Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1036 (17.12.1921)
- Date
- 1921-12-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ich hatte jüngst Gelegenheit, mit Professor Emesto B uo n'ain t i, einem der' bedeutendsten Gelehrten und hervorragenden;■ Repräsentanten des katholischen Klerus .Italiens, über das Verhältnis der kätholisehen Kirche zum Zionismus zu sprechen. Buonainti, welcher tm jugendlichen,' Alter von 22 *. Jahren Professor der Philosophie an .der Universita , Ecclesiastica in Rom, der päpstlichen Hochschule, wurde, ist gegenwärtig Professor für Geschichte des' Christentums an der Universität in Rom, Auf' '.'seinem' Spezialgebiet hat er wertvolle Schriften über -den heiligen Augustinus und andere Kirchenväter verfaßt. Gegenwärtig redigiert Professor Buonainti 'eine bedeutende Zeitschrift für theologische Wissenschaft, „Rivistä'di Theologia“. Er gehörte ehedem zu den .Führern; der modernistischen; Bewegung, blieb; aber der Kirche treu, obwohl er in vielen Fragen von den jm Vatikan herrschenden Ansichten ab weicht.- .Dennoch gehört' er zu den Intimen des Staatssekretärs. vom heiligen Stuhl CI a s p a r i., Professor Buonainti ’ ist ein Mann von vielseitiger Bildung, ausgezeichnetem Rednertalertt. und betätigt sich auch publizistisch-und schriftstellerisch. Er'hat mehrere Bücher - über politische Fragen herausgegeben, die in Italien viel gelesen werden, wie Bunpainti überhaupt zu den populärsten Persönlichkeiten Italiens gehört. Beim Vatikan’ selbst steht ' er in hohem Absehen... Seine Ansichten über den Zionismus decken sich .nicht mit. dem zionistischen Standpunkt, sind jedoch .angesichts der Perßönlichkeit und des Einflusses Bupiiqintis von größtem Interesse. Ich stellte . ihm drei Fragen, zunächst wünschte ich seine Ansicht über den -Wert .und die ' Aussichten dös Zionismus,M.hören. Buonaiptirähtwortete1;: ,, -- -- 'V? '■- hege ernste ZwÖifel ,-M..',-d.er^ Ausfülirungsmögliphkeit des integralen f zWisWÄM Programms.’ Nach meiner Ansicht steht der Zionismus vor zu großen Schwierigkeiten, sowohl, was die Beziehungen des erhofften. Judenstaates zur 'lokalen Bevölkerung betrifft, .als auch -was den inneren Aufbau des Judenstaates; anlangt, Wird der Judenstaat nach dem Typus des. modernen. Staates, der von der Revolution aufgebaut ist, geformt, so wird er in Widerspruch zu den Grundsätzen der jüdischen Tradition geraten. Wenn er aber dieser Tradition treubleibt, wird er da nicht gebrechlich sein wie ein Tongefäß . mitten, unter Gefäßen yon Eisen und Bronze? Was .den;Wert des.Zionismus Betrifft, so halte ich das Ideal einer Zufluchtsstätte in Palästina für die von dem blinden, und. unmenschlichen Haß des Antisemitismus verfolgten- Juden für - unantastbar; andererseits’ aber glaube ich,, daß die .Juden eine höhere Mission zu erfüllen hätten, indem .sie, in der Welt zerstreut, einen Keim der fortwährenden Erneuerung des sozialen Fortschritts bilden, der sie ja stets durch, ihre Unzufriedenheit .und -ihre Unruhe wären.“ t Auf meine .. Frage, welche Eindrücke Professor Buonainti vom Karlsbader ^Kongreß hatte, antwortete er mir : „Die Verhandlungen des Kongresses machten‘ auf mich deni Eindruck, daß - der Zionismus, vorwiegend dank dem unaufhörlichen Enthusiasmus def Ostjuden, such näch dem Kriege in den Stand gesetzt, wurde, seine Propaganda ' und Organisationstätigkeit mit noch verstärkter Intensität wieder r aufzunehmen. Besonders die Einstimmigkeit der Delegierten im Beschluß über den M aas ser (Keren Hajessod) hat auf mich starken Eindruck ■ gemacht. Es läßt sich allerdings schwer sagen, wie dieser Enthusiasmus sich in Taten wird umsetzen lassen und zu welchen ernsten und nicht vorauszusehenden Folgen er eventuell. führen kann. .Aber der. Enthusiasmus:. der .Massen ist stets eine Kraft,' gegen .die ein Widerstand ‘ schwer möglich ist“ Meine dritte Frage, auf die nur dieser katholische Priester eine Antwort geben konnte, betraf das Verhältnis katholischer Kreise, zürn Zionismus. Die Antwort war folgende: Ich glaube,, daß die Gegnerschaft der katholischen Kreise der zionistischen Bewegung gegenüber hauptsächlich von drei Motiven* bestimmt ist:. Erstens stellt der Katholizismus für die . meisten Völker, bei welchen er die Religion der Mehrheit bildet, eine starke Macht des sozialen Konservativismus dar. Der Katholizismus teilt also die Aengste und die ■Besorgnisse, die die bestehende soziale Gesellschaft angesichts des Programms der. AViederaufrichtung der jüdischen Rasse ^empfindet, da. diese vielen als von dem unbesiegbaren und zähen, revolutionären Geiste beseelt erscheint Zweitens bewahrt der Katholizismus in seiner Tradition eine buchstäbliche und unabänderliche Interpretation des Fluches, den Christus gegen Jerusalem auspesprochen: Fs wird in dir kein Stein am Steine bleiben“, jeder Versuch, Jerusalem einen realen und politischen Weit wiedertugtgon, der wie eine Des-* Prag, 16. Dezember. Ministerpräsident Doktor B e li c s c fr und Gemahlin gaben heute um 20 Uhr abends zu Ehren des Kanzlers der österreichischen Republik Dr. Schober ein Diner. Der Tritiksprüch des Ministerpräsidenten Dr. Behe'$ch.-; Ministerpräsident und Minister des Aeußern Doktor . B en es ch hielt bei dem zu Ehren des Bundeskanzler^; Schober gegebenen Diner, folgenden Trinkspruch: ■ „Herr Kanzler! Im Namen der'Regierung der tschecho-slowakischen Republik danke ich 'dem Herrn Buhdespräsideuten und Ihnen selbst; Herr Kanzler,-für den Besuch, den. Sie unserem Lande abgestattet haben. Ihr Besuch hat eine erhebliche pol i t i s c h e Bedeutung. Er ist eine wichtige Kundgebung der Geistesverfassung, die heute in unseren beiden Ländern allgemein ist: die -bestand e n em S c-h w i e r i gk eiten und Konflikte gehören endgültig der Vergangenhe i t a n. Das Ver- , stän dnis der gemeinsamen Interessen in; der gegenwärtigen schwierigen Situation, (ist sowohl bei , Ihnen als auch bei uns Genreingut Ihre Leiden und Ihre besonderen Schwierigkeiten der letzten drei'Jahre-verstehen. alle, die - tatsächlich eine friedliche Wiederaufrichtung Europas und die Erneuerung der normale» Lage; vom . politischen, wirtschaftlichen, sozialen und; jauch - ■> sitt- -liQhen - .. Standpunkt - AUL ' 'WÜhstzhph. - Seit, d ’r e j . J a h r e n s u c-h e n ' vv i f' : ej-n e n neuen Weg für unser d ei i mit! ve s . und neues V e r h ä 11 n! s. Vor zwei Jahren haben wir den. ersten .Schritt, auf diesem Wege getan, und ein Abkommen geschlossen, das die neue Ordnung in Mitteleuropa bekräftigte und die neue politische Wirklickeit .aus.drückte. Seit dieser Zeit suchten wir diese Situation zu entwickeln, unsere freundschaftlichen Beziehungen zu ergänzen und unsere; verwalt'iingswirtschaftlichen und . finanziellen Ab k o m m en zu v e t v i e 1f ä 1 t i g e 3i. Diese Aufgabe war einige Male nicht - leicht, aber ein Fortschritt auf dieser Bahn konnte , von. Tag zu Tag festgestellt werden. Heute geben unsere politischen Kreise, unsere Presse und unsere öffentliche Meinung — wie Sie selbst, Herr Kanzler, sehen — diesen neuen Gefühlen der neuen politischen; Wirklichkeit klaren Ausdruck. W i r sind Nachbarn, wir hatten in der Geschichte unzählige gern einsam e Beziehungen, wir haben ge rn e i n s a m e wir t~ schäftliche und von heute an auch gemeinsame < p o 1 i t Ische I' n i eres s e n. Unter diesen . Umständen kann man nicht, umhin, dieser politischen Wirklichkeit Ausdruck zu geben. , Dies taten wir während' Ihres Besuches bei uns. Wir haben die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten, die zwischen uns als Erben des Friedensvertrages bestanden, gänzlich liquid! e r t. Wir haben uns über unsere w i r t s c h a f 11 i c h e Zusammenarbeit in der Zukunft g e e i n i g t und ein politisches Abkommen g eschlossen, das, indem es die neue Ordnung in Mitteleuropa bestätigt, gleichzeitig ein großer Schritt zum a 11gemeinen Frieden ist. Wir haben uns verpflichtet, daß wir alle strittigen Fragen in freundschaftavouierung der Christus-Drohung erscheinen kann, wird vom offiziellen Katholizismus als eine Beleidigung betrachtest. - ‘ . -■ : Drittens wurden die katholischen greise durch die Tatsache alarmiert, daß die zionistische Bewegung sich unter den Schutz desjenigen England gestellt hat, das gleichzeitig mit allen Mitteln die protestantische Propaganda im nahen Orient fördert-und das heute; aus tausend Anzeichen als die unter allen europäischen Völkern am meisten antikatholische Nation erscheint Es wäre deshalb, um das Mißtrauen und die. schlecht verhüllte Gegnerschaft der katholischen Kreise dem Zionismus, wie überhaupt jeder jüdischen For-' derung gegenüber zu mildern, folgendes nötig: 1. Vollkommene Garantien zu geben, daß der heilige Kern von Jerusalem außerhalb des Versuches der Modernisierung und des Wiederaufbaues bleibe. 2. Die Bewegung so weit als möglich der britischen Vormundschaft zu entziehen und den Zusammenhang zwischen dem Zionismus und der englische Politik im Orient abzuschwäcltea* lieber Weise erledigen werden, wir haben uns ent-* schlossen,' uns an den Völkerbund und an dessen Gerichtshof ztj wenden, falls zwischen uns Schwierig-* ketten entstehen sollten, und haben vereinbart, uns gegenseitig bei der Verfolgung unserer friedlichen Ziele und bei der Verteidigung dieser allgemeinen politischen Linie zu unterstützen. . : - In diesem Sinne, Herr Kanzler, gestatte ich mir, mein Glas auf das Wohl Ihres Landes und auf eine freundschaftliche Zusammenarbeit unserer beiden Staaten zu erheben.“ - Die Antwort des Bundeskanzlers.' 1 Bundeskanzler Schober erwiderte.: J „Herr Ministerpräsident! Die herzlichen Worte, d!s Eure Exzellenz die Güte hatten, an' mich'zu richten^ erfüllen , mich mit lebhafter. Dankbarkeit und großer Genugtuung. . . j " Ich war sehr glücklich, die Gelegenheit zitr Er- ■ neuerüng unserer in Hallstatt eingeleiteten persönlichen! Beziehungen ergreifen zu können, die sich im Besuch «des Herrn Bundespräsidenten bei Seiner Exzellenz dem Präsidenten der tschecho-slowakischen Republik botl Ich war darüber umso glücklicher, als ich hoffen durfte^ daß unsere Zusammenkunft auch . diesmal nicht ohne Früchte für beide Nachbarländer^ bleiben werde. Diese Hoffnung wur d.e n i c h ■£ getäuscht. Ich ‘stimme mit Ihnen in der Fes t-, s-.t-.tz 11 u n g üb er ein, daß der in einer Atmosphärg geAMsMMlWe'r tra u e n..s stäf tgef un de M e i n u n g s a u s t a u s c h Und die V e t s t ä n d i4 g ü n g, die soeben zwischen, Ihnen . und mir. f e st-J gelegt wurde, eine neue Etappe in den Beziehungen beider Länder bede u t fe tj die der Neugestaltung Mitteleuropas .angeboren, zu dessen Aufrichtung und friedlicher Entwicklung sie beitragen müssen. , In Oesterreich sowohl .wie in der Tscheche^ Slowakei bricht' sich immer mehr die Ueberzeüguiigj Bahn, daß. das Wohlergehen beider Länder mweitem MaLe von jenem' des Na ch b ar n abhängt Diese Ueberzeugußg ist es, die uns in unseren so zahlreichen und wichtigen wirtschaftlichen Fragen gewidmeten Zusammenkünften geleitet hat. Wenn wir überdies grundsätzlich übereingekommen sind, daß alle s t r i 11 i g e n Fragen, die zwischen unseren beiden Staaten auf-*: tauchen könnten, in letzter Linie auf schied s-, geri chtli ehern Wege gelöst Werden sollen^ i so haben wir die Genugtuung, zur Verbreitung jener i großen F r i e d e ri s i d’e e beizutragen, die heute; die Gemüter aller zivilisierten. Länder beherrscht So sind wir, glaube ich, berechtigt, uns zu den errungenen E r g eb n i ssen zu beglückwünschet und in einer nahen Zukunft noch andere zu erhoffen. Indem ich für den so warmen Empfang und die herzliche -und liebenswürdige Gastfreundschaft dankes die meine. Mitarbeiter und ich in dieser alten und ehrwürdigen Hauptstadt genossen haben, trinke ich! auf Ihre Gesundheit und füge die wärmstes Wünsche? bei für das Gedeihen der tschecho-slowakischen Rer publik und die freundschaftliche Zusammenarbeit unserer beiden Länder.“ .Nach dem Diner fand ein Empfang statt* zu denr. zahlreiche Abgeordnete,. Senatoren und Vertreter der [ einzelnen Ministerien und der Presse geladen waren» Speziell wäre es nötig, daß die christliche Be-*’ völkerung Posten in der Verwaltung besetzt und at* der Regierung von Palästina teilnehme. Nur unter diesen Bedingungen werden die Katlio-» liken aufhören,, in der zionistischen Bewegung einen» Versuch der Unterdrückung durch die Juden zu sehen? *. st—. Vor der Friedenskonferenz in San Remo ftaij der Papst den Repräsentanten der zionistischen Organi-j satten Nahtim S o k o 1 o w empfangen und ihn seines/ Wohlwollens für die zionistische Bewegung versichert! Im Gegensätze zu dieser Versicherung steht die Tatsache, daß nach San Remo wiederholt von Rom aus* antizionistische Erklärungen in die Welt gingen und die? dem Zionismus feindliche arabisch-christliche Propa-- ganda in Palästina von den höchsten kirchlichen Steilere aus, so von den KardinäleH in London und New York! offen gefördert wird. Aus den Aeußerungen des wohH unterrichteten Professors Buonainti geht nun hervovi daß man es nicht etwa mit gegensätzlichen Strömungen innerhalb der katholischen Kirche m Ärst ■ "li