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Wiener Morgenzeitung · 1921-11-30 · Heft 1019 (30.11.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1019 (30.11.1921)
Date
1921-11-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelpreis 20 Kronen Einzelpreis 20 Kronen ArärrunieratitMLprekse: 28 itn: ijitrn Mholen iu irr Expedits,,,, Llczirk, Taborftraße 1 bis 8, oder m einer Brrschleitstelle (Tr«f>k): Monatlich. Krone« SSv.— Mit Poftversand wr Wien und Oefierrrichr : Monatlich. Kronen 500 — Tschecho-Llowqkri: Monatlich. .kkrouen 18.— »vierteljährlich . . 54 — , lschecho-llowakischer Aätzruup , Ungar«: Monatlich . . Kronen V«.— «Vierteljährlich „ aiO.— « ungarisch ir Währung Jus«slLwien: » Monatlich. . - Dinar 15.- ^iiertel jährlich . 45.— Nr. 1019 IränMreraLisuspreife ■ ^. Pole«: L'ionatlich. . Mark 50V»« i» polutscher Wihning . Deutschland: Monatlich... Mark 20.- Monatlich. . Fraires G.- Jtalien: Monatlich . ... Lire ö,- Vinmänieu: Monatlich. . . . Le: ikO.- Schweiz n. da» übrig« Ar:?!c-.n» Monatlich ... Fraiccö L.— vieraktionuLlLntinistra« io« Äkien, Ä.Bez.,2!«b»rstr. t-s Lelephone: 440S«, 438 U» o»0l1hrave»d«N« 10801 Vostsharkasseltkouto 159.6'j^ Wien» Mittwoch den 3V. November 1021 3. Jahrgang Die Staatspartei. —y. Wien, 30. November. Der Parteitag der österreichischen Sozialdemokraten hat den Beitritt zur internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien beschlossen und damit in außenpolitischer Hinsicht das internationale Programm des Pazifismus akzeptiert. Diese Arbeitsgemeinschaft, die die alte Internationale rvi-der aufrichteu will., krankt an ihrer progranimatischen Unklarheit. Sie will den Krieg verhindern, aber nur, wenn er als politisches Mittel des Bürgertums in Frage kommt. Diese Haltung wird ihr von dem Moskauer Radikalismus diktiert, der als Anbeter der Gewältherrschaft Rußland zugrunde gerichtet unb den internationalen Sozialismus so sehr des eigenen Willens beraubt hat, daß eine unbefangene, eindeutige Stellung zu den politischen und sozialen Problemen, die der Krieg aufgeworfen hat, kaum mehr möglich ist. Die Sozialdemokratie hat ihre innere Sicherheit verloren. Die große, geschlossene Aktion , der sozialistischen Parteien gegen das Fortwirken des Hochkapitalismus des Westens, auf die vor noch nicht langer Zeit Äs gesamte arbeitende Europa alle Hoffnung gesetzt hat, ist nicht zustande gekommen und die Behandlung Deutschlands, Oesterreichs, Chinas durch die Militärstaaten fder. Entente konnte nur durch das Versagen des Sozialismus, bester gesagt der sozialistischen Führer, his-zur Katastrophe sich entwickeln. Der Uebecmacht der Konstruktion des Kapitalismus ist auch noch der Mangel jt. .Führern., .und. .politischer Energie im -MziastsmOM HM geKochnD 'Md. an. ditMMM, Är Tatsachen rankt sich kühn und zukünftssreudig. die internationale ' Reaktion empor, der der Sozialismus' nichts , anderes, entgegenstellen kann als die Drohung mit der Mäste. Seine Ideenpropaganda, die Macht der in ihm wirkenden geistigen -Kräfte hat sich abgebraucht und wird durch den Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, zwischen Opposition./und OppörtMsmus täglich 'stumpfer/ YY , , , . . , ... Grell zeigen sich diese Widersprüche,in ber österreichischen Sozialdemokratie, deren gtoße Geschichte mit dem Tode Viktor Adlers endigt und von da ab nur mehr von. mehr minder geschickten Taktikern beherrscht wird.' Die österreichische Sozialdemokratie tritt gerne als die Staatspartei. auf. Sie oindiziert sich das Verdienst,' die'Republik geschaffen zu habem Das ist unwahr.' Die Republik Oesterreich .ist/etne Schöpfung der Verlegenheit.' Der Thron wqr nach. dem. Piave- Unglück,, nach dem Abfall Bulgariens unhaltbar gemorden" und -man mußte nach dem Abgang der- Tschechen,/Polen,'Magyaren und Slowenen den zurückbleibenden deutschsprachigen' Gebieten. eine äußerliche Bindung geben.. Wenn es aber richtig wäre,,daß eine innerliche Wandlung der Bevölkerung vom monarchischen zum revolutionären Denken unter der Leitung chr. Sozialdemokratie sich vollzog, so müßte doch die Politik ber Sozialdemokratie : eine Staatspolitik ' aus' alle ' bauenden und schaffenden Kräfte sorgsam Bedacht nehmen. . Aber die Staatspartei' kann doch nicht vom Klassencharakter ldskommen. Für sie ist die Revolution' nur ein Lohnkampf und ihr ganzes Wirken geht letzten Endes auf eine Vermehrung des Papierumläufes hin. Aber in der Regierung hat die Sozialdemokratie * mit den ärgsten Wucherern, den christlichsozialen Bauern, ein Kompromiß geschlossen, gemäß der hübschen'Formel Renners von dem rechten' Flügel des ’ Sozialismus, und hat dadurch der Aussaugung der städtischen.Konsiim'eüten durch die ländlichen Urerzeüger die Sanktion erteilt.. Wäre es der Sozialdemokratie um den Staat zu tun, dann müßte' sie .jetzt, wo der.. proletarische Haushalt ebensogut' wie. der bürgerliche^ von dem TeuerungsorkanY umhergewitbelt wird, mit rettender Idee' und. Tat eingreisen. Sie hat euren Finanz-.' ' plan ' ausgearbeitet: " über . seinen,' inneren. Wert ließe , sich / stteiterr und' die Äussührüng/- würbe gar' bald seine' Möglichkeiten" erkennen.lassen. 'Aber ivas tut die Sozialdemokratie, zu. feiner Realisierung? Nichts. Sie besinnt sich auf ihren proletarischen Zweck und bleibtm' der^birquekrkn'Oppöfilion. - Hier ist sie plötzlich nicht mehr 'die Staatspartei.^ -- , / Diese beklagenswerte Zwezdeutigkfit ist für/ alle anderen Gruppen 'Psts.', nachahmenswerte Beispiel. ge-, worden^ - Die Christlich sozialen/ .stellen'/.sichcinfden Boden, der Republik/ und .saböHeren. die-. Republik,, die' ' Grvßdeutschen nehmen an " der Regierung Verhandlungen über die europäischen Fragen in Washington. Lo ndon^ 29. November. (Wolff.^DerWashmgtoner Sonderberichterstatter der ^Westminster Gazette" meldet, es sehe mehr denn je danach aus, als ob die gesamten europäischen Fragen demnächst in Washington zur Erörterung kommen werden, auch die Finanz- und die Reparation sfragen. Hinsichtlich des amerikanischen Vorschlages, Deutschland in die n ä ch st e Konferenz einzubeziehen und vielleicht sogar vor Beendung der gegenwärtigen Konferenz nach Washington e i n z u l a d e n, hätten die Franzosen die Versicherung gegeben, daß sie dem nur unter der Bedingung z u st i m m e n würden, daß Amerika Frankreich bei der Eintreibung der von Deutschland geschuldeten R eparationen beistehe. Es bestehe die Möglichkeit, daß sich die Haltung Frankreichs andere, wenn die deutschen Reparationen mit den französischen Schulden an die Vereinigten Staaten verknüpft werden könnten. Gegenwärtig sei eine amerikanische Initiative in-der Reparationsscage nicht wahrscheinlich. Amerika' würde zwar bereit sein, eine . Brücke zwischen Frankreich und Deutschland zu bauen, jedoch darauf bestehen, daß die augenblicklichen Reparationsforderungen nicht geändert werden und daß bei ihrer Nichterfüllung Frankreich deutsches Gebiet auf unbegrenzte Zeit besetzt England für ein zweijähriges Moratorium an Deutschland. Berlin, 29.. November. ..East Europe" meldet aus London: »Daily Mail" veröffentlicht einen Artikel aus gutinformierter Quellein dem es heißt: Die schlechte Lage der deutschen Finanzen und der letzte Besuch Hugo Stinnes' in London haben die Aufmerksamkeit der englischen Regierung auf hierum 15. Jänner fällige Rate der deutschen Reparationszahlungen gelenkt. Deut sch l a n d hat an diesem Tage 26 Müllionen Pfund zu zahlen. Die gesamte Summe der deutschen Reparationszahlungen beträgt 6600 Millionen P f u n d, wovon England 25% # erhält. Der Sturz . der deutschen Ma'rk übt aus den euglischen Handel eine zersetzende Wirkung aus und sp'e r rt d en d eut s ch en Markt für englische Güter vollkommen. Nachdem jüngsten Besuch der Reparations- LommWon in Deutschland hat der englische Vertreter Dr a d b u r y ein Memorandum ausgearbeitet, das das englische Kabinett demnächst erörtern wird. Es wäre aber verfrüht, zu sagen, daß das Ergebnis dieses Studiums ein von der englischen Regierung auf ein bis zwei Jahre gewährtes Moratorium sein werde. Wenn dies der Fall wäre, so geschehe es nur, um eine rasche Wiederaufnahme des englischen Handels mit Deutschland zu ermöglichen. Die Sache steht jetzt so, dciß Deutschland seine Repärationsverpslichtungen dadurch erfüllt, daß es seine Bankrroteupresse immer wieder in Bewegung setzt, war ein immer weiteres Sinken der Mark zur Folge hat. Es muß eine Bedingung für .etwaige Zugeständnisse der Alliierte» sein, daß die deutsche Regierung denB an knote'ndruck einstellt. Außerdem wird eine höhere Besteuerung der deutschen Industrie vorgenommen wrchen müssen. Es wäre verfrüht, eine Mitteilung über, öle/Haltung der französischen Regierung machen.zu wollen, doch kann es ^nicht ftaglich sein, daß die SchwierigKetten der deutschen Lage den Franzosen nicht . entgarmen sind und daß diejenigendie. den wirklichen Ernst dev Lage, in Deutschland keynen, einer solchen Vereinbarung günstig sind. Deutschland wird übrigens mit den Zahlungen in natara. fortzu« fahren haben, denn die Zahlungen würden nicht erlaffen werden, sondern es würde nur ein Zahlungsaufschub gewährt werden. Lord d'Abernon nach London berufen. Berlin, 29. November. (Tel.-Komp.) Der englische Botschafter Lord d'A b e r n o n hat heute Berlin verlassen und sich nach London begeben. Die Londoner Misfion Dr. RathenanÄ. Berlin, 29. November/ Gegenüber verschiedenen Blatter- Nachrichten über die Absichien Dr. N rl h e n a u s m London» ist man in Parlamentarischen Kreisen der festen UeberzmgLNg, daß Dr. Rathenau zrvar m privaten Angelegenheiten/n London weilt daß ec aber in irgendeiner Art und Weise die mage der Kredits sowohl für die deutsche Industrie als auch für die deutsche Regj«o rung auschneiden werde. Wahl einer konstituierenden Versammlung in L^utzland. London, 29. November. <Wolff.) Einer Meldung der »Ämly Mpil^ zufolge sind in London Tele gramnu aus Moskau eingelausen, wvnnch L e mw dis Absicht haben soll, am 16. Dezember die Wahl einer kon« stituierenden Versammkung vornehmen zu lassen. Rumänische Thronrede./' Butavest> 28. Mvember. (Orient-Radw.) ... Dis Parlmüentssessioi/ wurde heute vom K ö n i^g wössnek." In der Throurche-.heißt. es:. Die beiderrK'mnmerü: haben in'der letzten Session ihre Arbeitend im-'Frieden »Md unter giinfttgfeit''Bedingrurgen' erledigen ^köirnen- Die noch bestehenden' letzten:Au s n;a h m s m a'ß x t g e t ft werden bald beseitigt werden können.: Die Beziehamgen zu den. V e r b ü n o jeit sind weiterhin eng.rmd'herzlich. Nene Bnn drr.iis e. sind mit den Nachbarliinderru abgeschlossen worden,- mit' denen ' ni!L . GemLMsanrM't der :polittschen und-; wittschaftlichen : Interessen *.• verknüpft. .Das Verhältnis' zu-den übrigen. Staaterr Whh der, WieberaUfn-ahrirv^ - normaler Bezte.l>umgen entgegen. - Die .Thronrede zählt'dann die'zur endgültigen Wiederherstellung. der stnanziellen Logs und' zur Durchführung der' S>teuer. gefe tz e notlvendigen MäßMhnven: auf betont, die W a h l r e f v r.m auf Grundlage desalll'gem'ein/en, bürekten, geheimen und vLli'gatvri'scheu Wahlrechtes mit . prvport iomellerv- Vertretung . der M inor/i t aten'durchgesührt werden soll. Die Thronrede verweist ferner ans di^ M i l i L ä r r e f v r^ mgosetze, die die.Konsolidierung des Heeres, bezwecken. Evakuierung jüdischer Heimloser i» Rumänien. Nukariest, .28. November. sJW. Korr.-Biw.) Wie - verlautet, bereitet'die rwtlänische Regierung eine Ab-- änderung der Flüchtlingsevakuiernng vor, die eine wesentliche - Erleichterung fiir d^ie Ukrainisch - jüdischen Heiinbo-sen bedeutet. Djer'neüenBervLdnung-zÜsvlge sollen alle Flüchtlinge mitt.lcre.n .und' vorgerückten Alters in ihren bisherigen .AufenthalLsö*r t enrv>e-r b-l e-i-b e n dürfen. - Die Evakuieriui gsmftßnahme soll nunmehr' bloß auf.die jünge pen Fliirhtlinges Heren , politische .Berläßlichleitvon den rnrnänischeu HehürÄttrmr-e'ztveifelt werde, Anwendung fUlden. teil Y üftd negierem die /Unabhängigkeit des Staats Allen / ist . der' Staat nur als Füttertrog für hie; Partei/von , Wert und . zwischen/ den . Pärteidoktripen verhunghrü Bürger , ilnd. Arbeitet, füllen der' Bauer, üy'd. - d^r Schieber' frühen/upd'Safes. Die SozialdemokraÜe : freut .sich,' /düß, wie Ujit Zentralorgan festsiellt, weder das Referat /über die Probleme der inneren Politik noch kir',Dgl!stellün.g.der Politik in der Internaliönaie ernste' Meinüngsoerschiedenheiten hervorrief. Dcü ist' nach .aller Erfahrung/,das schlrmWe. Zeichen, für eine Partei,, die von ihrem Ideengehalt lebt, und 'von der Rolle, die. ihr Wirken in der Phantasie der Anhänger spielt. Wenn, hie fozial.dem0kratischen. Del'egietten, die Elfte detzPärtei, mit der Politik/zufrieden sind, dann ist der Minister Wäb'e'r wirklich eme^^gottgewollte Autorität. Denn in ihm verkörpert sich das System, dem'die Opposition der. Sozialdemokraten.. die Mauer macht.

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