Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 994 (4.11.1921)
- Date
- 1921-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelpreis LM Kronen Einzelpreis ^ränttmeralionspreise: K ien: Zum Abyvlcn in der Aprditton. ^.Bezirk, Taborftraße 1 6k. 8, oder in einer BerschleihsteNe <Trasik): Monatlich . Kronen 66?.— Mit Postvcrsand für Wien und Oesterreich; Monatlich. Kronen 360.— Tschecho-Slotöakeir Monatlich . . Kronen 18«— Vierteljährlich „ 54 — in Ischecho-slowälischcr Währung Ungarn:, Monatlich. .Kronen?0,— Vierteljährlich •„ £10.— ' in ungarischer Währung Jugoslawien: Nlo'natlich. . . Dinar 18. , Vierteljährlich „ 45.— iener Kronetj Aräimmkrilionspnlst r l , Polen: 4 >' - Monatlich. . Mark Vf-' in polnischer Währung-/^: Deutschland: » Monatlich . . . Mark »0.-! Monatlich. . . FraneS 6»-i Italien:! Monatlich.... Lik« v.-l Rnmiinien: A SflQMtUty.... Lei 30,-J Schweiz «. dar übrige Auklan» Monatlich . . . Francs 3»-* Redaktion ».Administration Wien, E.Bez.,Taborstr. 1—3 Telephone: 44038, 4331« ab « Uhr abend^ptr. 16801 Bostsparkassenkanto 150,69* 01t. 994 Wien, Freitag den 4. November 1921 3. Jahrgang Washington und Genf. st. Wien, 4. November. - Präsident Wilson wurde von seinen Landsleuten daoongejagt, weil er. den Völkerbund gegründet'hatte. Die Widersacher bezeichnen seine Tat als verräterische Preisgabe der Lebensinteressm der Vereinigten Staaten. Er hat ein blühendes Staatswesen und einen gesunden Wirtschaftskörper an das in Fäulnis geratene, von Fiebern und Krämpfen durchtobte Europa ketten wollen. So Sprachen die-Ankläger und ihre Stimmen fanden begeisterten Widerhall. Ihre Worte sielen auf den besten-Nährboden für alle politischen Irrlehren, auf den Boden .des,, nationalistischen, und wirtschaftlichen EgoismusvMe^Samen «eiste Mr Nacht zur Frucht. Wilsons Wühlschlacht war verloren, ehe sie begonnen, und die' Niederlage'vernichtender als je eitle. Sonst geraten durchgefallene 'Kandidaten in Vergessenheit. Wilson aber blieb auf der Tagesordnung, er blieb und ist Gegenstand der, Diskussion, iy deren, Verlauf er alle . Nüancen und Schattierungen von dem im letzten Stadium befindlichen Idioten bis zum galgenreifen Schurken durchzumachen hat. Und es ist kein Redner und Schreiber so. klein und dumm, daß er sich nicht berechtigt glaubte, diese Skala hinauf-und herunterzuspielcn. Einem Wilson gegenüber ist eben jeder klug und edek Wilson hatte erkannt, daß man nach jahrelanger grausiger Schlächterei und Mordbrennerei, nach - Vernichtung' einer Welt nicht ruhig den Säbel am ^'Sternenbanner abwischen und einstecken kann, um mit dem nächsten Luxusdampfer von den sinkenden < .Kulturen zu den steigenden Dollars zu, fahrem -Er! + hat crkännff"st>aß die zwingende Pflicht i entstanden ist, Herben^ und für die Heilung der geschlafenen Wunden und die Verhütung neuer Katastrophen ,in.. gemeinsamer Arbeit zu ^wirken. Er yaD aber auch, von allen sittlichen Erwägungen abgesehen,-verkannt, daß die Geschicke Amerikas und Europas 'mntreilnbar verbunden sind und gemeinsame Weit..,erfordern,-, daß die Vereinigten Staaten im ■ ureigensten-Intereste in -den Bund der Völker ein- Wen müssest. -^ -, .. ^-Llllen'jenen,.-die im Kriege Reichtümer errafft, höben und" nicht, .gewillt sind, ein Quentchen davon yerzugeben,.'ünj)>- allen jenen, die neue Kriege 'wollen; um -'sich Revanche zu. schaffen, schien die--Erkenntnis-' Wilsons gefährlich. Weil aber tsic: Majoxitätf-.der Menschhest heute noch unter dem'; Kommando gieriger, jedem Verzicht abholder K-riegsprofitler' . und militärischer Nationalisten steht, . darum mußte Wilson fallen und Harding siegen. / * . ^,7'Doch 'HardnM Siegesfreude war kurz. Der Bezwinger-? Wilsons muß Europa rufen, weil er es bkaucht.. Der vor einigen Monaten auf das stolze Programm' der „glänzenden Isolierung" und Nichtoriimischung gewählte Präsident hat die europäischen und asiatischen Staaten zu einer Konferenz nach Washington'geladen, die in einigen Tagen beginnen wird. Seine Anhänger sind verdutzt. Der „New Pork Herold" schreibt: „Wilsons Plan drohte aus den bereinigten Staaten eine europäische Macht zu > machen. Wilson, wollte uns am Versailler Vertrage (<imb damit' am Völkerbund) teilnehmen lassen. Hardmg hat 'durch -den Abschluß eines Sonderfriedens mit. Deutschland, unsere Verbindungen mit Europa gelöst. Durch^-die Konferenz in Washington, reißt" >er ^«rns 7'" in ein neues europäisches Abemener!".?<Der-Vorwurf ist ungerecht, soweit er Harding der freiwilligen Preisgabe seiner Grundsätze beschuldigt. - Der'-übermächtige Druck -von Tatsachen ha», ihn aus - Wilsons Weg zur Verständigung mit dem ' verachteten Europa gedrängt. ^Der Konkurrent Amerikas im^Süllew Ozean,. in China und Sibirien, Japan im Bunde' mit England,- das heißt: Japan im Bunde mih-allen unter Englands Einfluß stehenffen Siaatm, hat dem Präsidenten Harding bange gemacht. Er Hab erkannt,Haß auch Washington der Herr alles Reichtums, meiner? ganzen.Welt und sei es auch ein er, verarmten und verelendeten Welt — nicht standhalien kann..'!!.Die Konferenz soll, dazu dienen, das englisch-japänische Bündnis zw sprengen oder ihm ein. anderesentgegenzustellen. Harding will aus der hochgepriesenen', aber nun von ihm selbst als schrechlich kckaunlm Vereinsamung herauK» ' Belgrad, 3 November. Um die Beilegung des Konflikts mit Ungarn zu beschleunigen und einen neuen Beweis des Entgegenkommens gegenüber den Wünschen der großen Entente zu geben, hat die Regierung des Staates S. H. S. im Einvernehmen mit Prag beschlossen, die Frage des Ersatzes der Mobil i'\t e r u n g s k^o st e n a u s dem Komplex der an Ungarn gemeinsam zu richtenden Forderungen auszuschalten. In hiesigen politischen Kreisen erwartet man, daß hiedurch auch das letzte Hindernis für eine rasche Klärung des Verhältnisses der kleinen Entente zu Ungarn beseitigt erscheint und daß die Erfüllung der übrigen Forderungen bereits in wenigen Tagen e r f o l g e n w i r d. Sobald dies geschehen sein wird, werden die getroffenen militärischen Maßnahmen sofort aufgehoben werden. MiKisterpriisidemt Dr. Benesch über die Lage. ... 3. November^ InL^er , heutigen . Sitzung des Butzetousfchusses etgnff Mmst'erprästdent Doktor Ben e s ch das Wort. Er konstatierte, daß die Mobilisierung fast überall sehr gut .undE musterhafter Ordnung vor sich gegangen sei, obwohl viele Schwierigkeiten zu überwinden waren, da es sich doch um die erste Mobilisierung handelte. In militärischer, verwaltungstechnischer und politischer Beziehung, sagt der Minister, war die Mobilisierung ein Erfolg. Bezüglich der auswärtigen Situation legte der Ministerpräsident dar, daß in den letzten Tagen ein Einvernehmen zwischen den Alliierten und den Mitgliedern der kleinen Entente zustande'gekommen sei und sagte: Im Sinne unserer Friedenspolitik sind wir dahin gelangt, wohin wir zwecks einer friedlichen Regelung der Krise gelangen wollten. Die Regierung wird bei der weiteren Entwicklung des Konflikts in friedlicher Weise oorgehen, indem sie alles, was nötig ist, vorkehren und nicht die äußersten Mittel zur Geltung bringen wird. Die außerordentlichen Maßnahmen müffen noch kurze Zeit andauern, damit alle unsere Bedingungen angenommen und verwirklicht werden und die Situation sich kläre. Die Regierung ist entschlossen, die außerordentlichen Maßnahmen keinen einzigen Tag länger andauern zu lassen, als es unumgänglich notwendig ist. * Die Geschichte dss Ultimatum.'. . Die ungarische Regierung, hatte in.der Bvrmocye amt* lich alle Meldungen über die befristeten Neben der gwßen I Harding ■ ist in der Not zur Klugheit Wilsons gelangt, aber noch nicht zu dessen moralischer Einsicht, noch nicht zur Erkenntnis der sittlichen Pflicht, die Kriegsschäden zu lindern, die Völker zu versöhnen und den Weltfrieden zu sichern. Man darf sich durch den Titel „Abrüstungskonferenz" nicht beirren lassen. Ein schönes Wort, mit Anklängen an Völkerfrieden und Völkerbefreiung, deckt hier eine nüchterne Profitfache. Harding hat es aus Gründen der Repräsentation gewählt. Konferenz zwecks Aufteilung der chinesischen und russischen Märkte klingt abscheulich, Weltabrüstungskonferenz viel besser. Daß beeinflußte und unbeeinflußte Zeitungsschreiber Washington mit Genf vergleichen und gar in voreiliger Liebedienerei Washington über Genf setzen; ändert an der. Sache nichts. Kleine, hilflose und gequälte Nationen haben in Washington nichts zu * suchen. Staatssekretär Hughes hat den Schwärmern und Träumern von Weltfrieden und Weltgerechtigkeit vor wenigen Tagen den Wahn benommen durch die. trockene Erklärung, daß für Beratungen über die von bewaffnetei^Gegnern bedrückten Minderheitsvölker Mn Raum in de«'Verhandlungen vomejekeuk). > ■ iihb der fleinen (Mente schlau? dementierb. und den Verbreiters dieser Nachricht mit der Polizei gedroht. Nim erfähut man] vom Grafen Beth l e n selbst, das; diese Ultimaten dennoch-! bestanden haben und bis Mittwoch mittags liefen. In de^ '*1 die Absetzung Karls vorlegte, erklärte nämlich Graf B'e t h f c itj das; die ungarische Regierung ' bts Mittwoch mittags . den Vertretern.: der großen Entente in chVudapeft Antivorö erteilen mußte darauf, ob sie die Notierung der D'ethvogisie-] rungsvorlage sichern könne vder nicht.' Die ungarische Regie-< rung — so fiU)rt& der Ministerpräsident aus — erhielt gu| gleicher Zeit zwei N o t e n, eine von den Großmächten und eine zweite von den Staaten der kleinen Entente. Die. Großmächte erklärten in dieser Note, Laß, insofern brs zum 2.November mittags das Schicksal d»s Gesetzentwurfes nicht! entschieden sei und keine bindende Erklärung der ungarischen! Regierung vorliege, unverzüglich' und unbedingt das erfolgen! werde, was die Großmächte' schon früher an gezeigt haben:!- Die T sch e ch eit u nd .Inga s.l aw e n erhalten-von ' den!-' Großmächten ' den Auftrags mit bewaffneier Macht, drei; Grenzen U n g avln s"z'w ub'er schere i'ten." und "Ms"' Land zu. okkripieren. In der Note der kleinett Entente war' eine ähnliche Befristung'^kMAMk.. Es wurde, in dieser, nur e noch die Möglichkeit für die llitterlassnng ' des bewaffneten Vormarsches ' in .Aussicht gestellt, falls die ungarische Regierung bis zuich Mittag des 2. November eine bindende Ertlärnng über dies Parlamentarische Durchführung der' Dethronisiermtgsvorlagq abgibt. ] In dieser Konferenz richtete Graf Albert Appouyü an den Ministerpräsidenten die Frage, ob die nngarische Regierung seitens der großen Entente e n t. s P r e ch e n d e G a r a ntien besitze, das; nach der Dethoonisiernng des Königs.Karl und der ganzen Habsburger Dynastie die kleine Entente; keine weiteren F6xberungejt gegen Ungarn er-f heben werde. Er fragte weiter, ob Garantien vorhanden sind',!, daß die kleine Entente nach der Dethronisievung nicht neuer-! dings dort an fangen werde, wo sie bei der Forderung der! Dethronisierung begonnen hatte, so daß dre Lawine kein Ende haben wird, bis ganz Ungarn im' .Staube liegk.i Der Ministerpräsident erklärte, daß. «r. in der'. Lage sei,- bie: Besorgnisse des Grafen Äpponyr zerstreuenzu können, denndie ungarische Regierung erhielt seitens der Großmächte Garkrntien, daß die große Entente über die Dethronisierung hinauK keinerlei weitere Fordern» g der kleinen Entente honorieren werde. Die Großmächte werden solche Forde-- . rnngen ans das nachdrücklichste in den Hintergrund drangen. Der Ausgang der Washingtoner Konferenz ist schwer zu erraten. Jedenfalls wird, ob nun Amerika siegt oder nicht, die Welt nach Washington nicht schöner und nicht besser sein, und dem Nimmersatten Götzen Militarismus wird diese „Älbrüstungskonferenz" herzlich wenig seiner Macht nehmen. Es besteht nur die Hoffnung, daß Washington schließlich eine Station auf dem Wege nach Genf wird. Die amerikanischen Staatsmänner haben den Grundsatz-Wilsons, daß' egoistische Llbschließung für jeden Staat und auch für! den ihren unheilbrüigend wirkt, trotz allen Sträubensi annehmen müssen. Die Einberufung der Konferenz in- Washington ist ein teilweises Bekenntnis zu Wilson.! Vielleicht wird aus dem teilweisen Bekenntnis ein ganzes. Die Entwicklung muß es schließlich dahin bringen, da'ß auch die Vereinigten Staaterr von der Bewegung zum Völkerbund erfaßt werden. Wenn bicj Konferenz in Washington zur Veschleunigüng dieses Prozesses beitragen wird, dann hat sie einem geschichtlichen Zwecke gedient. Sonst bleibt sie eines der vielen: diplomatisch-militaristischen Intrigenspiele, an, d.enen .Mrrr lchreMche Zeit leider so reich ist- ‘u—,1,1»' 11,1 ' « ■' 6177^7