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Wiener Morgenzeitung · 1921-12-02 · Heft 1021 (2.12.1921) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1021 (2.12.1921)
Date
1921-12-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1021 , Wien, Freitag Aerzte Hausmann und Kyrylenko, der Rabbiner (von K am e n e tz-Pö d o I s k Axe l rö d, eine größere Anzahl von Lehrern und Priestern. Die Familienmitglieder der zum Tode verurteilten Geiseln Wurden gezwungen, bei den Erschießungen anwesend zu sein. Tagesbericht. Aus der Wiener jüdischen Gemeinde. Der Streik. — Anklagen gegen die Streikleitung« Die Unfähigkeit und der mangelnde Wille der Majorität im Vorstande, die Frage der Besoldung der Gemeindeangestellten in zeitgemäßer Form zu erledigen i und durch Reform des. Steuerwesens die notwendige Bedeckung zu schaßen, hat, wie bereits berichtet, zu dem eintägigen D e m o n s t rat i o n s s t r e i k am ■ letzten Dienstag geführt. Die-Angestellten der Kultusgemeinde sind zweifellos im Rechte, wenn sie die Forderung stellen, materiell so gestellt zu werden wie die Angestellten der Gemeinde. Wien, und daß diese Gleichstellung ein-für allemal ausgesprochen werde, um. nicht - jede durch die Wirtschaftsverhältnisse; gerechtfertigte Lohnerhöhung im Kampfe erzwingen zu müssen. Es ist auch verständlich, wenn die Angestellten der Kultusgemeinde im äußersten Notfälle zum letzten Kampfmittel, zum Streik, greifen. Nun wird aber von seiten des Präsidiums des Kultusvorstandes mit Entrüstung darüber Beschwerde geführt, daß der letzte Streik von der Leitung des Verbandes der Angestellten der Kultusgemeinde durch A n- . w e n dun g unerlaubter Mittel durchgesetzt wurde. Es wird behauptet, daß die Mitteilung der Verbandsleitung an die Beamten, die Forderungen der Angestellten seien vom Präsidium glatt abgelehnt worden, den Tatsachen nicht entspreche, vielmehr sei der Verbandsleitung die Erledigung ihres Ansuchens jfür die nächste Zeit in Aussicht gestellt worden.. iE b e n so un w a h r sei die weitere Meldung der jVerbandsleitung an die Beamten, daß der Streik mit 'Zustimmung der G e w erkscha f t des Bund es d er öf f e n 11 i c h e n Ange stellten, welchem der Verband der Angestelltem der Kultüsgemeinde angeschlossen ist, proklamiert worden sei. Vielmehr sei die Gewerkschaft vorher gar nicht verständigt worden. Es, wird behauptet, daß die Majorität der Angestellten der Kultusgemeinde in Kenntnis dieser Tatsachen sicherlich nicht für einen Streik zu haben gewesen wäre* Hiezu kommt noch etwas viel Schwererwiegendes: Es wird mitgeteilt, daß die Verbandsleitung, die'den Streik für a ITe Aemter, also a u c.h f li r das Frie dhöf sam t» anbefohlen hat, in drei Fällen, wo e s si c h um die Leichen reicher Parteien bandelte, die Friedhoffunktion^n gegen Erlag von Spenden äit den Verband frei-' gab. ■ Es liegt nun. an den Beamten, der Gemeinde, in unzweifelhafter Form festzustellen, ob die gegen ihre Verbandsleitung erhobenen-Anwürfe gerechtfertigt sind oder nicht Es kann den Angestellten der Kultusgemeinde * auch nicht gleichgültig sein, sich darüber Klarheit zu verschaffen, ob ihre Verbandsleitung in der Tat durch die Entgegennahme von Spenden für Verbandszwecke selbst den Streikbruch zugunsten reicher Parteien sanktioniert und dadurch den von, Beamtenfeinden verbreiteten Glauben, daß von Angestellten der Kultusgemeinde für Geld alles, selbst der Streikbruch, zu haben sei, bestärkt hat Das Modebuch. Kutö iha-erim -drückt lZ-i'dh die jtuinge utad wn'ge- : IStande’ Amerikamiisicirumg unserer Sittein. tin-d-Bräuche . au-s, daß die Beschäftigung miit Kamst und Literatur immer mehr -und aujssohließl'i'dier in die Hände der iFrattcn, riidhfbigetr der Damen, gelegt wird. \Vi;c in!!Aimeriik&, so ist nuai auch hei uns -der Man^n beschäftigt, «to mak«e money», und' findet in -der Hast .seiner {Geschäfte weder die Muße noch dje Stimmung1,, sich in ein. Buch zu vertiefen. Bücher, Bilder, Musik, gesellschaftliche Repräsentatiioa, jede Form deisJverfeinerten Lebensgenusses -bleibt der Frä-ii voribohalten, die überhaupt in den Kreisen der Besitzenden nach dem Muster des Dollarlandes allmählich den Platz . des kostbarsten LuKUsgegenstandes einnimmt. Da der sogen,annte Mittelstand' im Verschwinden , begriffen ist und jeden Tag tiefer ins 'Proletariat versinkt, haben die-Frauen der.Gebildeten kelbstyersitändlich schon lange,den Kampf um ihren »Platz an der Sonne« der Kunst aufgehen müssen. ----- gelegentlioh in Disku-ssionen. immer noch - die, ^twendigkeit betont, wird, den Frauen des-MjtteluJndes Gelegenheit -zu .verschaffen, einmal ein gutes .^Joh .zu lesen, .so ist das reine Thecmie. Die Frau Arztes, des Lehrers, des Baumeisters hat, halb M,,.rmüdet v-oo -der Last ihrer Hauswirtschaft, schon lange nicht mehr dfe. Zeit,- zu Jescn.,; und) schonlange, lainge .ni-ohtt, mehr, düe Mitteil,,, mit den Büciharpreisein. Schritt zu' halfen. Also beherrscht die Luxusfrau die - iSituiation und damit ist von vornherein die Institution ' des Modebuches gesichert.' ' Das Modebuch muß ikeineswegs immer -ein. mii-liderwertigets .Werk sein» War es doch sogar seit einer Re-ihe von J-aihrch-das Buch der Saison, jedesmal eine gediegene, wertvolle Arbeit. Bezeichnend für den Charakter als M-odeibuch ist 'leddoh der völlige -Mängel jedes Zusammenhanges -zwischen. dem-.Gnuhdziitg des Buches und den wirfldichen Lebensformen -seiner Apostel, Nie 'ist! die Gier nach Genuß, die Oberflächlichkeit, die Vergnügungssucht wilder und toller gewesen als in unserer. Zeiten., .nie der Enfengungiswille geringer als jetzt — da brachte ein findiger'Verleger die Tolstoi-Mode usw. in- Bl-ütc. Heuer 'breminit die Begeistenmg für die alte Liilerahiir aus demfernen }\ , WIBHER MTOGteKgBftVRg' Osten llitdhli-etrloh. -Man liest die W-ertke vfetn . Gou-latma Buddha1, vorn Konfuitse, chinesische Lyrik ulnid persische Sprüche, liest sie, wie man einen bitteren Tee trinkt.— weil's ja doch einmal sein muß. Die selige AUiebe zu-,allem Belebten und Unbelebten ist heuer sehr modern, vielleicht weil der Kampf -aller gegen alle nie grimmiger gewesen ist» vielleicht -aber auch nur ganz einfach aus einer dummen Modelaiuoe heraus. Daß aber 'die Damen, und ganz besonders die Jüdinnen, auch diese -Mode aufs gewissenhafteste mitmachen werden, kann gar keinem Zweifel unterliegen. Zwar fehlen alle Voraussetzungen für d'as. Verständnis dieser Werke,, zwar gibt, es. Lücken, der Belesenheit, -die -bei' ■ Gebildeten nicht ge duldet * -werden -sollten, zvVar! -kennen die Damen von. den'Klassikern' nur jene Dramen, die em; «Star»' managt^ dzwär haben Äs' die Bibel nie gelesen und halten die Propheten für einen Opern!text, aber trotz alledem haben sie nichts Dningemdieres zu tuin., als diese Lücken, zlu' füllen.. Man, trägt heuer Giftgrün, und 1-iesit Konfuitse. . K. M, Die neuen Gasthauspreise. Die Gastwirte haben, wie wir bereits meldeten, in einer Versammlung die Erhöhung des Getränkeuid Speisentarifs beschlossen. Wie mitgeteilt wird, werden nachstehende Preise ab nächster Woche in Geltung sein: In den kleinbürgerlich e n Gasthäusern wird eine SuppeK 20 bis 30 kosten, ein Gulasch K 200 bis 230, ein Rindfleisch ohne Beilage K 180 bis 200, Gemüse K 30 bis 50, Kartoffeln K 25 bis 35, ein Braten K 250 bis 300, eine gekochte Mehlspeise K 50 bis 80 In den großen bürge rli c hen Betrieben werden die.preise..ungefähr diese sein: Suppe K 30 bis 80, Gulasch K 250 bis 280, Rindfleisch K 200 bis 240, Kartoffeln K 30 bis 50, Gemüse K 50 bis 80, Kalbsbraten K 280 bis 300, Beefsteak, Ramsteak, Rostbraten bis K 400, ein halbes Brathuhn etwa K 700, gekochte Mehlspeise K 80 bis 120, feine Mehlspeise K 120 bis 180. Der ehemalige Vizebürgermeister Dr. Moritz Lederer gestorben. Heute verschied im 90. Lebensjahre Dr. Moritz Lederer, welcher zur Zeit der liberalen Gemeindeverwaltung durch 25 Jahre dem Wiener Genieinderat angehörte und in den Jahren 1878 bis 1880 als Bürgermeisterstellvertreter fungierte. Ein Werk über das sepltardische Judentum. Der akademische-Verein Esperanza in Wien bereitet ein Werk über das . sephardische Judentum vor, welches über Geschichte, Kultur und Sprache der Sephardim handeln und die geistige und soziale Lage der späniolischeh Juden in ihren derzeitigen Wohnländern beleuchten soll..... Ein besonderer Abschnitt soll dem Zionismus und der nationalen Idee unter den Sephardim gewidmet sein, Dem Werke, -welches eine Sehr notwendig gewordene Aufklärung unter die spaniolischen Juden tragen soll~ und für welches bereits namhafte Autoren gewonnen sind, ist der, größte Erfolg zu! wünschen. ... ' * Bevorstehende Verkehrsaufnahme zwischen Wien und Budapest. Wie „Be c -s i Magyar U j säg“ aus wohlinformierter Quelle erfährt, wird wahrscheinlich noch im Laufe dieser Woche der Verkehr auf der Eisenbahnlinie Wien—Bruck-—Raab in der Richtung gegen B u d a p e s t aufgenommen. ♦Der erste radiotelephonische Gottesdienst bat gestern in New-York stattgefunden. Heber 100.000 Personen, die sich in den verschiedensten Teilen der Stadt befanden, hörten auf diesem Wege den Gottesdienst an. * Zionistischer Wahlsieg in Saloniki. Ende Oktober haben in der jüdischen Gemeinde Salonikis die ersten Wahlen auf Grund des neuen Wahlrechts eine absolute Mehrheit der Zionisten und Prozionisten ergeben. In der aus 70 Mitgliedern .bestehenden Gemeindevertretung befinden sich jetzt nur 17 Nichtzionisten. ♦ Aus dem Stadtsenät. Der Stadtsenat hat gestern die Vorlagen des Finanzausschusses, betreffend die Einführung-einer Abgabe von Anzeigen sowie die Aenderung der Wertgrenzen im Luxuswarenabgabegesetz, genehmigt. * Sie haben keine anderen Sorgen. Die Budapester liberalen Juden haben trotz aller Revolutionen und trotz der furchtbaren Schläge, die ihnen der weiße Terror versetzt hat, noch immer nicht Vernunft angenommen. In der letzten Gemeinderatssitzung in Budapest richtete der „liberale“ Doktor Moritz E1 e k an den Bürgermeister, die Anfrage, ob ihm bekannt sei, daß ein Schuldirektor den Jüdischen Zöglingen seiner Schule das Tragen von „H o.r t. h y - K a p p e n“ unter schweren Strafen ' verböten hat. Dr. Moritz. Elek protestierte dagegen aufs schärfste und bat um Abhilfe, Die Briefe Bismarcks an seinen Sohn. Noch vor Weihnachten werden die bisher unveröffentlichten Briefe Bismarcks an seinen jüngeren Sohn unter dem Titelr „Bismarcks Briefe an seinen Sohn Wilhelm“ erscheinen., Das Buch ist des allgemeinen Interesses deshalb schon sicher, weil Bismarck darin * zu einem Knaben über politische Vorgänge spricht ♦ Der boykottierte Wells. Havas meldet aus-Londons „Daily Mail“ teit mit, daß sie die weitere Berichterstattung des Schriftstellers Well s, den, das Blatt nach Washington entsandt hat, wegen seiner fränzosenfeindlichen Haltung einstele. Wels spreche ungewöhnlich günstig über Deutsch- .!and und Rußland, sei dagegen sehr ungerecht und feindlich gegen Frankreich, Seine Anschuldigung, daß Frankreich treubrüchig gewesen sei, bezeichnt das Blatt als schändlich. Petroleumpreiserhöhung. Ab 4. Dezember wird der Ladenpreis für einen Liter Petroleum auf K 162 erhöht Die zur Ausgabe gelangenden Quoten bleiben wie bisher. * Streik der Gemeindeärzte im Lande Salzburg. Aus Salzburg wird gemeldet: Mit gestrigem Tage haben die Genieinaeärzte des Landes wegen Nichtbewilligung verschiedener an die Landesregierung und an den Landtag erhobener Forderungen, wie Tariferhöhung, Anstellung als Landesbeamte usw., die Ausübung der Praxis eingestellt. Gegenwärtig finden Verhandlungen bei der Landesregierung statt. * Uebertretungen gegen die Mieterschutzverordnung. Das Kriegs wucheramt hat den Privatbeamten Hugo P i t s c h, VI., Esterhazygasse 31, wegen Uebertretung der Mieterschutzverordnung mit K 3090 bestraft, weil er sich als Hausadministrationsbeamter gelegentlich des Verkaufes eines Gasthauses für die Vermittlung der Mietiibertragung von der Verkäuferin den Betrag von •' 2.,. K 60.000 bezahlen hat lassen. Die Private Franziska P a w e T e z; II., Stuwerstraße 30 wohnhaft, wurde mit K5Ö00 bestraft, weil sie für die Ueberlassung ihrervfrüheren Wohnung mit Möbeln im Schätzungswert von K. 64.000 einen Betrag von K 129,000 vereinbart hatte. ' * Der D-Zugsverkehr Wien—Budapest.^.Wie diej Südbahn-Direktion mitteilt, wird der Verkehr der .'Platten-' see-D-Ziige zwischen-Budapest und Wien über * Wiener«1 Neustadt vom 2. d. M. ab wieder aufgenommen.; . Wetterberichte Voraussage: Zunehmende Bewölkung, Neigung zu leichten Niederschlägen, vorerst noch: keine . wesentliche Temperatüränderung:; allmählich anwachsende nordöstjiche Winde. ’ ' Ernährung* Der Marktbericht. - : Weiteres Anziehen der Fleischpreise. : Der gestrige Tag brachte neuerliche sprunghafte Erhöhungen der Preise für die meisten Fleichgattungen, diej geradezu katastrophale Formen annehmeh.. Dazu-wird uns1 von maßgebender Stelle erklärt, daß die Preissteigerungen,! die im Defailverkauf in Erscheinung treten, hoch immer nicht den Preissteigerungen entsprechen, die im Großhandel! beim Lebendvieh auf dem letzten Markte in St. Marx ein-! getreten sind, so daß wir leider noch immer nicht mit einer Stabilisierung der Preise rechnen dürfen. Außerdem! wird darüber Klage geführt, daß. die ohnedies; horrendem Preise, die in der Großmarkthaile gelten, in den Bezirks-! geschaffen noch wesentlich hpher sind urid bei manchem Kieischgattungen die Preisunterschiede oft bis' zu K 100 betragen. Im gestrigen Verkehr erhöhten sich irr der Großmarkthalie vorderes Rindfleisch um K 40; hinteres Rindfleisch gleichfalls um K 40, Bratenfleischj um K 20, Kalbfleisch und Schaffleisch um je K 40,-Schweine^ fleisch bi& K100 per Kilogramm. Es stellte sich s.omit vorderes Rindfleisch im Detailverkauf in der Größmä'rkthalie auf K 500 bis 720, hinteres auf K 520 bis 760, Brät^nfleisch auf K 680 bis 800, Kalbfleisch ..auf: K 500 bfe‘- 640> Schaffleisch auf K 360 bis 460 und Schweinefleisch aut K 800 bis 1000 per Kilogramm. Speck und FN^,- notierten! Unverändert mit K 1500 bis 1700, Schmalz mit K 1500 bis K 1650 per Kilogramm. An Rindfleisch standen über 112.000 Kilogramm zur Verfügung, an Schweinefleisch .über 1;7.000 Kilogramm. Mit der Bahn war ein Waggon Pferdefleisch, enthaltend 10.000 Kilogramm, aus Polen eingötrÖflen. . ‘ . Auf den Grünwarenmärkten war die Beschickung äußerst schwach. Gestern traten die bereits vorgestern, gemeldeten Erhöhungen der Preise-für Kartoffeln. Qualitätsgemüse und Aepfel in Kraft. Der Verkehr war infolge der hohen Preise und des Frostwetters nur gering. Eier waren nirgends zu sehen. Ini Schleichhandel werden Preise bis weit über K 100 für ein Stück - gefordert. KONZERTBUß&AU' DES „HÄRlüftCH“ II;, Taüorstraße 1. Festsaal des Gewerbevereines, I., Eschenbachgassfe 11 Samstag, 3. Dezember, 7 Uhr LÜCHTBSLPEIIVbRTaAa •IniversliStsprofesser l)>. M. Eislers nal oi sä iifer ““ Karten: Kasse der „Wiener Morgenzeitung“, II., Taborstraße; Nr. 1 bis 3, Buchhandlung Löwit, I., Rotenturmstraße 22; Kartenbureau A’fda, Taborstraße. 9295 ' Burgtheater. (Zum ersten Male: „Madame L e g r o s“, Drama in drei Akten von Heinrich Mann.) Paris, anno 1789. Madame Legros,.. Putzmacherin und Strumpfwirkersgattin, ist eine hausbackene, gewerbfleißige Frau, dem Gatten in Gehorsam und Liebe ergeben; Vom Turm der Bastilie, der dunkel und dräuend das Qäßchen überragt, in dem sich der Laden des Ehepaares Legros befindet, ist ein Zettel herabgeflattert. Der Fetze» Papier enthält die flehende Bitte eines Häftlings, derj 43 Jahre schuldlos in der Basjille schmachtet, ihn endlich zu'befreien. Madame Legros hat den Zettel aufgelesen, ist; bleich und fiebernd nach Hause geeilt und eine andere ge-| werden. Es ist ihr auferlegt, der kleinen, schlichten Putz-! mhcherin, den Unglücklichen zu retten. Sie wird eine große Frau und geht hoheitsvoll ihren Passions weg. -Denn ein' Leidensweg, der durch Schmutz, Verworfenheit, Intrige» führt, führt zur Erlösung des Gefangenen und sie geht ihn; tapfer zu Ende. Sie wiegelt die Leute-der Gasse auf:: „Ehrlich bleiben 1“ ruft sie, „nicht mitschuldig weiden ini Unrecht, das geschieht.,Was sage ich: schuldiger als alle,! die nicht darum wissen!“ Man will sie einsperren..; Ein junger Chevalier, Günstling der Königin, Sohn seiner Zeit,! hat der Szene beigewohnt und einen neuen Kitzel emp-: fundeu. Die schöne, flammende Bürgerin muß ihm gehören.; Er befiehlt ihre Enthaftung, verspricht ihr die Befreiung des Unschuldigen, fordert aber als Preis ihren Leib.i Madame Legros sagt nach kurzem Kampfe zu. Sie muß auch weiterhin erfahren, daß keiner re!qe>-Mnde-Mtz»M»! kann, der an der Bastille rüttelt. Sie dürchzieht 'Straßen! und Plätze, mahnt hoch und niedrig, den Unschuldigen zu1; befreien, bis ihre Rede zur abgenützten, verlachten vLita.nei wird. „Sie tragen,“ sagt eine alte Marquise^ in ,vder: menschlich und dichterisch schönste« Szene des; Stjicke^ „Ihre Gefühle zur Schau, wie andere ihren entblößten. Busen. Sie haben Ihre Seele abgerichtet und können die Stimme' davon überfließen lassen.“ Der Pariser AdelMt an der merkwürdigen Frau eine unerhörte, pikante Spe-? zialität gefunden, die man sich zum Amüsement kommen läßt. „Sie sind eine Kurtisane der Tugend!“ ruft ein Höfling entzückt aus. Gleichzeitig zwingt-' er aber die Geprüfte, jenen Chevalier , schmählich zu verraten.' Bald fühlt sie, daß ihr Ziel nur erreichbar ist, wenn sie Komödie spielt und der verfaulten Hofgesellschaft zu Willen ist; Sie läßt die Königin Maria-Antoinette hören, wonach sie dürstet: daß sie in perverser Lust den stinkenden Gefangenen im Kerker umarmt habe: „Er nahm mich ' wie eine- Sterbende. Ich fühlte, daß er mager war 'wie det* Tod. Ich roch Verwesung, da wir uns küßten, ündl da^ wai? süßer als aller Blumenduft liier oben . ,Die Königin

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