Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1007 (18.11.1921)
- Date
- 1921-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis Kronen Einzelpreis L-M Kronen 'NrLnnmerattsnsprerfe: l»r. aw f>ny jS^^TeCwp 1 (SSjufB^; MwtoCME. tkmai MlWßlKch. Steone» SNA«, Mchkch»S«»Mlr «oWft*s*4 eteljjWpch „ /«NgtollS' i aNyMMch. .StVMWR 9*MÄ ^ip^»x«ttqer WS—- . LDußsstR»t«n BSM^KZ Nr. 1007 Wien» Freitag den 18. November 1921 ^ränmnerationspreise pokru: tfettefim. . S»wi % pimfjm: WS^o^f 1Ä- : . .föchKCe.V «« _,J3**Seu: tn#M«mi. v.. «-»E«777?'LLi^. **3roM^jL^a: V»Mi»«r safäw 3. Jahrgang EntscheidnngsKSmpfe in Ungarn. Lr—. Wien, 18. Notzfmier. Aus Budapest kommen seit einigen Tagen wieder nur spärliche Nachrichten über die wahren Vorgänge in der ungarischen Hauptstadt.. D as amtliche Nachcichtenbureau versendet beruhigende Erklärungen und übersieht dabei,, daß die Regierung alle beunruhigenden Meldungen unterdrückt hat und das Ausland daher nicht recht weiß, was es mit diesen Beruhigungs- Mitteln anzufangen habe. In der Tat aber werden in Budapest jetzt Entscheidungskämpfe blutiger und unblutiger Natur über die künftige Existenz des Landes aysgelragen. Die Banden, die unter Zustimmung aller politischen Faktoren ins Bürgenland entsendet ivurdenund sichdortin legitimistische und antilegirimistische Truppen spalteten, fluten jetzt nach Ungarn zurück, soweit sie nicht als ^Beteiligte an dem Königsputsch seinerzeit vor den Toren Budapests entwaffnet würden. Es ist eine Invasion von Desperados, welcher ^Budapest jetzt zum dritten Male seit dem Zusammenbruch ausgesetzt ist. Zwei große bewaffnete Lager: hie Truppen des Königsbesiegers Gömbös, vekstärkt durch Hejjas und seine Banden, stehen zum Schutze Horthys einer anderen nicht minder bewaffneten Gruppe gegenüber, die von Legitimisten befehligt wird. Horthy fühlt heute, daß das Ende seines Regimes nahe sei, und da bei den Ungarischen Methoden sein Sturz leicht mit der Beseitigung seiner Person verbunden werben Könnte, ist I es begreiflich, daß er Mk allen ihm zu Gebote stehenden Machtmitteln" b'eMht ist, seme Schutzgarde zu halten, die allein imstande ist, heute seine Machtstellung und auch sein Leben p verteidigen. Seine Gegner, zu denen nicht nur die Legitimisten, sondern auch alle demokratisch gesinnten Elemente zählen, verfolgen nun die Taktik, unter dem Losungsworte der Herstellung der Rechtsordnung vor allem die Unschädlichmachnng aller unverantwortlichen Elemente zu fordern,-welche sich bisher über jede Rechtsordnung verantwortungslos hinweggesetzt haben. Diese sogenannten unverantwortlichen Elemente sind jedoch identisch mit der Schutztruppe Horthys. Der erste Zusammenstoß erfolgte am letzten Dienstag, als der Ministerpräsident den General Soos beauftragte, das Hauptquartier des Hejjas im Gellert-Hotel zu umziegeln uüd sich des Hejjas und seiner Offiziere zu bemächtigen. Die Unternehmung gelang, Hejjas wurde gefangengenommen und dem Plstzkommando überstellt. Aber wie seinerzeit bei der komödienhaften Ueberrumpelung der Hotel Britannia, so war auch diesmal Hejjas bloß zwei Stünden lang Gefangener der Regierung, denn er wurde noch vor Anbruch des nächsten Tages auf Geheiß des Reichsverwesers Horthy wieder in Freiheit gesetzt. Während sich diese Dinge im Geheimen abspielten, hat sich die Mannschaft der Hejjas- und Gömbös-Banden der Straßen Budapests bemächtigt. Die Regierung erläßt die schärfften Schutzmaßnahmen, die Banden setzen sich über sie hinweg und die Regierung Kann ihrer nicht Herr werden. Der Bandenkonzentration Horthys setzen die Politiker der Rechtsordnung die Konzentration aller Kräfte entgegen, die endlich zur Ueberzeugung gelangt sind, daß für Ungarn die zwölfte Stunde gekommen sei, um sich für ein Leben auf demokratischer Grundlage oder für den Untergang zu entscheiden. Es ist hier nicht der Ort, sich darüber Gedanken zu machen, daß heute gerade diejenigen Politiker nach der Rechtsordnung schreien, die während der ganzen zwei Jahre, als sie die volle Macht in Händen hatten, gesetzgeberisch und gesellschaftlich an der Zertrümmerung der! Rechtsordnung mitgearbeitet habe». Nicht die Hinmordung Tausender von Inden und Arbeitern, auch nlrfjt die Verreibung unschätzbarer geistiger Nationalkräfte aus dem Lande hat diese gräflichen Politiker und gewisse Demokraten» die ihnen heute assistieren, in Harnisch gebracht. Erst das Mißlingen der Königsputfthcs und vielleicht noch mehr die unerhörte Tatsache der Verhaftung des Grafen Andraffy hat sie zu einem Bündnis gegen die Person Horthys vereinigt, dem sie heute die alleinige Schuld an dem politischen» wirtfchaftüchen und moralischen Zusammenbruch Ungarns zur! Last schreiben. Von besonderer politischer Bedeutung ist es, daß Französischer Plan zur Bildung eines Zollvereins zwischen den Nachfolgestaaten. Paris, 17. November. (Havas) 'Die Senatsgrnppe für auswärtige Beziehungen, die 114 Mitglieder umfaßt, nah« Zwei mit Dokumenten gründlich belegte Mitteilung e«, eine von I ap y über Oesterreich, die andere von Godet über die Tschecho-Slvrvaker, beifällig entgegen. Es entspann sich im Anschluß daran ein interessanter Meinung sanstansch, woran auch Deschanel teil«ahm» über Maßnahmen» die geeignet wären, de» A«sch ln ßb estreb un gen in Oesterreich durch Bildung eines Aollbereittes zwischen den Nachfolgestaaten Oesterreich-Angarn entgegenzuwirken. * Paris. 17. November. Der „Eclair" befaßt sich mit der FinanzkriseOesterreichs und mit dem verhängnisvolle» Druck, den die deutsche Reparationslast und die Notwendigkeit, sich Devisen auf ausländischen Märkten zu beschaffen, für die geschwächte österreichische Krone bedeuten. Ein solcher Zustand dürfe nicht länger andauern. Man habe Oesterreich geschaffen» ohne die Grundlagen für seine Existenz^fichÄzustelhenMMsthMMn?h o Uiifch e n Erwägungen, hatte der Zusammenbruch Oesterreichs schwerwiegende Folgen' fuf die Finanzen Frankreichs. . Die A«»schreU»«ge» l« Ier»s«lem. Jerusalem, 15. Novenrber. (IW. Kon.--Bur.) Das Preßbureau der Zionist Commission stellt fest, daß es am 2. November zu keinen öffentlichen Unruhen gekommen sek. Die Faden wurden einzeln in den Gassen von kleinen Bairden überfallen und erstochen oder erschlagen. Ebenso fanden weter Kämpfe noch Zusammenstöße zwischen Juden und Arabern statt. Ganz Palästina fordert Storr»' 9Udt« tritt. Jerusalem, 15. November. (IW. Korr.-Bur.) Die Vertreter aller bedeutenderen jüdischen Institutionen in Palästina traten zu einer gerneinsamen Sitzimg zusammen und beschlossen, dein High Comnnssroner ein Memorandum mit der Forderung inrch sofortiger Suspendierung des Gouverneurs von Femmlem, General Stores, den die ganze öffentliche Meinung Palästinas für die Geschehnisse am 2. November verantwortlich macht, zu übermitteln. Das Memorandum wurde von imchsteherchen Herren unterschrieben- L. U s s i s ch k i n, Dr. Eder, Pryssessor Pich Doktor Ru pp in und Sprinzak im Namen der Zionist Commission, Dr. Thon und Ben Zwi für den Waad Leumi, Rabbiner Jakob Meir und Rabbiner Abr. Kuk für den Rabbinatsrat, Meynhas, Schiller und Ep stein, im Namen des jüdischen Stadtrats und Dr. Lewy für die Hidachduty HasepharHinr. Jerusalem, 15. Novenrber. (IW. Korr^Bur.) Nach den Ausschreitungen arn 2. November versammelten^ sich unter Vorsitz des Ehvensekretärs de? Handelskammer, Mr. Shelly, über 200 Kausleute in dern hiesigen Handelskammer und beschlossen, so lange die Geschäfte nicht wieder zu öffnen, bis ent-, sprechende Garantien für die Sicherheit .gegeben; sind. Gleichzeitig wurde beschlossen, den Rücktritt Sto.rrs'.i nachdrücklich zu verlangen. Trotz persönlicher Inter-! vention Storrs' lehnten die Kausleute die Wieder-! eröffnung der Geschäfte ab und erklärten ihm, sie haben,! das Vertrauen zu ihm verloren und können sich' nichts mehr auf seine Versicherungen verlassen. Würden die! - Versicherungen von einem Manne stammen, der sein! Versprechen in der Vergangenheit hielt, so würden fte; ihnen Glauben schenken. Erst nachdem der High Cour-' missioner einer Abordnung der Kausleute bindende; Versicherungen gegeben hatte, daß die Regierung die) Lage fest in der Hand halte, wurden die Geschäfte wieder: geöffnet. ' : Die Frage der palWineafische« Staatsbürgerschaft. Jerusale«, 15 November. (Md. Ksrr.-Bvr.) Bis um., läuflft tourhm von dtr palMnnnsiichen Regierung „Laissir! Pasiels" ausgestellt, rn denen die Stastsbürgerschist durch die: «palästmkrisische' ersetzt Konsulate lehnten jeroch die Vidlenmg solcher »Laiffcr Passels" ab. Du Regierung bemüht sich daher um die A n e r k e n n « n g der palästinensischen Staatsbürgerschaft, trotzdem das' Mandat noch nicht ratifiziert ist. Offiziell' wird bekanvtgegrben, daß i ». Palä st in o: geborene Personen oder solche, deren B a t e r in Palästina geboren wurden, beziehungsweise jene in Palästinas domnilürten Pmonen,' die die Erklärung abg e b e n,, daß sie. sobald ihnen die Möglichkeit hiezu gegeben wird, bic; paläst nenstsche Staatsbürgerschaft erwerben wollen, in Zukunft als Palästinenser in ihren ^Laisiez PafferS" bezeichnet werdensollen. Dies ist j'doch eine provisorische Maßnahme und' vräjudijiert keinesfalls irgendwelche Bestimmungen eines in! Zukunft zu nlaffmde» spezicllm Gesetzes über die Staatsbürger- . schaft in Palästlna. - __ A«flös«»g des deutsche« Reichstages? Derli«, 17. November. Wie . die Blätter aus> Breslau melden, hielt Reichspräsident L o e b e gellem! auf dem mitteldeutschen Parteitag der sozialdemokratischen Partei eine Rede, in derer unter anderem aus-: führte, die Reise der Reparationskommission nach' Berlin werde mit entweder einen Zahlungsaufschub enden! müssen oder mit der Einführung einer Finanz-: Kontrolle nach türkischem oder Sg y pti-; s ch e m M u st e r. Die vorliegenden Steuervorlagen müßten als nutzlos und wertlos von der Sozialdemo-! krarie abgelehnt werden, wenn nicht gleichzeitig der! Zugriff auf die Gold- und Sachwerte erfolgte. Der! Reichstagspräsident rechne mit der Möglichkeit der: Auflösung des Reichstages und Neuwahlen. ihre Vereinigung mit de» Gegnern Horthys auf der Grundlage des bekannten Clerk-Abkommens vom Herbst 1919 erfolgt. Laut diesem Abkommen sollte iu Ungarn eine Regierung geschaffen werden, in welcher alle Schichten der Bevölkerung, also auch die Arbeiterschaft, vertreten wären. Die Horthy-Regier«ng hat dieses Abkommen über den Haufen geworfen und ein politisches System inauguriert, das allen Punkten dieses.Pazifizierungsprogramms Hohn spricht. Run soll dieses Abkomme» wieder heroorgeholt und zur Geltung gebracht werden. Kommt es zum Durchbruch, so bedeutet dies das Ende des Horthy-Regimes. Es bedeutet aber auch, daß alle verantwortlichen und unverantwortlichen Elemente, die seit dem Herbst 1919 Verbrechen auf Verbrechen gehäuft haben und im Namen des Königs, den sie gerade zwei Jahre später vor de» Toren Budapests gefangennahmen und aus dem Lande jagten, Bluturteile gefällt und vollstreckt haben, zur Berontmortimg gezogen werden. Vor diesem wahren Dolk-gericht hat Horchy eine Heidenangst und deshalb scharen sich um ihn all diejenigen, die unter seinem Schutze die bis heute noch üngefühnten Bluttaten vollbrachten. Deshalb wird in Budapest und auf der ganzen Linie, wo Teile der zu Horthy haltenden. „Erwachenden Ungarn" noch ihre Nester! haben, jetzt mit solcher Erbitterung um die Macht gekämpft. Nicht nur Ungarns Nachbarschaft, sondem ganz Europa hat alle» Grund, nach Budapest hinzuhörchen nnd die dortlgenEreignisse mitgespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Ein neuer Umsturz bereitet sich in Ungarn vor, der auch deshalb von außerordentlicher Bedeutung ist, weil Horthy sich bei seinem Manövrieren gegen den Bolkswillen auf die Entente stützen zu können glaubt, die ihm die Einlösung des Wechsels auf die Niederwerfung des Königsputsches schuldet, während das ganze ungarische Volk in dieser feiner innersten Angelegenheit scheinbar entschlossen ist, sich des Horthy. der plötzlich ein „Knecht der Fremden" geworden ist. und der bedrückenden Fessel seines Regimes zu e»tledigen.