Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1026 (7.12.1921)
- Date
- 1921-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»Wien: Zum Abholen In der Expedition, U.,Taborstr. 1—3, oder in einer Verschleißstelle ‘ßFfcafiteta. monatfidl^ KLi.560. MitFöstvfersaml färWieiitraä fo.eaterreich lnonatlicJiJK 500. 81 ow alfeTfWLon., \ fronen tS.-Un,garn: Monatt. ■■ honett 70. Jugoslawien: jonütL vmäi' 15. Polen: JonatU Mark 500. D entschwand: Monatlich Mark 20. Fr a n kr e i c h: Monatl. Frcs. 6. »hotte: 44-0-58, 4S-3ML Ute* abends 17-9-M Mmag*, Men» ^österreichisches Nr. 1026 Wien, Mittwoch, 7. Dezember 1021 3. Jahrgang Briand für eine Versöhnungspolitik mit Deutschland. Staatenpolitik undVölkerpolitik. —y. W i e n, 7. Dezember. Es war eine große Leistung der Friedenskonferenz, daß sie die Ansätze zu einem Völkerbund geschaffen hat. Alle einsichtigen Politiker,’ die die Macht ihrer Staaten nicht auf die Gewalt, sondern auf das Recht bauen wollen, haben seit jeher ein Ideal erstrebt, in welchem ein Bund aller Kulturstaaten der Welt für die Aufrechterhaltung einer' internationalen Rechtsordnung sorgt und dadurch die Keime zu Kriegen gänzlich erstickt. Die Institution . wurde geschaffen, aber sie ist keine Friedenseinrichtung, denn ihre Geburt stand noch im Zeichen des Schwertes. Der Groll, der in einem fünfjährigen Kriege aufgespeichert worden war, schwächte den Gedanken so sehr ab, daß der Völkerbund nur ein Torso geworden ist, keine Reform der veralteten Diplomatie,, sondern. eine Fortdauer der so unheilvollen Politik der Staatskänzleien. Die Verhältnisse in den Siegerstaäten ebensowohl wie in den besiegten zeigen, daß die Krankheit des Krieges noch nicht überwunden worden ist.' Das ist aber nicht die Schuld der Institution, sondern die Schuld des Geistes, . der sie geschaffen hat Noch ist . Europa und die ganze Welt in verschiedene Lager gespalten. Der Gedanke der Weltgemeinschaft aller Kulturstaaten hat noch mit, der Vergangenheit, mit den Interessehgruppierungen .innerhalb der Mächte zu kämpfen. Aber die Idee des Völkerbundes ist zu einem guten Teile verwirklicht. Sie hat sehr große Mängel zu beseitigen-und die Institution so zu erweitern, daß. sic tatsächlich ein Völkerbund und nicht ein Staatenbund wird. . . . .. Staatenpolitik ist Machtpolitik, 'der Hunger nach Gebietszuwachs;; Staatenpolitik heißt1 Bankrott des'niedergebrochenen Gegners, Phrt zürn Chauvinismus und beimKriege.Das'geradeGegenteil.i^t;diQVi3lkerpoiitik.i;$ie'> HedeWt^UMHhunZ des'MiriWKWsg^kM^dM.-' lüf; die Füllturig. /der BAiUriygUU yoii Volk •, ' Sier; schiedliche Austragung aller Dmei'enzM ’ 'der ''friedliche" Wetjstreif auf. kulturellem,; intfustfieljenr und; sbzial ei'tj Gebiet In diesem ‘ Gegensatz * liegtdie^Afeheigung ’ -der alten -Staateiipolitiker - gegen - dip, -Einrichtung-des Völkerbundes begründet Sie wollen'den Völkerbund zu' ihrem Instrumentmachen; Dadurch -wird er .zur Ohnmacht; verurteilt und aus - dieser Lahmlegungleiten ‘die Hetzer in aller Welt, ' die Nutznießer der ’Stäat'en- ,Politik das Recht ab, die große Idee des Völkerbundes •zu’ verhöhnen und zu verneinen. ' :.• --- - Es ist wahr: Trotz des Völkerbundes dauert 'der Krieg im Osten fort, wüten' die Pogrome, gegen ganze Völker weiter; trotz des Völkerbundes besteht noch immer, kein wirksamer Minoritätenschiitz; ja im Herzen Europas; in Ungarn, hat. sich unter der Patronanz gewisser französischer Militärs und Diplomaten , eine Säbeiherrschaft - eingerichtet, - die sich wie ein . Rückschlag in -' die Zeiten der Sklaverei ansieht. Alle Kfitik läßt aber' außer acht, daß der Völkerbund sowohl in bezug Auf seine Befugnisse wie auch in bezugauf seine Ausdehnung poch immer der Entwicklung harrt Er hat keine Exekutive, er befindet sich1 in Genf, fern von den Sturmzentren Europas, und er umfaßt nur einen kleinen Teil” der Menschheit. In seinem ' Lager fehlen - Deutschland und Rußland, - die noch : im Bann sind, fehlt vor allem Amerika, das sich nicht' zum Werkzeug für die 'Machtpolitik ' europäischer; Staaten machen .will. Die Haltung der Hauptstaaten Europas zum Völkerbund ist eine höchst ungleiche. Auf Schritt; und Tritt findet/ man den ..Gegensatz zwischen Frankreich, das fesihälb an. der Staatenpolitik,. und -England,, das in der richtigen Erkenntnis seiner eigenen Interessen sich bestrebt, dem Völkerbund den Weg zu bahnen. Die Freiheit, des ^Handels, Ä/die; England seit jeher eingetreten ,/is^ ist nichts anderes j als Völkerpolitik ‘und . gerade in England hat der Gedanke des. .Völkerbundes als .Institution - des- Völkerrechts und der Völkerordnung .^am tiefsten ’ Wurzel geschlagen. Auf der Konferenz von Washington hat die Staatenpolitik Orgien gefeiert. Dort haben < nicht die Völker gesprochen und auch nicht die Vertreter der Völker, sondern nur Vertreter eng begrenzter militaristischer Interessen, die die Völker nur als Reservoir für .Rekrutierungen auffassen. In Washington konnte Briand eine Rede halten, die nichts anderes ist als eine Synthese der französischen Gloire und des preußischen Kasernentums. Briand wußte, daß er zu Männern ider gleichen Weltanschauung sprach, die, so wie er, im Grunde ihres Herzens das Gew-ltprinzip über das Rechtsprinzip stellen. Ihnen ist der Völkerbund nur eine Dekoration. Zwischen der militaristischen Abrüstung, die immer nur an künftige Kriege denkt, und. der pazifistischen Abrichtung, die an die Verhinderung des Krieges denkt, klafft eben ein unüberbrückbarer Gegensatz. Es ist der Gegensatz zwischen Krieg und Frieden, zwischen Sfaatenoolifik und Völkerpolitik, Mailand, 6. Dezember. (Tel.-Komp.) Der französische Ministerpräsident erklärte in einer Unterredung mit dem Pariser Vertreter des *Secolo“ unter anderem : „Ich bin fest überzeugt, daß Frankreich und Italien hur durch eine auf Gleichberechtigung beruhende Einigung, den europäischen Frieden und damit ihre Zukunft sichern können. Gegenüber Deutschland sind wir zu einer Versöhnungspolitik bereit Kann sich das Kabinett Wirth etwa beklagen, daß wir es be- Kiew,-Dezember 1921. . Vor einigen Wochen sind - mehrere Mitglieder des großen Komitees zur Bekämpfung der Hungersnot verhaftet worden. Zu-diesem" Komiteewaren: nämlich N i c ii t b oi s c h e w i k e nv zugezogen worden. Die Regierung hatte sich - zu- »diesem - Schritt / entschlossen; weil- .das Ausländ Garantien für die gerechte Verteilung der gespendeten Lebensmittel, gefordert . hätte. Diese nie htbolschewikischeri-Mitglfeder, meist Demokraten- und Sbziallsjtenf^er - äus , gHWWr-sm-s k i j - Zerf t, - haben ^feißig^ift-^e^komit^- ’-geä-beitet-' und: sind mit. den fassen/in- ^^e/Berühiiing :.gekommen. Das erregte bKl den regierenden Bolschewiken, / Sepeh die wach-! sehäe;^Popularität Mx;; alten/ Führer -als;; eminente Gefahr erschien.'Eines Tages wurden denn auch die in Betracht kommenden Männer verhaftet und es hieß, daß sie wiegen Hochverrat' vor das Revolutionsgericht gestellt, das heißt,, hingerichtet - werden sollten. Die Nachricht von’ diesem Vorfall gelangte aber überrasdhöncl. schnellins’/Ausland und löste dort Empörung aus. Unter . Androhung der Einstellung der Hilfe - wurde die Schonung der Verhafteten gefordert Unter dem Einfluß dieser Stimmung zog.. man. die. Erledigung der Angelegenheit hin und. nünmehr ‘.hat das Revolutionsgericht die Sache in ziemlich glimpflicher Weise, erledigt. Zehn «Personen wurden zur Strafe der Verb a h r. u n.g verurteilt, die übrigen f r e ig e s p r o c h e n. Unter den Verurteilten befinden sich C'P.r o k o p o w i t s c h (gewesener Minister der Kerehskij-Regierung), K i t s c h i n (bekannter Kadettenführer und Minister : der provisorischen Regierung im Jahre 1917) u d die in Rußland bekannte Journalistin Kuskowa. Diese drei wurden nach Archangelsk verschickt, der Journalist 0 s o r g i n (ein Schwieger- Der Friede zwisdien England und Irland, Gestern früh ist zwischen der englischen Regierung und den Bevollmächtigten -der irischen Sinnfeiner eine Einigung zustande gekommen.-Dies bedeutet eines der größten Ereignisse in-/ der Geschichte Englands und bringt den . viele ..Jahrhunderte langen Streit zum Abschluß. Zwar haben die englischen Enklave - Protestanten in Ulst e r noch nicht zugestimmt, doch - dürfte . hiprin' /keine wesentliche Schwierigkeit ' liegen. Die. Einigung, die durch das Entgegenkommen. der Irenführer, so. des Dubliner Richters! Gr i f f i't h und de V al e r as erzielt wurde, ist ein voller .Sieg Lloyd George s’, dessen Geduld lind Zähigkeit sich auch hier bewährt haben. Die Iren haben, wie es scheint, gegen die Konzession der Selbstverwaltung auf das allirische Parlament verzichtet und damit die Einteilung des Landes in den protestantischen Norden (Ulster) und den katholischen Süden zugegeben. Der Abschluß des Friedens wird sich, wenn er in , Gänze gelingt, auch außenpolitisch geltend machen. Es gibt England die Möglichkeit, seine gebundenen politischen Kräfte wieder uneingeschränkt zu gebrauchen. Die Opposition im irischen Lager wird von den Ra ikalen unter Führung Sir John Craigs in Belfast betrieben, erfuhr aber wiederholt die scharfe Zurückweisung durch Griffith. Ratifizierung des irischen Abkommens. London, 6. Dezember. (Privat.) Das Parlament wird demnächst zusammentreten, um das Abkommen mit Irland zu ratifizieren. kämpft hätten? Durchaus nicht! Die franzö^isöhitälienische Einigkeit ist aber für die Fortsetzung diesen Versöhnungspolitik durchaus unerläßlich und doch! werden bei jeder Gelegenheit Zwischenfälle verursacht! um Frankreich zu isolieren und von Italien zu trennen] Frankreich wünscht sich mit Italien über die gemein-; säiiie Politik zu verständigen, die auch eine Wieder-: annäherung an Deutschland unter der Bedingung Vorsicht , daß es nicht mehr eine Gefahr darstelle, demgegenüber Frankreich allein Wache stehen müsse. sohn . des Zionistenführers Achad-Haam) nach dein Osten. Der irisiere Kampf in der kommu dstischen Partei nimmt immer schärfere Formen an. Man bedient sich bereits gegeneinander der gefürchteten Geheimpolizei, der „Tscheka“. Wäh/ feriddie Gruppe um L e n i n, also die Majorität, ,füi eine Milderung des Systertis,; Preisgabe der :-meiste»*^ Punkte des BbischewriBschen Programms und - Heran-* Ziehung der gemäßigten Sozialisten zur Regie/ riing - eintritt, wollen die Linken von eines! solchen - Taktik nichts ‘ wissen. Sie bezeichnen sie als Hochverrat .und schüren unter den Arbeitern gegen die Regierung.' Vor wenigen Tagen sind nun viele populäre Führer der Linken spurlos ve/rs.c hwu n d e n, . so, spurlos, wie es eben nur die- „T s c h e k a“ zustandebringt. Die- Regierung; weigert sich, irgendwelche Aas-!' kunft;zu geben und: die - .Namen, von .Verhafteten zu nennen. Hi gegen läßt sie das Gerücht verbreiten,-, die? Linken hätten geheime Komitees zur rascheste.it Ermordung, der Führer der Majorität gebildet. . - Die furchtbare Hungersnot; in Odessa,’ / Charkow-, 6. Dezember. (Fünkspruch;) Der Kreis ‘Odessa ist ebenfalls als Hungergebiet .erklärt ' worden. Das Gebiet um die Stadt im Umkreis von iS’Werstr ist ein Hungerzentrum wie das Wolgagebiet, Die; Bevölkerungstirbtbuchstäblich infolge Hungers! Die Gemeindevollzugsausschüsse sind von Abgesandten; .der . Bauernschaft umlagert, die Brot heischen: Fra u e-n .bringen-1 ihre Ki n d e r d dr th in und ve.rlasse-nsie. In vielen Orten vermauern die Bauern ihre Häuser und ziehen mit ihren Familien fort, um Brot zu suchen. Das Vieh hat teils zur Nahrung dienen müssen, zum Teil ist es gegen Brot unigetauscht worden; vielfach ist es wegen Mangel an Futtermitteln eingegangen. Das Siaatsbürgerrecht der öedenburge* ■ Juden. Eine Erklärung des Bundeskanzlers an den Abgeord* , neten Stricker. Die Tätigkeit des gnoßd;aititeohHain,tasemi,tis'dh!£ö] Mimifsibers des Jnaem W a!b eir, welcbeir alle jü-clisdieit Am'siutcüjexr utm das' StaafiuibürgeritiUTn geinierwi ajbldh'ntt,, halt anläßlich .der «bemonsvÄrdMden. Voliksaibjsitiminiiuing; m. Oed-onlbtucg 'besondere Bedeutung ge-1 W0M'e.n.. ‘ Die Juden im OedenbruTger GdbiiQb, dor-ein' Meforzalhil sehin.sücS:(tig des , Augonblklkos iiaiiTu-; wejlidhe-T, sie aU'S dem Krailen den* ’H'ortihys'o'h'm bÄben.- ibesßrecit, hegian- 'begrümd-ete „Besorgmis be-ztig-.; 'libli ‘ dies Eniipfaiigies, den ilh,n-en< H-eirr W a ib e a*'! niil •seiiiem .. jiudeintfein-dilidi-en, uin-geseiteld-dliiein,, Erlässcai dri Oesitanreidh bereiften JcÖn^be. - Anderersoilfes. tila»!’ es die naitioara1, arga-niiskrte Jud-eaieicbarfit' als' E-lirenip-flidiit angesehen., diiie judtem-, des. w’bsfbutng-a-- •ris-dbciiT .Gebietes vor Watberschetr .Willikür.redhltzeitig zu schützen, schvoibl für' den- .Failti, ' als sis,. zu O'esfterreidli 'kfommen »solflibsn-, . alis auoilis für ’ dteji. Fahl, daß die .Absbi-riKiinidig gfegea Oestjetr-rciicib anisf fä-llt und jüdische Staatsbürger seih, w.erdc-d vor det Habgied' und Mordkust aiiagyaurisdier Banden-/ führ er zufflücibteni. Die di esibetzügnlidhon YediaaidJ. Imigen. miit. der östorreioh-isdhetti Regiexiung -halben zi einem positiven Ergebnis geführt Bundoskaimzlei Seb:ober (bat. an den Piräsidenitm dar Morr-rst^ sichen Orgamisation, O'berbautrat Albgeordojete« Roiber-t Stricker, ein Sdvrdben geridlttet', U weichiean eq* cninleitend mit Befriedig-tm-g dbr östu| I reichfi*enu3dilfiich>e!ai Stiaunrums der, .Mehrheit: .„,dei —---«EV»- Aus Sowjetrußland. Verurteilting der Mitglieder des Hungerkomitees. Kampf der Führer gegeneinander. (Eigenbericht der „Wiener Morgeuzeitung“.) -