- und Pistazienbäumen zu Waldparzellen ausgestaltet werden. In der älteren Siedlung Merchawiaist die Mandelernte befriedigend ausgefallen, die Olivenpflanzungen und der vor zwei Jahren angelegte Eukalyptuswald, der demnächst vergrößert wird, entwickeln sich gut und auch der Viehstand der Arbeitergenossenschaft mehrt sich. Den bewährten Arbeitern wurde Boden in Erbpacht gegeben. Der Bau von zehn neuen Häusern ist beschlossen. David Yenin und die Amber, In seinem an Samuels Zivilsekretär gerichteten und im Jerusalemer „Haarez* vom 4. d. M, publizierten Briefe widerlegt David Y e 11 i n die ' ihm zugeschriebenen arab erfeindlichen Aeußerungen, wobei er sich auf sein Interview in der „W i e n e r Morgenzeitung“ (Nr. 932 vom 31. August) wie auch auf deren Bericht über seine in einer Wiener Versammlung gehalte e Rede (Nr. 937), aus denen seine Araberfreundlichkeit deutlich ersichtlich ist, beruft Agudas-Israel liebäugelt mit General Storrs. Jerusalem, 18. Dezember. (Tel. der „Wiener Morgenztg.“.) „Haarez“ meldet, daß Professor d e Haan, Vizepräsident der Agudas-Israel in Jerusalem, an den General Storrs ein Schreiben mit einer Erklärung gerichtet hat, worin er feststellt, daß er mit jenen, die Storrs’ Rücktritt verlangen, nicht einverstanden ist. (Um die Zionisten zu bekämpfen, ist der Agudas-Israel anscheinend sogar das Weiterverbleiben des bekannten Judenfeindes Storrs erwünscht.) Die Mörder Brenners. Jerusalem, 16. De:ember. (Tel. der „Wiener Morgen* zeitung“.) Die Gerichtsverhandlung gegen die Araber, die der Teilnahme an der Ermordung des bekannten hebräischen Schriftstellers I. Ch. B r e n n e r beschuldigt werden, soll noch im Laufe dieses Monats in Jaffa stattfinden. Der Kadi von Jerusalem gegen die arabischen Nationalisten. Jerusalem, 17. Dezember. (Bericht der „Wiener Morgenzeitung“.) Im arabischen Blatte „Al Sabah“ erschien vor kurzem ein heftiger Angriff auf die moslemitischen religiösen, Gerichtshöfe und heftige Ausfälle gegen die einzelnen Richter dieser Oerichtsstellen. Infolge dieser Angriffe richtete der Kadi von Jerusalem und Präsident der moslemitischen religiösen Gerichtshöfe Sch e i k Saud A 1 u r i ein Schreiben an den Oberkommissär Sir Herbert Samuel folgenden Inhalts: Ich las den Artikel des „Ai Sabah“, In welchetn die Richter und die Sekretäre der religiösen Richter scharf angegriffen werden und welcher sich hauptsächlich gegen Norman Bentwich, den juris+ischen Sekretär, richtet. Norman Bentwich ist ein gerechter und unparteiischer Mann, der von allen Bevölkerungsklassen geliebt wird, mit Ausnahme der Intriganten einschließlich den verantwortlichen Redakteur des „Al Sabah“, Kamel El Budefrl, der infolge seiner politischen Verhetzung nach Aegypten deportiert und dem später die Rückkehr in der Annahme gestattet wurde, daß er sich inzwischen geändert habe. Als oberster Kadi für Palästina ist es meine Pflicht die religiösen Gerichtshöfe und besonders den

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