Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1004 (15.11.1921)
- Date
- 1921-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankreich ' wird bei Austragung der Streitwagen zwischen den Vereiniaten Staaten und England immer qn die Seite der ersteren treten und so Englands Stellung in Europa und Asien zu schwächen suchen. Frankreich will in seinem Kamps gegen England den breiten Rücken Amerikas als Deckung benütze«. Der Abschluß des französisch-türkischen Vertrages hat diese Absicht klar heroortreten lassen. Frankreich hat heimlich und rasch mit der national türkischen Regierung in Angora ein Abkommm getroffen, welches in Form, und Inhalt dem französisch-englischen Bündrite zuwiderlauft. England befindet sich faktisch im Kriegszustand mit Angora und mutz daher jeden Vertragsabschluß mit den Türken al« gegen sich gerichtete Feindseligkeit ansehen. Dann aber gibt der Vertrag den Türken den Weg nach Mesopotamien frei. Er sichert ihnen die Möglichkeit von Truppentransporten durch französisches Interessengebiet in der Richtung nach Mossul und Bagdad, trifft also den empfindlichsten Punkt der englischen Stellung im nahen Orient und damit in , Indien.. Die Pariser Regierung mußte damit rechnen, daß ihre Handlung in London helle Entrüstung auslösen wird. Die., englische Regierung hat auch 'bereits^ drohende Anfragen an Paris gerichtet Mtth- •ff»*»**-' rtzich diesen Protesten begegnet, MveU^daß es einen offenen Kampf gegen England riskiert. Sie beweist aber auch, daß Frankreich in diesem Spiele alles auf eine Karte gesetzt hat. Sein Trumps gegen England heißt Amerika. Der „Temps*, dns Sprachrohr der französischen Außenpolitik, tut die Proteste Englands hochmütig und mit einer höhnischen Gelaffenheit ab, die zur französischen Gewohnheit, die kleinsten Zwischenfälle mit größtem Elan anzugeben, in bemerkenswertem Gegensatz steht. Er schreibt: .Man wird uns verzeihen. wenn wir auf die englische Kritik des französisch-türkischen Vertrages jetzt nicht antworten. Wir verstehen ja sehr gut, daß unsere britischen Freunde sich versucht, ja gedrängt fühlen, die öffentliche Meinung ihres Landes zu erhitzen. Aber es liegt für uns keine Veranlassung vor, diesem Beispiel zu folgen. Wir wollen uns mit England nicht streiten, im Gegenteil, wir wollen freundschaftlich mit ihm leben. Wir wollen es profitieren lassen an unserer Erfahrung im nahen Orient, wo London, um mit Lord Salisbury zu sprechen, sein Geld auf ein schlechtes Pftrd gesetzt hat Wir wollen nicht über den Vertrag streiten, sondern lieber über das Wesentliche der englischen Politik im Orient sprechen/ Und nun folgt eine an die Adresse Amerikas gerichtete arge Denunziation der englischen Orientpolitik. Es wird daran erinnert, daß die englische Adrniralitcst seit Beginn des Weltkrieges konsequent dem Ziele zustrebt, alle Petroleumlager der Welt oder doch den überwiegenden Teil, in die Hände zu bekommen, weil dieser Besitz die Herrschaft über die Meere bedeutet. In Verfolgung dieses Programms hat die britische Regierung Anteile an den größten Petroleumgesellschaften in der ganzen Welt erworben. Die Aktion hat in Washington Mißtrauen und Unbehagen hervorgerufen. Um Amerika zu besänftigen — schreibt der „Tenips" und verweist dabei auf einige Reden im englischen Unterhause und gewisse Artikel in der Londoner „Times" — will die englische Regierung ein Echeinmanöver ausführen. Die Anteile der Regierung sollen zuverlässigen Privatfirmen überlasten werden. Den Schlußstein dieses Werkes will England in der Weise setzen, daß es die großen Petroleumlager um Mossul und im Kaukasus an sich reißt. Dabei steht ihm die Türkei, welche mit den kaukasischen Staaten im engsten Bündnis lebt und auf Mossul Anspruch erhebt, hindernd im Wege. Daher will England die Türkei zertrümmern. Frankreich aber kann diese Politik nicht mitrnachen Es kann nicht, dulden, daß Amerika uns den anderen Staaten der Zutritt zu den Prttoleumlsgern für immer versperrt werde. Der Artikel im „Temps" jchiicht »ck dt» rvvtlm: .W« »igm nicht, Me diese Deutschland verlangt ein kurzfristiges Moratorium VerUn» 14. November..Die „B. Z. am Mittag" brachte die Meldung, daß die in Berlin anwesende Reparationskommisfivn nicht nur auf der Bezahlung der Iannerfällißkeiten der Reparationsschulden bestehe, sondern auch ihre seinerzeitige Zusage, die von Deutschland i« Oktober zu zahlenden 285 Millionen Mark durch Warenlieferungen als gedeckt zu betrachten, zurückgezogen hätte. An hiesiger zuständiger Stelle ist hievon nichts bekannt. Man hofft vielmehr, daß die Reparations- Kommission angesichts der sinkenden Valuta Deutschland ein wenn auch kurzfristiges Moratorium z u b i! l i (c » würde. Verhandlungen -wischen -er Reparation-Kommission und der Regierung haben seit Freitag nicht stattgefunden. Sie sollen im Laufe de» morgigen Tages beginnen, da das für die Verbandlungen benötigte Material der Reparation-Kommission von der deutschen Regierung bereits übermittelt worden ist. BerSi«, 14. November. Die Anwesenheit der Reparationskomiifion in Berlin hat an der heutigen Börse zu zahlreichen Gerüchten Anlaß gegeben, auf die auch die heute eingetretene plötzliche Senkung des Dollarkurses von 289 auf 266 zurückzuführen ist. Loudo«, 13. November. „Sunday Times" schreiben : Bse Ankunftj5tt Peparattonskommission in Berlin Hst/große- Zmereffe' erregt. Es droht noch immer die Gefkhr eines völligen deutschen Zusammenbruche«, und der Ruin, UiWWstt zur Folge haben würde, wird immer deutlicher. Den Alliierten zwingt sich immer mehr der Gedanke auf, daß die Reparationen in ihrer augenblicklichen Form nicht mehr fortdauem dürfen und daß ein auf Deutschland aus- -eübter Zwang für die Alliierten selbst verhängnisvoll werden könnte. Es verlautet, daß Verhandlungen mit Amerika in dieser Frage im Gange seien und man hofft, daß die Haltung der Franzosen eine Aenderuag erfahren werbe. London, 14. November. (Wolfs) In einer Rede in Liverpool erklärte Henderson, die englische Arbeiterschaft sei der Ansicht. Deutschland müsse bestimmte direkte Reparationen leisten. Die Verminderung Manöver Englands in Washington aufgefaßt werden, aber wie müssen heroorheben, daß es den Engländern in der Hauptsache darauf ankommt, den Türken die großen Petrolenmgebiete im Kaukasus und bei Mossul «egzsnehmen. Die Nichtanerkennung der Regierung von Angora ist ein wesentlicher Teil des Programms, welches dahinzielt, die Weftmachte von den großen astatischen Pettoleumlagern fernzubalten. Denn die Türken wollen jedermann freien Zutritt gewähren. Frankreich will von dieser Politik der ,verschlossenen Tür' nichts wissen. Es will daher eine freie Türkei. Und das ist das einzige Mittel, um das berechtigte Mißtrauen der Vereinigten Staaten Zu zerstreuen/ Diese Assfälle gehen weit über die unter Verbündeten sonst gebräuchlichen Sticheleien und Nörgeleien hinaus. Sie bedeuten eine Kampfansage und lassen erkennen, daß Frankreich plangemäß vorgegangen ist, als es den gegen England gerichteten Pakt mit der Türkei gerade unm'mclbar vor der Washingtoner Konferenz abschloß. Es wollte bei der Konferenz als Schützer amerikanischer Lebeusinleressen gegen englische Machtgier, als Vorkämpfer der Machte, welchen England den Weg nach dem Orient für immer abschneiden will, erscheinen. Es treibt die Politik de» kleinen Junge», welcher de« stärkeren Kameraden unversehens ein Spiekeug au» der Hand reißt und mit der Beute Zum große» Bruder laust. In England ist man sich der Tragweite des Schrittes der ftanzösischen Regierung vollkommen bewußt Die Londoner Politiker und die englische Presse schlagen energische, vielfach heftige Töne a». Im Unterhnuse haben Lvrd Robert Cecil und O'Connor an die Regierung die Frage gestellt, was sie zu tun gedenkt, um die national türkischen Maffenmöcder daran pt fyntVfm u«ter dein Schutze Frankreichs die cnmensschr. srikliBchc und arabische Bevölkerung auszuschlachie«, wie sir cs tm Weltkriege getan traben. C-«l jojmißt der ßm»-ösijchder Produktionskräfte Deutschlands durch die TeilmiG Oberschlesiens mache dies jedoch unmöglich. Die englischen Arbeiter verurteilen die nittschaftLichen Be-> stimmungen des Versailler Fliedensvertrages und. seien, der Ansicht, daß die auferlegten Bedingungen die Wiederherstellung des wirtschafllichen Lebens .in Deutschland verhindern. Die Besetzung des Burgen- Landes. W r e n, 14. November. Amtlich wird ges meldet: A«ßera Bundestruppen hnben auch ^eme die Vvrgeschriebsne»MarfchAiele erreicht.. Nordwestlich, von O edcndur$ find die ZrApyen «nch Aeberfchreiten der VAlka-Bach-Lmie irr RohrSach, Draßbnrg und Siezendorf, nördlich vonOedendur^. irr St. Mnuxareterr und Nordisch eingezogen. Oeftlich des Neusiedler fees sind unsers Kolonneu bis Halbthuru und Nickelsdvrf, nordöstlich des SeeS bis Deutsch- Iarndor? nnd Kittsee Auch beute fanden die Abteilungen unserer Wehrmacht bei den VMAenliindern ÄberaK warme Aufnahme. u Die Urheber des Bukarefter A»schlages verhsftet. Bukarest, 13. November. (Orient-Radio.) Die Polizei verhafttte die Urheber und Mitschuldigen des im Dezember 1920 im Senat verübten Anschlages, bei dem mehrere Personen getötet, beziehungsweise verwundet wurden.. Die Urheber des Anschlages sind Max G o l d st e i n, Leon L i ch t b l a u und Saut Ofias, die Mitglieder einer russischen Terroristen-- gruppe sind, die nach einem von Moskau ausgearbeiteten Plan vorgegangen ist. Nach dem Anschlag hatte sich der Haupturheber nach Rußland geflüchtet; kurz vor seiner Verhaftung war er zurückgekehrt. türkischen Geheimoerträge. „Daily Ehronicle^ bezeichnet den Vertrag als einen Verrat Frankreichs an der Entente: „Von zwei Dingen eines: Entweder wir sind Verbündete oder nicht. Der Vertmg mit Angora bedeutet, daß wir es nicht mehr sind/ „Pall Mall Gazette^ schreibt: „Frankreich will bte Rolle des Exkaisers Wilhelln übernehmen und dem türkischen Säbel wieder zur Herrschaft verhelfen. Viele französische Agenten arbeiten bereits in Europa in diesem Sinne. Wenn Frankreich der blutrünstigen Tradition der Angora-Türken wieder Geltung verschaffen will, so reicht das aus, die Entente wertlos zu machen. Wir haben nicht im Orient gekainpft, um dem Despotismus der türkischen Halsabschneider den Bosporus zu überlassen." Die gemäßigtesten Organe und Politiker fordern, das der Vertrag von Angora unverzüglich so revidiert werde, daß England und Italien beitreten können. Die englische Regierung hat durch den Staatssekretär Chamberlain im Unterhaus erklären lassen, daß sie sich durch kein wie immer geartetes französischtürkisches Unternehmen von den Richtlinien ihrer Orientpolitik wird abbringen lassen. Man muß^ dieser Erklärung Glauben schenken, den» für England steht Aegypten, steht Indien auf dem Spiele,;atfo zu viel, als daß es im nahen Orient auch nur um einen Schritt vor den Franzosen weichen könnte. Frankreich hat wohl durch seinen Handstreich Englands Stellung in Washington geschwächt. Aber die Früchte seiner Tat, wenn sie solche zeitigt, werden andere ernten. Vielleicht wird England in seiner augenblicklichen Bedrängnis Zugeständnisse machen, aber dann gewiß nicht den Franzosen in Dorderasien, sondern bestenfalls den Amerikanern in China und SÜrnien.. Der starke Kamerad England und der große Bruder Amerrko dürften fick allem $'■ nack recht unö schlecht ausgleichen, der i-je. Frankreich wird mit leeren Händen r einer BtUJ voll -emischt« Gesthie »ach Ha»ie jatztt».