Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1027 (8.12.1921)
- Date
- 1921-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aufruf der Exekutive der zioni Der Abbau der staatlichen Lebensmittelzuschfisse, mit dem die österreichische Regierung mit Beginn des kommenden Jahres einsetzen will, wird die Wirtschaft Jedes Haushalts mit großen Opfern belasten. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Bevölkerung' wird die Opfer, welche der Staat fordert, um die Notenpresse zum Stillstand zu bringen, aus dem eigenen Einkommen zu tragen haben. Nach den bisher bekannt gewordenen Leitsätzen sind allerdings bet den Arbeitnehmern und den Angestellten sowie bei den Rentennehmem und Pensionisten Zuschüsse zu den bisherigen Bezügen vorgesehen, die aber knapp ausreichen, um die Differenz zwischen den Rationspreisen für Brot und MM zwischen dem 15. Dezember und dem 1. Jänner auszugleichen. Die . Unterschiede in den Preisen aller anderen lebensnotwendigen Artikel fallen dem Einkommen des einzelnen selbst zur Last. In sehr vielen Familien wird die Sorge um das tägliche Brot sich in schwerstem Maße fühlbar machen, ehe mit dem Eintreten der erhofften Wirkung dieser Sanierungsmaßregel eine Erleichterung sich zeigen känm Während dieser Uebergangszeit den alierschwächsten Wirtschaften die Daseinsmöglichkeit zu erhalten wäre die Aufgabe Jener Kreise, welche in der glücklichen Lage sind, auch an andere denken zu können. Es ist eine falsche Rechnung, wenn manche Leute glauben, ihre Pflicht erfüllt zu haben, - wenn sie ihre Familie entsprechend versorgen. Gewisse Ereignisse der letzten Tage haben auch dem Hartköpfigsten die Lehre gebracht, daß die Erfüllung der sozialen Solidarität ein etwas höher aufgefaßter Egoismusr ist Im Organismus der Gesellschaft steht ’: niemand allein, das wirtschaftliche- Schicksal des einen ist eng verknüpft mit’ dem Schicksal der Mitbürger und der Allgemeinheit«^», ’ 1 Es bestehen innerhalb des Wiener Judentums hinreichende Ansätze für die soziale Fürsorge. Sie sind aber alle infolge der Entwertung des Geldes ohnmächtig gegenüber dem Massenelend. Auch ist infolge der langen Dauer der Hungerperiode seit dem, Krieg eine gewisse Abstumpfung des Gefühls eingetreten. Das soziale Gewissen zu wecken, es wach zu erhalten, ist unbedingteste Pflicht. Die Aufgabe i der Fürsorge sind so mannigfacher Art wie die Erscheinungen des Elends. Die genaueste Differenzierung der Hilfsnotwendigkeit ist die erste Obliegenheit jener Organisationen, die Gelegenheit haben, in die Tiefen des Großstadtlebens einzudringen. Die Fürsorge wurde bisher von kleinen Gruppen ausgeübt, die einander hinsichtlich ihrer Einkünfte wie hinsichtlich ihrer Tätigkeit Konkurrenz machten, sehr zum Schaden, des guten Zwecks. Der erste Grundsatz wäre darum eine möglichst umfassende Vereinheitlichung des gesamten Fürsorgewesens, Zusammenziehung aller in Betracht kommenden Körperschaften, Anlegung eines Zentralkatasters, Bestellung eigener Fürsorgeorgane und besondere Rücksichtnahme auf den Schutz der Frauen und Kinder sowie auf die durch Alter oder Krankheit Erwerbsunfähigen. Zentralisierung der Organisation, aber möglichste Dezentralisierung der praktischen Arbeit. Eine geregelte Fürsorgearbeit hätte zur Voraussetzung, daß das Elendsgebiet in Sprengel geteilt und daß für Jeden Sprengel Fürsorgeorgäne bestellt werden, die nur eine ganz bestimmte Anzahl von Familien zu befreiten hätten. Diese Exekutivorgane der sozialen Tätigkeit müßten natürlich die Möglichkeit haben, aus jdem Vollen zu schöpfen, um den ihrer Sorge Anvertrauten durch wirksame Stütze den Aufstieg in eine wirtschaftliche Existenz zu erleichtern. Nicht Armenpflege, sondern soziale Hygiene, vor allem aber Vorsorge für Arbeit und Kredit Es wirken viele der bestehenden Organisationen segensreich, aber ihre Anstrengung verpufft, weil sie nur dem Augenblick dient und weil sich die zur Verfügung stehenden Mittel, die in ihrer Gesamtheitsehr hoch an steigen und sehr vieles erreichen würden, nach der bisher befolgten Systemlosigkeit zersplittern. Die zentralisierte großzügige Jüdische Fürsorgetätigkeit muß zur Sache der Jüdischen Gemeinschaft werden. Das höchste und wertvollste Kapital ist immer wieder der Mensch und der Schutz des Menschen, namentlich aber des jungen Menschen, ist die selbstverständliche Pflicht der sozialen Oekononric. Die Ziffern der Statistik,; soweit sie bekannt werden, sind erschreckend; am meisten dort, wo sie von den Kindern sprechen, an denen sich das Wort zu erfüllen droht, daß die Sünden der Väter geahndet werden bis in das dritte und vierte Geschlecht Dieses Wort wird zur Wirklichkeit, wenn die Gesellschaft ihre Pflicht vergißt und sich teilhaftig macht der Sünden Jener, die den heutigen Zustand verursacht haben. stischen Weltorganisation. An die Zionisten! Der Zionismus ist in eine neue Phase eingetreten. Nach achtjähriger Pause hat der. zionistische Wille des jüdischen Volkes im September 1921 in Karlsbad wiederum seinen historischen Ausdruck gefunden. Unter dem Eindruck und dem Widerhall einer Katastrophe, wie sie seit Jahrhunderten das jüdische Volk nicht mehr getroffen hat, hat der XII. Zionistenkongeß ein Fazit der neuesten jüdischen Vergangenheit gezogen und dabei seinem Schmerze und seinem Zorne gegenüber den schändlichsten Gewalttaten Ausdruck verliehen, hat der Kongreß die großen politischen Errungenschaften des Zionismus gewürdigt und die bevorstehenden Palästina- Aufbauaktionen sanktioniert Durch den Kongreß hat das jüdische Volk die Balfour-Dcklaration entgegengenommen, die. jüdischen Ansprüche auf Palästina formuliert und nochmals vor aller Welt die Perspektiven des Judentums offenbart Seit der Karlsbader Tagung existiert von neuem die zionistische. Organisation in ihrer disziplinierten Form. Durch konstitutionelle Akte sind sämtliche Instanzen der zionistischen Organisation, Exekutive, Aktionskomitee, Wirtschafisrat, Verwaltungen der Finanzinstitute usw, entsprechend dem Willen des Kongresses bestätigt oder neugewählt worden. . Nicht unmittelbar nach jenem großen Tage des Jahres 1917, der bleibend sein wird, nicht nach der* Entscheidung von San Remo hat der Kongreß sich versammeln können. Bruder und Bruder, Gesinnungsgenosse* und Gesinnungsgenosse blieben noch immer voneinander getrennt, bis endlich nach Beseitigung der schwerstem technischen Hindernisse die Zusammenkunft der von den zionistischen Massen Gewählten erfolgen konntet Erst in einer Zeit, da das jüdische Volk die mit den großen politischen Erfolgen entstandenen Möglichkeiten endlich in konkreten Ergebnissen in Palästina erfüllt sehen wollte, kam die Vertretung der Million zionistischer. Jud-en in Karlsbad zusammen Das dominierende Problem, welches die Gemüter erfüllte und über den Verhandlungen in Karlsbad schwebte, war das Problem der Besiedlung P a I ä s t-i n a s durch große Judenmassen. > Der Kongreß war im höchsten Sinne des Wortes ein Geschäftskongreß, ein Kongreß der Arbeit, des Wolleris und des Denkens. Durch die Fülle von Arbeiten, welche zuvor in den bereits bestehenden Instanzen der zionistischen Organisation . und dann in -den Kommissionen des Kongresses selbst geleistet wurden, entwickelte sieh der-Kongreß in.-seinen Beschlüssen zu zahlreichen Kernfragen als ein programmatischer, der den Zionisten die Marschroute vorschrieb und einen wesentlichen Teil der Fragen klärte, welche die zionistische Welt bewegten. „ , Ungeachtet mancher Gegnerschaft ist im Einklang mit der überwältigenden Mehrheit der Anhänger des Zionismus aller Weltteile:' durch den Zionistenkongreß die grundlegende nationale jdee in ih er v ollen Stärke wiederum zum Ausdruck gekommen, in jener Stärke, in der sie während der ersten zionistischen Epoche im jüdischem Leben eine Umwertung aller Werte hervorgerufen hat. Gegenüber dieser ideellen und prinzipiellen Frage stand in seiner drohenden Größe jenes andere Problem, bis zu welchen quantitativen und qualitativen Leistungen die Einwanderung;der Juden nach Palästina und der Umfang der Kolonisation erhöht werden kann. Werden die Zionisten imstande sein, in den nächsten Jahren Huriderttausende von Juden nach Palästina zu bringen? Ohne direkt ausgesprochen zu werden, stand diese Forderung bei der. Behandlung eines jeden Punktes der Tagesordnung gewissermaßen im Hintergrund. Aus allem resultierte die Verpflichtung für die zionistische Organisation, die Mobilisierung des Jüdischen Volkes, ih erster Reihe aber der eigenen Scharen, zur Durchführung einer großen Wanderung auszurufen. Wir verkennen keineswegs die Schwierigkeiten, welche gerade in den letzten zwei Jahren für unser« Arbeiten in Palästina erwachsen sind. Es ist leider unseren Feinden gelungen, einen Teil der arabischem Bevölkerung gegen die zionistischen Absichten, das heißt gegen die Ansprüche des jüdischen Volkes auf Palästina, aufzuhetzen, und das hat zu gewalttätigen Angriffen auf die friedlichen jüdischen Siedlungen geführt; Obschon wir feststellen konnten, daß diese Ausbrüche künstlich hervorgerufen wurden, haben wir uns doch: keinen Selbsttäuschungen hingegeben und die ganze Schwere des Problems und der moralischen Verantwortung erfaßt, welche wir als Juden und als Zionisten vor der Welt tragen. Auf dem Kongreß, haben wir uns darum; von neuem Rechenschaft über unsere Stellung zu dem arabischen Volk gegeben. Wir haben vor der Welt und’ vor uns selber klargemacht, daß unsere Niederlassung in unserem Lande keinen Angriff auf das arabische Volkstum bedeutet, sondern nur die Selbsterhaltung des jüdischen Volkes im edelsten Sinne, und daß andererseits schon die Anfänge der Besiedlung Palästinas durch Juden der arabischen Bevölkerung unschätzbare Dienste erwiesen haben. Trotz des frisch vergossenen Blutes, trotz der Gewalttaten,; die von der arabischen Bevölkerung Palästinas an uns verübt wurden, haben wir deutlich erklärt, daß wir weder did I Araber verdrängen noch ihre Rechte beeinträchtigen wollen, und daß wir aufrichtig bestrebt sind, zu einer Ver-. ständigung mit ihnen zu gelangen. Aber diese Verständigung muß zur Grundlage haben, daß das historische Anrecht der Juden auf Palästina und die daraus folgende Absicht zur Errichtung einer nationalen« Heimstätte anerkannt werden. Wir sind uns freilich darüber klar, daß es uns nur allmählich gelingen wird, die Araber von der Verkehrtheit ihrer heutigen gegen uns gerichteten Politik zu überzeugen. Darum hielten wir es für. I unsere Pflicht, kundzatun, daß uns nichts in der Verfolgung unseres Zieles wankend machen kann, daß wir’ in unserer palästinensischen Arbeit keinen Augenblick Halt machen, sondern alle .jüdischen I Energien zur Erreichung des zionistischen Zieles in Bewegung setzen werden. 1 Als wichtigstes Instrument für die Durchführung der Besiedlung Palästinas wurde der vor einem Jahre auf der Londoner Konferenz gegründete K e r c n H a j e s s o d vom zionistischen Parlament anerkannt und. proklamiert. Damit eröffnet der Zionismus auch all den Juden, die infolge ihrer Erziehung oder infolge miß-, verständlicher Auffassungen des Zionismus sich noch nicht, zu unserem Ideal durchgerungen haben, die Möglich-, keifv ohne der zionistischen Organisation sich anzugliedern, am Aufbau Palästinas zu arbeiten. Noch niemals ist an die materiellen Kräfte des jüdischen Volkes eine solche Aufgabe gestellt worden. Der Zionismus hat die Forderung ejer Schaffung eines so gewaltigen Fonds nur im Glauben an das j ü d i s c h e V o I k, an sein Verständnis für die Bedeutung unserer Epoche und an seine Opferfreudigkeft proklamieren dürfen. Von diesem ans der jüdischen Geschichte geschöpften Glauben getragen, hat der Kongreß, die Losung ausgegeben, daß der Kerei\ Hajessod die Leistung einer freiwilligen Steuer in bestimmter Höhe bedeute, zu der Zionisten wie Nichtzionisten verpflichtet seien. Dringender noch als in den ersten Tagen nach! Basel, da der Zionismus unter unserem großen Führer HerzLsich zu organisieren begann, ergeht heute unser. Ruf an das jüdische Volk: Gedenket der Stunde, die ihr jetzt durchlebt! Die Völker haben durch internationaiej Vereinbarung eingewilligt, daß das jüdische Volk in Palästina sein nationales Heim erhalten soll; die» Schaffung des Heinis ist jedoch ein zig und allein Aufgabe des Volk e-s selbst Vor bald 25 Jahren, als wir die Parole der Wiedererneuerung Israels in die große Oeffetttiichketti .hinaüsriefen, da waren die stärksten Einwände unserer Gegner diejenigen, welche jetzt durch die* -politischen.Tat'Sachen behoben wurden. Gegenüber der ersten Baseler Deklaration hieß es «mneH daß die äußeren Hindernisse dem jüdischen Volke niemals gestatten würden, in Palästina ein Heim zu errichten.! Der Wille des Zionismus hat jene Skepsis und jene Zweifel zunichte gemacht Nicht gelöst hingegen ist das scheinbar einfachere: die Gewinnung des Jüdischen Vo&es in seiner Gesamtheit. I ln den ersten Momenten nach den errungenen politischen Erfolgen des Zionismus wuchs die Zahl der; Bekenner der Bewegung und der Anhänger der Organisation mit einzigartiger Schnelligkeit auf das Vielfache | an, Allein schon nach kurzem ist-die Skepsis wieder mächtig geworden, Denn durch alle Reihen der Zionisten