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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-11 · Heft 971 (11.10.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 971 (11.10.1921)
Date
1921-10-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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I Hetze 1 Mer^ Diensrag «s > —.1«»tinaaar«tfa-7iTia>^»i ,. >-»>—>> —....... Juden als politische Ware. Do» »»serem Budapest»» Korrespoudeute». Hat der christliche Kurs in Ungarn bisher nach dem alten Losungswort ,Haust du Meinen Juden, hau ich deinen Juden" sich im Wettkampf der mehr oder minder radikal-christlichen Parteien in der Veranstaltung von Pogromen und der Vernichtung jüdischer Existenzen erschöpft, so zeigt sich in der ätzten. Zeit eine weniger eyrliche Bestrebung der christlichen Parteien, eine Schwenkung von rechts nach links.zu markieren. Sowohl die Legitimisten als auch bi« übrigen Monarchisten, ganz besonders aber die engeve Horthy-Partei, befleißigen sich in letzter Zeit einer Toleranz, die beinahe liberal genannt werden könnte. Hier einige der interessanieren Jllustratwnsfakten: Einem amerikanischen jüdischen Journalisten gegenüber verstieg sich Horthy zu folgender Aeußerung: „Bon den ungarischen Juden standen sehr wenige in Verbindung mit den Kommunisten. Heute gibt es keinen starken Antisemitismus mehr und den ungarischen Juden gegenüber werden keine Ausnahmen gemacht. Es gibt hier sogar Inden, von denen ich eine so groß° av;: tc Meinung habe, daß ich Meilen zurücklegen würde, nur nur sie begrüßen zu können." Ml dies sagte Horthy onne zu erröten. Allerdings hat er recht, daß es in Ungarn Inden gibt, die dem Urheber des weißen Terrors, Horthy, allen Grund geben, von ihnen ein? großartige Meinung zu haben. Wir kennen sie alle, diele Verräter an ihren: Volke, und ss wird auch für sie oie Zeit der Abrechnung kommen. Ein anderes Horthy-Stückchen: Horthy, der ungekrönte König von Ungarn, "hielt seinen Einzug in das befreite Fünfkirchen. Auf die Begrüßungsansprache des Bürgermeisters antwortet«» Horthy u. a.: „Ten Völkern vermag die zusammenhaltend.» Kraft nur ein nationaler Gedanke zu geben, der keinerlei Bedrückung der einzelnen noch «bie der Klassen, sondern vielmehr den Abbau der Gegensätze, die Ausgleichung' der Interessen bedeutet." Leiber konnten diese schönen, trenn auch unaufrichtigen Worte weder von den unter nichtigen Vorwänden von den „Befreiern" verhafteten -Arbeitern und Juden noch von dem ermordeten jüdischen Arzt D'r. Schwarz und anderen Opfern der Horthy-Leute, die gleich nach den «ersten Tagen der Befreiung als Opfer des „christlichen Kurses" fielen, vernommen werden. Zu dem Empfang bei Horthy in Fünfkirchen wurde auch eine Abordnung der jüdischen Gein rinde zugelassen, eine Auszeichnung, die ihr betanntlich bei den Empfängen..durch den Oberkommanvanten v. Soos bei seinem Einzug in Fünfkirchen versagt blieb. Auf die Begrüßungsansprache des R abbiners Jsak Pfeiffer antwortete Horthy nach einigen Dankesworien: „Halben Sie auch in Zukunft au dem national-ungarischen Gedanken fest und pflegen Säe auch in Hinkunft stets selbstlos und opferbereit die Tugend der Vaterlandsliebe." Es wird «einem förmlich schwindlig bei so viel heuchlerischer Niedertracht. Aber es kommt noch schöner. FeldbischofZad rave c, der durch seinen den Offizieren der Nationalarmee und der Detachements diktierten Eid Taufende von jüdischen Menschenleben und Mischen Existenzen auf dem Gewissen hat, hielt vor wenigen Tagen eine große Rede über die Nobwendigkeit der Moralischen Erneuerung" in Ungarn und führte, wie der unschuldigste Mensch von der Welt, als ob er ein Priester wäre, der stets die Religion der Nächstenliebe gepredigt hätte, u. a. aus: „Das ungarische Volk beftnbet sich auf einem gefährlichen Irrweg. Einzig maßgebend in diesem Lande ist der materielle Vorteil, das selbstische Interesse. Wohin aber gelangt eine Nation, die sich bloß vom E^isums leiten läßt? Weil wir in der jüngsten Zeit diese Bahn beschritten, sind wir völlig herabgekommen, zur Schande der Welt und zu Bettlern fremder Wohltätigkeit geworden. (£inc andere Richtung muß eingeschlagen werden. Denn es geht nicht an, daß jed,- freie Meinung durch Waffen des Terrors unterdrückt tveche." Als Symptom sei noch'auf die Schwenkung der unter dem Hetzpater Bangha tätigen christlichnatianalen Presse hingewiesen. Bangha, ber in seinen Blättern stets den Pogrom als Rechtsmittel verte rlichiie, hat sich vorige Woche feiner blutrünstigsten Mirarbeiter und Redakteure in der W«eise entledigt, daß er sie mit Brachialgewalt aus der Redaktion buchstäblich hinauswerfen ließ. Seit diesem Tage finb „Uj Nemzedek" und die anderen gleichgesinnten Blätter wie umgewechselt. Es wäre verhängnisvoll, diesen Erscheinungen aufzusitzen. Es ist, nichts anderes, als ein Schacher um das Geld und den Einfluß der Juden, deren sich sowohl die Horthy-Gruppe als auch die Legitimisten und sonstigen Königsmacher bedienen möchten. Zum Teile ist diese Schwenkung auch auf die Berichte bit ins Ausland entsendeten politischen Emissäre beider Lager zurückzuführen, die von ihren bösen Erfahrungen im Ausland zu erzählen wußten. Besonders die amerikanisch-jüdische Presse, die, wie btt Fall Hermann Bern stein, von dem die oben erwähnten Interviews mit Horthy und übrigens auch mit Bairsfy stainmett, beweist, in Unkenntnis der wahren Verhältnisse auf solche Heucheleien leicht hereinfällt, sei ernstlich gewarnt. Es ist nichts anderes, als ein gewöhnlichespolitisches S ch ie ber s ch -ä. lbei welchem die 2mdeu die Ware abgeben sollen. Die Hungerkatastrophe in Rußland. Nansens Rede vor dem Völkerbund. „The Manchester Guardian" von: 1'. Oktober bringt aus Genf den Wortlaut von Nansens großer Rede, bje die Versammlung und die Zuhörer auf der Gal rie bewegt hat wie noch nie ein Wort, das vor dem Völkerbund gesprochen worden ist: ,/Ich kann.uud will vor btt Versammlung meine tiefe Enttäuschung Über das Ergebnis dieses Berichts nicht verhehlen. Ich bedaure die Haltung, die jetzt ergriffen worden ist. Zweck der Entschließung, die ich Ihnen vorgelegt, war, die Mitarbeit der Regierungen zu einem großen internationalen Unternehmen zur Hilfeleistung für Rußland und seiner Rettung vor dem Hungertod zu sichern. Es war nicht meine Absicht, lediglich den Aufrufen für private Wohltätigkeit Nachdruck zu verleihen: das halte ich: für überflüssig. Ich denke, daß die Hungersnot in Rußland etwas so Ungeheures ist, daß sie an sich eine genügend starke Aufforderung bärstellt, und kein Wort aus dieser Versammlung kann; dieser Aufforderung Nachdruck verleihen. Was ich vorbrachke, war eine Aufforderung an die Regierungen■— und damit habe ich keinen Erfolg gehabt. Lassen Sie. mich'die Versammlung, mit einem Satz an die Lage 'erinnern, die ich Ihnen bargelegt habe.' Zwischen 20 und 30 Millionen Menschen si nd in diesem Au ge »b lick v o m Hungertod bedroht. Wird ihnen nicht binnen zwei Monaten geholfen, so ist ihr Schicksal besiegelt. Alles, was nötig ■ ist, um ihnen zu helfen, ist nur wenige hundert Meilen entfernt vorhanden.' Die nötigen Transportinittel können in einem Monat beschafft werden. Ein Uebereiukonlmen für genaue Kontrolle Und Verteilung der Ueberschüsse, die wir nach Rußland bringen wollen, ist getroffen. Die Maßnahmen für die Ausführung dieses Uebereinkoinmens sind vorbereitet. Weder gegen das Abkommen noch gegen' die' zu seiner Ausführung geplanten Methoden sind im Ausschuß stichhältige Einwände erhoben worden. Um das entsetzlichste Unglück abzuwenden, braucht es nicht mehr als die Bereitstellung einer relativ geringen Summestaatlichen Geldes'. Wir bitten ja um keine Ungeheuerlichkeit; wir bitien nur um im «ganzen 5 Millionen Pfund. Könnten wir das bekommen/ so sind wir überzeugt, daß wie bis Weihnachten Wichtiges .leisten und dir Lage in großem Ausmaß retten könnten. Die Regierungen haben erklärt, "daß sie uns dieses Geld nicht' gxbep können. Lassen Sie mich di« Versammlung erinnern, daß von allem Anfang an die Wohlfahrtsorganifationen selbst betont haben, daß sie vollständig außerstande seien, diesem Unglück angemessen zu begegnen, Die Konferenz,' die vor einem Monat in diese . Stadt berufen wurde und in deren Namen ich als Oberkommissär fungiere, vertrat 67 Wohlfahrts- oder Freiwilligenorganisationen und 13 Regierungen, und diese Konferenz hat dasselbe gesagt. ' Die Regierungen lassen jetzt die gesamte Verantwortung ans die freiwilligen Organisationen zurückfallen. Ich kann nicht glauben, daß das recht ist. Trotzdem werden wir in unserem Aufruf für private Wohltätigkeit fortfahren. Wir sind schon ein gutes Stück weitergekommen. Sie wissen alle, daß Herrn Hoovers Organisation - nur bereis ist, drei Millionen Kinder in Rußland zu ernähren. Unsere Organisation hat schon viele Spenden erhalten. Vom Papst haben wir eine Million Lire bekommen, vom Save the Children Fund in England die Zusicherung, er sei in der Lage, 250.000 Kinder in Rußland zu. speisen. Die Zweite Internationale hat 10 Millionen Mark gegeben. Viele Gemeinden Frankreichs haben beigesteuert und unzählige kleinere Summen sind eingegangen und gehen noch ein. Die schwedische Regierung rüstet bereits durch das Rote Kreuz in Uebersinstimmung mit unseren Plänen eine Expedition nach Rußland, die dort nach, unseren Programm und durch, unsere Organisation arbeiten soll. Wir jverdrn weiter alles daransehen, mittels der großen freiwilligen Organisationen, die in den letzten Jahren im Dienste der Menschheit so Viel geleistet haben, alles trgendmöglrche zu tun, nm einen kleinen Teil des Elends in Rußland zu lindern. Wir tun, was wir können, aber selbst unsere private Wohltätigkeit ist ernstlich gehemmt durch die Campagne der Entstellung/ die gegen uns im Gang ist. Es gibt keine Lüge, die nicht verbreitet würde. Ich darf Sie an die eine Geschichte erinnern, die durch alle Zeitungen ging — nämlich, daß der erste Zug, den Herr Hovver nach Rußland schickte, von der Sowjetarmee geplündert worden ist. Es war eine Lüge, aber sie wird darum doch beständig in der europäischen Presse wiederholt. Man warf mir. vor, daß ich eine Expedition n a ch S ibirren veranstaltet hätte, und. es wurde sogar behauptet, ich brächte Waffen für eine Revolntion ins Land. Es war eine Lüge. Ich habe sie in den Zeitungen gelesen. Es wurde behauptet, mein Freund Kapitän S v e r d r u p habe die. Leitung, aber alles, . was er tat star, landwirtschaftliche Maschinen ' nach' Sibirien zu bringen. Das war schließlich wohl Nicht gefährlich.: 'i " tzs' ist ''äine Menge solcher Geschichten in Umlauf. Sie mimen von irgendeiner zentra- 11. Oktober 1921 JfeTöft* ■ ...—.- — - —^ len Agentur herrühren, wo, weiß ich nicht. Jedenfalls von jemand, der ein großes Interesse daran hat zu verhindern, daß etwas für die Rettung der Hungernden in Rußland geschieht. Ich glaube, ich kenne die Idee, die dieser Kampagne zugrunde liegt. Es ist die: Daß die Aktion, die wir Vorschlägen, wenn sie; gelingt, die Sowjetregierung stärken wird. Ich glaube, baß das ein Irrtum ist und daß wir die Sowjet-! regierung nicht stärken, indem wir dem russischen Volke zeigen, daß es in Europa noch' Herzen gibt, Menschen, die wirklich' bereit sind, dem« hungernden russischen Volke zu helfen. Aber nehmen Sie an, die Sowjetregierung würde wirklich dadurch gestärkt. Gibt es ein Mitglied in dieser Versammlung, das bereit ist zu sagen, lieber als der Sowjetregierung. ,zu helfen, wolle er '20 Millionen Menschen verhungern lassen? Mag die Versammlung mir darauf antworten! Ich kann nicht glauben', daß die Völker von Europa wahrend langer Wintermonate die Hände im Schoß' dasitzen und zusehen werden, wie Rußland verhungert. Die Lage ist die: In Kanada ist dieses Jahr di« Ernte so gut, daß Kanada imstande sein wird, dreimal so viel auszuführen, als für.die Linderung der Hungersnot in Rußland nötig ist. In den Vereinigten Staaten verfault der Weizen in den Scheunen der Farmer, weil sie keinen. Käufer für die Ueberschüsse finden können. In Argentinien lagert Mais in solchem Ueberfluß, daß man ihn nicht los werben kann, und ihn in den Lokomotiven als Brennstoff verheizt, weil das der einzige Weg ist, ihn zu verwenden.' Zwischen Europa und Amerika liegen Schiffe müßig; wir können keine Verwendung für sie finden — und auf der anderer» Seite verhungern 20 bis 30 Millionen. Menschen. Lassen Sie uns den Tatsachen ins Gesicht sehen. Die Regierungen find leicht imstande, 5 Millionen Pfund' zu . geben; sie. können es in diesem Augenblick nicht, sie vermögen alle zusammen nicht diese Summe aufzubringen, die ungefähr die Hälfte dessen ist, was ein Schlachtschiff zu bauen kostet. Und in Amerika lagert . Getreide, das niemand braucht. Ist es möglich, daß Europa Msitzen und nichts tun kann, um diese Nahrungsmittel herüberzubringen und die Leute dort zu retten? Ich kann es nicht glauben. Ich' bin überzeugt, daß' die Völker Europas die Regierungen zwingen werden, ihren .Beschluß umzustoHen. Ich glaube, daß die größere Zahl jerier Regierungen, die heute in diesem Raum vertreten sind, kick' zu den Reihen der wenigen gesellen werden, die schon gehandelt haben. Denn lassen Sie mich daran erinnern, daß eine Anzahl von kleineren Staaten schon Hilfe leisten. Wenn sie nur die Kosten eines halben Bataillons Soldaten opferten, würden sie das Geld finden können. Das ist unmöglich? Dann sollen sie es offen sagen, aber nicht fortfahren, Ausschüsse und Konferenzen zusammenzuberufen und Tag um Tag und Monat um Monat zu reden, während Menschen Hungers 'sterben. Das Mandat, das ich' empfangen Hab« und' für das: ich handle, ist. nicht abzülassen, an die Regierungen der Welt zu appellieren. Ich' werbe nicht ablassen und werde alles tun, Um die Länder Europas aufzuwecken, auf daß der.größte Greuel der Geschichte vermieden werde. Was auch' diese Versammlung entscheiden mag, etwas werben wir zu tun imstande sein, um die schreckliche Not zu lindern. Aber es ist ein furchtbarer Wettlauf, den wir mit dem russischen Winter laufen, der. schon lautlos und beständig von Norden herannaht. Bald werden die Gewässer Rußlands gefroren, wird der Transport durch Liefen Schnee behindert sein. Sollen wir dem Winter erlauben, auf immer diese Millionen Stimmen znm Schweigen zu bringen, die zu uns um Hilfe schreien? Noch ist Zeit, aber nicht mehr viel Zeit. Versuchen Sie sich vorzustellen, was sein wird, wenn der russische Winter im Ernst einsetzt, wenn keine. Nahrung da ist und die ganze Bevölkerung durch ein leeres Land auf der Suche nach Nahrung' wandert;« Männer, Frauen und Kinder zu Tausenden im gefrornen Schnee Rußlands umsinken. Versuchen Sie sich vorzustellen, was das bedeutet. Wenn Sie je gewußt haben, was es heißt, gegen Hunger und die gespenstischen Mächte des Winters anzukämpfen, dann werden Sie begreifen, was es bedeutet, und verstehen, wie die Lage sein wird. Ich' baue darauf, daß sie nicht still sitzen und mit kaltem Herzen antworten werden: es täte Ihnen leid, aber Sie könnten nicht helfen. Im Namen der Menschheit, in: Namen von allem, was groß und heilig ist. flehe ich' Sie an. die Sie selbst Frauen und Kinder haben, zu erwägen, was es heißt, Millionen Frauen und Kinder zugrunde gehen zu sehen. Don diesem Platze« rufe ich die Regierungen, die Völker Europas, die ganze Welt ihnen zu Hilfe auf. Beeilen Sie sich' zu handeln, bevor es zur Reue zu spät ist." Die dritte A«ternattormle Arbeiterschutzkonferenz. Am 25. d. M. wird in Genf die dritte Internationale Arbeiterschutzkonferenz, an der diesmal 50 Staaten teilnehmen werden, laßen: Dieser Konferenz wird ein besonderes Interesse zugemendet, da einige Punkte der Tagesordnung, die industrielle,! Handels- und landwirtschaftliche Frage» umfaßt, seit

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