Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 989 (30.10.1921)
- Date
- 1921-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die güten Freunde Horthys in der großen Entente sind plötzlich für die Autorität ihrer Beschlüsse sehr besorgt geworden. Sie hätten durch ihr Verhalten in. der Burgenland-Frage selbst zu ernennen gegeben, daßsie ihre Friedensverträge nicht als unantastbar verehren, ja, daß sie sogar scharfe Mittel nicht verschmähen, wenn e» sich darum handelt, einem ProtekkionsLind. das sich in die Brust wirft und robuste Gesundheit markiert, einen Gefallen zu tun. Die Pression, die aus! Oesterreich in Venedig ausgeübt ivzjrde, um es zup Verzicht auf ein zugesprochenes TMitor'mm zu zwingen, fleht im innigsten ZusammenhaMmit dem Wohlwollen, das die Ententedelegierten inWndapest den in aller Welt berüchtigten Emanaiimilen magyarischen Rechtsgefühltz, magyarischer Kultur '^magyarischer Politik entgegenbrachten. Die Dissonanzen in dem europäischen Konzert von heute, der?i.r)tenstrcit zwischen der . kleinen und der großen Entente.'/richren alle aus der gleichen Quelle : aus der Pflichloergefsenheit und der Unfähigkeit der nach Budapest gesandten Kontrollorgane der Großmächte, die entweder nicht imstande waren, das zu verstehen, was sin . beiten Tage rings um sie geschah öder ihre Auftraggeber falsch informiert haben. Ihnen arbeitete einsWrMügigsi auf Wrltbetrug? eingestellte Pressepropägand.a des ungarischen Auswärtigen Amtes ge» schiM m die Hände,' die selbst heute, wo doch die Dinge' sonnenklar zu liegen scheinen, das Aeu stetste an Fälschung der Tatsachen leistet. ..-.Äuf diese.Weise scheint es wirlllich gelingen zuwo liest. die Beseitigung des Horthy-Systems und die EüHur.'g der üügarischen Bevölkerung wieder einmal zll, "verhindern./.Wie aus ein Signal hoben die siihr?std<n Organe der gesamten Entente beschwörend die. .Hand-. Karl ist gefangen und damit ist die Sache abgetan. Die »Times" sprechen in einem Leitartikel von dem agressiven Vorgehen, der kleinen Entente, die den -Frieden stören wolle. Es ist so, als ob man einem abgekarteten Spiel gegenüberstnnde, als - ob' der Gesangem von Tihany in seiner Person all die Gefahr repräsentieren würde, die heute für Europa besteht, und als ob mit seiner- Deportation nun der Weg zum Frieden sreigelegt wäre. Was - immxr Kar! getan - oder ünterläffen haben mag, verschwindet an Tragweite gegenüber dem Zynismus, mit dem feit der Gegenrevolution ein Handvoll frecher Gentrys, abenteuernder Offiziere und Glücksritter Ungarn aussaügk Daß die Horthy-Armee unversehrt bestehen bleiben, daß sie in Westungam einbrechen und österreichische Gendarmen an die Bäume hängen konnte, war doch die unerläßliche psychologische Voraussetzung, auf der sichder Restaurationsoersuch aufba^en konnte, den alles, was heute in Ungarn reinlich und anständig denkt, mit Sympathie ausgenommen hatte, weil man daraus die Beseitigung der unerträglichen Horthy- Banden erhoffte. Diese Voraussetzung ist geblieben, und, wenn jetzt nicht Wandel geschaffen wird,-so würde die mnerpolitische Auseinandersetzung in Ungarn für die nächste Zeit nur in einem Rachefeldzug der Horthy- Partei gegen die unterlegene Karl-Partei bestehen. Ebenso würde die Tendenz bestehen, die in den Wertrag von Trianon nach Westen gebrochene Bresche gemäß den Schwertschlägen vom Krönungshügel auch nach den übrigen Weltgegenden ausMweiten. Weshalb sollte das, was in Oedenburg geglückt ist, nicht auch m Kaschau, in Temesvar, in Agram gelingen? Die Gründe politischer Moral, für die der Bestand dieses Regimes eine permanente Beleidigung bedeutet/ darf man in dem auf die Gewalt vereidigten Europa von heute wohl kaum zitieren. .Aber die Gründe der politischen Vernmrft fordern, daß diese Armee von Henkern, daß dieses*System von Gauklern und Landsknechten vom Schauplatz verschwinde. Es ' scheint, daß der Standpunkt der kleinen Entente sich sachlich durchsetzt und daß die Rettungsaktion für. Horthy nur soweit glückt, daß ein blutiger Krieg vermieden bleibt. Es muh aber schon jetzt davor gewarnt weiden, den Versicherungen der Horchy-Reginimg oder heu Berichten der Ententekomniissale zu trauen. Der Abbau..'der Armee muß kontrolliert «erden. Ist er vollzogen. d«w Kaan Horthy sich nicht länger halten. »illW -Kr Asehmg. Der KaWpf um den Vertrag von Trianon. Horthy im Burgenland. — Das Treiben der Pronay-Bem-en. Wiener-Nenftadt, 29. Oktober. Seit« dem die Pronay - Banden in Weftungarn dominieren, ist die Bevölkerung vre! größeren Schrecken aus gesetzt, wie unter der Aegide Dsztendurgs. Von Flüchtlingen werden haarsträubende Dinge von den Bestialitäten dieser Leute erzählt. So wurden gestern um\i Ahr nachts im Kurorte Sauerbrunn die beiden Stadtleute Oesterreicher «nd S ch otten aus dem Schlafe geweckt und in das GemSürdshaus getrieben. Dort wurden sie unter Drohungen geuStigt, einem 63jährigen Mann mit einem Ochsenziemer 25 Streiche zu verabreichen. Auch Oefterrercher wurde derart Mißhandelt, daß sein Gesicht tvial verschwollen ist. In Kobersdorf wurde der 73xährige Leopold Hacker irr grausamer Weise behandelt. Da er von großer Statur ist, mußte er niederknien» um von den Banditen beguemer geohrfeigt . ru>^ wLrdsy^^Wm^I KMHter.' B ii l^i'tz'e'r-''wMd^'deü^MZaN^.stM6ntveise ausgeschnitten. Aehnliche VvtzfWe / werde«, aus M a t t e r s d 0 r f gemeldeti' wo man der Zndenfchaft nenrrdings eine Kontribution von 76.666 Kro'nen anserLegr hat. Henas in OedeuÄnrg. ' Heffas hat Fünf Tage lan^ die Stadt OederrbnrgnnSchrecken^tzßaltsn. Am 22^d. M.» kaum eine Stunde nach Ah Mar sch der königlichen Truppen, marschierte er mit einer ÄigeunerkapeLe an der Spitze in die Stadt ein. Seine 366 Marw starke'Truppe war mit ans den Budapefter öffentlichen Häusern mit- ^ebrachLen Wsibern err-änzt. Sie guartierten sich im Hotel Pannonra ern. Der Stellvertreter Hejjas» sin Leutnant. Nagy, beschimpfte den Bürgermeister T h u r n e r, der sofort abdankte. Der Stadtrat beschloß, die Bande samt ihrem Anhang als G ä?t e d e r Stadt z« betrachten Die Generalskömmisfton versteckte sich vor Hesjas. Erst Donnerstag nachmittaas rückte in die Stadt ein tzalbretziment der Vlationalarmee ein und übernahm die Macht. Hejjas bestndet sich noch immer im Hotel Mamwnia und ferne Leute unternehmen Ranbzuge in dir Umgebung. Die Bauern bilde» überall Bürgerwehren. Der ZsStarif der Banden. Seit gestern früh haben die ungarischen Banden an der Straße bei Bruck an der Leitha Kontrollorgane aufgestellt, die für einen Wage« Zuckerrüben 506, für einen Wagen Burgnndevrüben 200 ungarische Kronen als Zoll einheben. Der Versuch von ungefähr 400 bewaffneten Magyaren, sich in E i f e n st a d t festznsetzen, ist gescheitert. Die Banden begaben sich nach Mattersdorf. In Ober'wart befindet sich reguläres magyarisches Militär nnd Gendarmerie. Karl will nicht abdanken. Budapest, 29. Oktober. Wie „Magyaroszag" meldet, ist FSrstprimas Kardinal Czcrnoch gestern aus T i h a n y zurückgekehrt und hat noch im Laufe des gestrigen Tages dem Ministerpräsidenten Bericht erstattet. Die'Mission des Kardinals scheint nicht dengewünschten Erfolg aehabt zu haben. D«w Blatt erfährt all amtlicher Stelle, daß in der Gntstndung Ez ern ochs nicht der Ie|$te Schritt in dieser Angelegenheit zu sehen fei und daß in den nächsten Tagen weitere Versuche werden gemacht werde». Die EnteKte fordert -re Auslieferung und Absetzung -es Exkönigs, Kurl. Budapest, 29. Oktober. Das Ungarische Tele" graphen-Korrespondenz-Bureau meldet: Heute , vor mittags erschienen die Budapester Gesa n d t e n der Ententegroßmächte beim Minister jbw Aeußern, Grafen Banffy, und überreichten ihm folgende Note: ,Von der Konferenz der in Angam bc' Glichen diplomatischen Vertreter der alliierten Grotzmck,?. Herr Minister! Wir beehren uns, Ew. Exzellenz nachsteheudr Note des Botschafterrates für die ungarische Regierung zu überreichen : Der Botschasterrat nimmt mit Be» sriedigung die von der. ungarischen Regierung erzielten Ergebniffe zur Kenntnis, die. der von ihr bekundeten E n e r g i e u n d Entschlösse n he i t zu verdanken sind, die einen Resiaurierungsversuch verhinderten, der nunmehr zum zweiten Male den Frieden Mitteleuropas bedrohte. Nach eingehender Prüfung der Lage «nh um. die' Unannehmlichkeiten, zu. erleichtern, die der lüßge. Aufenthalt des Exkönigs auf ungarischem Gebiete zur Folge hatte, hat der Rat beschloffen, die Budapester ' Regierung aufzusordem, d i e P e r s 0 n d e s ^K8 ni g.s dem Kommandanten, der britischen F l 0 t t i l l e z u ü b e r g e b e n, der sich derzeit m Budapest aufhält und übrigens den Befehl erhielt, «ft Namen der alliierten Großmächte für den Schutz desKönigs so lange zu sorgen, bis die erwähnten Mächte bezüglich des endgüüigen Aufenthaltes des Exkönigs eine Entscheidung getroffen haben werden. Gleichzeitig mir der Mitteilung des Beschluffes erinnert der Rat die ungarische Regierung an den Inhalt der jüngste« Mltteilung und betont die Notwendigkeit, daß der T h r 0 n 0 e 11 u st K ö n i g K a r l s u n v e r" zü glich proklamiert werdn Gez.: Castagnetto m. p. Hohler m. x. Fouchemp.- Der Schritt der kleine« Entente. Budapest, 29. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Bm.) Im Laufe des heutigen Vormittags erschienen beim Minister des Aeußern die Gesandten des Königreiche» Rumänien, der t s ch e ch 0 - sl 0 w a k i f ch e n R e p u b l i k und Jugoslawiens, die von der ungarischen Regierung nachdrücklichst die sofortige Einleitung der zur D ethronisierüng de» Hauses Habsbur g erforderlichen Schritte forderten und erklärten, daß die Nichterfüllung dieser Forderung Maßnahmen nach sich ziehen würde, die in erster Reihe Ungar« zum Schaden gereichen würden. An Tthany. Budapest, 29. Oktober. Das Ung. Tel.-KoM Bur. meldet aus Tihany: Für das Königspaar ist der rechte Flügel des Klosters eingerichtet worden. 150 Soldaten und 60 Gendarmen sind zur Bewachüng des Klosters kommandiert. Kommandant ist General L 0 r x. In Tihany befinden sich auch Oberst Sim onsalvy und Major To kos. Vonseiten der Entente sind jxt Tihany der englische Oberst Sh-elbh, der italienisch Oberst A u z z 0 « i und der französische Oberst Hinaux eingetroffen. Vor dem Klostertor ist eine Ehrenwache ausgestellt. Hie Halbinsel ist durch einen dreifachen starken Militär- Kordon abgesp.errt. Der Verkehr mittels der Fähre war einige Tage hindurch gänzlich eingestellt,- jetzt ist derselbe täglich zweimal freigegeben. Der König befindet sich in deprimierter Stimmung. Gr hört mehrmals im Tage die Messe. Bei gutem Wetter pflegt er in dem von einer Wen Staumauer umgebenen Gürten Spaziergänge W machen. Gestern besuchten' Fürstprimas Iphlvm C s e r n 0 ch usd General S 0 0 s den König.