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Wiener Morgenzeitung · 1921-11-02 · Heft 992 (2.11.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 992 (2.11.1921)
Date
1921-11-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelpreis —hit ui rm» i ii inmiTiTiiuww SrSnumerattorispreise: W icjt: Zm» Nbholen in der Expedition, 2. Bezirk. Taborß»nße 1 biS 3, oder in einer BerschlclßsteNe (Trafik): Monatlich. Kronen 869.— Mit Popversand für Men und Oesterreich: Monatlich. Kronen SCO.— Tschccho-Slowakci: Monatlich. . Kronen 18«— ^vierteljährlich . S4,— i« tschechv-flowakifcher NSKmng Ungarn: Monatlich. . Krone« VS.— Vierteljährlich ,, «60^. in »ngarischrr Jugoslawien: Monatlich - . - Dinar 15.— vierteljährlich „ 46.- Krone« Einzelpreis Krone« Arä«umer«r1ionspretzt-4 Polen: Monatlich. . Mark in polnischer WLHrvng! Deutschland: &'s Monatlich. . . - ■ » Monatlich. . . FranrS 0»— Italien: " Monatlich. . . .Lire6»— . Rmnönien: Monatlich.... Lei 39^— Schweiz n. da» übrige Au»l««d Monatlich. . . Franes S»— Redaktion ».AdminiftratUp» Wien, »^oz«,T«dorstr.1—r W ¥ WpV wtll^v 3wc* jCv9wb Postkvarkassenkont» IfiOlfit Nr. 992 Wien, Mittwoch den 2. November 1921 3. Jahrgang Lenin kapttnliert. —y. Wien, 2. November. Vor dem Kongreß für poMsche Erziehung hat Lenin vor zwei Wochen eine Rede gehalten, in der er Anklagen gegen sein System richtete, wie sie in gleicher Schärfe und Präzision nicht einmal von den Geg^rn des Bolschewismus ausgesprochen wurden. «Haben wir es verstanden, die Arbeit und damit die Produktion des Landes zu erhöhen? Nicht einmal für einen Pfennig. Wir glaubten, daß man in einem Lande mit einem deklassierten Proletariat die Produktion und Verteilung mit Hilfe von kommunistischen Tagesbefehlen organisieren könne. Wir haben ein Fiasko erlitten. Bisher waren wir nur gute Leiter von Volksversammlungen. Wir haben nicht verstanden, daß es etwas anderes ist. in einer Volksversammlung Erfolg zu haben und den Staat zu leiten. Wir müssen daran denken, daß wir alle an den Galgen kommen, wenn wir schlecht arbeiten, und zwar mit Recht, denn wir haken es nicht besser verdient. Wir müssen daran denken, daß der Staat lernen muß, den Handel in der Weise zu treiben, daß die Industrie die Bauern befriedigt, daß die Arbeitenden selbst an der Republik Mitarbeiten. Nur unter solchen Amständen ist eine große Indnstrie möglich. Die Zeit, in der es galt, großzügige politische Pläne zu entwerfen, rst vorbei. Jetzt müssen die Pläne in die Praxis um* gesetzt werden. Vor uns stehen kulturelle Aufgaben, vor uns steht die Aufgabe die politische Erfahrung zu verdaue». Erfüllen wir diese Aufaahe nicht, dann gehenwirzugrunde/ Dieses dürre Geständnis absolutester Unfähigkeit hat seither einige Bekräftigungen ' erhalten..^Es ist eine Staatsbank gegründet worden und die Negierung hat in einer Note an die Großmächte die Bereitwilligkeit zur Uebemahme der zaristischen Schulden ausgesprochen. * Die Sowjetregierung knüpft diese schwerwiegendste Geneigtheit an die selbstverständliche Bedingung ihrer Anerkennung durch die Mächte. .Sie verlangt außerdem noch die Einstellung aller bewaffneten Interventionen und den Abschluß eines allgemeinen Friedens. Das Fiasko ihrer Politik wird aus der Begründung der Rote offenbar, die sich auf den Beschluß der Brüsseler Konferenz bezieht, die Kreditgewährung an Rußland von der Anerkennung der Vorkriegsschulden abhängig zu machen. Die Brüsseler Beschlüsse des Obersten Rates,. den die Sowjets stets als das Haupt des Weltkapitalismus beschimpften, waren bis zur Stunde in Rußland ironisiert worden. Die politische Innenentwicklung Rußlands, die das Schwergewicht immer weiter nach der Seite der mit Land saturierten Bauernschaft verschoben hat, zwingt jetzt die Diktatur zu einem sehr eindrucksvollen Kompromiß mit der so hochmütig und als Quelle alles Elends verdammten Bourgeoisie. Der Bolschewismus, der nunmehr auch offiziell den sauren Weg nach Canoffa antritt, ist ein Kind . des Weltkrieges. Er schreibt sich aus der fürchterlichen Verlotterung des zaristischen Rußland her, das vor dem Kriege alle seine Kräfte nur nach der militaristischen Seite hin entwickelt und seine schwache ökonomische Struktur so lange belastete, bis das Volk die Herrschaft selbst an sich nehmen mußte. Aber die nach dem Zusammenbruch an die Spitze der in Verbrechen zugrunde gegangenen Autokratie traten, haben keine Erneuerung des Staates vollzogen. Sie haben das. System fortgesetzt, die produktive Intelligenz des Bürgertums unterdrückt und'aus dem Lande getrieben und nach außen eine gewalttätige Propaganda betrieben. Sie haben das zaristische Mandarinentum nur in den Personen ausgewechselt, im Prinzip aber beibehalten. Die Resultate ihrer dreijährigen Herrschaft sind die gleichen negativen wie die der Romanows, nur infolge der fortgesetzten Verschleuderung des Staats- und Volksgutes schärfer ausgeprägt. Wirtschaftlich und politisch ausgesogen und zerstört, bringt Rußland nicht einmal mehr die Kraft auf, sich seiner Peiniger zu entledigen. Es bietet das gleiche Bild wie das von Horthy verdorbene Ungarn. Die Note der Sowjets enthält einen vernünftigen Vorschlag. Sie regt die Einberufung einer internationalen Konferenz cm die über die Beziehungen der Großmächte zu Sowjelrufsiand und der sibirischen Republik Klarheit und Friede» schaffe» jpll. Die ErjahttUM», die voller Erfolg kt kleinen Entente. Grundsätzliches Einvernehmen zwischen der großen «nd kleinen Entente in der «ngurischen Frage. Prag, 1. November. (Tschecho-slow. Preßbur.) Die Verhandlungen in der magyarischen Frage wurden Sonntag und Montag fortgesetzt. Sonntag abends haben die Ententegesandten Bordonaro. Clerk und C o u g e t dem Ministerpräsidenten die Ergebnisse der Verhandlungen der Botschafterkonferenz, betreffend den Standpunkt der kleinen Entente zu den Ereignissen in Magyarien, vorgelegt. Den Staaten der kleinen Entente wird milgeteilt, daß die Botschafterkonferenz den Standpunkt der kleinen Entente vollkommen in dem Sinne anerkaunt hat, daß die Thronentsetzung auf die ganze habsburgische Dynastie auszudehnen s e. i, daß Exkönig Karl a u s Magyarien aus gewiesen und den Großmächten übergeben werden solle. Die Botschafterkonferenz stellt weiters fest, daß.der Friede von Trianon in jedem Falle durchgeführt werdenwird. Der dritte Punkt der Forderungen der kleinen Entente, nämlich die Entwaffnung, werde von den verbündeten Mächten gleichfalls in vollem Maße anerkannt. Die verbündeten Mächte sind. auch damit einverstanden, Laß die'Staaten der MOWiMttMte-geMSß'''.dM"Dei' ftiMMungen der Friedensverträge an der Entwaffnungsaktion mitwirke«. Die FoMNefer Mitarbeit werde genau nach dem Wortlaut und de» Bestimmungen des Friedensvertrages von Trianon bestimmt werden. Die verbündeten Mächte find der Meinung, daß unter diesen Umständen kein Grund zu einer militärischen Aktion, vorhanden ist und verlangen, daß sich die Kleine, Entente dem Wunsche der Botschafterkonferenz Kon formiere und danach ihr weiteres Verhalten einrichte. Die tschecho-slowakische Regierung hat sofort Schritte. unternommen, um sich mit Jugoslawien und Rumänien auf einen gemeinsamen Standpunkt zu einigen. Sie hat gleichzeitig ihren Standpunkt den verbündeten Mächten betreffs des weiteren Vorgehens in dieser Angelegenheit mitgetejlt und steht diesbezüglich mit I n g o s l a w i e n und Rumänien in vollem Einvernehmen. Sie hat den verbündeten Mächten die Versicherung ihrer wollen Loyalität gegenüber der gemeinsamen Politik der großen Entente gegeben und hat festgestellt, daß er notwendig ist, alle diese V e rhandlungen im Interesse der Wahrung des Friedens in einig en konkr et en Punktenn och zuEnde zu f ü hren, nämlich bezüglich des w e i t e r e n V v r g e h e n s und der weite re n AK ti o n der mag y kr i s ch e n R egierung und den m a g y ar is ch e n g e setzgeb e nd e n Körpers ch a f t e n, wo V o rkehrungen zu treffen sind, damit die definitive Regelung dieser schwierigen Frage n i ch t h i n a u s g e s ch o n werde und damit die Regierungen der kleinen Entente in der TM so schnell als möglich mit den Vorbereitungen zur Aufh e b unh .aller auß erordentlichen Vorkehrungen beginnen könnten. Es bleibt abzuwarten, wie Magyarien die Anordnungen der Boffchafterkonffrenz durchführen wird; danach wird das weitere Verhüllen eingerichtet. Die Verhandlungen über einige Fragen werden demnach fortgesetzt. Es kann aber erklärt werden, daß im Prinzip ein grundsätzliches Einvernehmen in allen wichtigen Fragen erzielt worden ist und daß das weitere Vorgehen der kleinen Entente vollkommen im Einman mit der Doppelzüngigkeit der Sowjets gemacht hat, sind freilich ausreichend für das schärfste Mißtrauen. Lenin und Trotzkij haben durch Krassin den Handelsvertrag mit England unterzeichnen lassen, der den Sowjets die vollste Neutralität in den englisch-asiatischen Intereffen austrug. In Moskau ist man aber wortbrüchig geworden und hatdie. Brandstiftung in Kleinuud ZrutttckHe» fortgesetzt. Die boljchewckilKe Agitatto» klang mit den Dispositionen der v er b nnde,ten> M ä ch t e st eh e n w ir d.! Die tschecho-slowakische Regierung wird die Entwicklung der weiteren Ereignisse auf das wachsamste verfolgen und alles tun, damit einerseits der Friede gewahrt werde, andererseits die Magyaren allen Verpflichtungen Genüge l e i st e n. Die tschecho-slowakische Regierung spricht speziell ihre größte Genugtuung über das Einvernehmen aus, welches, wie sie hofft, mit friedlichen Mitteln anch realisiert werden wird, denn die Politik des Friedens ist und war die Untexlage ihrer Aktion während der ganzen Dauer dev gegenwärtigen Krise. Ihre entschiedene, nur durch das Friedensmtereffe diktierte Aktion hat in den Hauptpunkten die Anerkennung ihrer Forderungen erzielst Durch entfchloffenes, von dem Intereffe um die Festigung des Friedens diktiertes Handeln werde fie auch zu ihrer praktischen Durchsührung gelangen. .Pie. AbsetzURgsvoxla-e«.". , )Mtd»pest, 1. Nooember.: (Ung. Tell-Korr.-BÜx.) . Die Mitglieder des Kabinetts traten heute nachmittags unter Vorsitz des MiMMHidentey' Grafen Bethlen zu einem Ministerrat züscnmne«, in dem Iustizminister Tomcsanyi die Vorlagen erörterte, die in Verbindung mit den Ententeforderungen der Nationlversammlung unterbreitet werden. Der Ministerrat dauerte bis in. die späten. Abendstunden. Die Reise i«s Exil. . Budapest, 1. November. Me die Blätter melden, hat der Sonderzug, der den König Karl zu dem englischen Kanonenboot zu bringen hatte, heute um 5 Ahr morgens die Station Battaszek passiert. Vor' dem Zuge des Königs langte ein mit Militär besetzter Sonderzug ein und hinter dem Zuge des Königs fuhr gleichfalls ein mit bewaffneten Soldaten gefüllter Sicherungszug. Die Züge machten bei der Donaubrücke zwischen Battaszek und Baja Halt. Der König stieg sodann in einen Wagen, der ihn zu dem englischen Kanonenboot „Glowworm" brachte. Die ganze Umgebung war von einem starken Militärausgebot besetzt. Dem »Pester Lloyd" zufolge hatte eine förmliche Uebergabe des Königs an die Entente nicht stattgefunden. Die Regierung sei, wie das Blatt erfährt, gar nicht in die Lage gekommen, den König der Entente zu übergeben, da. diese in Tihany bereits selbst durch einige hohe Offiziere die Bewachung des Königs besorgt hatte. Das Prestige des FrieVeRSverLrageS. Der Exkönig Karl hat sich bisher nicht bereit gefunden, den Verzicht auf den ungarischen Thron zu unterschreiben. Er wird in seiner Weigerung durch friei Sendboten bestärkt, die ihn im Aufträge Horthys bearbeiten sollen. Sowohl der Fürstprimas Cfern«chj als auch Graf App.onyi sind bestrebt, eine Situation' herbeizusühren,. die cs der Nationalversammlung ermöglicht, von einem Zwang des Auslandes zu sprechen. Es soll eben für die Zukunft die Tür für die Legitimisten offengelassen werden, deren Position doch! stärker ist> als sich . Horthy vorgestellt hat. Stephan Friedrich, der sich' seit einigen Tagen in Haft befand, mußte frei gelassen werden. - im Ausland zielt noch, immer mit ihren großen Geldsummen und mit ihrer umfangreichen Pressearbeit aus den totalen Niederbruch der aus dem Kriege geretteten Wirtschaft hin. Ehe man mit Rußland verhandelt, müssen alle Kautelen geschaffen werden, die einen Erfolg der Friedenskonferenz verbürgen. Rußland muß looal werden. »

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