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Wiener Morgenzeitung · 1921-12-11 · Heft 1030 (11.12.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1030 (11.12.1921)
Date
1921-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der alldeutsch-antisemitische Abgeordnete Zeidler, ein Gymnasialprofessor'der in seinen Pärteikreisen den Ruf eines Historikers besitzt, warf dem Judentum die Vorbereitung und Durchführung des. Weltkrieges vor und bezichtigte es eines beispiellosen Verrats am deutschen Volke. Er kam aber atu Schlüsse ’?u dem Ausspruch, daß keine auswärtige Politik, wie die Staatspolitik überhaupt, an der Judenfrage Vorbeigehen könne. Die gleiche Tendenz hatte ein dem letzten Parteitag der österreichischen' Sozialdemokraten vorgelegter ' Antrag der Delegierten Pelzer' und Morgenstern, die Besprechung der Juderifrage auf die : Tagesordnung des nächsten Parteitages zu setzen. Der Antrag wurde der neuen Parteileitung zur Behandlung überwiesen, was so viel' heißt wie: Papierkorb, Trotzdem erbringt dieser Antrag wie die Anregung des Abgeordneten Zeidler den Beweis, daß das Streben - nach Klarheit in einem so gewichtigen Problem der-, Zeit nunmehr auch außerhalb des Judentums sich zu zeigen beginnt Die Zuspitzung der Judenfrage zu ihrem heutigen bösartigen. Charakter ist nur dadurch möglich geworden, daß alle Versuche des Judentums, zu eirier'Klärung seiner Beziehungen zu den Völkern zu kommen,1 mißlungen' sind.. Sie sind fehlgeschlagen, weil auf der anderen Seite nicht; der Wille zu eirier gütlichen Auseinandersetzung bestand -und weil.das Judentum immer in'die Stellung' des Angeklagten gedrängt wurde, der sich einem vorgefaßten 'Urteil gegenübersieht. Die Voraussetzung einer jeden Auseinandersetzung Ist die klare'und unzweideutige;Erfassung des Problems, seine! Loslösung vqri allen Nebenfragen und die .Ausschaltung jeder feindseligen Absicht Solange Über die.Juderifrage so gesprocheii wird, wie dies ■ vön ssiten-^erf sogenannten LiHsWipMeri Wissenschaft geschieht, ist eine Klarstellung;Ä$fotens unmöglich. Die . Judenfrage' ist eine rnterriätiönaie Angelegenheit geworden und' sie ist nur in. Uebereinstimmung der jüdischen Nation mit den: arideren Völkern zu lösen. Die Entwicklungsgeschichte der Staate« zeigt, daß eine nationale Frage nur von der Nation selbst entschieden werden kann. Ihre Lösung kann niemals, sei es durch einen freundlichen öder feindlichen Akt anderer Völker und sogar Völkergruppen, ohne das betreffende Volk selbst erfolgen. Noch weniger aber kann 1 sie gegen den Willen des Volkes geschehen. Das jüdische Volk ist erst am - Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts politisch erwacht; es hat um diese Zeit im Zionismus seinen politischen Willen «iedergelegt, als eigenes Volk auf eigener Scholle zu leben. Es fordert seine « Anerkennung ' als ' nationale Individualität mit allen Rechten, wie sie einer solchen zustehen, und will sich nirgends den Pflichten, die es auf sich nimmt, entziehen. Daß das jüdische Volk fast - in allen; Staaten .und unter allen. Völkern ein Objekt des wildesten Hasses geworden ist, beweist nur die Unfähigkeit der Völker zur, Lösung der Judenfrage, ändert abrir nichts an der inneren Berechtigung des Judentums zu'seinen -Ansprüchen auf gleiche nationale Geltung. Ebensowenig kann die Tötschweigetaktik, die die Sozialdemokratie, über das Judentum verhängt hat, unser Recht' auch nur irgendwie dementieren. Wir haben unsere Forderungen vor aller Welt erhoben. Wir sprechen öffentlich und rückhaltslos; es gibt kein Geheimnis, nichts was wir vertuschen oder beschönigen würden. Wer zum! Judentum . Stellung nehmen will, kann dies jederzeit tun und findet unsere Unterstützung, solange er sich auf der positiven Basis befindet und nicht von offenkundigen dummen Fälschungen ausgeht Wenn ein Historiker, wie etwa Herr Zeidler, unbewiesenes Getratsch als geschichtliche Wahrheit vorträgt, wenn er von einer geheimen jüdischen Weltzentrale in London faselt oder den angeblichen Ausspruch der Mutter eines Barons Rothschild zitiert, wenn er die „Geheimnisse der Weisen von Zion“ als unanfechtbares Beweismaterial herbeiträgt, so ist er wissenschaftlich beiläufig so zu werten wie ein mittelalterlicher Scholastiker, der einen Hexenprozeß führte, oder wie ein Literat, der aus den Wagnerschen Nibelungendramen die Feststellung ableiten würde, daß die Blutschande ein Bestandteil der germanischen Volkssitte war. Wie würde dieser Zeidler schreien, wenn ein Jude an der Hand von Schillers „Räubern“ behaupten würde, daß das deutsche Volk zu .einem Teil aus Erbschleichern, zum anderen aus Banditen besteht? Man muß sich mit dem Judentum auseinandersetzen, aber nur auf dem Boden der freien un^ beeinflußten Forschung und auf der.Basis desgleichen Rechtes. Solange man — sei es direkt, sei es im übertragenen Sinnig —■ mit Pogrom und Ghetto arbeitet, Ist eine Klärung Unmöglich. Auf solcher Basis verhandelt das Judentum nicht. Das Judentum von heute ist sich seines Wertes als kulturschaffendes Element voll Die Budgetverhandlung im Nationalrat Eine antisemitische Rede. Vor feerem Banken wurde gestern im Nationalist die Spezialdebs'bbe ü»ber den :Buaidesivöirarn«chlag .begonnen.- Die Kajpitel: Oberste. Volksoirgane, Bundeskanzleramt, Aeußeres, Staafesvertrag - von Saint-Germain tvnd Burgen 1 and wuvdeiri ohne Weit- .wendigkeiten amgenörameD., Das Exipos-e des Bunideskatnizfeni. «bringen wir an anderer Stelle. Nach ihm. kam. dar Gwßdputsche Dclktor .Zeidler, seines Zeichens Vdlbartträgeir, zum Worte.; Eine; .Shuodie •Jang. trug er seinp anscheinend aus deutsobyöfMs-dien , Zeitweise^ :, gesamni elften Lesefrüchite dem Hauf&e v-cr, vy-omit-er, wdld die von ihm selbstausgestellte, Behauptjuiiig V illustrieren, •wollte,; »de-r Deutsche war tinim€sr ei-n schlechter Politiker«. Das Kunterbunt efetr jZ.e i d 1 e r schon H^nzecisergießiin^etn wwde .äthließhch audh dem Piräsidenteä D«r. W e i «s k i r «c h ri e r zu viel, und er ermahnte den RednisA sich an den'' Gegenstand der , Sfpeziajdebaiöfe zu ‘hälfen. SclHlieBlkslV meinte er, man müsse jienes Volk, im den Kreis, der Erörterungen ziehenj -das an »unserem«, durch den Krieg: tnerursachten E$d mehr Schuld hat als fast atlüe anderem femdlidhion Vö’Jker ziutsammengeriommetn: das jüdische Volk. Die Juden trage sei keine innere, so-nA-emn eine äußere Frage ai'A er ersten Ranges. Das rassisch ges'chkcfösene Volk der Juden halbe den Weltkrieg geaäiu vorhergesehon, .fihni r of b e.r e 11 ejt, .ihn j?u unsererii Unglückw t r ts-c h af t: l i c h v e r w-a tt e, i, tind bei- •spiell-ofseai Verrat am dem . geübt. Es sei eirier. 6er Harn.ptschnfdEen - g^rislichen .k 5 r p 6 r 1 i c h e in und leider auifif /g e rs t i g e.ri •Em t"wiäf f n u«aig,und bilde Last,den.ej'ri'zigen Nutznießer des Weltkrieges. Aus. ■•« den ' Geheimaikten ,unserer Banken -würde man. sehen, wieviele Kriege vom diesem Volke vorbereitet, veramfeßt unZ auM 'finaoziert 'wwden. Die Juden besitzen« atiich eiÄ 'St'aaibsirecht, ei«n Weltporagraimm, das - furchtbarste?, das jemals geschrieben wurde. . ' ' In den Protokollen der Weisen von Zkw> * die zwischen 1896 und 1905 von Juden) verfaßt Wiarden, heißt es, heute werden de facto aodfo. einzelne Regierungen belassen, de juire seien aEeir alle 'schon entthront.' AMer Mut, dien das deutsche VoE 'auf .Tau-seudeii von’Schktdhtfeldeiru 'bewiesen-’llmbe, •; -'wird, ganz vergehli-dh sein, wenn eis m feiig'iit, auefv die' Ju d e nfrage zu lösen. A'les, dih*deutsche;;Kuitor, die deutsche Freiheit, steht auf dchi Spiefe, Jwenn' die JudomSrage oicf.:t gelöst wird. ’ ' Fürst Metternich . c .. .> habe im Jahre 1&49 schon-gesagt: »Es gEt im .Deutschen Reiche revolutianäre Kräfte, die /furch-. ■ terlich sind, das jüdische Element t. B. In”Deutsch-, land haben die Juden die erste Rolle eingenommen' ■und sind die hochflieg-tendsten Revolutionäre. Sie' /sind Philosophen, Schriftsteller, Dichter, Redner. - ■ Jönrnalisten, Bankiers; sie werden einen fürchterlichen Tag für Deutschland herbeiführen, waluv schein lieh wird aber dämm, für de selbst ein fürchterlicher Morgen folgen.» Im ersten Tejl seiner Aeußerungenwatr Metternich ein -RroipÖiet, w-antdrif "wir ab, wie sich die russisch? Frage löst: es könnte sich daun vielleicht heramsstellön-, daß.er auch i.ch zweiten T eil ein richtiger Prophet - gewesen ist», und ... -es, könnte si-pk zeigen,, daß, derv e n d g ü, 11 i g. B eA siegte in diesem furchtbaren Ringeri cui.c h t das deutsche Volk gewesen ist. Sodann wurden die Kapitel »Inneres«, rUnterricht« und >Kultus« in Verhamjdte«g gezogen. Die Zukunft der semitischen Rasse. jtaden und Araber. Budapest, 9. Dezember. (Orig.-Bericht der „Wr. Albrgenztg.“) Es liegt nunmehr der Wortlaut des Nachntfes vor, den. der bekannte arabische Forscher A b d a 11a h M i s k o n i am Grabe des jüngst verstorbenen Orientalisten Ignaz Gol dzih er gehalten hat. Abdallah sagte: F „Am Grabe des unsterblichen . Ignaz Goldziher mögen auch Araberträiien fließen. Das gequälte ungarische Judentum . kann stolz sein, daß es inmitten so vieler Leiden, Erniedrigungen und Verachtung der Welt zu beweisen .vermag, welch große geistige Kraft es der Menschheit zu :bieten imstande ist Außerhalb der wisse schaft- •lichen Welt ist es hier in Ungarn nur wenigen bewußt .gewesen, welch großes Genie dieser Mann war. Im Auslande aber, und besonders im Orient und in der a r ab i s c li eti ,N a t i 0 n, war der Namen .Gold- .z i her ein eigener Begriff von hohem Weite. Das Judentum verlor in ‘ihm seinen ausgezeichneten Sohn, das arabische Volk aber einen großen Meister, eine Lichtquelle,, deren Strahlen die Traditionen unseres Volkes, die Heiterkeit und den Ernst unseres Glaubens Blutige Teuerungskrawalle in Graudenz und TiO'rn. Plünderungen. — Einschreiten von Militär. — Tote - und Verwundete. Berlin, 10. Dezember. Infolge der steigenden Teuerung kam es heute in Grau denz und Thorii zu blutigen Krawallen,’ In Graudenz, wo gerade Wochenmarkt abgehalten wurde, ist der Markt von einer vieltausendköpfigen Menge ge- und unseren ganzen Kulturkreis durchleuchtete. Goldzieher war mit seiner tiefen Sachkenntnis auch auf seine Orientalistenköllegen in der arabischen Frage v n großem Einfluß, uns jedoch war er der Apostel im Westen. Deshalb brachten wir Araber ihm und in ihm dem Judentum, welches wir stets als unsere Brudernation ansahen, innige Liebe entgegen. Möge der,Zw ist verstummen, der Kampf, ein Ende' ne hmen in d i es e m heiligen Augenblick! Der Zwiespalt urii Palästina, der heute die zwei Brudervölker voneinander scheidet, ist, wie der große Geist Goldzihers uns lehrte, nur durch die Vereinigung der beiden Vo 1 ks« Kräfte zu bannen. Hand in Hand müssen sie einer glorreichen Zukunft der semitischen Rasse zustreben. Meine jüdischen Brüder! Im Vollgefühle alt dessen betrauert und beklagt die arabische Nation njit euch in dem Hinscheiden des Sohnes eures Volkes auch ihr Blut, ihren Apostel. s türmt und f gän z 1 i ch ausgep1 ü n de 11 worden. Da die Polizei sich als zu schwach erwies,1 mußte Militär herbeigezogen werden; das mit blanker Waffe gegen die Plünderer vorging. Es kam zu heftigen Kämpfen,.bei denen es; T p t e u n d V.erwun dete gab. EinOffizier derKavall.erietruppe wprde vom Pferde gerissen und von der wütenden Menge getötet. Die Unruhen dauern an. In Thorn wurde ebenfalls «f den Geschäften geplündert Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. bewußt und hat für eine Wissenschaft, die in ihrer Wirkung auf Horthy-Pogrome und auf Wabersche Opfionserlässe hinausgeht nur Verachtung übrig. Das Judentum hat im Programm des Zionismus die Art gezeigt, in der es sich die Lösung seiner Frage denkt Dieses Programm ist von einem Teil der europäischen Oeffentlichkeit akzeptiert worden. Wir bedauern es aufs lebhafteste, daß der Beschluß von, San Remo noch nicht die Zustimmung aller Völker gefunden hat Der Grund hieftir liegt darin, daß die Völker - das jüdische Problem nicht, kennen und daß sie durch die Fälschungen und Entstellungen der antisemitischen Pseudowissenschaft daran gehindert werden, die Aufklärung zu vernehmen, ' die wir ihnen: geben. Wir wünschen nichts sehnlicher als einen Ausgleich von Volk zu Volk, der dazu beitragen muß, die gegen das Judentum bestehende Feindschaft zu entwurzeln.

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