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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-16 · Heft 975 (16.10.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 975 (16.10.1921)
Date
1921-10-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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«föK 2: Me«. Sonntag Sanierung Europas herantre-ten, welches in gleicher Weife die Staaten der Sieger, der Besiegten und der Neutralen interessieren mutz. Dieser Augenblick Kann nicht mehr lange auf sich warten lassen und die oberschlesische Verwirrung mutz ihn nur beschleunigen. Dann «mb der Konkurrenzkampf so unvermittelt beginnen» daß er an Schärfe gar nichts mehr wird zu wünschen übrig lassen. Man wird von dem Faulenzerleben, wie es sich jetzt im Export zeigt, plötzlichund ohne jede Vorbereitung in das radikalste Arbeitstempo übergehen müssen. Das wird leider Oesterreich sehr stark treffen. Die österreichische Industrie hat es verstanden, seit Kriegsbeginn große Papiergewinne zu machen und diese Papiergewinste in Börsenpapiere und Spekulationsgeschäfte umzulegen. Sie hat es verüb s ä umt, an ihrer technischen und organisatorischen Entwicklung zu X a r b e i t e n. Aus dem egoistischen Interesse Englands und Amerikas, den europäischen Markt wieder kauffähig zu machen, wird eine Wirtschaftsreform entstehen. Dafür aber ist Oesterreich, nicht genügend vorbereitet. Aus diesem Grunde ist es heute mehr denn je notwendig, daß die österreichische Industrie ihre tatsächliche P r o d ü k L i o n s- und Exportier st ungsfahigkeit zurückgewinnt. Ein schwerer Fehler ist es auch, daß die EDiortierenden Oesterreichs nach dem Ausland in österreichffchen Kronen verkaufen und dadurch einerseits viel an dem Niederocmg der österreichischen Krone Schuld tragen, andererseits aber sich selbst schädigen. Würde der österreichische Export seine Güter nur in der Valuta des Vezugslandes verkaufen, so würde direkt oder durch Umtausch gegen den Valutenbedarf für Rohwarenimporte so viel übrig bleiben, daß, statt wie bisher, weniger, tatsächlich viel mehr Rohware eingesührt werden könnte. Dadurch könnte sich wieder eine Verbesserung der Herstellung der Endprodukte oder ein großer Valutenüberschuß ergeben, durch dessen Aufgebot eine Stabilisierung, vielleicht sogar eine Besserung der österreichischen Krone erzielt werden könnte. Die Gründe für die Kaufpanik des Publikums liegen teils in dem Einfluß der Börse, teils in der allgemeinen. Situation des Staates. Man muß wieder auf die Banken zurückkommen. Die Banken haben aus börsentechnischen Rücksichten, auf Konjunkturgewinne das ganze Volk bis zur letzten Köchin für die Börse interessiert. Es gibt heute kaum einen Laufburschen, der nicht in irgendeiner Form in Effekten oder Valuten spekuliert. Der Scheingewinn wird als etwas Erworbenes betrachtet, das man vor dem Zugreifen des Staates retten will. Man hamstert Valuten oder Waren. Diese Erscheinung zeigt sich'immer dann, wenn demagogische Politiker das Volk mit Gewalt m.aßnahmen des Staates ängstigen. Wir haben das zweimal im Vorjahr und zweimal in diesem Jahre gesehen. Eine Beruhigung des Publikums ist nur durch Vertrauen zur Arbeit und durch Vertrauen zum Staate zu erzielen. Das Publikum sieht sich heute zwischen Parteiexttemen hin- und hergeworsen. Die drei politischen Parteien Oesterreichs treiben keine Staatspolitik, sondern Wirtshaus- und Wahlpolitik. Der Staat ist wehrlos und kann, da er keine Autorität besitzt, diesem unmöglichen politischen Treiben der Staatsparteien nirgekds entgegentreten. Bei. dem alteingewurzelten Staatsbewußtsein und Gemeinschaftsgefühl des Oesterreichers wäre niemand froher als das Pubükum selbst, wenn es sich wieder an den Staat anlehnen und zur staatlichen Ordnung zurückkehrin könnte. Das Publikum glaubt gar keiner Partei mehr und wird dadurch in seiner Ratlosigkeit und Unkenntnis der Vorgänge in der Welt- Politik und in der Weltwirtschaft zum wehrlosen Spiel eines jeden Schreiers. So wird es möglich, daß die demagogische Politik' in ihren Wirkungen von den Hamsterern. Schiebern und Kettenhandlern bis zu dem unerträglichen Grade gesteigert wird, der dann solche Käuferpaniken auslöst, wie wir sie in den letzten Tagen mitangesehen haben. Die Parteien mästen zur Staats- und Staatswirtschafts- Politik zurückkehren. Die österreichische Politik muß aus der ständigen Verhetzung der einzelnen Klassen und Schichten gegeneinander herauskommen und zur produktiven Parlamentsarbeit gelangen. Die Wirtschaft muß frei werden und das Volk muß wieder Vertrauen zum Staat erlangen. Dann wird es möglich fein, .an eine Beruhigung der Massen zu schreiten. Verfaffu«gsrefor« in Belgien. Das belgische Parlament hat nach mehrmonatlichen Beratungen die Revision der Verfassung abgeschlossen. Die hauptsächlichsten Neuerungen betreffen die Ausdehnung des Stimmrechtes und die Reorganisation des Senats. Künftig werden die Wahlen in den Senat und in die Kammer durch die gleichen Wahlkörper erfolgen. Die Bedingungen der Wählbarkeit für den Senat bleiben wie bisher die belgische Staatsbürgerschaft und ein Alter von 40 Jahren. Auch wird die Bestimmuyg. daß die Wähler über ein gewisies Einkommen verfügen muffenausgehoben. Der belgische Senat wird nach Ansicht der Blätter in Zukunft aus diesem Grunde eine mehr demokratische Entwicklung nehmen. Die Neuwahlen dürften voraussichtlich gc ge r de» 20. November stMörzden. Englische Sorgen — Weltsorgen. st. Wie n, 16, Oktober. Mit großer Schadenfreude haben viele reichsdeutsche Zeitungen von den Niederlagen, welche die Griechen im Kampfe gegen die Türken in Kleinasi-n erlitten haben, berichtete Sie haben Worte des Lobes' für die ehemaligen tapferen Bundesgenossen im Weltkrieg, die Türken, gefunden. Diese Haltung ist für die Mehrheit der deutschen Politiker, deren absolute Unfähigkeit, weltpolitische Vorgänge richtig zu beurteilen, Deutschland in den Krieg gezerrt und ruiniert hat, charakteristisch. Die Herren in Berlin, München und Frankfurt freuten sich unbändig über den Sieg der Türken, ohne zu ahnen, daß dieser Sieg die Deutschen Oberschlesien gekostet hat. Die von England geförderte griechische Offsnsive sollte die, von,den Franzosen, Russen und Italienern unterstützten Türken lahmlegen. Sie sollt» die Ruhe im nahen Orient, in Syrien, Arabien und Aegypten und auch in Indien sichern. Sie sollte damit auch den von der stärksten orientalischen Sorge entlasteten Engländern freies Handeln in Europa, bas heißt energisches Handeln gegen die französischen und sonstigen nationalistischen Hetzer und Friedensstörer ermöglichen. Als Lloyd George Frankreich gegenüber energische Töne anschlug und Oberschlesien für Deutschland reklamierte, konnte er dies tun, weil die Griechen im Vorrücken waren, weil die orientalische Sorgx gebannt schien und er daher einen kleinen europäischen Konflikt mit Frankreich riskieren durfte. Nun, da die Türken und mit ihnen die Franzosen im nahen Orient Oberwasser gewonnen haben, mußte Lloyd George erklären, daß sich England mit der Entscheidung zufrieden gibt, welche den Deutschen den wertvollsten Teil Oberschlesiens nimmt. Aber die auf ihren Weitblick so unendlch stolzen Weisen in Deutschland gerieten vor.Vergnügen über den glorreichen Sieg des tapferen, ritterlichen Bundesgenossen im Weltkrieg außer sich! Der Katzenjammer dieses Freudenrausches ist da. Mer es ist nicht anzunehmen, daß die Herren ihren Irrtum einbrkennen werden. Sie werden es vorziehen, das perfide Albton, dem eidbrüchigen Lloyd George, der gewiß sehr gerne sein Wort eingelöst hätte, zu verfluchen. Auch Oesterreich mußte die Niederlage Griechenlands büßen. Die Behauptung klingt wie ein miserabler Scherz, und doch ist es leiderallzuwahr, daß unsev elendes, am Boden liegendes Land auch noch für den üblen Ausgang der Schießereien in Vorderasien aufkommen muß. Der Eingriff Italiens in hie westungarische: Frage zugunsten Horthys, die unqualifizierbare Erpressung, die in Venedig, an Oesterreich verübt wurde, die krasse Verletzung des. Friedensvertrages, all das konnte nur erfolgen, weil die Niederlage- Griechenlands Italien von dem gefährlichsten Konkurrenten im östlichen Mittelmeer .befreit hat. Nun konnte es darangehen, seinem zweiten Gegner, Jugoslawien, an den LeiÜ zu rücken. Das beste Mittel zur Bindung Jugoslawiens schien ihm die Demütigung der kleinen Entente, die Stärkung Horthy-Ungarns. Des schwachen Oesterreichs Recht'lag im Wege, Italien hat es bedenkenlos zertreten. England, bas an der westungarischen Frage ebenso beteiligt war wie Frankreich und Italien, hat geschwiegen. Von der schweren orientalischen Sorge bedrückt, hat es auch in diesem. Fall einen Konflikt mit Frankreich und Italien, den Beschützern der Magyaren, vermieden. Unter anderen Umständen hätte England gewiß nicht die Zertrümmerung des Friedensverträges von« Trianon geduldet. Wenn schon nicht um des Rechtes Oesterreichs, zur Wahrung des europäischen Friedens wäre England dem Uebermut Italiens und Ungarns entgegengetreten. Denn der scheinbar so wenig bedeutende Streit um das Städtchen Oedenburg kann der Keim einer neuen Kriegspest sein. Wer die Magyaren kennt, weiß, baß sie, durch diesen Erfolg ihres gewalttätigen Vorgehens bestärkt, über kurz oder lang mit Jugoslawien wegen des Banats, mit der Tschecho- Slowakei wegen der Slowakei und mit Rumänien wegen Siebenbürgen anbinden werden. Es ist nicht ausgeschlossen, baß das histerische Frankreich und bas übermütige Italien auch da, wenn auch nicht so offen, wie im Falle Westungarns, mittun oder hineingerisssn werden. Wo ist 'die Bürgschaft dafür, daß nicht auch für diese Fälle Geheimabkommen bestehen? Dann ist der Brand entfacht. Es ist nicht ausgeschlossen, daß' Englands augenblickliche Schwächung in Europa, welche jetzt zu einer Niederlage Deutschlands und Oesterreichs geführt hat, schließlich für alle verhängnisvoll werden kann, baß also die ganze Welt an dev orientalischen Sorge Englands schwer wird zu traLen haben. Nenbesetzrmg amerikanischer Vertretungen. Berlin, 18. Oktober. Dem „Lokalanzeiger* zufolge bestätigt sich dis Meldung, daß Mr. Thompson vom Präsidenten Hardmg zum amerikanischen Botschafter in Berlin ausersehen sei. Ferner seien in Aussicht genommen: Für den Ministerpo sten in Wien der bekannte New-Vorker Anwalt des internationalen Rechtes Bernhard P. Hiyn und für den Ministerposten in Budapest der Präsident der dortigen 'Kommission Grant Smith. 16. Oktober 1121 vk. »7Vj Die Krisis des Völkerbundes« Von Botschafter a. S. Dr. C. Bnwba. Anläßlich der gegenwärtig in Wim stattfindenden Beratumgen der Union'' der Völkerbundligen veröffentlicht die „Oesterreichische Rundschau". (Oktober he ft 1921, Wien, und München, Drei-MaSbn-VerlciZ) eine aktuelle Betrachtung d«S Presidenten der österreichischen Völkerbunbltga, die wir im folgenden auszugsweise wiedergeben. Es ist nicht zü bestreiten, baß der Völkerbund im gegenwärtigen Zeitpunkt eine kritische Phase durchmacht, deren Msgang für seine Existenz Und Wirksamkeit von entscheidender Bedeutung ist. Nicht nur die schroff ablehnende Haltung der Vereinigten Staaten, von Sünerika und das Fernbleiben Deutschlands haben diese Krisis gezeitigt. Vor allem ist es die Verquickung des Paktes mit den verhängnisvolle» Friedensverträgen und der Geist, der im Völkerbundrat herrscht, welche den Eindruck hervorbringen, diese internationale Friedensorganisatian bezwecke in erster Linie die Befestigung der Vorherrschaft der sogenannten; Hauptmächte, die im Rate dauernd vertreten sind. Frankreich bedient sich der Maschinerie desselben, um sich, gestützt auf seine Satelliten, die Rolle der europäischen Vormacht dauernd zu sichern. Ein Hanptvorwurf, der gegen den Völkerbund' von vielen theoretisierenden Friedensfreunden erlMen wird, ist der, es sei ihm nicht gelungen, in der Mrüstüngsfvage etwas Positives zu erreichen. Diesen Vorwurf muß ich als nicht begründet zurückweisen. Die Abrüstung, ja sogar der Rüstungsstillstand können erst, in dem Augenblick zur Wirklichkeit werden, wenn dem auf dem Papier stehenden Frieden ein tatsächlicher Friedensznstand gefolgt sein wirb. Wir sind leider noch sehr weit von solchen stabilen Zuständen. Die oberschlesische Frage hat ja zeitweilig zu einem versteckten Kleinkrieg zwischen Deutschland und Polen geführt und der Widerstand, den die Besetzung des Burgenlandes findet, beleuchtet nur zu grell die Zündstoff:, welch« Zeutralenropas Ruhe gefährden. Die Anarchie in Rußland, die noch nicht feststehenden Grenzen her Ukraine, bereu staatlicher Bestand ftaglich ist, dev labile Zustand in den nördlichen russischen Randstaaten bilden ebensoviel« Elemente der Unsicherheit als Keim« immanenter Konflikte. Andererseits ist der Vertrag von Sevres, noch bevor er ratifiziert werden konnte, durch die kriegerischen Ereignisse in Kleinasien in Stücke gerissen. Der Osten Europas und der nahe Orient bieten uns also das Bild der Lokalen Ausläufer des Weltkrieges. Im Stillen Ozean.wird die Lage durch .den chronischen Rassen- und Jnteres.srngegensatz, zwischen den Vereinigten Staaten und Japan beherrscht, während die großen Schifssbauten in Amerika, die bisher unbestrittene Seeherrschaft Großbritanniens in Frage stellen. Von dem Ausgang der Konferenz, in Washington hängt der weitere Verlauf der. Melt-- geschichte ab. Vor der Lösung dieser Vorftage von den europäischen und südamerikanischen Bundesgliedern eineu entscheidenden Schritt in der Frage des Rüstungsstillstandes zu erwarten, verrät nicht nur Mangel an politischem Verständnis, sondern auch eine vollkommene Verkennung der Machtmittel des Völkerbundes. Die neue Staatengssellschaft ist noch in ihren Kinderschuhen und kann nur behutsam, angesichts der Widerstände, die ihr von den Anhängern der unbeschränkten Staats souveränität entgegengebracht werden, Schritt für Schritt Vorgehen. Die segensreiche Wirksamkeit des Völkerbundes kann erst ersetzen, wenn stabile, friedliche Verhältnisse an Stelle des jetzigen Chaos getreten sein werden. Es entsteht die Frage: ,J8$ie kann man am besten der Krisis des Völkerbundes begegnen, welch«' nicht, so sehr seiner physischen Machtlosigkeit, dem Mangel, eigener Exekutivgewalt entspringt, als auf das fehlende gegenseitige Vertraue« der einzelnen Bundesglieder, die zu sehr national gefärbte Führung durch die. „Puissances Principales" und das öfters zutage tretende geringe Solidaritätsgefühl dieser Staaten zurückzuführen ist?" Die beste Methode wäre sicherlich die, zu verstrichen, die Universalität des Bundes in die Wege zu leiten. Dieser Weg ist leider durch, die ungünstige Stellungnahme Hardings zunächst ungangbar;. Ich leg« auf diese Zeitbestimmung Gewicht, denn ich glaube, dost dessen schroff ablehende Haltung, durch die persönliche Opposition gegen Wilson bedingt, nicht. auf die Dauer aufrechterhalten werde» kann. Div.maßgebenden republikanischen Führer, wie Hughes und Hoover, stehen dem Völkerbundgedanken durchaus sympathisch gegenüber und ich zweisile nicht, daß auf finanziellen! und wirtschaftlichem Gebiete die Mitarbeit her Vereinigten Staaten und der übrigen organisierten Welt in irgendeiner Form zu erreichen sein wird. Der Völkerbund steht übrigens vor zwei Aufgaben, devtn glückliche Erfüllung sofort seine Existenzberechtigung beweisen und sogar einen Ruhmes- und Ehrentitel für ihn schaffen würde. In der oberschlesischen Frage ist insofern ein entschiedener Fortschritt festzustellen, als der Oberste Rat, der sich' noch immer als ein der Kriegskonjunktur entsprecherwos Herrschaftsorgan darstellt, seine eigene Ohnmachteüigesehen und. wenn auch nicht formell, so doch praktisch, seine Autorität dem Völkerbundrat übertragen Hai. Die andere Mission, die dem Völkerbund anvertcant wurde, reicht - weiter zurück: es ist'die Durch s ii y i u u ß p er''K§r«-

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