Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1021 (2.12.1921)
- Date
- 1921-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2980100--09534-2995794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
jElnzelnummer Wien: Zum Abholer in der ''Expedition, IL,Taborstr. 1—3, .;oder in einer Verschleißstelle '.((Trafik), monatlich K..56Ü. i ..... »Mit Postversand fürWien und /{Oesterreich monatlich K 560. /:y_j •— c. iTschecho-Slowakei:Mon. Kronen 18. Ungarn: Monatl. Kronen 70. Jugoslawien: MonatU Dinar 15. Polen: ^Monatl. Mark 500. D e.utsch- Jand: Monatlich Mark 20. Frankreich: MonatU Frcs. 6. rrnrr JUWfc.KlT -ffefieir: Monatlich Rumänien: MonatU Lei 30. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Francs 3i * ■ V - H Redaktion u. Administration/ Wien 1L, Taborstrasse. 1—3^ Telephone: 44-0-38, 43-3-19$ ab 6 Uhr abends 17-9-3A Telegrammadresse: „Morgen- .zeitung“, Wiem f '' 'Oesterrelchisches Pöstsparkassenkonto 15V.63Ä Nr. 1021 Wien, Freitag, 2. Dezember 1921 3. Jahrgang Der Teuerungsstreik. y. .W i e n, 2. Dezember. Um die Mittagsstunde verbreitete sich in Wien Ke Nachricht von dem Teuerungsstreik der Floridsdorf er Arbeiter und von, dem Aufmarsch gewaltiger Massen im Innern der Stadt. Welchen Umfang diese Bewegung hat, läßt sich zur Stunde noch nicht ganz übersehen. Sie ist ein Ausdruck der Stimmung, welche die breitesten Kreise erfaßt Hat Es ist Tatsache, daß die gesamte.Bevölkerung,, die von ihrer Arbeit lebt jfod nicht Ressourcen aus Börsengewinnen und Agrar- $vucher hat von einer Erregung“ befallen ist, die von. ^er. VerzwÄLung nicht mehr weit enfernt ist' Brot Mehl, Zuqker, Fleisch, Fett,’, Kohle, Briefporto, Eisenbahnen, Kleider, Schuhe — kurz alles, wessen der Mensch?um Leben bedarf, verteuert' sich von Stunde zu. gtunde. Der Kurstaumel ap der Börse findet 'sein' Echo in der wahnsinnigen Preiserhöhung aller lebenswichtigen. Artikel. Die große Masse des Publikums, der Her Preiswirbel, die Besinnung .zu nehmen droht,, hat jeden Glauben, und jede Hoffnung .verloren und die Vorfälle des gestrigen Tages lassen erkennen, daß keine ^eit mehr zu verlieren’ ist und daß es sich,.was,die Ruhe und Existenz des Staates änbelangt, .tatsächlich um die letzte, Stunde handelt , . . ■ r Der politische Moralprediger, der alle Dinge nach Hem unmittelbaren Effekt beurteilt, mag sich : darauf zurückziehen, Demonstrationen solcher Art für zwecklos zu erklären, weil sie im Augenblick "keine Aenderung des Zustandes bri ngen können. Damit kann man. sich Aber heute nicht begnügen. Die Bevölkerung von Wien, die .an Geduld und Lebensklugheit in den vergangenen drei Jahren das Menschenmöglichste geleistet hat,' ist auf die Straße gegangen, um zu dokumentieren, daß He eine Fortdauer, der bisherigen Verhältnisse r nicht Teuerungskrawalle in Wien. Schwere Ausschreitungen der Demonstranten. — Plünderungen in den Wiener Geschäftsstraßen. MilHonenschaden. — Regierungsmaßnahmen gegen eine Wiederholung. W!6h,AuftMenvohiMllbÄi^kfMgUjed«hA^sMMMl1^ dpß die Verhältnisse' Mänaexk’ vor allem Sache des' HÄgertum's*. unH deyDntprhEmer, sich mit diesem Stand 'der Dinge vertraut'zu-machen. Keine Reflexion kann darüber hm weghelfen, daß die Lasten des Staates auf den Schultern, der wenig oder gar nichts’Besitzenden liegen und daß die Besitze den, die'die Leitung und Verwaltung des Staates in Händen Haben, bloß mit einer Verminderung ihrer; ‘Gewinne; davongekommen. sind. Die Erkenntnis, dieser Unmöglich-’ keit muß .es jedem nähelegen, die Konsequenzen:daraus zu ziehen, und' die Bürgerpflicht,’*für des Stäates’Erhaltung die stärksten Opfer zu; bringen, zu erfüllen. Es mag zwecklos sein, an das Gemeinsamkeitsgefühl und 1 die. bessere Einsicht zu; appellieren, die sich'-’ damit, nicht abfinden kann, daß Kinder Hungers sterben, während die Bars und die Luxuslökale überfüllt sind; daß"; im Hause des 'Armen ‘das Notwendigste1 fehlt, Während der Staat verzweifelt nach neuen Besteuerungsquellen sucht Das Bürgertum ist in1 der stärksten* Gefahr, wenn es' sich in selbstgefälliger Ruhe wiegt’ undwenn große Teile dieses'Standes ein ansehnliches Maßvoll Findigkeit, an den Tag,legen, > wennes: gift,rdeiir Staate die Schuldigkeit zu verweigern. ’E$ muß attf- neizehd ' wirken," wenn' man hört, daß; von der Luxussteuer ’ kaum- 10%. eingegangen sind, vön'einer-. Steuer, die* der Unternehmer ’ von j seiner' Kundschaft direkt; .und bar einkassiert, c'ie Cr also nicht selbst1 zu entrichten braucht.; Auch die Diskussion über; den . AbJhau der Lebeii smittelzuschlis.se findet das Bürgertum nicht auf der Höhe. Diese „Maßregel, deren Notwendigkeit für jeden - feststeht, der 'die. Zjffern' des1-Staatshaushalts liest, -trifft mit vollster Zyhäsfe che Schichten-.der' ' Bevölkerung, die an eine Abwälzung; auf kräftigere; Schultern -nicht denken1 können; uqd* die beim Fleischer,' beim Greißler, ei iijcaufen und bezahle^ müssen. , : Es* ist . unbedingteste /Notwendigkeit; ,claß! vdie Unterrtqhmer-. spliaft fürihre1 Angestellten und. Weiter diese,iSteuer;; auf sich nehmen muß. Die Erregung, der äBevöhrerung Wäre vielleicht.nicht 'so lgrQß,>.wennrinian.;.;8ehqn.-^.ift'ä.e, . daß das. Prinzip der .sozialen .Steuergerechtiglceit Auch von den Schichten anerkannt und praktisch bewiesen ' vyird, die .es. sonst nur. im 'Mund, führen. -'...,'- r . , Vor allem trifft., diese'Notwendigkeit, die Regierung, die. sich in der bittere:i .Erkenntnis der Läge zu* weitgreif enden Taten entschließen' iniiß. Es ist eine Tatsache, daß - das ganze österreichische Defizit, ohne daß Irgendjemand dadurch schwerer ' getroffen, würde, durch’, eine innere. Anleihe. Von den ’,ß,apken -gedeckt werden kannte. Es ist weiter Tatsäcliej d$3-, die österreichische Landwirtschaft für die 'Versorgung 'der Bevölkerung in weit höherem , Maße, herangezogenwerden, könnte. Der Leiter des' Emährüngsministeriunis hat vor wenigen Tagen im Budgetausscnüß darüber Klage geführt,4, däß; die. inländische. Getreidereserve von achzigtaüseild Tonnen nur zur Hälfte hereingebracht worden ist. Kein Stand wird von den herrschenden Parteien so’verhätschelt wie der j agrarische, der in seinem Egoismus genau so wie das städtische Unternehmertum die Verpflichtungen gegen Das tägliche Emporschnellen der Preise der wichtigsten Lebensmittel und Bedarfsartikel hat gestern zur Ar bei t s n i e d e f 1 g u ng in za h 1 reichen Fabriken und z u K r a w alle n gef ü h r t Gestern früh ist zunächst die Floridsdorfer Arbeiterschaft, danach auch die Arbeiterschaft von Stadl a u, insgesamt 10.000 Arbeiter, i n den Ausstand getreten. Der Streik setzte beiden F i a t w e r k e n, bei C 1 a y t o n & S h u 111 e W o r t h; fri der Floiidsdorfer Lok emotiv fab r i k und bei S i em eits <S H a 1 s k e in Floridsdorf ein und griff -dann nach Stadlau über, wo die Arbeiterschaft ' der A! 1ge m einen E1 ek tr i z i fät sg e s’e M schaft „U n io n“ und der Firma W a'gner, B i r o und K u r z ebenfalls die Arbeit niederlegte. Vor den Fabriksetablis&ements sammelten sich Tausende von Arbeitern an und besprachen die Lage. Sie zogen dann zum Floridsdorfer Arbeiterheim, wo eine massenhaft besuchte- Arbeiterversammlung tagte Die’Floridsdorfer Arbeiterschaft hat die Parole ausgegeben, sich um 1 Uhr nachmittags beim Arbeiterheiin in Floridsdorf zu versammeln und'dann den Marsch zue Stadt und in die inneren Bezirke anzutreten. Die S t a d 1 a u e r A r b e i t e r, gegen 10.000 Mann, traten schon um 11 Uhr .den Marsch an. Mittlerweile hatten sich die Arbeiter in den Bezirken 0 t tak r i: n g, S i m ni e.ring^M e Ld 1 i n:g, D ö b 1 i n g, M axg avr.eit e n: umd/W i e:die n, dem, Demönstrationsstreik angeschlossen,' ließen die Betriebe stadbvärts. Der erste -Zug 7 der Arbeiter äus K ä g r ä n, S La d l a u und L.e o p*o:Ld am: zog über, die Praterstraße,- die Marienbrücke und den Franz ‘Josefs- Kai . auf die R ingstraße. Der Zug. marschierte i.n. V i e'r e i reih e n ' in voller Ordnung und war nur von einem .geringen Aufgebot vo Sicherheitswache begleitet. Den Ordnerc'ienst versahen Ordner der Arbeitervereinigungen.; Beim .Vorbeimarsch an der Börse kam es zu st ü r m i s c.lt e*n -Rufen, doch blieb . der Zug nicht. stehen. Die Spitze des Zuges, traf-um ungefähr 3/4T Uhr vor. dem Parl'a.m e.n t ein, wo‘die’ Rampe besetzt würde. .Während, der erste Zug rein demonstrierend an der Börse vorbeizog,; kam es beim zweiten. Zug zu Ausschreitungen vor der Börse. . : . TranMmywagen wurden * angehalten, 1 zahlreiche; Fensterscheiben wurden zertrümmert, Passagiere heraus- : geholt und v e r p r ti g e 11 besser angezdgene Leute,: die dem Zuge entgegenkämen,, wurden' gezwungen,, mitzugehen.' In den Kaffeehäusern. National, Residenz^ und Reisenleithner wurden Scheiben durch Wurfgeschosse zerbrochen. Auch auf dem;kra i wurden im; weiteren Verlauf! Tramway wagen ärigehalten und die, Passagiere zum1 Aussteigen gezwungen. r' ' .* Eine Abordnung . der Demonstranten ’. begab sich ins Parlament und sprach dort irnsozialdemokratischen1 Klub vor, wo sie vom. Präsidenten Sei t z empfangen wurde. .' . ' Demolierungen von Geschäftslokalen und Kaffeehäusern. Gegen 4 Uhr nachmittags setzte sich ein Teil der von dem* Parlament angesammelten Demonstranten, bestehend aus halbwüchsigen Burschen' mit.1 zahlreicher weiblicher Begleitung, über . die PinMräße; in, Bewegung. Alle größeren Ringkaffeehäuser würden äemoiiert1 indem die großen Fensterscheiben;,eingeworfen, zum! Teil auch Mobiliar und Luster^ zertränfmert wurden.' Während sich ein Teil des'Zügels, tuni ^cliwärzen-; bergplatz .be’wägte, wo vor dem Schwarzenberg-Kasino das Ziel der Plünderer war, gelang^ es* einem änderen Teile, bei der Oper , den schwachen,1 Wachjcdrdqn, der den Zugang zur Stadt sperrte, zu durchbrechen.' Die , Exzedenten' drangen zu beider 'Seiten der Oper .in die Stadt ein und demolierten zunächst *^as Hotel .Sacher, worauf/sie sich auf die Geschäftslädeh der Kärntnerstraße stürzten. Die Demonstranten drangen . bis zunr Graben , und Stefanspiatz vor, .wo es der Wache allmählich gelang, sie zu zerstreuen. Zahlreiche Geschäfte wurden demoliert und geplündert u. a. die Niederlage der A r g e n t o r - W e r k e. in der. Kärntnerstraße, deren wertvolle , Silberware» die Demonstranten aus,den Auslagen rissen und zum Teil als Wurfgeschosse gegen die Auslagen der benachbarten Drogerie W a l 1 a c e benützten. Gleichzeitig fanden in den Hauptverkehrsstraße« der angrenzenden Bezirke, vor allem in der Märiähilferrtraße,'Alserstraße und Taborstraße ähnliche Exzesse statt,, die besonders in : cjer.Leopoldstadt gefährlichen Charakter annahmen. Lichtscheue Elemente, trieben sich noch in den Abendstunden in den Straßen, umher und juchten vielfach durch improvisierte Reden, die Passanten, die in großen Scharen die Folgen der Nachmittagsexzesse besichtigten; zu haranguierem Ein Millionenschaden. r Der Schaden, den. die Ausschreitungen an deü Geschäftslokalen verursacht haben, beläuft sich; .auf. hunderte Millionen. Zahlreiche Kaffeehäuser .werden ihren Betrieb längere Zeit nicht wieder eröffnen können, da der Ersatz der großen* Fensterscheiben mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Ein Schuß gegen das Parlament. .. Bei den Kundgebungen vor dem Parlament wurde1 auch ein Schuß gegen das Parlamentsgebäude abge-; geben und das Projektil später im Innern - des Ge-! bäudes gefunden. , . . .... - Bereitschaft der Reichsw'ehf’* - . .: >. ); . : :; . ’ .* >* v.T; In der Nacht patrouillierte Reichswehr in cfe«v Straßen der Stadt *;'•/•;' -; Schadenersatzansprüche der Geschäftsleute. ■ •-/• -; Wie wir erfahren, werden die Geschäftsleute. *äjL die Regierung mit der Forderung herantreten, daß die- Regierung analog dem deutschen Tumültschadengesetz,; für die ihnen zugefügten Schäden 'wenigstens zünr! Teil. Ersatz leiste.;!. 400 Verhaftete. \ Im Laufe der gestrigen Nachmittagsexzess’e wurden^ 400 Verhaftungen wegen Plünderungen und. .anderer; Exzesse vorgenömmen. : . . i Die Forderungen der Arbeiterschaft* ’ . ■ Im Klublokal der sozialdemokratischen Partei versammelten sich gestern abends unter Vorsitz des Ab-, geordneten Dr. Bauer die Vertrauensmänner der! Arbeiterschaft der Bezirke Ottakring, Hietzing, Meid-, ling“ und Floridsdorf sowie der. Arbeiter des Lagerhauses der Stadt Wien., Der Versammlung wohnten^ auch Bundeskanzler Schober und Bundesfinanzminister Dr., G ü r t i je r bei. ' : F eis 11 (Floridsdorf) .führte aus, daß die furcht-; bare Teuerung der letzten Wochen in der ■ Arbeiter-, schaft eine große Erregung^ hervorgerufen habe, so daß es im Laufe des heutigen Tages zu einem spontanen Ausbruch von Unmut und Erbitterung der Arbeiterschaft kam. Auch in dieser ernsten Stunde wolle die Arbeiterschaft, die an defii .Wofil dieser Republik in so hohem Maße interessiert ist, ebenso behandelt werden wie - der übrige Teil der Bevölkerung, das Bürgertum. Die ' Arbeiterschaft ist der Auffassung, ■ daß von seiten der Regierung dies nicht geschehe. Er verlangt dann von. der Regierung namens der Arbeiterschaft die Erfüllung, folgender Forderungen: > , : -1. Lofortlge Maßnahmen mr . gänzlichen DurotifUhrung des sozialdemokratischen Finanzplanes. : v ’ 2. Kontrolle des Devisen- und Valutenverkelirs und strenge Bestrafung derjenigen, die dieses Ges.etz nicht. be-\ folgen. " r . . . 3;. Erhöhung, der. Besitzsteuern. 4. Einführung einer progressiven Vermögenssteuer. , Staat und Volk in den-Wind schlägt. Wir müssen zur Bodenreform kommen und zu der zwangsweisen Bebauung des Bodetis mit den notwendigen Getreidesorten, ohne Rücksicht auf die Konjunktur oder Rentabilität. Die Erbitterung der Massen ist durchaus verständlich; Wenn sie den Anstoß bringt zu einer wirklichen Tat der Regierung und der Parteien, wenn sie!- den Reichen'in das Gehirn hämmert, daß die Pflichten des Besitzes unbedingt und unter allen Umständen jetzt vollzögen werden müssen und daß dies auf der Basis des Gesetzes zu erfolgen hat, dann Hat sie ihren Zweck erfüllt Gelingt dies nicht, dann wird sich der soziale Ausgleich gesetzlos und in Formen vollziehen, deren Wirken und Folgen wir in Rußland gesehen haber