Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 993 (3.11.1921)
- Date
- 1921-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 993 Wien, 2-crnner»mg ZDierrkr a»i0;geK$*:assH& o. Nooemver 1921 Serke 3 vr Die diesjährige Parteikonferenz der österreichischen Zionisten fand nach einer ganztägigen Sitzung Dienstag in vorgerückter Nachtstunde ihren Abschluß. Die Dienstagsitzung leitete ein Referat' über Jugendarbeit ein, welches Professor W. Stein hielt. Redner weist auf die besondere Wichtigkeit der Jugendarbeit' hin. Die Jugend ist das Barometer, das uns anzeigt, wie wir stehen. Während wir immer mit größerem Stolz auf die. Jugend hrnwiesen, die hinter uns stehe, hat siAdieser Zustand in letzter Zeit zum schlechteren gegeändert. Die Zeittendenzen, die um sich greifende Verwiilderung und Demoralisation wirken sehr nngünstig. Da dürfe man nicht mit Vorwürfen kommen, sondern müsse sich fragen, was zu geschehen habe. In de-: pädagogischen Praxis lasse sich der Mangel an Idealismus bei der Jugend deutlich Nachweisen. Auch auf nichtjüdischer 'Seite bestehen die gleichen Verhältnisse; nur der deutschnationale Chauvinismus habe feine Jugend hinter sich. Wir mußten mit der uns noch übriggebliebenen Jugend arbeiten, die vorhandenen Jugendgruppen zusammenfassen. So wurde ein I u g en d v e r b a n ö geschaffen. Aber auch dort zeigten sich, starke Gegensätze.-Ein Seminar> welches der Erziehung nach verschiedenen Richtungen dienen sollte, brachte keine günstigen Ikesultate, der Zweck, eine Generation von Jugendführern^zn schaffenwurde nicht, erreicht. Wir dachten, daß das T itrt a ls solches her beste Weg sein werbe. Um die Lethargie der Jugend zu bekämpfen, wir wiesen sie an-die Arbeit für die Chaluzün - (Bahnhofsdienst, Fürsorge usw.) und dachten so, hon wirklichen Kontakt mit der auf Palästina gerichteten Jugend herzustellen. Aber weder'auf diesem Gebiete noch auf dem der Berufsumfchichtung und der Propagandaversammlung hatten wir vollen Erfolg. Bis auf wenige wertvolle Gruppen sei auf dem Gebiet der Hebräisierung .nichts geschehen.-Die Jugendarbeit Habe auch zu wenig Unterstützung bei den. zionistischen Sektionen gefunden, dies müsse sich unbedingt ändern. Die Turn- und Sportvereine haben,einen Kreis geschaffen, aber die schönen Vorsätze sind bisher nicht durch geführt. Bei dem.'jetzigen.Stand der Arbeit kann dauernde Vereinsarbeit nur von wenigen geleistet werden, da die ent- . sprechenden Füh r e r fehle n. Wirmüssen uns darauf beschränken, eine möglichst weite Durchdringung der Jugend mit jüdischen Ideen zu verfolgen. Im 19. Bezirk sei.durch Schaffung einer F o r t b r l d u ngs sch ule ein vielversprechender Versuch gemacht worden,'' die Jugend wirklich jüdisch zu dn.rchdri.ngen. Dieser Weg müsse überall gegangen werde». Redner schlägt die Errichtung eines entsprechend dotierten J«g enda/mtes, eines Kata sters, die Besorgung voü schriftlicher Propaganda und die Aufstellung-von Inge u pr^sereuten in.den Sektionen vor. Der Glaube, die jüdische Jugend für uns zn gewinnen, äst der Glaube an den Zionismus selbst. (Lebhafter Beifall.) > . Mbev die H o ch s ch ü l e r b e w e gu ng berichtet Dir. K i w e-: Wir haben extensive --Form«» verworfen Und enge Arbeitsgemeinschaften gesannnelt. Die Vereinigung^aller bestehenden Gruppen, hat sich bewährt, und der - aka-d cini s che L an des v er band besteht heute aus achtzehn aktiven Vereinigungen.. Wir haben bei verschiedenen- Aktionen der Organisation mitgewirkt, sind aber nicht.entsprechend ausgenützt worden. Redner gibt ein Bild dexl Tätigkeit der einzelnen Gruppen, aus ivelchem hervorgeht, daß eine Reihv von Gruppen aus kulturellem 'Gebiet sowie für Natiorralfonds und Mren Hajes so d gedeihlich gearbeitet hat. Das Referat über ' Kultnrarböit hielt Dr. I, Margnlies. Er beklagt zunächst den - Mangel an Interesse an diesen Prob lernen in der Partei. Das Schul- und Knlturwerk arbeite im Rahmen einer gewissen Autonomie, kann sich! aber nur in zionistischer Atmosphäre entwickeln, abgesehen davondaß die leitenden Personen vielfach dieselben sind, wie in der Organisation. i . . .' Es ist in .diesem Jahr« gelungen, ä^das. jüdischst!Sch u l werk. Unter größten .Schwierigkeit'm zu erhalten und einige bedeutende Schritte vorwärts zu machen. Das Zentrum der jüdischenKüftur^bleibed-äss 'He b p als che. Die Schwierigkeiteü seiner Aneignung für Erwachsene werden immer geringer, eine ,Reihe atrsgezeichneter. Lehrirr, deren Zahl ständig wachse, könne 'es auch den Erwachsenen ermöglich-n, sich' die Sprache anzueignen. Diese Arbeit sei vielleicht ein Maafser tut Zeit, aber keine Minderung des Vermögens, sondern eine Vermehrung. Auch' bei anderen2851«* kern habe es sich gezeigt, daß hervorragende Führer die eigene Sprache und Kultur nicht kanntsn. Dies 'rchrue.aber kein Freibrief für die Mepge sein, tyfr mindest müsse man fordern, daß Zionisten die Kukturinstitnte in ganz anderer Weise fördern als bisher. Im letzten Jahre wurden verschiedene Kurse für E r w a chsene errichtet und die.Kenntnis des Hebräischen unter der Beamtenschaft hat zugenommen. Die neue Generation soll aus äen jüdischen Schulen kommen. Das ist vielleicht ein Wechsel auf längere Sicht, aber er ist gutes Geld. Inzwischen müssen wir alle Möglichkeiten voll ausnützen. Der Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen ist völlig u nbe f ried i ge nd, das neuerrichtete Religionslehrerseminar werde auch auf diesem Gebiet Helsen können. Ans unseren Einfluß hin -Die Ku^nsg.emeinde in ihren Religionsschulen eine Mn st er schule geschaffen, wo Hebräisch als lebendige Sprache unterrichtet wird. Im Sinne des letzren Parteitagsbeschlusses sind die „Vereinigten hebräischen Schulen" mit zusammen.22 Kursen dem Jüdischere Schulverein angegliedert worden. Außerdem besteht eine gc-nze Reihe verschiedener-Kurse in verschiedenen Bezirken. Die Forderung nach' Schaffung eines hebräischen Jnspektorats konnte bisher aus persönlichen Gründen nicht verwirklicht werden. Was unser Erzieh ungstverk anlarrgt, so bleibt.alles Stückwerk, wenn wir nicht den g a n ze n jüdischen Menschen von Kindheit auf in unsere Einflußsphäre nehmen können. Eigene Ki ndergärten konnten wir bisher nicht schassen, doch wird dieser Matigel Lurch die Tätigkeit der „Jüdischen Kinderfreultd,." gntgemacht, an deren Spitze wiederün: leitende Zionisten stehen. Diese haben sechs Tages Heimstätten und eine Mädchenabend schule und ihre Tär'gkv-U erstreckte sich in den Wiruermonaten über achthundert Kindew Die „Kinderireunde" haben am Einvernehme>r mit dem Jüdischen Schnlverein einen Musterkindergarten errichtet, der vom ciitf r palästinensischen Kindergörcnerm geleitet wird. Die jüdische Volks s ch u l e ist un ser' wichtigstes Orga n, aber an ch unser größtes Schnrrrzenskind wegen der technischen Schwierigkeiten, mit denen wir zu kämpfen hatten. Mit vieler Mühe konnten wir je eine Volksschule im 2. Und 28. Bezirk eröffnen. Was unser Gymnasium betrifft, das sich sehr g>:r entwickelt, so ist die Beteiligung nicht die entsprechende. Das hebräische Pädagogium ist ei'-te Act Akademie für jildischeKultur geworden.; und steht auf sehr hohem Niveau. Man hat voriges Jahr beschlossen, daß der Beitritt:znm Jüdischen Schnlverein obligatorisch sei, aber die Zahl. o«? Mitglieder ist immer noch sehr klein. Allerdings fallen die Mitglied'sbeiträge gegenüber dem in die Millionen gehenden Budget Üicht ins 'Gewicht., ,Aber wir müssen sagen könuen: Das jüdisch'e Schultverk wird hon Zehn Lau send e n ckn te r stü tzt. Redner bespricht die weiteren Kultnrinstitute wie dich Volksbibliothek Zion,' den hebräischen Ilub und die Tätigkeit des jüdischen T h e a t« r s, das sichst in künstlerischer Richtung hervorragend entwickle. Vielleicht könnte mit der Zeit an' das bereits geschaffene iaü'ch der Anfang einer hebräischen ' Äüh'ne anknüpsen.^ Auch die jüdische M u f i kp stl e g e, welche die „Hakoah" Und der jüdische Gesangverein befprgen, müßten in diesem, 'Zusammenhang ertpahüt werden, l s(Lcbhafte-r /.-Ist der Debatte sprechen Go ld s ch mied t, wescher auf die Notwendigkeit hinweist,, die Lehrlingsfiirsorge 'Ins §kulturwerk einzubeziehen und der die Tätigkeit,des Vereins „Zukunft" bespricht, der bereits heute seine 'Fürsorge ans 330 Lehrlinge, erstrecken kann, ferner -S « n d r o w i c z und L e w a n v u. Siegfried' A b e l « s bespricht in ausführlicher Weise das Gesamtprob lern der Jugendfürsorge, Dr. Gelber verlangt, daß die Propaganda kulturelle Unterlagen habey müsse und greift die Ars d?r' Propagandaarbcit heftig an. Wir müssen unsere organisierten Mitglieder verpflichten, ihre Kinder selbst in rmsere Schulen zu schicken. Er schlägt die Errichtung einer Volksbildungsanstalt und eines Redner-- seminars vor. ' . ' Neben zahl weist die. Behauptung des Vorredners von kulturloser Propaganda zurück und wendet sich gegen eine Kritik, tvelche eine. Trennung ztpischen Parteigenossen machen wolle. Es sprechen Charmatz, H i r s ch s e l d, Freundlich. Nach den Schlußworten der Referenten werden die vorgeschlagenen Thesen en bloe angenommen ^st'H"' ' ,°'° Das Referat über -s politische Arbeit und die Tätig^it ddr Mandatare erstattete Gemeinderat Dr. Plaschkes. Redner bespricht,die schwierige Situation der Mandatare, welche sich gegen dis verschiedensten Angriffe von allen möglichen Seiten zu verteidigen haben. Nachdem wir gegenwärtig keine Vertretung im - Parlament haben und als Gemeinderäte Landtagsabgeordnete geworden sind, bemühten wir uns,, unsere Arbeit auf diese Plattform zu bringen rmd im Wiener Gemeind.grat unser zionistisches und jüdisches Programm zu vertreten. Redner gibt ein BiU dev. vielfachen Tätigkeit der jüdischen Mandatare im Ge»: nreinderat, welche bei den verschiedensten Angelegen-! heilen zur Wahrung der jüdischen Recht« eintreM mußten und für Interventionen aller Art in Anspruchs geyommen wurden. So konnien Chaluzim ans städti^ schen Gründen angestellt und ausgebildet werdest, Lisi die organisierten Landarbeiter deren Weiterverwendung. durch Streik unmöglich machten. Man mußte sich ums! Schulwerk kümmern, Turnsäle für die Sportvereines Spielplätze für die Kinderfreunde erlangen, für dies Soziale Hilfsgemeinschast-usw. eintreten. Unser offene Bekenntnis zum JudeMum und eine offene Darlegung! unserer Grundsätze hat uns viele Freunde und dis! Achtung der Gegner erworben, auch, die her nichts jüdischen Sozialdemokraten, während uns die Judech dieser Partei als natürliche Konkurrenten ansehen. Wir! haben int Sinne des Friedensvertrages ein« BerüekZ sichtigung unserer kulturellen Minderheitsrechte gc*j fordert und werden auf diesem Gebiete, weiterkämpfest^ müssen. Einen breiten Raum unserer Tätigkeit nahm! der Kamps zur Schutze der Ostjuden ein, den wir als eine internationale Ang : legenhvit ansehen. Wir verlangen nicht bloß l-'chte als Staatsbürger, sondern als Juden und haben erklärt, daß! wir internationale Instanzen anrufen werden, wenn man nicht ailfhört, Unterschiede zwischen' Ost- und Westjuden zu machen. Redner bespricht den Kampf gegen die autiseinitifchen Ausschreitungen, dis Ausschließung der Oftjuden von der Unitz ersitMs und die Uebergrisse gewisser Rektoren und Professoren^ Der Vorwurf, daß wir rnr Kampfe gegen den Anti-^j' semitismus die Liberalen von ssther kopieren, ist unbe-! rechtkgt, weil unser Kamps einen positiven Charakter! hatte. Wir werden darauf bestehen, daß allen Vereinen welche den Arierparagraphen aufgenvmmerU haben, die Gemeindesubvention entzogen wird'.^ Auch in W o h n u u g s s r ä g e n hatten wir eine wichtige! Tätigkeit auszuübeu und viel Unrecht zu verhüten. Ino allgemeinen gehen wir dort mit den Sozialdemokraten/ wo es vorn jüdischen Standpunkt möglich> ist. Denn wir müssen schon als Juden gegen die Reaktion kämpfen.: Redner bespricht ausführlich die Frage der Ostjuden/ tvelche bei allen Nöten vorgeschoben werden, um dann das ganze Judentum zu treffen und die Frage des! O p t io n s s kand als. Die jüdischen Kapitalisten zergem keinerlei jüdische Solidarität, 'wie gerade die letztest! Tage beweisen, und erst «in W'aber mußte di« Wieners Juden lehren, daß es ein untrennbares jüdisches Volk gebe. Was an Optionen günstig erledigt werden konnte^ verdanken die Juden der zionistischen Partei, denn wir! haben die Vollzugsanweisung durchgeseßt, in welcher, das Mort-„Rasse" nicht enthalten ist. Erst W'aber hät) der Sache eine ander« Wendung gegeben und der Kampf! ist hier noch nicht zu Ende. Die drohende Wohnungsst ansorderung erfordert unsere ganz« Energie unds wir müssen völlig gerüstet sein. Aber die Arbeit wächst; Ans über den Kopf und wir brauchen bringend ein p v-l i-1 st i s ch' e s S e k r e t a x i a t. Redner bespricht weiter die; reiche Tätigkeit der Mischen Bezirks-, Armenüstd;! Ortsschulräte und behandelt "hierauf die Frag« der Air s- . enthaltsbvwillignngen, welche in ein akutes-! Stadium zu treten drohen, da man wieder mit d«r Polizei gegen die Flüchtlinge vorzugehen beginne und! die gewaltsamen Delogierungen wieder ans die Tages-' vrdnung konimen. Die Ansfi'chrungen des Gemeinde-! rates Dr. Plaschkes wurden nnt lebhasteftzem Beifalls zur Kenntnis genommen.; "i Dr. Jakob Ehrl-tchs VtzM^t'^W^d'-Eätigkeit! der Zionisten in der .' Kultusgemeinde. 'Er bespricht die Geschichte der letzten Wahlen, dieser ^.rtei einen erfreulichen Erfolg gebracht, aber den' Erwartungen nicht vollständig entsprochen haben. Wir erwarteten euren Wahlkampf nach altem. Muster: Paß es genügen wird, der Majorität das große Sünhen-! Register vorzuhalten, das vollständige Versag-rn aus allen) Gebieten der Verwaltung, ihr reaktionäres' Mr-s - halten in,der Frage des Wahlrechts, und der.-Be-s. Handlung der Beanrten. Das alles war für die Wähler-! sthaft nicht , von Interesse. Der Wahlkcunps war.'eins ausschließlich politischer Kampf und unsere Gegner,^ dies sich unter der Bezeichnung der „ni ch tjüdischnativ-s n a l e n Pa r t e i e n" zusammentaten, hatten lediglich? das eine Programm: Ablehnung der nationalen Forde-! rungen. Es hat sich iü diesem Kampfe gezeigt, baß' die jüdische Oefsentlichkeit über das nationale Problem! - uocki wenig informiert war und es demnach der gegsteri--! schen skupellostn und' vor Verlemndungi'sn nicht zurück-! scheuenden Agitation gelungen ist, rn «inen Teil der. jüdischen Wählerschaft Verwirrung hineinzubringen.-, Nach! der' Wahl mußten wir uns fragen, iu welches, Verhältnis wir zur Gemeinde treten sollen. '-'Be-! stimmend für uns war die trostlose Finanzsitnation,: die wir antrafen. Wir wollten mitarbeite-w und eine! Sanierung der Finanzen herbeiführen. Wir forderten: Reform des Steuerwesens und Erweitenmg des Wahl-s rechts und stellten, ein Junktim zwischen Msen For-! derungvn her, weil wir die Sanierung ohne erweitertes. Wahlrecht für unmöglich hielten. Redner schildert aus-! führli'ch den Kampf um diese Fordevungeu und das auf BevfchlePMrg gerichtete Verhallen der Mehrheit/! erstklassig uftd bSBBigst IIJaMrasse 48 b Engros! Telephon 47179 m* Eadwtoil