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Wiener Morgenzeitung · 1921-11-16 · Heft 1005 (16.11.1921) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1005 (16.11.1921)
Date
1921-11-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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35tife i» Men, Mrttwocy «öieiet?morsen-e««»s * Eme Willi»» vernntreut. Am 7. d. M. hat die der-- zeit im Holet New-Zork in der Lropoldsta^i wohnhafte Privat Eiella ->.r e i ß rineur Matrosen des Dampfers »Jsivan" K 990000 übergeben. damit er dar Geld nach Budapest br.nge. Der Matrose hat sich i hoch diesen Betrag belraben. Er wurde am 13. d. M. in der P'cnou des 'tLiabriren?tenermann'S der Ungarischen D^mvn'chiääbits--Gesellsckiast, Ghiila C z u k a S, verbacket und dem Landcsger cht eingeliefeit. * Gebrechliche Vente. Am 13. d. M. haberr Krim'nialbeamte den Kürschnrrgehil en Joset G r ü n w a l v. U . Nov.rraqat7e 25 wobnhatt,' und . den Tag'öhner Josef L a z e l sberge XIX., S^verin'gersiraße^355 wobnback. brrretrn. als sie emen Sick mit Trsiern dem Trödler Heinrich Werner, II, Schwarrmgergaffe 2, verlaufen wollten. Durch Erhebungen wurde fesigestelle, daß das Gesch.rr auS dem Lok.il der Porzellan- Händlerin Hermine Sch u st?r. N., Haidaaffe 7, gelohten ist Zwei Körbe mit Ge chirr und Gtätein wurden in die Wohnun, Le- Kompagnons Weners, R au s ch. If., Große Sperlgaffe 39a st horcht. D^e Beute, die.K'.öO.roo wett «ft. wurde aanr zusiandegcbracht. Grünwild und Hatzelsberg'r.wntdm dem Landesgerichte eingelics-rt, Werner der Stgätranwaltschaft avgezeigt- Dereins«achrichteu. Iüdi. fcheTrs ch g e feilt Last Alserstraße > n d lim g eb n n «, Heute 8 Uhr n'oerds. tm oehe>-ten Smle des N'kddo es Zusamm nftrnsr Borkrag des Hirn Proseffor Dr. Willi Stein über' jüdliche Gegenwartsarbeit. Z a b l r c r ch e r, p ü n k t l i ch e r Be'uch erbeten. Gä re wiltkommm — Iugendverern Ahawath Zion, H., Kleine Zufahrtsstraße 160. Heute, 8 Uhr abends, Vortrag Dr- T artakow'rr. Jugendliche Gäste willlomimn. — Aer^iegrupve des Paläste na-AmteS und Palästina-Sektion des Akademrfchen Vereines jüdi f ch.er Mediziner, Freimg den 18. d. M. um 9 Udr abends im Lokal res istarliti'chen humanitären Vereines „B'nrr B^rrth", IX., Univer'itälöstraße 4, Borirag über den san,raren Am'bhu Piläst'-ia-?. N ferrnk Dr. A. B e- Ir a m, Werter des Pastenr-Justituts Jerusalem. Erntotr fr«. Gäste willkommen. — Jüdis ch er Betbausverern für L e n lX. B e* i v!. Donnerstag den 17. d. M-. 6 Uhr abends siridei im Z rrmonieniii le des Tempels, IX., Mriffnergasie 21, eine anßnvrden'.l'che Geuexalve'.saninilung mit der Tagesordnung ^tatutmänd.rung stajt. Zionisten, welche Mitglieder d«S Temvelvercines i>ud. ' Werten Nufcle'drdert, bestimmt zu err ä, e i li e n. — Z i o n i st i i ch - Ä k a o e m i s ch e r L a n d e S v e r b a u d, .'Mrttwoch, 8 Nhr abends, Setzung, Zvria-Bude. IX., Glasergisse 4 a. F r e i e | ii d i s c h e V o l k s b fi h n e Gastspiel im Lustspleltlieater H K l? T K Fi ¥? i» lir rlwid Schaospiel in < Akten v lihr abends: - •*-* von S. JuschkiwHsch David Grossmann — Paul Baratow (Ben Zwi) D a. s Thea t ■© r , i'a -t geheizt! Bühne und Kunst. Eiu Vortrag Biattks in Berlin. Aeder hebräische Dramaturgie. Za Berlin h elt der berühmte hebräische D chter'Ch. N. B - a t i k mr Rahmen eines jii'ische« Ku siabcnds «inen Bor- 'rag .,U e b e rd i ed r am a t i s ch en E l e m e n t e i n d et h c b v ö i i dj e it 11 c r a 1 u r. Im uachstehknden folgen wir-Hnem Berichte über diesen Bor- ^r>ig. Len Baurch K r n v^n i k'in der Berliner „Jüdtfchm Rundschau" vet össkntl'cht. Ob eine Literatur dramenfähig ist oder nicht, nmß sich schon aus der e.uzest'er Zelle des Organismus, aus dem Wort und aus dem Wortgefüge, er ehen lassen. Wenn wir nun an die>e Analyse gehen, so stellenwir äbertat'chendeiweise fest, da')- d e hebräische Sprache, chUvnders. in 'hrtr biblr chen Ur« soru'ülion, nicht nur an Handlung kernen Mangel har, sondern ac: abeiu uon Handlung strotzt. Scwoh? dem Wortschätze als kern grammatis4en Bau nach, iib«rwuch''rt das Handelnde. Tunaimsche vielfach das Ruhende, Statische. Das Hebräische rst a m an Adj ktwen. noch ärmer an Adverbien, überreich aber an verbalen Formen. Durch zablreiche Belege « eZ Birlik ferner nach, rot das hebrärsche Verbum lerne sesie, starre Zeit kennt und rücit' b*efc an und fitr sich bekannte Tatsache in neues Licht, rn'em er an der hebräischen Sprache untrügstche Merkw»:le ciritr handrluden. dramatischen Sprache blaßlegte. Warum at-er set-tt m der Bibel die literarische F»rm des DramaS? T,e5. fugte Biulrk. ,st eine Art optischer Täuschung. Eisentlich bc.lrn wir in der Bibeln hauptsächlich dr; Narna'ische Form, d-e Form des Diitlogs u»d der Hantlnng, vor un'. Was sind denn sonst dsr sogruarmten biblischen Novellen und Märchen, wenn nicht Dramen? Wo ist aber dort das Schildernt?. das gleich dkrrll rst, und das Enählende, das mrniwal ist? Es g nügt, bloß die einleitenden „Und er sagte", „Und er antivoitele" in Klammern zu nehmen, da haben w>'r die reiuste dr-.'.u'.at'sche Form. N'.enrals erzählt die Bibel, waS sich der Held gedacht hat. wre cr au-Zah, sondern alles erhellt andem grtv'.a.lcueu Wort Man muß bloß zu leien verstehen. Dabei anxc äugt.' taß daS Tramatische dem altne Judentum wesenseigen war, stickte Bmlik »ach Spuren von dramatischer Aufführung m be-, B brr und iand sie — in dem Benehmen der Prophete«. All t e i’>n.bif-l d,en Handlungen der JeremiaS, Jesaja, E -; d\ i e I, gar nicht zu reden von den vorschrrstlichrn Wanderviorhe!:,'. wri en regelrechte Aufführungen mit — Dekoration. An te: Hand des Kov tels 4 d's Ezechiel verlebendigte Bivl'k eine solche Aistiiihtung. Das Volk sollte du'.ch Bühnenbild ntid Propheienwort zugleich aufgeröttelt werden. Die jüdische Renaissance. d-e neuhedrärschr Kunst, wird ihr Drama haben, sie kann es haben. Es wird ä.her die sittliche Aufgabe des prophetischen Draams übernebmen, es.-wird Europa zeigen, daß man nicht niedrigen Instinkten der Maffe huldigen muß. das hebräische Theater der nahe« Zukunft wird eine heilige Stäite sei«. Daß diese Zaverstän begründet ist, be»ies Biastk durch tvt begeisterte Schild runa der. Moskauer hebräische» Bühne und der 'hr augeglieoerten dramatischen Schule. Wenn bie Znl kommen - wird —• so feilte er — daß diese 50 dÄ Sü j«»L» LtRte ße,derür Geschlechts ihre Td«r»ee über jüdische Städte machen, so wi-.d es ein Triumphmg iondeigleichen sein. In der Kunst Hal en ste d e hervorragendsten f rhrrr — die Scköpfer des russischen Künstle! thtaters in Moskau, das je?t daS Entzücken der Welt ist. Im filtlichen Ernst steben sic nicht den Generationen nach, die sich dem Talmudstndium mit Inbrunst widmeten. ^Jch fühle mich — »ag'e Dialik — unter biif r Schälern wir hemals m der Je'chiwo." Jh en steht aber noch eine blondere Au'gabe bevor: da? lebendige Hebräisch dem Volke bcizubringen. »Wir — sckloß Bialik — werden erst bei diesen Leuten wirkl'ch hebrÜi'ch sprechen lnven. Ich e kläre die hebräische Bühne in Moskau rückhaltlos als dre wich! gste hebräische Anstalt unserer Zeit." Der Berliner „Reigens-Prozeß. Die 3X«9f*tt* der Sachverständigen. — Eine Rede des DerteidigerS. — Zeugenaussagen. Im Berliner „Reigen"-Proieß kamen die geladenen Sachverständigen zu Wort. Wir geben die markantesten Atnßetunge« wieder: Ludwiß Fulda sagt aus. erhübe auf der Gene> alprobe den überraschenden Eindiuck gehabt, wie d-e'es Werk in absolut einwandfreier Äeise auf der. Bühne verlvrprrt werden konnte. Jrgendwelch- Bedenken sittlicher Art durch das, was dargestellt woiden, konnten N'cht entstehen. E> habe «n keiner Weise an der sehr dezenten Aufführung Aergetnis genommen. Niemals könne -twas Dargestelltes untüchtig werden durch e waS, was nicht datgestellt wi>d, sonst würde rin großer Teil unserer klasischm Meisterweike und Werke dr modernen Literatur tür unzüchtig er lärt w'rden müssen. Er erinnere fernean die Andeutungen des Geschlechtsaktes, w'e im „Fauste, in ^Romw und Julia", in Hebbels .Judith", in Wagners „Wolkür Das Buch der ^Waltüie" batte teinerzeit Schopenhauer vorg^leg n und dieser schrieb hinter Wagners Bemerkung ^Der Vorhang fällt schnell" d e Bemerkung: .Es war aber auch die höchste Zeit!" Die Kunst habe nrcht nur daS Recht, sonkein auch, die Pflicht, auch die Echattense ten des Lebens zu behandeln. A l f r d K e r r verdreuet sich zunächst über die Stimmung ans der deraus das Buch .Der Reigen" entstanden sei, das er in der Handschri't des Dichters vor einem Binteljah-hunder' betrits gelesen hat. Auf rbn ist eS zutückzuführm. daß das Stück nicht den von Schnitzler - zuerst gewählten Titel „Ltdbesreigen" behielt, der dem Sachverständigen zu weck ging, da von Liebe nicht darin dre Rede ist. In dem ,Reigm" liege e>ne schwermütige Stimmung und der Dichter sage nicht .DaS ist schön", sonder« „Ta habt ihr dir Vescker««g. so geht es". In de« sexuellen Vorgängen erbltckt Dr. Kerr keine Unrüchtigkeit, wenn auch von eimr „Heiligkeit" bei ihnen nichtzu spüren sei. Es fee heutzutage der Erwachienm unwürdig und eine Heuchelei, so etwas als »nzüchtig anznsehrn, wenn die Heiligkeit fortfi le- Dr. Kerr suckt dies des Näheren darzulegen, weist nochmals ans da- Melancholische im „Reigen" hm. bestreitet den Anreiz zu unzüchtigen Handlungen und entkräftet den Dvrwurf d,r unznlässtzen Wiederholung der intimen Vorgänge durch die Erkläruna, der Dichter habe seine Abtcht, stetSdiegleicheEnttäuschung z» zeigen, garnichtanders verwirkliche» können. Angesichts unserer hohe» Kulturleistungen hätten wir u«4 den Ouark um daS Ausland zu kümmern, zumal znm Beispiel e n Franzose, wie Voltaire, den „Reigen" eigentlich schon früher geschrieben habe. Im Übrigen sei dos Reich der Kunst keine Kinderstube. Es gilt, unsere Kinder zu erziehen und z« ertüchtigen, daß ste durch solche Werke nicht verdorben werden können. Der Verteidiger R- A. Heine betont: Er haiidle sich in Wirklichkeit gar nicht um einen Kampf gegen den „Reisen", sondern gegen die Juden. Man habe den „Reigen" nur benützt, um in dieser Form eine antisemitische Aktion ins W.rk zn setzen. Der Zenge erklärt hiezu: Ber de» Skandal am 22. Februar seien Ru!e laut geworden, wie „Eaujndr", „Bande", „Gesindel", „Jndendirektor", „Die Inden müßte man ranS'chmeißen" nsw. uiw. Nach d»m SS. Februar sei Direktor Sladek mit anonymen Schmahbriefen, Pamphletendes bekannte» Knüppel-Kanze nsw. übet schüttet worden, die sämtlich antisemitischen Inhalt hatten. Nirgends in diesen Schmähschriften und offene« Postkarten sei' von Gefährdung der .Jugend oder dergleichen die Rede, sonder« nur von Judenhaß.' Der EhescheidnngSrichterJenne behauptet daß durch die Aufführungen de; „Reigen" die F l u t d r r E h u icheldungensteige, erklärt aber über Beilagen, daß sich ftanstische Belege für diese Behauptung nicht erbringe« ließe«. Die Zeugin Fabrikdirrktorswitwe M a y bekundet, daß sic jetzt dieißig Jahre in der sozialen Frauenbewegung stehe. Sie sei Schriftführerin im Jüdischen Jraueuverein und gehöre ferner dem Verein zur Wahrung von Anstand und guter Sitte und dem Verein für Bolkswohlsahrt an. See habe da- Stück schon vor zehn Jahren gelesen und sei tief erschreckt gewesen, daß da8 Stück aufgeführt werden sollle. Cie schätze Frau Eyioldt künstlerisch ffhr und könnte es verstehen, wenn das Stück als ein Experiment für geistig gebrldeteLeute gegeben würde, das heißt für eineirKreisvon Menschen, diediesem Erperimentdas erforderliche DerständniSentgegenbren genkönnen. Daß aber cm derartiges Stück für das Thraterpnbliknm, das heutzu' tage dr8 zahlungsfähigste ist und in der Lage ist, häusiger ein Theater zu besuchen, gespielt werde, halte sie für äußerst verderblich. _ Arr» de« Theater«. Im Burgtheater gelangt morgen, Donnerstag, „Der Schwan" zur Aufführung. Anfang 7 Uhr, S t a a t s o p r r. Wegm andauernder Unpäßlichkeit deS Herrn KammeriÜngers Slezak muß die Vorstellung „Dalibor" Donnerstag den 17. d. M. abgeändert werben. Er gelange» die Ballette »Wiener W a l z r t", „Puppenfee* »nd »Sonne » n d E r d e" znr Aufführung. In der Dolksoper gelangt heute. Mittwoch, unter musikatucker Leitung von Direktor Weingartner »X1 d a" znr Äufführnug. Beginn 7 Uhr. ü. Novemb r 1921 Rr. 1005 ■ ■—*-:---< L u 1 schen Volkstheater wird Freitai den. t8.d. M., 6 Uhr aber ds, Schillers Scha ii'viel „Dil Räuber »nd Samsma d'n 19. d. M., V-7 Ubr abends Scknitzieis Komötie „P r o f e s s o r B e r n b a r d t" wicbeiv holt. Für Montag den 21 d. M.. 7 Uhr abend?, wurde Gtill« rmzerS Drama „S a v p h o" zu volkLtüinlicheir Preisen ohne Vormeikgebühi ongeseht. In den K a m m e r s p i e l e n wird "egenwärtig das Nvttnrno „M o r p h i u m" von Ludwig H e r z e r vorbe eitet. Paul W e g e n e r beglnnt sein Gastsviel an ln Neue n WienerBühne am 28. d. M. Air dahw Mabeudlich „Betty Kalmus". Der Lkedeeabend der Konzertsängeri» Fra»r Stephanie Grätzer findet D t c n 9 t a a b?n 21. \ M., 7 Uhr abends, im Kie nen Musikvereiusi ml stut. Am Klavier Erich Meller. Karten bei G u r t m a n n- Gerichtssaal. Der Prozeß Landru. Der Parcker Berichte-.stotler der „Baller Nalronalzeitung* sendet fernem Blatte nachstehendes Stimmungsbild :^. Eine Censation braucht nicht unbedingt »twgs Neue? zu sein. Drr Proreü des Blaubarts von Gambais ist bald drei Jahrc alt und bildet doch.das Tagesereignis der Pariser. Daran ist freilich die Boulevakdpreffe schuld, die llit einer Woche in allen Saucen Altes und Neues über Mr. Land'» austischt^ Als ich mich heute srüb bet Pretikollegen erkundigte, ob es wohl möglich sei. einer Berh 'ndlung beimwohnen, lachten sie mich aus. In dem kleinen Ca tle des Schwurgerichts von Versailles sei kaum Platz für 130 Belastungs- und 20 Entlaskungszeugen und die schon im voraus abzezähltrn privilegierten £5 Journa« listen. Für die Schaulustigen bl eben höchstens 200 Plätze übrig und stit Mitternacht ständen die Leute vor dem Hause „Oucue". Ein Geschworner, der zufällig Zeuge «einer Neuzier war, veibalf mir aber zu einer. .Eintrittskarte. Die -Zeugen sind meist Frauen, zu« Teil in Witwe«-, tracht. Auffallend sind die Photographen und Zeichner, wrlchr Apparate und Augen wie Maschinengewehre auf eine kleine Tapetentüre richten. Die 14 Geschworenen bilde« ei« gemischtes Kon'ort-nm, mit eihobener Rechte leistet jeder seinen Eid. ' Endlich geht die Seiteutür aus. Ein Raune», geht durch die Zuschauer. Man Hört Ausrufe: „Ob ls pätit mignon!“ sieht ni^t dumm auS!" „Er rst ja schwindsüchtig?" „Ohne den Bart war es nicht unser Landiu!" In der Tqt, der wohlgepflegte Schnurr- und Vollbart sind daS Hauptmerkmal deS blaffen, hohläugige» und hohlwangigen BlaubarlS, der in schwarzer Melone und gelbem Mäntelchen eiutritt und sich leicht verneigt, wie «« Varieiekünstlrr, der sei» Pnblckuul «ustert. B^leitet von drei! Gendarmen setzt er sich »nd unterhalt sich lächelnd mit seine« Hauptanwalt, dem berühmten Advokaten deS Caillanx- und Hombert-ProzeffeS, Mor» Giafferi. Dan« setzt er die Brille a»f! und sindiert Äkte«. ' - Mittlerweile fängt die lav^veilige Verlesung der 1000 Seite» umfaffeuden Anklage a«», bdngwkilig, welk jeder Anwesende de»! Fall in interrsianterer Ausmachung schon gelesen hat. Kein Wunder,! daß selbst Landru mck keiner Wnnper zuckt, als man , ihm sein» Beziehungen mit 283 Frauen «nd die elf Morde vorhlllt, die ch« 36 642 Franken «nd 50 Centimes cinttugen, und zahlreiche Unter-! schlagungen nnd falsche Unterschristen vorwirft. Im ganzen sack! es 26 Anklagepunlte. Held Laudrn war einst ei» braver Junge, der gute Zeugniffe heimbrachte und in der Kirche da« Rauchfaß! schwang. Mit 30 Jahren war er ei« braver Kommis mit »nri einer Fra» und zwei Kinder». Da finge» seine ersten llnterschlagungen au. Gr war schon sechsmal vorbestraft, als er die ihm jetzt zur Last gelegten Handlungen beging, deren wahres Triebfeder nicht Sadismus, sondel« konsequente Habsucht gewesen zu sein ^scheint. Wee ein Fuchs, der Hühnersiallv absucht, ging er aug Werk, und bekanullich fängt der Fnch^ auch die gescheiten Hühner. Landru l'eß sich Zeit. Monate-i lang »achte er seinen - Opfern auf die galanteste Art' den Hof. Waren ste fromm, so betete er mit ihnen in der Kirche/ schätzten sie die Natur, so führte ec sie aufs Land, waren sie,' was bei Frauen Vorkommen soll, schmuckliebend, so schenkte er ihnen irgendein Angebinde, das er einer flüheren geraubt hatte Dann kam der große Tag, au de« er die Beute in seine 33:2«! schleppte. Wie man aus seiner kabbalistische» Buchführung fest--' stelle» konnte, löste er jeweils ein Reiourbillett für sich und ein einsacheSfür d'.e Begleiterin. E-n paar Tage später veräußerte er die kümmerlichsten Habsrligkeiten nnd behielt nur die Schriften. Keine von den zehn Unglücklichen ist wieder znm Vorschein gekommen, das heißt gestern glaubte mau, die eine. Nr. 3, eine Witwe namens D6firee Guillin, entdeckt zu haben. Sie war die unscheinbarste, aber wahlhabmdste von Landrus Bräuten; er hatte sie mit der Behauptung geködert, er sei Konsul m Australien. Nun wurde gestern wirklich eine Dssir^e Guillin entdeckt, die der Bermißteu ähnlich sieht und tattächlich einmal au Landrsi geschrieben hat. Es handelt sich um einen mer'kivürdigrn Zu!all. Der Anwalt des Angeklaeten benützte diesen Zwischenfall/ um die Geschworenen zu warnen, sich - nicht durch ähnliche Zufälligkeiten, auf welche die Beweissührung der Anllüge aufgebaut ist, täuschen zn lasten. Dann erhebt Landru, der bis nnr durck bejahendes oder verneincndes Nicken aas dir Frage» des Vorsitzenden geantwortet ha», seine mclantholische Stiuüne — Reineke vor König Nobel — und beteuert nicht ohne Bcridsamkeit seine Unschuld. Man darf auf die Zeugenaussagen gespannt sein. Nicht weit von mir sitzt Mlle. Segret. die ein Jahr lang mit Landru verlobt war und mit dein Schrecken davonkam. WaS wird sie erzählen? Ich bin nicht der einzige, der da, ans gespannt ist. Heber fünf Stunden lang hörten ur»d schauten so viele Leute stehend zu. als Platz hatten, »nd der Zeitungsleser stürzt sich ei» paar Stundm später aus ft« Leibblack. Der Landru- Prozeß, der die Regierung schon eine Million kostete, hat süe diese auch sein G»'es. Gr beschästigt die Oeffratlichleü «ährend der Ldwcsochmt des llandtthenichrrS B»mad.

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