Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 989 (30.10.1921)
- Date
- 1921-10-30
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9tr. 989 Men, vonnrag Wiener MNrgenzerrnnI ,wr muBütt tyrsv uCWCbaKttoc: /©erm Tagesbericht. Der Parteitag der Ssterrelchifche« Zioniste«. Der Parteitag der österreichischen Zionisten wurde gestern um 7 Uhr abends in Anwesenheit von ungefähr rL$0 "Delegierten, der Mitglieder der Parteileitung und des Präsidenten des Großen zionistischen MionSkonntest Oberrabbiners Dr. Chajes, im Saale des Niederösterreichischen Girwerbevereins in feierlicher fföeife eröffnet. Der Präsident der österreichischen Organisation, Abgeordneter Stricker, bewillkdmmte die Erschienenen, besonders den Vertreter des Großen Aktionskonri-ses Dr. CHajes (stürmischer Beifall), sowie die Vertreter der befreundeten Organisationen und Fraktionen und wies darauf hin, daß der diesjährige Parteitag den Charakter einer Arbeitstagung trag;, welche ausschließlich der Ausgestaltung der vom Kongreß vortzezeichneten Richtlinien der Arbeit dienen solle. Theoretische Meinungsverschiedenheiten kann es aus diesem Parteitag, im Gegensatz zu ben/ früheren Tagungen nicht tzeben, da die theoretischen Fragen bereits vom Kongreß gelöst wurden. Insbesondere hat der Kongreß die Fragen der nationalen Artze-t und des nationalen. Charakters unserer Bewegung, welche früher den Hauptgegenstand der Debatte auf unseren Tagungen bildeten, restlos sestgelegt. So haben wir nur die Aufgabe, nach den vom Kongreß gegebenen Richtlinien die österreichische Organisation derart auszugestalten, baß wir her großen Arbeit, di« uns der Kongreß auferlegt hat, gewachsen seien. In die Verhandlungen eingehend, schlägt Stricker nchnens des geschäftsführenden Ausschusses iut$) der Einzelorganisationen folgendes Präsidium vor: Präsident. D'r. Desider Friedmann, Vizepräsidenten Doktor Q. Abeles, Dr. Morgenstern (Hinz), Dr. Steinberg (Hitachduth). Delegierter Dr. Löwenherz bringt dkm Parteiltag die Bildung einer zionistischen Arbeits gkrireinkschaft zur Kenntnis, welcher sich bisher 41 Delegierte dangeschlossen haben. Diese Arbeitsgemeinschaft strebe eine Reform der Organisation an, um insbesondere den heute abseits stehend«»» Teil der Jugend und die Massen für die Bewegung zu gewinnen. Er verweist auf Thesen, welche hie Arbeitsgemeinschaft dem Parteitag vorlege uitd schlägt namens der Arbeitsgemeinschaft als Viz-r-- ' Präsidenten Herrn Bezirksrat Norbert Nappaport vor. Abgeordptzier Stricker weist darauf hin, daß erst der Parteitag die Arbeitsgem.»inschast anerkennen müsse. Dvher sei die'set Vyrschlag abzulehnrn. damit kein Präjudiz geschaffen werde. Bei der Mstirmnung wird die vom geschäftsfÜIenßsn Ans'schnß. vyrgeschlagene List.« einstimmig gewählt, der Änjrag Dr. Löwenherz mit 57 .gegen 47 Stimmen avgebehnt, Zn Schriftführern werden Dicka, «Schlossex und Lewanon gewählt. -j . . Präsident Dr. Friedmann Mminrmt den Vorsitz und bringt die von auswärts eingelangten Be- . grstßüygen zur Verlesung. Mit lebhaftem Beifall wird ' «in,. Begrüßungsschreiben' der zionistisch-rn Gesarnt- «xekütive. aufgeiwnlmen, in welchem den Arbeiten des Parteitages voller Erfolg gewünscht und mitgetrilt wird, daß sich demnächst eine Delegation unter SvkolvwS Führung nach Un^erika begibt, um der Keren-Haj.rssod- ' . Arbeit neuen. Antrieb zu geben. Die Uebernahme der wirtschaftlichen.. Funktionen in Palästina durch den FinanzundWirtschaftsrat sowie.politisch«Verhandlungen,. stünden, jetzt im Vordergrund der Arbeit der Exekutive. Weitere Begrüßungen liegen von den zionistischen Zentralkomitees fift die Tschechv-Slvwakei,. Palen, Jugoslawien und vom Jüdischen Nätionalverhand in Siebenbürgen vor. . Eine lebhafte Debatte eMpinnt sich in der Fragv der Wähl des Permanenzausschusses, für welche unter- «äderen die Modalität des Proporzes nach' der Gruppierung auf dem Parteitag vorgeschlagen wird. Ab geordneter Stricker wendet sich mit deyr Hinweise darauf, - daß die Anwendung des Proporzes innerhalb einer einheitlichen Partei schädlich sei^ gegen den Antrag und empfiehlt die Beibehaltung« des Vorschlages des geschäftsführenden Ausschusses, welcher sich mit den Bestimmungen des Kongreßstatuts' deckt. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen haben, wird der Vorschlag des geschäftsführenden Ausschusses angenommen. Der Parteitag setzt hierauf, einen sechsgliedrige^ Legitimation Sans schuß diri. Professor Freud beantragt, den Degitimatkonsausfchuß zu beauftragen, nur die. Mandate solcher Delegierten anznerkennen, welche für den Keren Hajessod gezeichnet haben. Stricker erörtert die rechtliche G'rnndläjft für einen solchen Beschluß' und bemerkt, daß der Parteitag nicht beurteilen könne, wer seine Pflicht gegenüber dem . Keren Hajessod erfüllt habe. Oberrahbirrer Hr. Chajes weist b«arauf Mir/ daß der Kongreß seiner Wirrung Ausdruck gegeben Hab«, daß in der Partei kein Ehrenamt solchen Personen verliehen werden kann, die ihre Pflicht gegen den IBBBaBBBBBBflBBaB« flflBBBBBBBBBBBfl ■■■■■■ B Zeichnet Jährlich“’ 2* Haupttreff er Von je 5,000.00« Jedes Los gewinnt! Sämtliche Gewinste vollkommen abzugs* und einkomqienstetterfrel Kein Legitimationszwang! Zefchnungsprete: K. LITdO für ein ganzes Los und K ZkEVS für ein Viertellos. Keren Hajessod nicht erfüllt haben. Bis jetzt war keine Möglichkeit vorhanden, sesizustellen, wer seiner Pflicht genügt habe. Jeder Delegierte hätte ehrenwörtlich zu erklären, daß er seirre Pflicht getan habe. Nach längerer Debatte. erklärte der Antragsteller Pröse.ssor Freud, daß er als Minimum die Zeichnung; für den ^ren Hajessod ansehe. Seine Anschauungen stehen zu denen Strickers in keftpew Gegensatz. Bon einer Erfüllung der Maaser-Pfticht sei in seinem Antrag keine Red«. Bei der Abstimmung gelangt der, Antrag Freuds zur Annahme, ferner ein Zusatzäntrag W«isl, baß der Endtermin für die Zeichnungsfrist. der Delegierten, die Anspruch' auf Anerkennung ihres Mandats erheben dürfen, bis Sonntag mittags festzusetzen sei. lieber Antrag Nimhäuser ist dem LegitimationsauZschuff der Sekretär des Keren Hajessod Leizuziehen. Hierauf wird di« «erste Sitzung Nächste Sitzung Nonntag 10 Uhr vormittags. . * * .‘ * Die Delägierten, welche -er als ÄrbeiLsgLmLin-- schüft angemeLeten Grupp« angehören, haben rmch her Ablehnung der Anträge auf Zuerkennung. einer Bizepräschentenstelle und ans PornaWe der Wahl in..de« Pennanenzansschnß nach dem" Proporzsystem die Wahl in den PerrnanLnzausschuß nicht angenommen. Unser Fürsorgekamp?. SV viel« ^dürftige auch' irgendwie VS« drr jüdischen Fürsorge erfaßt werden, es bürste doch.brrim bei einem anderen Dolle, ein fo großes Mißverhältnis zwischr» 'der in her Fürsovgearbeit aufgewenbeten Energie snnb deren greifbare« Erfolgen nachzuweisen sein. Der Steinpel des Unzulänglichen und Dilettantischen ist fäst rmserSnt gesamten Fürsorgewesen aufgedrückt. Da kennt jemaiw mehrere arme, hilfsbedürftige, alte Leute oder er sieht öfter Kinder mit zerrissene« Kleidern, und i« erste» Hilfswillen gründet er Mit anderen Menschenfreunden oder auch nur mit Vereinsfreudigen Bekannten »roch' einen Greifemmterstützungsvevvm, «inen KnrderbcNeibungsverein usw. Und all di« Hunderte Vereine dieser Art bleiben dann - in den erste« Anfängen stecken oder fristen durch Fahre mühselig ihr Leben, hsch- ^usriederr, wenn sie ihre» Sekretär und ihr Lokal zu bezahlen vermögen. Nirgends gibt es ein« Kraft, welche diese oft so wertvolle«, orbeitsfreudigen Menschen «Mteüveisen und einer einheitliche», sich gegenseitig ergänzenden, ftuchtbringenden Arbeit zusühre» würbe. TS ist eine Vereinsamung fast jeder Institution zu bemerken, und diese Vereinsamung führt dazu, daß selbst wichtige Aktionen, welch« der Unterstützung aller überhaupt menschlichen Mitgefühls fähigen Jude« gewiß fein können, oftmals Mängel aufweisen müssen, die dem Laie« als Zeichen des Unüberlegten, Unorganisierte« erscheine«. Ein Beispiel: Weht man flenic fct baS Pollak- R udi« sch «Stiftung Sh auS, sö steht man dort stramme, pausbackige Knaben «nd Mädchen, alle einfach Und net! ga? kleidet. Rremand würde auf de« ersten Blick erkennen, daß diese fröhlich lachenden und lärmende« Kirider ukrainische Po gromwaifen sind, die daS ärgste Elend und die größte seelische Pein durchlebt habe«-. Damals aber, MS ein allgemeiner Aufschrei tiefsten Weh- und Mitgefühldurch bi« Judenschaft aller Länder ging, wurden diese Kinder mit andere«, die sich bereits auf der Fahrt nach Argentinien befanden, dyn Rowno «ach Wien gesendet, ohne daß ihnen ordentliche Kleider und frische Wäsche gegeben werden konnten. UM» in Wien durften -dann die meisten Klicker durch mehr all. zwei Woche« das HauS. nicht verlassenwell frische Wäsche und menschenwürdige Kleidung noch immer nicht in genügender Menge zu beschaffen war. Das Schreckliche an der Sache aber ist, daß damals andere jüdische Fik^rgeinMrUtzme» über Vorräte «r Kinderkleidung verfügten, keiner es jedoch beifiel, ihr« Vorräte bert zu verwenden, wo man ihrer momento« am dringendst«« bedurfte. BlutrünsttM Haß, und arge Willkür (man beul« zum Beispiel au die Dato g ier««- der Kinderhermstätt« im Prater) bedrvhen st«G, dennoch existiert noch immer keine Organisation sämtlich« Fürsorgeorganisationen Wiens, welche bei besonderen Katastrophen und Notstände« allen für de« Fall rn Betracht kommenden Institutionen ihren Posten anzuweisen vermag. Nur die jüdischen Frauenvereinv sind untereinander organisiert und diese Organisation gilt vlS g«t geleitet. Dennoch weiß noch manche jüdische Frmrengruppe «ichtS von dieser Gefamtorganisation; dennoch stehen die zw« Frauenvereine, von denen ich schon im Dezember vorigen Jahres an dieser Stelle erzählte, baß 'sie für eine Arbeit zugunsten der Insassen des Jüdischen Bersorgungs- und GiechenhauseS noch der Mithilfe mehrerer anderer Frauengruppen. bedürften, immer noch allein; dennoch dürfte nicht einen Jrauenverein güben, der mit Spitälern, SmlglingSheimeu, Ausspeisungsanstalten, Erziehungsheimen usw. ständig in Verbindung steht. In der Fürsorgeorziehnng, die »inen so wichtigen Teil der allgemeinen Fürsoge bildet, sind die Zustände kaum wesentlich besser. Da gibt es in Wien, soweit ich Unterrichtet bin, sechs jüdisch« Kindergärten, zwölf Tagesheimstätten für schulpflichtige Kinder, vier Heimstätten für junge Leute im LehrlingSalter. Bon diesem 22 Anstalten versuchen eS nur neun, di« dem gleiche« Verein gehören, gemeinsam, dir ' anderen aber jede gesondert, daS Problem der jüdischen Erziehung zu löse«. Es fehlt infolgedessen einze-lnen Lehrern am Rückhalt, am Vergleich mit den Bemühungen anderer. An den Seele» unserer Kinder wird so durch stümperhafte, mvsicherr und oft gänzlich fruchtlose Erziehungsarbeit gesündigt. Und doch wäre auch hier bis zu einem gewissen Grad« gemeinsame, einheitliche Arbeit möglich. Sobald in einer Anstalt ausschließlich jüdische Kinder ausgenommen werden, so ist es riste ihrer ersten Aufgabe«, das Judentum M verlebendigen und dem Lkiride teuer zu macheri. So mancher anders gv- .meinfame Gesichtspunkt, zum Beispiel körperliche Ertüchtigung, Hinführu«g zu produktiver Arbeit, ergibt sich, mögen auchhie Gründer her Anstalt verschiedenen Partete« nahestehen. Dievrel« Lehrmittel würben erst durch solche gemeinsäm«. Arbeit geschafft«! Heute aber sinken viele dieser Fürsorge- «rziehungSanstalten. im Gefühl ihrer Deveinscrmung Und der Halbheit ihrer ErziehungSsystem«, allmählich zu einfachen Wvhltätigkeitsa«stalten herab. WohltätiNkeit, «ich!t Fürsorge, sieht mau alle nt halbe«. Pslästerche«, vou denen niemand glaubt, daß sie mehr vermöge«, als augenblicklich! de« Schmerz der klaffenden Wunde zu lindem. Der größte Feind unseres DolkeS, bi« Degeneration, die allgemeine Berelendung, kann Nicht durch «och soviel systemÄse Wohltätigkeit bekämpft werden. Dm Fürsorge bedarf ba einheitliche« Front all er Kämpfer. Doch wer sollte die st> notwendige ZeNtralorganisation. fchafstn? > - Persönliche Eitelleit «der Wnft-tigkeit, Neigung zur ' Scheidung «ach der Partei, dem Wohnbezirk usw. chindew, daß von den Vereinen ftlbst BestrÄMgen dieser Richtung auSgehen. Durch kurze Zeit schien der ,MrLand für jüdische. Jugendfürsorge" eine löbliche Ausnahme zu bilden, gelang eS ihm doch sogar einmal, eine gemeinsame Sammlung größeren Stils zu veranstaltst. Seit sich aber der „Verband" fee* ,Zentralstelle" angeschlosstn hat, scheiut er selig «nt- Maftn zu fein. Da fristet nämlich im Gebäude der iftvelltischen Kultusgemeinde, von deren Beamten geleitet, die sogenannte Zentralstelle der Mischen Fürsorge" ihr wenig beachtetes Dasein. Der Beamte, auf dem fast all!es ruht, ist eifrig und tüchtig. Er hat schon einmal einen gemeinsamen Ankauf zuwege gebracht, einmal eine größere Raturalspende avfzutreiLen verstanden.' Wehe ihm aber, sollte er es sich einmal beifallen lassen, Einblick in die Bermögensverhältnisse und daS Tätigkeitsgebiet jedes der iZe-ytralstelle angeschlossenen Vereines zu begehren. CS wird daher von dieser „Zentralstelle" niemals an gestrebt werden könn«, eine gewisse Arbeitsgemeinschaft sämtlicher Fürsorgeaktionen und, was besonder wichtig wäre, innerhalb der Gruppe« gleichen und einander ergänzenden Arbeitsgebietes engste Fühlungnahme herbeizuführen. Kräftige Propaganda, «Llche nicht nut Geld, sondern vor allem neue, freiwillige und berufsmäßige Fürsorger bringen müßte; entsprechende Schulung dieser und auch der bereits arbeitenden Kräfte; Anlegung eines genauen Katasters dieser Fürsorger, welcher behindern soll, baß sie nur dorthin streben, wo die eben herrschende Fürsorgemode ohnedies genügend Helfer -ringt; die eines tveiteven Katasters aller Personen, welche Fürsorge Seenspruehe«, wie e-m solcher auf Einzelgebieten, freilich äußerst mangelhaft, schon jetzt besteht; Errichtung von Fürsorgeauskunftsstellen; strengste Beachtung, daß dort, wo der Hilfesuchende zur Selb'stSndlgkeit geführt werden kann, nicht nutzlose Wohltätigkeit betrieben wird; eine gewisse Macht zur 58altstellung von Vereinen, deren Tätigkeit sich a!S völlig mrzulänglich oder sogar schädlich erweist, daS sind Dinge, von denen sich unsere Zentralstelle" Nichts träumen läßt. Eine Ausgestaltung dieses AinteS ist wohl nicht zu. erwarten. Die AultuSgemeinde wird noch durch Jahre mit einer einzig«, »euen Aufgabe zu tun haben: der Steuerreform. . Der diesjährige zionistische Parteitag wird sich wohl beim Kapitel ,Kultusgemeivde" auch mit diesen Fragen beschäftige« müssen. . ' Siegsiied Abel p's.' \ Bor» MilU«che»gr«vhtsche», Znstltyk S» da PnWoilsn-n, H o lz h ause« vom Handelsmmiüermm >M« W NmgestakfÄne des Mßitärgeographischen Ävstituts. MBster^war cs ein rem militäüschrs Just,lut. Nach dem Zusammenbruch wnrde «S kaufmännisch umgestäliet, und der alte Ruf vrs Jvst.tnlS ist i. wratotaf Auswahl am binrastao bei Kann & Fried Wiawaitt 4MklmJtota