Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 976 (17.10.1921)
- Date
- 1921-10-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wteu. Montag Die Verteidigung des Vaterlandes. Vs» Ignaz W r o b e l. Der tieffl chrn Berliner „W r l hbühne" enin.hmen «ir den folgenden Aussatz: A n g o r a, ittt August. Die große Nationalversammlung beschloß, daß alle Mitglieder der Versammlung an der Verteidigung des Vaterlandes teilnebmen sollten. Die militärischen und medizinischen Mitglieder reisen an die Front ab, während die anderen mit Versorgungsangelegenheiten hinter der Front sich befassen werden. Das steht in zweihundert Provinzzeitungen und der Prozentsatz der Leser, die von Angora nur wissen, daß es solche Kater gibt, dürste neunundneunzig sein. Der kluge Rest rät entweder auf Jugoslawien oder einen Balkanstaat ... Und was denken alle hundert? Was sie denken sollen: »Die Verteidigung des Vaterlandes!" Es ist durchaus nicht festgestellt, wer gegen wen den Katerstaat Angora zu verteidigen sich bemüssigt fühlt. Das ist dem Leser auch völlig gleichgültig. Wenn nur ein Vaterland verteidigt wird. Das Wort »Vaterland" übt auf den Deutschen ungefähr die Wirkung aus, wie auf den Franzosen das Wort »mere", mit dem ein Versammlungsredner auf Franzosen jede beliebige Wirkung Hervorrufen kann. Vaterländer lasten sich gern verteidigen, und die deutschenZeitungsleser lieben das. Haben die Katermänner in Angora nun auch ihre große Zeit? Das ist recht. Und des Lesers Blick schweift in die Derlobungsanzeigen. Wir* aber, liebe Freunds lasset uns ein wenig - spintisieren. »Die große Nationalversammlung beschloß .. ." Die große Nationalversammlung, das große Lalula Angoras — wer mag das sein? Ich bin noch nie im Vaterland Angora gewesen — aber ich sehe sie alle vor mir: die würdigen Vollbärte, gewaschen in allen Mastern des Parlamentarismus, unentwegt' treu irgendwelche Fahnen hochhaltend und — nach guter alter Katersitte — auf den jeweiligen Mieeislaus den Ersten schwörend. Die Vollbärte zittern. Fette Hände senken sich wohlwollend auf junge Schultern, Beruhigung klopfend — alles im Leben endet mit einem Arrangement. Und ich sehe die anderen, die jungen, sportgebräunten Schieber mit den schwarzen Lacktollen und den französischen Stieselchen. Laß sie Schlachten liefern —: wir liefern Brotbeutel. Und essen Kuchen. »Die militärischen und medizinischen Mitglieder reisen an die Front ab ..An die Front — ja. NoJi me tangere — sagte die Schwangere. Die Militärischen also werden nah an die Front reisen und dort von Dillen und Schlössern aus den anderen sagen, wie sie zu sterben haben. Das ist nicht einfach. Man muß Reden zu diesem Zweck halten. »Kater Angoras! Wahrt eure heiligsten Güter! Bis zum letzten Hauch von Mann und Roß...!" Ich sehe die Tausende zusammengeprügelter Bauemjungen, die, ein wenig ängstlich, ein wenig müde vom langen Warten und ein wenig angeregt vom Anblick der vielen glänzenden Uniformen, da im Karree stehen; vor ihnen eine prachtvolle Suite und dann irgendein ER. Gin glorreicher Oberbefehlshaber, ein Präsident, ein General, was weiß ich. Knapp legt er die Hand an den blinkenden Mützenschirm. „Ich danke, meine Herren!" Furchtlos hält der tapfere Mann die ordenübersäte Brust den photographischen Objektiven hin, die alle auf ihn gerichtet sind. Ein ff-historischer Moment! — Danke, meine Herren! Die Medizinischen sind auch an die Front gertist. Oho! Kein wilder Negerstamm ohne einen Medizinmann. Dickbäuchige Ztoilärzte werden, schnaufend in der ungewohnten Uniform, an Grobheit es den aktiven Kollegen gleichzutun suchen — mit Erfolg, mit Erfolg. Wer noch keine Kastenpraxis gehabt hat: hier lernt er, wie man mit Leuten umzugehen hat. „Zum Sterben tauglich — raus!" Und was sich vor vierzehn Tagen noch katzbuckelnd und händereibend vor den reichen Kommerzienräten Angoras verbeugt. hat, weiß sich hier nicht zu lasten vor Manneskrast . . . » . . . während die anderen mit Versorgungsangelegenheiten hinter der Front sich besasten werden." Beim Katzenschwanz Angoras und beim heiligen Sankt Baldrian, das werden sie! Ja, wenn wir diese anderen nicht hätten —! Während vorn, noch vor den Militärischen und den Medizinischen, Menschen in Ackergräben verlausen und verrecken, besasten sie sich. Mit was du willst, mit Proviant und mit Leder, mit Granaten und mit Pferden, ein wenig auch mit sich selbst; auf Eamtpfoten und leise schnurrend buckeln sie zum Bezirkskommando Angoras. Miau! Wir sind alle, alle unabkömmlich. Ich sehe Angora. Branntwein wird ausgeteilt; ein paar Narren, die nicht glauben wollen, daß ihr Vaterland auch über das Leben verfügen dürfe, fliegen ins Gefängnis; Redakteure schreiben sich die Federkiele heiß — vom Sterben der anderen; das Kater Lampesche Telegraphen - Bureau fertigt gutsitzende Originalsiege an, an denen alle Welt seine Freude hat: der Chefredakteur, Kater Murr, schreit ins Diktaphon : ,0-Boote' heraus!" »Ran an den Feind!" und rhäü einen Orden; wer »mieß, mieß, Meß" «acht, Wiener Morgsnzeirnng Zionistische Bezirks-Sektion Leopoldstadt Dienstag den 18. Oktober, 7 Uhr abends, im Saale des Zirkus Renz, II., Zirkusgasse Nr. 44 Plenarversammlung Gegenstand: Bericht der Sektion — Wahl der Delegierten zum Parteitag. Referenten: Abg. Ing. Stricker, Gemeinderat Dr. Plaschkes, David Nebenzahl, Dr. Jakob Weiner, Dr. Abr. Schmerler u. a. Wahlberechtigt sind alle Mitglieder der Bezlrkssektion, welche das 18. Lebensjahr überschritten und ihren Mitgliedsbeitrag einschliesslich Parteisteuer für das Jahr 1920/21 berichtigt haben. Legitimationen, insbesondere Mitgliedskarten, sind mitzubringen. bekommt Prügel; die Regierung streicht den sozialistischen Katzen so lange über das Fell, bis sie vor Behagen schnurren und alle aus dem Bauch liegen; in allen Schaufenstern prangt das Bild jenes historischen Moments, mit jenem großen Mann, einem Ludendorff, der einmal debitieren wird: ein wahrhaft gestiefelter Kater. Alle Generale vergessen Gicht und Gallenstein und wettern wieder auf den Kasernenhösen daher, daß es eine Lust ist; sie befehlen das Sterben der anderen — der ganze Militärstärrd wacht auf und sträubt die Katerbärte, bereit zum Sterben der anderen und froh der eigenen so aktuell gewordenen Wichtigkeit. Ja, und die Berufssoldaten werden doppelt froh ihien Lohn einstecken und ihre Onkel und Neffen, die sich, schämen, nicht selbst milzumarschieren, und die sich ärgern, in jeder Gesellschaft — und noch dazu vor Damen — von so einem uniformierten Kater ausgestochen zu werden, werben auch nicht hinter der Zeit Zurückbleiben zollen. Und so werden sie in ihren Büchern und in ihren Kollegs, in ihren Kirchen und in ihren Lesezirkeln davon sprechen, wie heilig, wie notwendig und wie edel der Krieg ist. sie werden das Sterben der anderen loben und wie süß es sei . . . Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in, offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein! Es ist nicht nur gefährlich; stirmunzelnd wich der Kaufherr von seinen Lieserungsverträgen aufbllckerr und den neben ihm stehenden militärischen Handlanger fragen, wer denn da toll geworden sei, winkend, man möge den Verräter einsperren. Was geschiehst Es ist nicht nur das, weshalb so viele Leute es scheuen, Nein zu sagen. Es ist ja so schön, im großen Strom der Masse mitzuschwimmen — Windstoß und Wasserrichtung tragen das Schiff — und wenn es dann so stolz dahinsegelt, denken die Leute, es fahre aus eigener Kraft ... Er ist auch bekömmlicher, sich der Macht m unterwerfen — wer sich vor ihr verbeugt hat, auf den geht ein Quentchen dieser großen Macht über und aus einem seinen Lehrer oder Delikatesienoerkünfer ist über Nacht plötzlich ein gewaltiger Mann geworden ... Ein Tyrann macht viele. Das ist ein großes Geheimnis... Und die Frauen Angoras werden, jubeln und schnurren und miauen und Charpie zupfen und rosenrote Gedichtchen schreiben und über blaugekleidete Leichen jauchzen- und über rotgekleidete jammern und am lautesten nach dem Oberaater schreien, . . Auf den Dächern Angoras... Und in den Schulen Angoras lehrt man die Lehre von der Herrlichkeit des Klieges. Man lehrt: Du sollst nicht töten! Und man lehrt: Du mußt löten! — Und weil niemand in der Geschichtsstunde an die Religion denkt, so hat beides in den jugendlichen Gehirnen sehr wohl Platz, umsomehr, als ja das staalliche Töten mit vielen herrlichen, leuchtenden, bunten Farben verbunden ist mit Musik und Ehren, mit Feiern und Orden und mit sehr viel Kaisern, die man ganz aus der Nähe ansehen darf. Und weil der Mensch immer glaubt, alles was er auf der Schule, als er noch klein war, geleimt hat, ohne nachzudenken, nur so, weil es ihm eingetrichtert ward — all das sei als absolute Wahrheit, vom Himmel gefallen, so «erden die jungen Angoristen spmer im Leben gute Staatsbürger — und -würge? abgeben. So wird in Angora das Vaterland verteidigt. Der Deutsche liest's, bejahks und nimmt sich «or, er bei Nächster Gelegenheit geradeso zu machen. Und keiner steht auf — in Angora nicht «ich in Potsdam schon gar nicht — und sagt hem Tier Maste, dem Tier Zeitgeist, de» Tier Staat: Nein l »Du, die blinde schwarze Kollektivität, bist der große Krumme, der Teufel, ein wütiges Tier, bar jeder Verantwortung. Denn ist das Katzenfest vorüber, so löst du dich in. einzelne Lebewesen auf, von denen er keiner, keiner gewesen sein will. Und auch keiner war. Einzeln sind sie ganz vernünftig. Und nicht eher wird die Kateridee der absoluten Souveränität des Staates schwinden, als bis die einzelnen, die unter ihm seufzen, sich hochrichtdn und klar und bestimmt sagen: Wir «ollen nicht mehr. lt.7. Oktober 1921 t Rr. 976 > BewiMgung der Beamten« 1 forderungen. Große Erhöhung aller Tarife und Monopole. Aut- Parlamentsrretfen wird gemeldet, daß die Ä er andluugen zwischen der Regierung und den Vundesangestellten im Prinzip z« einer Einsäung geführt haben und nnr noch in den Einzelheiten fesigele?1 werden müssen. Für den Mond t Oktober wird die Bereinbarnng auf der ^Lafis getroffen werden, daß bei gleichzeitiger, aber namhafter Erhöhung des Ten er rungsbeitrage s, und zwar um mehr als das Doppelte des gegenwärtigen, e^'ne prozentuelle Erhöhung des Grundgehalt es um ein Drittel eiutritt. Das Mehrerfordü rnis pro Oktober dürfte sich für die Bundes Angestellten auf rund drei Milliard e«belaufe«.DieseMehrausiage» sollen durch die gleichzeitige Schaffung van Mehreinnahrrven ausgeglichen werden, die die Negierung üv der Hauptsache in einer Erhöhung der Personen- und der Gütertarife aus de» Bu ud esbahme«, der Post, Telegramut' und Telephongebühre» sowie der Preise der staatliche» Monopolartikel, svr stillemTabak, finden will. Die Erhöhungen, di sich durchschnittlich auf 100 bis ISO Prozent bcklaufe» werde», sollen »och in diesem Wonat im Verordnungswege erlaflen werde«, und sofort in Kraft trete». Voraussichtlich rinrv der Hauptausfchuß schon in seiner rrLchsiö'n Sitzung sich mit diesen Forderungeu zu lieschÜftigeu habe«. Die Tagung -er Völkerbundligeu. Im Beisein vo^n Vertretern des diplomatische« Korps und der Regierurlg begrüßte gestern abends Bürgermeister Reumann ün Festsaale des Rathauses den Generalrat der Völterbun vligen-Union. In seiner Ansprache betonte der Bürgermeister, daß der Willkommgruß, den er jm Namey der Wiem-: Bevölkerung den Abgesandten der Völkerbundligen entbiete, mehr sei als ein Akt internationaler Höflii^keit, daß. er vielmehr der Ausdruck der herzlichen Sympathie sei, h)ie Wien den Zielen entgegenbringe, welchen die Verß.eter der Völkerbundligen zustreben. Aus . den edlen, großzügigen Bestrebungen der Völker dprfen wir die Hoßßmng auf eine bessere Zukunft nicht aufgchen. Präsident Ador wiesin einer Rede darauf hm, daß es notwendig sei, z svei Eigenschaften miteinander zu verbinden: Geduld uni d Hoffnung. Die Idee aller dieser Hoffnungen aber müsse der Völkerbund sein. Dann sprachen Senator Laf ontaine (Belgien), Sir D ick in so n (England), der i ausführte, daß die Stadt Wien durch die vielen Leiden n ichtS von ihrem Reiz derloren Habe, ferner Professor A'.ulard (Paris), der die bestehenden Ansichten verneinte, daß Frankreich seit dem Fliedensschluß eine Stütze der' Reaktion geworden sei, und noch eine Reihe anderer Redner. Tagesbericht. Gestempelte Krone ** - .W Centimes. Anszahjlnyg Wien Centimes I« ÄÄnch notierte « die österreichische Krone .... . —( '".K? m IS. OHftbtt) sie öftere, gestempelte Krone . - —.®Q (-*.20> aat 15. die llchrchstchr Krone.. (t>V75 am 15. Oktakvn die Mark ., 34»< SSV am ru ßlMrtw'f Agram lsB& 15 füftoÄffiö Lrikgrest .... . . . . *.85 Mtä* I» Mob«) Budapest ....... e •' # . —.*1 m 15. DNokrch Warschau . . ... .'•/>. .—12 —.151 am 18k DUaiM) Verschieb««» de» sozlaltsttjch«» Parteitage». Das Parteiorgan der SoMdeckokraten, die »Arbeiter-Zeitung-,veMeMcht folgende Bekanntmachung: Die Bedrohung der Republik durch die bürgen-' ländische Krise macht er unmöglich, dhß die Vertrauensmänner jy der nächsten Zeit ihre Posten verlassen, um -UW Parteitag nach Graz zu reisen. Der Partewm stand hat bahn: 'beschlossen, den Parteitag auf »nbestimmte Zeit zu der. schieben. __ Verh«sty»» el«es ««Harischr»Batlditen i« Wte». Am 10. d. M. wurde hi« ein Manu angehalten, der verdächtig erschien, einer der Anführer der ungarischen Banden i» Westnugnru zv sein, die gegen die Uebergabe des Landes aufgebote» worden sind. Er nannte sich Friedrich Weichselbaum, Favorite», straße 264 wohnhaft. 3» Lauft der über feine Person eingeleitete« Lrhebunge« stellte sich heraus, dak ex der 4Sjährige Privatdeamle Franz M o l u a r„ z« Gtemamanger geboren, ist und die Papiere deS Friedrich Weichselbaum benützte und sich unter seinem j&tyti«» Mitä gemeldet hat. Er gestand, der Warenverlebrs-A.<K.