Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 984 (25.10.1921)
- Date
- 1921-10-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 __tBifw, Dienstag Friedens diktiert sei. Die italienische Regierung begreife vollkommen den Standpunkt der tschecho-slowakischen Regierung und sei ebenso zu einem energischen Vorgehen gegenüber Ungarn entschlossen. Auch Rumänien für ein einheitliches Vorgehen. Dem tschecho-slowakischen Vertreter in B u k a r e st wurde vom Chef des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten milgeteilt, daß Rumänien mit den Staaten der kleinen Entente in Angelegenheit des Putsches Karls in Ungarn Solidarität beobachte« werde. > Teilweise Mobilisierung in dev Tschecho Slowakei Prag, 24. Oktober. (Tschech<stow. Preßbur.) Der Präsident der Republik hat über Vorschlag des Ministers sür NationaÜrerteidigung und nach Anhörung d:r Regierung eine teilweise Mobilisierung angeordnet. Das Patent des Präsidenten lautet: „Herr Minister für Nationalverteidigung! lieber Ihren 'Vorschlag ordne ich nach Anhörung der Regierung gemäß § *23 des Wehrgesetzes vom 19. März 1920, Sammlung der Gesetze und Verordnungen Nr. 193, die Mobilisierung an: 1. Der iur Jahre 1895 geborenen und jüngeren Milüärgagisten und der Mannschaften in der Reserve der Infanterie, Kavallerie, Artillerie und der Fliegertruppen; 2. der im Jahre 1890 geborenen und jüngeren Miiitäraa giften und Mannschaft Ln der Reserve der übrigen Waffengattungen und aller Dienste einschließlich der Aerzte, Tierarzte, Osf'ziere des Zeugwesens, Berwalümgs- und Proviantdienstes, wo immer sie eingereiht sind, also auch bei der Insanterie, Artillerie, Kavallerie und bei den Fliegertruppen; 3. von den Angehörigen des Telegraphenregimentes, des E senbahnregimentes, außer den unter ad 2 Erwähnten auch die Mobilisierung der Militärgagisten und Mannschaften in der Reserve, die in den Jahren 1889 bis einschließlich 1881 geboren sind, insoweit sie Bestimmungskarten erhalten haben. Ich ordne an, baß Sie diese teilweise Mobilisierung sofort verkündigen und durchführen. Prag, 23. Oktober 1921. Gez.: Masaryk m. p., Dr. Benesch m. p., F. Udrzal m. p." Infolgedessen ordnete der Minister für NatÄnalvert.'idigung sofort die mit der Kundmachung dieses Patentes verbundenen einleitenden Arbeiten an und setzte den 27. Oktober 1921 als ersten Mobilisierungstag an. Jugoslawische Divisionen gegen die ungarische Grenze abmarschiert. Belgvckd, 23. Oktober. Im Laufe der Nacht wurden die vom Ministerrat: infolge der Ereignisse in Ungarn beschlossenen Maßnahmen durchgesührt, indem Kne Leihe von Divisionen Marschb esehl gegen ie ungarische Grenze erhielt. Der Eisenahnverkehr mit Ungarn ist unterbrochen. Rückzug -er königlichen Truppen. Budapest, 24. Oktober. (Ung. Tel.-5wrr.-Bur.) Ueber die durch die Aufständische» initiierten Verhandlungen verlautet so viel, daß die Aufständischen unannehmbare Forderungen stellten. Hieraus ordnete das Kommando der Nationalarmee den Vormarsch an, der bereits im Gange ist. Die Nationalarme-e nahm die Kampsberührung mit den Aufständischen auf, die gegenwärtig unter fortwährenden Kämpfen zurückgedrängt werden. In den gestrigen Abendstunden erschien abermals ein Parlamentär der Aufrührer bei der Regierung und bat um Einstellung der Feindseligkeiten und Eint.itt in Verhandlungen. Die Regierung Leharrts.uach ivie vor unabänderlich auf ihrem ursprünglichen Standpunkt, so daß die Verhandlungen erfolglos blieben. Ja der Nacht auf heute traf die bishernoch unbeftatigie Meldung ein, daß die Ausrührer einwaggoniert wurden und ihren Rückzug per Bahn angetreten haben. Tatsächlich hatten bei Anbruch des Tages die Regierungstruppen jede Fühlungnahme mit den Aufrührern verloren und diese hatten bei Budaörs die Eisenbahn zerstört. Die Regierungstruppen baten die Verfolgung der Aufrüh rer begonnen. In Budapest verlief die Nacht in voller Ruhe. Budapest, 24. Oktober. (Ung. Del.-§korr.-Bur.) Die Aufrührer < haben sich bis Tat« zurückgezogen. Sie haben die Hälfte ihres Standes verloren. Die Bauern haben auf der Linie Bieske— T tu h lweißenb ur g die Schienen aufger i s s e n, um ein Ausweichen der Ausrührer gegen Süden zu verhindern. Budapest, 24. Oktober. Amtliche Meldung des Ungarischen Telegraphen-Korrespondenz-Buveaus: Die uuiec dem Kommando Osztenburgs stehettden aufrührerischen Truppen westlich von Budaörs haben sich hinter oie Esiker Berge zurückgezogen. Dlgestrigen Verluste der Nationalarmee betrugen 3 Tobr und 32 Verkünder?. Abfall, der Raaber Garnison. Budapest, 24. Oktober. Amtliche Meldung des Ungarischen Telegraphen-Korrespondenz-Bureaus: Die Offiziere der Raaber Garnison haben einstimmig beschlossen, vom König die En thebung vom Eid« zu erbitten, da sie den Eid aus die fatsche Weisung hin abgelegt haben, d-ff der König mit Einwilligung der Wiener 4R*rgfitgeittttts Entente und mit Wissen. des Reichsverwesers nach Ungarn gekommen sei. Diesen Beschluß beförderte gestern nachts ein Kurier zum König nach Dorbagy. Die Abreise ans Hertenstei». Bern, 24. Oktobrr. «Schwei». Dry.-Aß.) Drr BmideSrat nah» in einer heute twnti'tftfl* abgehaltenen Sitzung Stellung »ur Rückkehr des ErkaiserS K a r I nach Ungirn. Wie die Schweizrrischr Deveschen-Akieutur erjäh-t, wurde da« eidgenössische Justiz- und Polize'depart ment beauftragt, durch die Bundesanwalt'ch »ft eine rasche Uulersuchun« dmckführen zu lassen über die Umstände, «vier denen sich die Abreise Exkaiser Karls vollzogen bat, wobei diese Untersuchung auch auf Schweizer Personen anSzndehne« ist, die sich möglicherweise an dem Unternehme» beteiligt haben. Oesterreich und die Ereignisse in j Ungarn. Dev Sonntag ist Ln Wien ruhig verlaufen. Dies zeigt, daß die Bevölkerung genau das Interesse des Staates erkannt hat,, der in Ruhe den weiteren Verlauf der Ereignisse ab warten kann. Die vielleicht in den Kreisen der Wiener Legitimisten erwartete psychologische Wirkung des Oedenburger Putsches ist nicht eingetreten. Der Bundeskanzler Dr. Schober wird in der heute nachmiittags stattfindenden Sitzung des Nationalrates in einer Erklärung den Standpunkt der Regirrung zu den Vorgängen in Ungarn darlegen, an die sich, eine Kundgebung sämtlicher Parteien anschließen wird. Es ist selbstverständlich, daß die Großdeutschen und die Sozialdemokraten nunmehr von der Regierung verlangen werden, auf der vollen Durchführung des Vertrages von Trianon zu bestehen. Die Wirkung auf die westungarische Frage. Rom, 24. Oktober. Der „Tempo" haß die Früchte des in Venedig geschlossenen Abkommens schon wieder verloren seien. Ungarn verscherze sich die Sympathien und die Unterstützung der Entente. Italien müsse in diesem kritischen Augenblick unmittelbar einschreiten. Dar Blatt enthält auch einen Bericht aus London, wyrin es heißt, daß die A bstimmung in Oedenburg nunmehr unmöglich geworden sei. Die Ereignisse feien die Frucht einer unerklärlichen Hinneigung mancher Großmächte sür Ungarn. „Paese* betitelt die Berichte über die Ankunft Karls in Ungarn mit ^Französische Intrigen für die Restauration der Habsburger". e f sagge r o" deutet an, daß die Reise Karls mit Wissen einer Großmacht erfolgt sei. Kirnten gegen VLe Hahs-nrger. Klagenfnrt» 24. Oktober. Die Kärntner Landesregierung (im selbständigen Wirkungskreise) hat sich heute in einer außerordeyllichen Sitzung mit den Ereignissen in Ungarn beschäftigt und nach eingehenden Beratungen einstimmig folgenden Beschluß gefaßt: Mit Entrüstung hat die Kärntner Landesregierung die Kunde von der neuerlichen Rückkehr Karl Hamburgs nach Ungarn vernommen. Sie benützt diesen Anlaß, um ihr Bekenntnis zur Republik zu erneuern und zu erklären, daß sie in einer Wiedereinsetzung der, Habsburger eine schwere Gefahr sür den Frieden Mitteleuropas und der österreichischen Republik erblickt. In vollem Bewußtsein der treuen republikanischen Gesinnung der überwiegenden Mehrheit des Kärntner Volkes und in voller Erkenntnis der für die Entwicklung des Landes und der Republik erforderlichen Ruhe und Ordnung wird die kälntnecische Landesregierung jedem Versuch habsburgifcher Umtriebe mit aller Entschiedenheit entgegentreten und jeden Anschlag auf Kärnten als Bestandteil der österreichischen Republik im Keim ersticken. Die Vorbereitungen der sozialdemokratische» Arbeiterschaft in Oberösterreich. Linz. 24. Oktober. Aus Anlaß der Ereignisse in Ungarn hielten, wie das „Tagblatt" meldet, gestern vormittags alle Berti auensmän« er der sozialdemokratischen Partei aus Stadt und Provinz eine vertrauliche Besprechung ab, um über die Lage zu beraten. Die Vertrauensmänner besprachen alle Eventualitäten und es konnte festgestellt werden, daß die Arbeiterschaft sür alle Fälle gerüstet dastehe. Die Blätter verzeichnen fast dutchwegs mit Bedauern die Leichtfertigkeit, mit der Exkaiser Karl durch sein Unternehmen den Frieden Mitteleuropa» gefährde. Ein ungarisches demokratisches Kabinett in Wien. Die «Allgemeine Zeitungmeldet: Die hier weilenden rrpubllkanischen Führer liab,» gestern vormittags eine Sitznng abgehaltrn. tu der beschlossen wmde, mit Rücksicht auf die ungari chm Ereignisse einMrnisterium zu bilden. Da« Kabinen setzt sich «ie folgt zusammen: Mm>stervr8side»t: Prälat G i e ß w e« n. Minister tiir Aenße,e«: L o v « s z y. Mmckrr für. Sttnjti: G a r a m i. Justizm'Nlsier: Dr. Roua y. Krttg-mmister: Böhm. Finanzmm strr: Dr. S »e« d e Prenechls r Baron H a t,v a n y. An Vr f Michael K a r »l tz i wurde r« Tclegramm abg> schickt, er möge 1 o f o r t »ach Wre» kommen und die Durchführung dreier politische« Aktiv» ü b e r » e l, m e «. 25. Oktvder Mzi Nr. 984 —— - ' -—i ■ Ungarische Angriffe an der tschecho» slowakischen Grenze. Prag, 21. Oktober. lTschecho-slow. Preßbur.) Gesten wurde bei Satorasia-Ujhely seitens der Magyaren neunmal gegel un'ere Gendarmeriepatroullle» Erschossen. Bo« de« Schüsiwurde »iemand getroffen. Englische DlStterstimmen. Pari-, 24. Oktober. Die Agence HavaS meldet rnu London: „Darf h Chrsnrele" schreibt, wenn di« Alliierten gegenüber dem Exkaiser Karl Schwäche zeigten würde dies Bet den deutschen Reaktionären gefährliche Hoffnungen erwecken. England könnte weder dulden, daß die H' a b s b n r g e\ nach Ungarn noch daß die Hohenzollern nach Deutsch land zurückkehren, denn dies würbe den früheren Feinden gv statten, sich für einen neuen Krieg vorzubereitm. Die Wieder einsetzung Karls würde die Rückkehr zum früheren Gewalt reg'me bedeuten und könne demnach nicht gestattet werdcn. —; Die „T rm e S" meinen, daß es unter de« Alliierten keinerlei Meinungsverschiedenheit in der Beurteilung deS Vorgehens Karls geben könne. Die Wiedereinsetzung der Habsburgej würde zum sofortigen Kr Leg zwischen Ungarn miii den Nachbarstaaten führen, und dieser Krieg könnte die ge jährlichsten internationalen Verwicklungen herbeiführen. Ei unterliege keinem Zweifel, daß dem Protest der Vertrete, der Entente in,Budapest eine gemeinsame Aktip, der alli irrten Negierungen folge« werde. Italien gegen Karl, aber nicht geger eine Monarchie. Berlin, 24. Oktober. Die .Vossische Zeitung* meldet aus Rom: Zur Königsfrage versichern wohl unterrichtete Kreise, daß Italien zwar geger diePerson Karls, aber nicht mehr unbedingt gegen die Errichtung einer Mo n archie in Ungarn überhaupt se» und daß auch Besprechungen zwischen den Entente? möchten stattgefunden hätten» die in Erkenntnis neue? von Karl zu erwartender Ueberraschungen darauf hin zielten» Ungarn einen anderen Monarchen zu geben Krieg oder Ordnung. —-y. Wien, 25. Oktober. Vielleicht gelingt dem Exkönig Karl etwas, wai die große und kleine Entente bisher nicht durch führen Konnte nämlich das mitteleuropäische Probten zur Entscheidung reif zu machen. Man ist bishe diesem Rattenkönig schwierigster Fragen aus den Wege gegangen. In Venedig ist unter dem Druc Italiens und Frankreichs ein lendenlahmes Konr promiß zwischen der magyarischen Propaganda de Tat und dem Friedensvertrag versucht'worden. Nie mand konnte sich damit zusriedengeben. Ungar» hatt nicht die Rückgabe Westungarns erlangt, sondern nu die Bewilligung einer Volksabstimmung in Oeden bürg; Oesterreich hatte das ihm zugesprochene Terri torium nicht erhalten, sondern nur einen höchs zweifelhaften Wechsel und die Aussicht auf en günstiges Resultat der Volksabstimmung und au finanzielle Kompensationen durch das fast insolvent Ungarn. Er war also alles geschehen, was schreibunl Intrigen lustige Diplomaten sich nur wünschen konnten Neue Mediationen, Demarchen, Kollektiv- und Einzel noten, Konferenzen winkten und dazu fette Diäten fü Untersuchungskommissionen. Die Legitimisten freilich denen man allem Anschein nach in Paris Versprechungee gemacht hatte, wurden ungeduldig. Die westungarische^ Banden hatten das ressourcenarme Land bald leer gefressen, bei Juden und Bauern gab es nur wenü mehr zu erpressen. Wenn diese Haufen, derer Offiziere sogar ein Pronay prügeln und justifiziereV lassen mußte. nach Budapest zurückströmten bildeten sie durch ihre Zuchtlosigkeit eine Gefahr. De» Knoten mußte durchhauen werden. Man rief das Königrpaar aus der Schweiz nach Oedenburg. Di> Politik der vollzogenen Tatsachen — so hoffte mar — werde sich aus diesmal durchsetzen. Aber diese Rechnung hat getrogen. In Prag un> in Belgrad wurde die Mobilmachung beschlossen. Di. kleine Entente machte Miene, auf eigene Faust vor zugehen. Ihre Entschloffenheit drückte sich in einen 48stündigen Ultimatum aus, dem sich dam die große Entente anschlietzen mußte. Nunmehr mußt die ungarische Regierung die Nutzlosigkeit ihre, Doppelspieles erkennen. Der König, der a» der SpiK der von Hegedüs, Prynay und Osztenburg geführte, Jnsurgententr»ppen den Marsch auf Budapest ange treten hatte, mußte den Kampf mit der Regierung vo den Toren der Hauptstadt aufnehmen. Es gab Tote Menschen, die für Karl oder sür Horthy starben Karls Truppen waren an Zahl schwächer und mußten da sie auch im Rücken angegriffen wurde, und unter Munitions- und Lebensmiltelmangel litten den Rückmarsch «»treten. Sa berichtet der amtlich Budapester Draht. Der «eitere Gang der Dinge bleibt hoffentlics wieder der Feder statt dem Gewehr anvertraut. Dr ungarische Regierung muß nun auch volUisch Färb, bekennen. Aber auch die Entente wird sich entschließer müssen, die bis zum Mord gediehene Situation abzu schließen. Sie muß allm ungarischen Abenteuern, diganz Europa'in Flammen setzen können, ein End, machen. Sie mutz de» Friedensvertrag von Trianov restlos durchführen und die, Eutwamruur Ungarnr