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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-16 · Heft 975 (16.10.1921) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 975 (16.10.1921)
Date
1921-10-16
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seide 8 Wien, vonnrag SSneuer MosZs«zeit»Ag 16. OÄoöer 1921 Nr. S7V tlr.cn seifen, ironischen Ang im Gesicht g-rhabt, wenn er einmel nicht ,„Herr Doktor" gesagt, sondern ihn mit seinem neuen, wohlklingenden Namen angesprochen hatte. Mrn, „neu" war eigentlich der Name ja nicht' mehr. Seit bald zwanzig Jahren hieß er „Doktor ^.oTittinic? Kristian", nachdem er früher ein Vierteliatirlmu^evt als Julius Kohn durch die Welt spaziert war. Und nicht viel kürzer war es her, seitdem er die reiche Frau heimgeführt hatte, bas Fabrikantenwait-erchen, da? sich so toll in ihn verliebt hatte, baß sic ihm sogar sein Judentum verzieh — natürlich unter der Bedingung, daß er es, soweit es ging, ablegte. So trat er Schwiegersohn des reichen Edlmoser ge-, worden. s-?in K.'mvagnon. setzt sein Nachfolger. Man■: tnutcMiijn ja nicht? geschenkt, er hatte viel zum Ger*v't öe? Uuü'rnelmrens bei getragen, hatte redlich ccar^-iter, neue Ideen durchgesetzt — der Alte durfte rn-'.-iedrn min mi' seiner Tochter Wahl. Er schien es nwr stet? respektvoll gewesen gegen den gefn-cc m, flugc n Schwiegersohn, aber ein warmes Wort, es--- Geist hl — ja, das hatten sie einander?:•> v.i bi.ncn gestabt. Es ging wohl auch nichts so tief bei c an Alten, genau so wie bei der Tochter. Die icci-.e sehr, und weinte nach einer Stunde, die redete auei '.\t' oiel. ohne daß man sagen konnte, was, und vor allem, was Unannehmlichkeit und Sorge. 1'ic.n. verschont bleiben. Wenn er daran dachte,, wie d e Astww-r an Vaters Sorgen Anteil genommen, wie rw ny'tberoten, .mitgedacht hatte — aber daran dürfte N' .mr eben nicht Senken.. Der Sinnende mußte lächeln, rtvemt-cr sich ini? Gesicht vorstellte, das Tilly machen nrnroe, wann er ihr von seinem Ausflug in die. Bergen-renheit uuö seinen Stinrmungen erzählen wollte. Sie ijatie ja keine Ahnung — sie. hatte nie ein« Ahnung. (7 -N'b. n war. für sie ein großes Zahnweh, Dod hieß Ze.uralfriedho.f und Glück war noch verwandt mit' „-veustß .Sie war gtttmütig und lenkbar, aber im Grunde ge'.:oi-','.uen war dic'e Frau, die ihm drei Kinder geboren und der. tzr in glücklicher Ehe lebte, für ihn so stcnrL.,. al? häkle er sie gestern zum ersten Male gesehen. . Und seine Kinder? Ach Gott, die hatten den schönen i'iamen in ihren Taufscheinen stehen, und die Leiseer Söhne entwickelten sich zu richtigen deutschvölkischen Raufboll>sn. Sie gerieten in jedem Zug der Mutier nach und sie. finucit auch ihre Vorliebe für Lärmöde Witzelei und Aeußerl'chkeit. Wahrscheinlich wußten sie nur 'chinc Mstrm-uung u.n> grollten ihm darob, denn iusbeiond-re Franz, der Ae'ltestr, war in der letzten Zeit recht störrisch geworden und sah ihn mit bösen?luaen an. Nun, or rnochie sich nur als Germane suchen, vom Vater hatte er ohnehin nichts geerbt — an: wenigsten den indischen -• Kvvf. Welcher Jammer wurde es dereinst sein, diesen Lassen ins Geschäft einzu fübre Dw Ist aaste war sein Liebling. Er hatte e? durcha?.jchstt, daß sie den Namen seiner verstorbenen chr-.r-er .-chielt. Zufällig war „Eva" damals gerade mobecn und -eine Frau, die in jedem Punkt mit her sr-o'-e ging, statte -ingewiiligt. Klein-Evchen glich iin; wen: .- 'einer Schwester mit i^ren dunklen Kraushaaren u. D ven. urunhren Augen. Sie hätte vielleicht gerne irechn gewrnt. aber bas vcürde ihr Tilly schön anstreiV-r.. Sie putzte sie wie ein Püppchen, führte/sie ■m dunnneu Kinderg''ess' chaiten und nahm ihr alle; ck.er rrdie sie nicht 'albst in'diesem Alter gelesen st ckna. Er selbst war.machtlos. „Das verstehst du nicht " '.ag-c di:-' Frau kurz, und das hieß: „Du weißt nicht, - a /ist .Eyri'stennnd erumew!vird." Wie lange würde'" e - ne würd: Eva eine geschniegelte kleine Modedcmro 'oin. 'Vff’-'v warum hat st er das Kmo nur so a/gesterr-bcht, ate? von der morgigen Tanzstunde iArv 'erfc? Morgen um-r ein Dag wie jeder andere — was. 'kümmerte es Doktor Johannes Kristian, daß ,chie 'Fich-en" Versöhnungstag hatten? wußte noch ganz genau, wie alle Vorbßreitun- ’(rc\t '^fnjffsit ‘worden waren, er sah dir Mutter rrvchj vor sich, wie sie geschäftig die Gebetmäntel hervorhvlte, d'e bestell. Kleider zurechtgelegt hatte. Er. hörte.noch Ire Seberze de? alten Vaters, wenn er nach dem Fastica'lst>.im -Mahle faß und heitere Erinnerungen aus her Kindheit zum Besten gab. Der Vater hatte ihn nicht 4)erckuchL, wie die Verwandten es verlangten, als er stch taufen ließ, er hatte ihm nicht einmal das Haus verböten.' Er hatte, ihm nur einfach gesagt: „Du wirst es bereuen. Deine Kinder werden an dir rächen, was du mir'heute tust." Und dann hatte er in ausbrechendem Jammer die Hände erhoben und Gott gedankt, daß seine Frau, diese Stund« nicht erleben mußtet Das/ war alles gewesen. In wenigen Wochen war der Pater schneeweiß geworden. Es hatte keine Auseinandersetzung gegeben. Der Me hatte alles verkauft Und war zur - Tochter nach Mähren gezogen. Dort war er stM nach «in paar Jahren gestorben, so hatte die Schwester kurz berichtet. Die Rösa hatte nie wiebler von sich, hören lassen, vblvdhl es ihr nicht gut erging. Sie war verwitwet Und hatte vier Kinder aufzuziehen. Aber sie hatte ihn niemals um Hilfe angesprochen und seinen Brief nicht beantwortet. So waren sie alle. Gestern war natürlich Vaters Bruder der erste bekannte Dien sch gewesen, dem er im Städtchen begenet war. Er' sah nicht gut aus, ' der alte Mann. Abgezehrt und hinfällig, irr fadenscheinigen Kleidern. Aber als er ihm ein paar blaue Scheine zustecken wollte, da hatte der Onkel sie zurücktzeschoben. „Wir Juden nehnren an Feiertagen nicht gerpe Gelb in die Hand", hatte ec gesagt, scheinbar harmlos, aber-doch mit einem leisen Unterton des Spottes. Mch seilt Kindheits freund, der Rechtsanwalt, hatte ihm 'mit- -seiner' Ironie -geantwortet. - Der hatte ihm dereinst eine- . Szene gemacht, als er von seiner Dause erstrhr. Und als er ihn'gefragt hatte, ob denn sein Glaube gar so felsenfest .sei, da hatte er gesagt:. Du weißt sehr gut, daß ichnicht an Gott glaube. Wer ich Lin ein Jude-— Judentum ist keine Religion, , es ist eine Rasse-. Der GlauLeAäßt sich nicht befehlen. Aber wer sein Volk verrät, ist ein Feigling und eiw Dümmkopf obendrein. Heute vormittags, hatte er milder gesprochen, gleichgültig-konventionell. Aber es hatte sarkastisch mm seine Lippen gezuckt, als er gesagt hatte: „Selbstverständlich hast du meinen' Bruder vergessen, du bist ja inzwischen in ganz andere -Kreise gekommen — —H. - - Der. Renegat seufzte. Ja, erwar in ander« Kreise gekommen. Zu ^Menschen, denen er nichts zü sagen hatte und deren-. Interessen ihm unverständlich waren. Sie waten ja' freundlich ' und" aufmerksam gegen ihn. Aber selbst ' hinter uhrer 'Herzlichkeit lauerte noch das Mißtrauen. Und die Juden behnten ihn ab. Nicht nur die Zeloten und Fanatiker, auch' die modernen und' .aufgeklärter:. Mit Christen verkehrten sie — er war ihnen der Abtrünnige. Hier wie dort war er ein Fremder. Sein Weib, seine Kinder, die Menschen, diein seinem Hause aus- und eingingen, sie alle standen gegen ihn. Sie alle gehörten nicht zu ihm. Er war allem. Und seit heute wußte er es — etz' konnte nicht besser, es bannte nur schlechter we-chen. Der Mgrunb slchloß sich nie. Er sah in ein einsames Alter hinein, in ein Alter unter Fremden. Mit keinem konnte er sich aus frechen, die einen h ätten ihn nicht verstanden, die anderen gesagt: D^. hast es so gewollt. Hätte er damals verstanden, was da. kam, er hatte den Schritt nicht getan. Freilich — er war ein glück-' licher Mann.?llle Welt sagte es. Daß er ausgestoßen war aus dem Kreise, dem,er. durch Geburt und Erziehung äugehörte, was verschlug es weiter. Der Doktor Johannes Kristian war reich und vielbeneidet, ein großer Unternehmer, ein glücklicher Familirnvater. Aber wie er in der SMe der Nacht einsam in seinem Zinrmer saß,- da fühlte er wilden, glühenden N-rch mit. jedem erbärmlichen jüdischen. Lumpenproletarier, der morgen abends unter den Seinen sitz-m würde. Und langsam wischte der Renegat die Tränm ab, dir ihm überdie Wangen liefen. K. M. SeLbsthiLfe der Städte. Beachtenswerte Anregungen gibt Arduus im Ok- Lober-Novemberheft der von Dr. Paul Cohn herausgegebenen Revue ^Das neue Europa". Er schreibt unter 'mderemr Den Ackerb'aü nannten die alben Römer ein neidloses Gewerbe, weil er zu seiner Erhaltung nicht der Schädigung seiner Mitmenschen bedürft; er lebt nicht von dein, was er mcheren entreißt, sondern von dem, was er selbst auf seinem kleinen Acker erzeugt. Heute aber ist der Bauer voll Mßgunst; ' er sucht den Städtern möglichst viel zu entreißen, haust Geld auf und ergattert Güter, die ihm kaum nützen. Diese Verhältnisse müsftn anders werden; die Abhängigkeit der Konsumenten von den landwirtschaftlichen Produzeirten, welche an der heutigen Entwertung des Geldes, wenigstens zum großen Teil, mit Schuld trägt, muß aushören. Wir müssen uns selbst helft»; ein Teil bist Eigenhilft liegt darin, daß die Städter den Bauern Kvn- -kurrei-z machen; aus unsere« leerstehenden Bauplätzen machen wir Ge treck de gärten, unsere Städtebildet ändern wir wieder in die Formen vergangener Zeiten um, da sich unmittelbar vor den Toren der Stadt weitausgebehnte, im Besitze der Städter befindliche Felder erstreckten, und die Absichten der kommenden Zeiten werden nicht mehr nach einer Zunahme des HäusevmeereZ, sondern nach! einer Ausnützung der Bodenfläche im Sinne der Fruchtwirtfchast geschehen. , Und der Getreidebau muß intensiv werdsn; wieder wie ist falten Zeiten, da. wir von China die Erzeugung des Porzellans und des Papieres lerntrn, und da wir die VeE^ndung der Steinkohle als Bvennmaterial von den bDö.ttelten Zopfträgern übernahmen, sollen wir aus der Art, wie in China der Reis gebaut wird, Nutzanwendungen fürunsere Getreidepf^nzungen ziehen. Die-in Deutschland durchgeführten Versuche zeigen, daß bei Verwendung der chinesischen Pflanzenart aus einem Hektar Boden 90 Meterzentner Getveibe zu gewinnen sind, eine Ertragsmenge, welche unsere europäischen Landwirte bisnun nur in Ausnahmsfällen erreicht haben. In Oester reich betrug vor dem Kriege der Durch schnittsertrag eines Hektar guten Ackerbodens '15 Meterzentner, währenddes Krieges sank der .Ertrag! auf die Hälfte und heute beträgt er — bank de» passiven' Resistenz der Bauern — Saum mehr plS Meterzentner, während sich in Dänemark der Ertrag auf mindestens 30 Meterzentner stellt. Was sind aber diese Ertragsmengen gegenüber jenen, welche der Wirtschaftsbetrieb im Reiche der Mitte lieftrt? Dreimal so viel als der Musterbetrieb der dänischen - Landwirte, sechsmal so viel als der Betrieb im Frieden bei. uns abwarf.. Und da sollten wir nicht mittun können? Freilich, ist die Art der Feldbestellung ein wenig mühselig, indem die gekeimten Hälmichen aus der Erde genommen und in M eigens vorbereitetes Feld übersetzt werden müssen.? i Die Not zwingt uns zu ganz besonderen Maß- Nahmen. Wierr war eine Stadt der Gärten, *m welchen Blumen der schönster Art gezogen wurden, und das ganze flache Land war mit Gärten überdeckt. Versuchen wir es doch, und gestalten wir unsere Blumengärten zu Weizen gär t en mir; folgen wir doch dem Beispiel unserer fleißigen Schrebergärtner, welche wenigstens hinsichtlich des Gemüses zu Selbstversorgern geworben sind, und arbeiten wir für uns selbst, indein htrir Städter uns von den Bauern unabhängig machens Es 'gehtnicht an, daß eine Zweimillionenst-adt von einer kaum doppelt so großen Bevölkerung ernährt wird; sie muß danach trachten, sich selbst auf Wege der Autarkie Nahrung zu versorgen. Der FM Dr. Oskar LeVy i« Güglarrd. Der bekannte NieHschvaNer und Ilebersetzer von Nietzsche- Werken ins--Englische,-Dr. Oskar Levy, wurde unter Anwendüntz -der „Alien's Restriction ytd" aus England a»§- gewieftn. Da er aber noch vor 25 Jahren sei» Heimatland, Deutschland, verlassen hat, verlor er die deutsche Staatsbürgerschaft, weshalb ihm die deutschen Behörden die Aus- -fo-lgung eines Passes verweigerten. Interessant ist der Um- .stcmd, dqß die englische Antisemitische Presst diesen Fall zum - Anlaß einer neuen Hetze gegen , den Allmächtigen jüdischen Einfluß" nahm, weil sie in dieser Ausweisung eine jüdische Mache gegen Dr. Levy erblickte, der, trotzdem selbst jüdischer Abstammung, gegen bas Judentum auftrat. Da Dr. Levy mangels einer Staatsbürgerschaft tatsächlich ftbe Möglichkeit genommen ist, sich' in einem ander«» Lande niederzulassen,. überreichte eine Reihe englischer Gekehrter, Publizisten imJ> Literaten,.eine auch vom Chief Skabbi Dokter Hertz gezeichnete Petition an bi« Regierung, mn die Erlaubnis für Dr. Levy zum weiteren Verbleiben in England. Natürlich' sind , die Antisemiten auch mit der Unterzeichnung, der Petition durch Dr. Hertz nicht zufrieden. Für sie Ist und bleibt die ganze Angelegenheit eine „jüdische Mache", bom sie haben wieder entdeckt, baß die Petition — dm „keinem politischen Jrcken" mitunterzeichnet ist. <Jüd. Korr.-Bnr.) Für die «kraMische« Pogromopfer. Das R e i n e« t r & s tt i $ der Sondelvorstellmt« btfl MouumentalülmS heod « r Hrrzl. rin 9 t»1 nettrgger des Judentums* von Heinrich Glücksm a » n, dir h e «t e, l/,ll Uhr vormittags, i» ZickuS-Busch- Kino stattfivdet, fließt den «kraiuische» Pogromopfern z». Der Vorstellung geht nn von Heinrich Glück«- man« verfaßter Prolog voran, de« Theodor Weiß (D'UticheS Kolksrheatn) spricht. Die Beglritumfik dirigiert der Komponist Josef S » l z e r. m" ■ ’ü V\- '}■ Mittlerei* Konzegthaassaal, liente S Uhr nachmittags Kunzerftmu des i WD Prof. J. Wolfsohn Jüdische Vollrslledcr Mirjam Schnabel-Hoeflieh Jüdische Trink-and Liebeslyrik Oberkantor Margulies Jüdische Volksßeder Dos iflOische Volkslied ~R e s i 1 i c H K a. i* t © an. gl xx. der 351 o zx z e r tlh. auskasse B4D

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