Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 965 (5.10.1921)
- Date
- 1921-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die en glische Mea i e r u n g hat ihre Z u st i m ut u n g zu dew iLalrenifchen Abkomm e y n o ch n i ch t g e g e b e n. Ordnungsmacher Osztenbnrg. Wrc«, 8. Oktober. Die westmlgansche Frage ist nunmehr formell »gÄLstE. AM Z. Olttober wurde in Oedenburg ein Protokoll aufgesetzt, das vom Bevollmächtigten Ungarns einerseits und den Ententegeneralen, welche hie mteraMiette Kommission bilden, andererseil» mrterfertlgt ist und in welchem dem Ungarn Horthys, der Detachements und der Freischärler in offizieller Weise bescheinigt wird, daß Ungarn den auf Westungam bezüglichen Bestimmungen des Trianoner Friedeusvchrage» Genüge geleistet und das fragliche Gebiet geräumt habe. Dieses bühne Spiel der Ententevertreter, welcher nur eine Fortsetzung de» Verhalten» bildet, das die Beglaubigten, der Weftmächte feit Jahr und Tag in Budapest an den Tag legen und da» einer indirekten Favorifiemng de» System» des weißen Terrors gleichkommt, ist von der österreichischen Regierung in. der richtigen Weise gekennzeichnet worden.' Ein offiziöses Kommunique der Regierung weist darauf hin, daß sich das Burgenland durch die Vorgänge in Oedenburg rechtlich-formell im Besitz der 'Generalsmission befinde, welche diesen „Besitz* jetzt ohne irgendwelche Schwierigkeit an Oesterreich weitergeben könnte. Ein Eingehen darauf wäre jedoch eine bloße Selbsttäuschung, da auch die interalliierte Missionnicht die Trägerin der Macht im Bürgenland' sei, an welcher Tatsache auch die illusorischen Ueb erg absfor malitäten nichts ändern können. Man muß sich. in. der Tat vor Augen halten,, m welcher WUe in der Fragei des Burgenlandes' vchtgegamgen -'Wroje, um die.Gefährlichkeit des Spiels zu' erkenanen, bcis da gespielt wird. Die Entente duldet, daß dir Budapester Regierung durch willkürliche Interpretation und Zonenteilüng den klaren Sinn dex Abmachungen ändert, sie zögert mit der. Besetzung des Landes und läßt es zu. baß von Budapest aus systematisch eine regelrechte Armee von Freiwilligen ausgestellt, äusgerüstet und erhalten wird, und sie läßt es, geschehen, daß der Abenteurer Friedrich sich als Staätengründer versucht, und daß man in Budapest mit' deutlichem Hohn auf'die Westmächte die Unschuldsmiene aussetzt. und erklärt, das entwaffnete Ungarn verfüge nicht über die Machtmittel, um die Aufständischen im Zaume zu halten. Was sich in WestüNgarn begibt, hat aufgehört ein Problem zu sein, das eine Angelegenheit zwischen Oesterreich und Ungarn bildet, es ist zu einer mitteleuropäischen Frage geworden, die beweist, auf wie rönernen Füßen das ganze sogenannte Friedcnsweck ruht, solange es einer Macht freisteht, ungestraft die Nachbarn in die Schranken zu fordern. Die Vorgänge beweisen wieder die Schwache und Unstimmigkeit innethalb der Entente und die Rissigkeit des Kräftesystems» das sich die Vereinigung der alliierten und assoziierten Mächte nennt. Der tschecho-slowakische Ministerpräsident Doktor Beyesch hat es in geschickter Weise versucht, die undankbare Mittlerrolle zu übernehmen und auf dem Wege.beiderseitiger Zugeständnisse, die Affäre aus der Welt zu schaffen. Aber nun muß er sehen, daß ihm vorzeitig das Heft aus der Hand genommen wird, weil Italien es nicht dulden will, daß sein politischer Einfluß in den Sukzessionsstaaten von anderer Seite her geschmälert werden könnte. Der italienische Vorschlag, Oesterreich und Ungarn zu Verhandlungen nach Venedig zu laden, erscheint in Wirklichkeit als.ein Schachzug, der gegen die kleine Entente gerichtet ist. Man hat in Rom das Entstehen dieser Mächtegruppierung, der es um die Erhaltung und Stabilisierung der durch die Friedensverträge geschaffenen Berhäkniffe geht, mit bittersüßer Miene begrüßt, aber Italiens neuester Eingriff beweist,. daß man in- .'Rom. eine allzu ausgedehnte Aktivität der kleinen Enteiste nicht wünscht und der Vorschlag aii Oesterreich und Ungarn soll besagen, daß Italien den. Gedanken nicht aufgegeben hat, seinen Einfluß über Zentraleuropa auszudehnen. Die neueste Wendung ln der Affäre wird in Pari» begreiflicherweise mit recht gemischten Empfindungen ausgenommen und man hat dort das Gefühl, einem unbequemen politischen Konkurrenten gegenüberzustehen, der, nachdem er eben das Proiektoral über Albanien errungen hat, weniger denn je gewillt ist, in eine Kürzung seiner Einflußsphäre ru willigen. Aber gerade Frankreich hat das Die nsAeste Herausforderung der Entente durch die Horthy- Banditen. Proklnmierrrng der „Airabhättgrgkeit" von Westungarn. An die österreichische Regierung ist folgendes Telegramm eingelangt: Felsör, 4. Oktober, Dqs Volk. Westungarns hat auf Hn 'M Sinne des Trianoner^ Friedensvertrages, Artikel 27, Punkt 1, geräumtem Gebiete die Unabhängigkeit. Selbständigkeit, rmd Neutralität dieses Gebietes und seiner Bevölkerung am 4. d. M. um 12 Uhr mittags proklamiert rmd den Oberkommandanten mit der Ausarbeitung eines-Verfaffungsentwurfes bettaut. Gleichzeitig hat sich die Einwohnerschaft der Bezirke Nezsider, Kismarton, Lakompak, Felsöpulja und Nemetujvar der Proklamierung der Unabhängigkeit angeschlossen, worüber die mit den Unterschriften der Gemeindevorstehung und dem Gemeindesiegel versehenen Protokolle dem Oberkommando nach Felsör eingesendet wurden. Dr. Franz v. Levay, Schriftführer der konstttuierenden Nationalversammlung. Von amtlicher österreichischer Seite wird zu dieser Proklamation erklärt: Da- Ganze ist eine Saihre und würde zur Groteske werden, wenn sich die österreichische Regierung mcht deganzen Eniftcs der durch dieses frevelhafte Spiel mit feierlich ratifizier! en Verträgen herbeigeführten gefährlichen Lage bewußt wäre. So aber erleben wir, daß ein Volk, dem Westungaru feierlich zngesagt wurde und das znc friedliche» Uebernahme des Landes eingclade» worden ist, zunächst blutig hinaukgetrieben und nun mit gebundene« Händen zusehen muß, wie mau sich unter de« Auge« der Entente über internationale Verträge und über daS i« diese« Verträgen festgelegte unveräußerliche Recht Oesterreichs einfach hinwegseht und das österreichische Volk, dessen Geduld durch schmerzlichste Enttäuschuugen auf eine sehr harte Probe gestellt ist, «och zu allem übrigen durch solche Vorkommnisse einfach verhöhnt. Ob diese Lage geeignet ist, Verhandlungen über Garantien zu pflegen, die Oesterreich Ungarn Über später zu geallermindeste Recht, hier ungehalten zu sein» denn die unzweideutige Favorisierung der magyarischen Praktiken durch Frankreich war es, welche den magyarischen Prätorianern den Mut gegeben hat, ihr gefährliches Spiel bis zum heutigen Tage fortzusetzen. Die Uebernahme des Burgenlandes durch die Generalsmisston der Westmächte ist in einer Weise erfolgt, die ein überaus gefährliches Präjudiz bedeutet. Die Vertreter der Entente bestätigen der Budapester Regierung die ordnungsgemäße Uebernahme eines Landes, das von demselben Budapest mit einer frischen Okkupationsarmee ausgestattet wird und sie vollziehe» die nachträgliche Legitimation der voy Budapest begangene« Gesetzwidrigkeiten, indem sie Osztenburg» Banden mit der Aufrechthaltung der Ordnung im Lande bettauen. Die Haltung der Ententemifsion bedeutet einen direkten Affront nickt nur gegen Oesterreich, sondern auch gegen die Tschechv-Slowakei und Jugoslawien, in deren unmittelbarstem Interege die klaglose DeLle-zmg der gewährende Konzessivueu z« bieten hätte nad ob es «icht vor ellem Notwendig ist. Orsterrech selbst Garantien zu geben für die Durchsetzung seiner feiettsch verbriefte« Rechtes, das kann ruhig dem Urteil mcht nur der Garantie b:§ Friedensvenracies, sondern auch dem aller Kulturvölker unterbreitet werden.. Es darf a^er nickt nnbcachdü bleibe», daß üch ^infolge der unausgesetzte« Bedrohung österreichischen Bodens durch die Banden bereits die breiten 'Masten der Bü>ä!krrhng der- ,a«. Weftnngarn anüößnrden KdEiegediete in ihrer Existenzg> sährdrt ichen und daß doS Hinausschiebrn 4-er-WirdMhMeüurrg der Ordnung i«.- Westulkgar» für d'e österreichische Nctzierung, ebenso wie fürdas österreichische Volk s ch l i c f 11 cEf n i ch t mehr z« ertragen iein wird, wenn der nun seit me hr a l s f ü n f 98 och e n n n a u s g e s e tz t w i e d e h'« l t e Appellan das G e r e ch t i gkeitsg e f 6 h l E«r op a 9 kein Gehör findet. Eme ntnt KvAserenZ in Wiesbaden. Paris, 4. Oktober. (Havas.) L o u ch e u r wird morgen abends nach Wiesbaden zu einer Zusammenkunft mit R a t h e n a u abreisen. Berlin, 4. Oktober. Der auswärtige Ausschuß des Reichstages trat heute unter Vorsitz des Abgeordneten Dr. Stresemann zu einer vertrauliche« Sitzung zusammen, um sich mit dem Wiesbadener Abkommen zwischen Rathenau-Lonchem zu beschäftigen. Vonseiten der Reichsregierung wäre« außer Dr. Rathenau und Außenminister Dr. Rosen noch der Staatssekretär von Hansel und mehrere Beamte des Wiederausbaumimstenums anwesend. Rach einem ausführlichen Vorttag Dr. Rathenaus ttat der Ausschuß in eine Besprechung des Abkommens ein. Schließlich nahm der Ausschuß den Bericht des Reichsjustizministers Dr. Schiffer entgegen, der in längeren juristischen Ausführungen feststekte, daß sich das Wiesbadener Abkommen Rathenau-Loucheur innerhalb des Rahmens des Fnedensverttages halte. Der Vertreter des Reichssinanzministeriums berichtete sodann ausführlich über die Aufbringung der einen Milliarde Goldmark nach dem Ältimatum. samten Angelegenheit liegt, und die Bedeutung der Affäre besteht darin, daß Ungarn auf solche Weise geradezu ermuntert wird, seinen Budapester Brandherd frisch anzufachen und stets erneute Beunruhigung in die Nachbarländer zu ttage». Die Westmächte werden ' .h bald eines befferen besinne» und aus ihrer schw.- mden Zickzackpolitik zu klaren Richtlinien kommen muffen; es besteht sonst die Gefahr, daß ihnen endlich der heimlich protegierte magyarische Kurs über den Kops wachsen und neue Krisen in Mttteleuropa auslösen könnte, das sich übet einen Mangel an Unruhen und wirtschaftlichen Nöten nicht beklagen kann. Die Konsolidiemng Mitteleuropas wird nicht erfolgen können, solange man den Budapester Machthabern erlaubt, die Verträge mit Füße» zu treten und die Nachbarn in steter Unruhe zu halten. Es ist hoch an der Feit, daß man ln den Kabinette» Westeuropas dm Fragenkomplex von Westnngarn äl» ein mittelemvväftches Gesamtproblem zu eckepnen begmvt. inrnW««W».