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Wiener Morgenzeitung · 1921-11-12 · Heft 1002 (12.11.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1002 (12.11.1921)
Date
1921-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelpreis 14 Krone» [ ArünMuewtionspreise: (AMex: &tm mnoitn tu mr «kx-rditiv«, S. Bezirk, Lab«. Pratze 1 bis 3, oder in rixa* BrrschleiDIlelle (Trafik): Monatlich. Kronen 2«».— Mit PoAversanb für Wie« »mb Oesterreich; Monatlich. Kronen 300.— Tfchecho-Slowakei: Monatlich . . Kronen 18.— Bterteljührlich „ 54.— i« »schechv'sloNialifcher Wühnrng tlngaru: Monatlich. .Krone» VO^m mnmifatU«) . Allein uogarifchee Wähnmg Zaeollawir«: MonatUch. . Dinar 18.— «ierteliahrli» . 4«^- Nr. 1002 Wiener Linzelprets L4i- Krone« Wien, Samstag Len 12. November 1021 Aränumeratisnspreipet Spate»: Monatlich. . Mark 5<MW in Miliicher ASHnmg _ Lenifchlanb: Monatlich . . . Mark SO»* Monatlich?^."'.' Lire 0«< _ Mtnttöxicit: Monatlich . . . . Lei 30»— Schweiz «. t«s übrige «aSlarb Monatlich. . . KraneS S.— SKü-^-'^S-V-n«! KViCtlt ''4V7Efl+*'€M0t|tt« Telephon«: 440^8, 43310 ab 0 n^e abends Nr. 10801 VoNfvaokaNentont« 1S0.SSS 3. Jahrgang Zum zwölften November. —y. Wien, i2. Nsvettlber. Der vierte Geburtstag der Republik fällt in trübe und traurige Zeit. Die offiziellen Kreise bemühen sich zwar, mit allen Mitteln feiertäglicher Regie im Volke das Empfinden zu wecken, daß sich der heutige Tag vor allen anderen auszeichnet und daß er die Erinnerung an ein Ereignis wecken soll, durch welches eine schicksalsschwere Periode abgeschlossen und eine neue, glücklichere eingeleitet wurde. Aber die Verhältnisse haben einen ganz anderen Lauf genommen. Die Erwartungen, die der 12. November 1918 erweckte, haben sich nur in geringem Maß erfüllt. Als die Republik proklamiert wurde, vertraute alles darauf, daß die Entente die vierzehn Punkte der Wilsonschen Botschaft, ck die Oesterreich alle Hoffnungen gesetzt hatte, auch Oesterreich gegenüber erfüllen werde. Staat und Volk hatten nichts gemein mit dem System des durch und durch reaktionären Militarismus, der an der Piave bedingungslos die Waffen gestreckt hatte. Der Staat, der über Nacht entstanden war, nahm für sich das Selbstbestimmungsrecht ebenso und im gleichen Ausmaß in Anspruch, wie es von den Siegern den aus der österreichisch-ungarischen Schicksalsgemeinschaft ausgeschiedenen Nationen -«gebilligt worden war. Aber die Sieger halten sich auf die Anschauung sestgelegt, daß Oesterreich der Erbe der zugrunde gegangenen Monarchie sei und daß es die volle Strenge der Strafe für den verlorenen Krieg zu tragen habe. Diese Anschauung ist bis zürn heutigen Tage die herrschende gebliehen, die Blockade hat sich, nicht ge- Ämlldert. .!■ ■ Die Schuld an der TroWKstM des heutigen Zustandes trifft aber die Republik selbst. Sie fft nicht ans dem Willen des Volkes entstanden, sondern als unmittelbare Konsequenz des Zerfalles. Die nichtdeutschen Nationen des alten Oesterreich gingen sofort nach der Katastrophe daran, ihren Staat organisch aufzubauen und ihn mit den Aufgaben vertraut zu machen, die ihm die neue Zeit stellte. Neue Männer tauchten überall aus, bereit, ihr ganzes Wiffen und Können in den Dienst der Nation zu stellen. In Oesterreich find die Parteien unverändert geblieben, ihr Egoismus ließ kaum das Bewußtsein aufkommen. daß der neue Staat neue Pflichten stelle, daß das Volk selbst der erste und oberste Träger der Staatshoheit sei und daß jeder einzelne Bürger für das Gedeihen der Gesamtheit mitverantwortlich sei. Die Republik Oesterreich hat keine einzige Partei, die sich restlos zu ihr bekennt und nur ihr dienen will. Alle schauen über die Grenze und ihre Mitarbeit am Staate geschieht stets nur mit dem Vorbehalt, die Unabhängigkeit im geeigneten Augenblick aufzugeben. Es ist bis in das letzte Haus die grundfalsche Ueberzeugung getragen worden, daß Oesterreich nicht leben könne unk daß es den Anschluß an ein größeres Wirtschaftsgebiet selbst um den Preis der politischen Freiheit anftreben müffe. Holland, Belgien, die Schweiz, die skandinavischen Kleinstaaten, sie alle strafen durch ihre blühende Existendiese Propaganda täglich Lüge. Aber das Mißtrauen in die Kraft des Staates ist der gesamten Bevölkerung in Fleisch und Blut übergegangm. Die Parteien tun alles, um diesen Schwächezustand zu erhalten, sie sind nicht mehr Vertreter von Volksschichten, sondern von Klassen, die in bitterster Feindschaft gegeneinander leben und miteinander nichts zu tun haben wollen. Es ist so weit gekommen, daß ein großer Teil der Jugend in seiner Verneinung des Staates von den Parteiführern bis zum Hochverrat und zum bewaffne!en Angriff auf den Staat aufgereizt wird. Trotzdem hat sich die Republik eingelebt und gefestigt. Zweimal in diesem Jahre war sie in stärkster Gefahr. Ihre inneren und äußeren Feinde hatten von Ungarn her den Stoß führen wollen, der Oesterreich ins Herz treffen sollte. Aber bps österreichische Volk hat doch in den drei Jahren politischer Erziehung, die seit dem Kriegsende vergangen sind, die Gefahren ermessen gelernt, die ihm aus der Wiederkehr der Herrschaft des Obrigkeitsstaates erwachsen. Die Ruhe, mit der es alle Attentate auf seine innere Sicherheit ab lehnte, ist für j eden, der hören will, ein Zeichen, daß jede Spekulation auf Mißstimmung und Verbitterung ein Fehlfchlag ist. Das Volk sieht allein; von seinen Parteien verlassen und üur als Wahl- und Steuermaschine geschätzt, kämpft es Bit Arckvamuwa aütt Krätte u» das nackte Der Ei«marfch erfslgt am Montag Wie«, 11. November. Die interalliierte Gs- «eralsmisston in Orve^drrra hat durch eine an de« Bunde-Kanzler lerrchtete, vom Präsidenten der GeneralSmisi vn, General Kerrario, gezeichnete Note hente Zie österreichische Reaiermrg einHsladerr, in verweilt die Besetzung der tum;* feie Vertrüge von St. Germain und Triam a Oesterreich z u g esprochenen rveftuHsarischen Gebiete mit Ausnahme des im Venediger Protokoll umschriebenes' AbftirnmungsLerritoriumS v o r z u n e h m u. Die österreichische R< trifft lemerttug i nunmehr die nötigeu Maßnahmen, damit schon an einem der nächsten Tage der Einmarsch des Bnudesheeres nnd der Gendarmerie erfolgen kann. Zugleich wird auch alles vorgekehrt, damit die österreichische Zivirverwaltung» sobald dies in einem Gebiete nach militärischer Ansicht möglich ist, nnverweiit eingerichtet werden Kann. Die Besetzung des ganzen Gebietes geht unter einheitlicher militärischer Leitung unter dem Kommando des Brigadiers V i d ö ssich uor sich, dem ein mit entsprechenden zVollmachtSA ^ausgsstatt4^r ZivilkrsmmisiÜr beigegebM ist^ dnrch den der Diänst der österreichischen Zivilvee«oalt«ng entsprechenden militSrifcheu Notwendigkeiten geleitet wird. Leben. Die Widerstandsfähigkeit und politische Reife, die die breiten' Masten bisher bewiesen haben, werden ihnen helfen, auch die heuttge kritische Periode zu überstehen, wenn sie beherzigen, was am 12. November 1918 gesagt wurde: «Eck.Volk stirbt nicht, solange es sich nicht selbst anfgibt.* Der türkische Zankapfel. F. S t c ä. 12. November. So tofe die vom Völkerbund geschaffenen und bisher infolge der ablehnenden Haltung Amerikas nicht ratifizierten Mandate in zwei gesonderte Gruppen zerfallen, so wird man bald auch, von zwei Arten von Friedensverträgen zu sprechen vermögen. Während man in Paris, von wo die kontinentale europäische Politik dirigiert wird, die Verträge von Versailles und Saint-Germain als politischen Katechismus anfirht, an dessen Grundsätzen kein Pünktchen verrückt werden darf, ist man gegeniiber dien Verträgen von Trianon und Sevres nicht so heikel. Der Derttag von Trianon. tvelcher die staatlichen Grundlagen Ungarns regeln soll, ist in aller Form ratifiziert worden. Aber diese Tatsache hat die Horthy-Leuts nicht in: mindesten daran gehindert, gegjrn den klaren Wortlaut der Bestimmungen eure Ränberarmee au frechtzuerhalten, den Geist der Jrreventa in den Nachbarläirdern zu nähren und sie ftmnten sich bei all diesen Unternehmungen der ftMfchweigenden Duldung oder offenkundigen Unterstützung der willfährigen Ententevertreter erfreuen, und weder in London noch in Paris machte man Miene, Horthy und seine Getreuen auf die Einhaltung des Friedens- Vertrages zu verpflichten. Schließlich' ist eZ so weit gekommen, baß unter der offenen Drohung Italiens das schwache Oesterreich in das Abkommen von Venedig tvilligen mußte, dnrch welches dieses zu Konzession an Hvrthy-Nngarn gepreßt werden soll. Der Vertrag von Saint-Germain besteht gtt Recht und Oesterreich soll alle semc Verpflichtungen gewissenhaft erfüllen, während sein einziger, ihn: vertragsmäßig zugesicherter Gewinn mit Zustiminung des Obersten Rates Jnterpretationskunststücken unterworfen wird, welche eigentlich den gesamten Saint-Germainer Vertrag zunichte machen. 9?och eindeutiger zeigt sich das Spiel mit den Verträgen im Falle des Vertrages von Sevres. Die störrische Haltung der Türken, welche sich in Angora eine inoffizielle Nebenregierung zu schaffen wußten, feie fett ÄM Wb &iö die ÄMLtzr & Das Protokoll von Venedig irnfe Oesterreich. In der gestrigen Pressekonfrrknz machte Hoftat L nd wr'tz über dm Stand der b u r g e « l ä n d r.s ch e n Fra S v folgende Mitteilungen: Seit der gestrigen Sitzung des AuS-i schusseS für Aenßeres hat sich im Stande der burgenländischen Frage nichts Wesentliches, geändert- Die Entscheidung der Bot» schafteckvnftnnz ist auch heute »och nicht nt unseren Händen-; doch ist anznredmen, daß sie im Laufe des gestrige» Abends unserem Gesandte» in Paris üb ergebet wur^e. Unsere Kenntnis .der Entscheidung der Botschaft«^ konferenz gründet sich vorläufig nur auf die offiziöse Mitteiluva der Agence Havas »nd die kurze Mitteilung unseres Gesandte»- die sich im Wesen damit deckt. Die Jnterpretatron heißt, daß da^ Protokoll von Venedig nicht früher in Kraft t r e t e n kann, als die österreichische Legislative sich darüber schlüssig geworden ist. weil wir aus dem Standpunkt gestanden sind, daß ohne parlam eutarischi Billigung die österreichische Regierung, e Ln t u N' t rA. trag nicht absch l i e ß e n kann. » Oedenbnrg. il. Nodember. Die Vorbereiwmen für dk Volksabstimmn n g, die von der ungarischen Propaganda mit auffällig starker Intensität betrieben werden, gehen weiter. Die § st e r r e i ch ii ch e n B tat t e r dürfen nur mehr i» z u g e f ch n i t t e n e m Z u.st a n d den Abonnenten zutzestellt werden. Alle ans Oedenbnrg Und das BnrgeNlatrd bezüglichen Absätze' der Wierr'rr'HMt^Eden herausgeschnitten. Zu diesem Zwecke ist auf dem OeWtzurger^Bahnhof ein eigener Zensurrau« eingerichtet worden, für den bercils —. dreißig Scheren angeschafft worden findk worden ist u:H ihrem Austret-en durch ihre Abawachüugettz mit den Bolschewiken bezüglich Dorderosiens den nötigen- Nachdruck zu geben wußte, hat dazu geführt, daß. iitij leZten Frühjahr die Londoner Konferenz. . einberufew tverden mußte, deren Zweck es war, den m'dy nid$ ratifizierten Vertrag von Sevres einer Revision zch unterziehe»:. Damals schloß der türkische Außenminister von Arrgom ein Svndevabkommen mit Frankreichs welches dessen Wünschen vntgegenkam, aber auch dieses fand keine Gwabe in den Augen des Parlaments von Angora, welches das Abkommen ab lehnte und viel weiters gehende Forderungen stellte, die man in London undj Paris mit größter. Entrüstung als Unverschämtheitstcj bezeichnete. Aber in Paris ließ man nicht locker m&j kurz darauf reiste der französische Unterhändler Franks Bo-uillvn nach Angora, um die Verhandlungen mit Ävü Kemaliften sortzusetzen. Diese haben, wie bereits ge^ meldet, zu einem positiver: Ergebuis .geführt, und m; Paris hat man sich sichtlich beeilt, das Ab kornmen ratifizieren. In Frankreich ist man befriedigt, eine? bedeutende Stärkurig der französischen Position in SyriAt erhalten zu haben, und run diesen Preis hat man, unbekün:mert Um die Bestimmungen von Sevres, den Kemalisten weitgehende Zusagen gemacht. Von einem Verzicht auf Smyrna und Thrazien ist keine Rede) über die Grieche: wird völlig zur Tagesordnung übergegangen, Frankreich räumt Ziliz:>en, das Gebiet der Türkei wird um eine weite Strecke nach Süden vergrößert, die Bagdad-Bahn soll auf einem beträchtliche» .Gebiet von einrr französischen Gesellschaft betrieben werden und die Türkei soll das Recht haben, auch ani der syrischen Strecke dieser Bahn Militärtransporte befördern. Bedeutsamer noch als dieses Abkommen ein Begleitbrief des Außenministers von Angora an bfyi] französischen Bevollmächtigten Frank-Bouillon, W welchem ein« Reihe von (Mn- und Silberbergwerkm für 99 Jahre französischen Unternehmern zur MÄ beutung überlassen wirb und sich Angora bereit erklärks französischen Gesellschaften zur Ausbeutung der Nattlr-. schätze alle möglichen Erle ich temngen zu gewähren. H .'.Ä Was bisher von den Mmachungan zwischen FraM reich und den Kemalistrn bekannt geworden ist, enthÄl< nichts, was einem Gewinn der Türken ähnlich sähe/ welche den Franzosen so bedeutende Zugeständnisse ge-, macht haben, und der Schluß ist naheliegend, baß jener^ Genstnn auf eckem anderen Gebiet liegen muß. In fc«tj Tat findet nwst in der englischen Presse Hinweise KK SKNUM« »M »»« ft.nNS«, ~-a '

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